Raus aus der Fläche

Bis Ende September war eine nie da gewesene Hektik im Süden Spaniens zu beobachten. Eilig ging eine Freiflächenanlage nach der anderen ans Netz. Grund für die Eile war ein Datum, das in den Köpfen der Projektentwickler herumgeisterte: der 27. September 2008 – der letzte Tag, an dem die spanische Regierung noch für 25 Jahre eine Einspeisevergütung von 45,5 Cent für Freiflächenanlagen garantieren würde. Angeheizt durch die bereits 2007 bekannten Kappungspläne der Regierung Zapatero für die Solarförderung, startete ein riesiger Bauboom großer, kommerzieller Photovoltaikanlagen. Allein neun Solarparks mit einer Gesamtleistung von über 280 Megawatt gingen im August und September noch schnell in Betrieb. Ein Wettlauf mit der Zeit, an dem auch deutsche Projektentwickler wie die Conergy AG, Systaic oder Centrosolar AG beteiligt waren.

Trotz des neuen spanischen Gesetzes und der Degression im EEG 2009 scheint der Optimismus in der deutschen Solarbranche ungebrochen. Den schrumpfenden Boom-Markt Spanien wollen die meisten Unternehmen mit einer schnellen Expansion nach Italien oder in die USA kompensieren. Neue Chancen sehen viele Anbieter auch in einem Umstieg auf Dachanlagen, die jetzt eine höhere Förderung in Spanien genießen. Die Unternehmen verbreiten trotz eines geschätzten durchschnittlichen Umsatzanteils des Spaniengeschäfts von bis zu 40 Prozent weiter optimistische Botschaften.

Neue Hoffnung ab 2011

Doch die Zeiten, in denen der spanische Solarmarkt wie ein Überdruckventil für die deutsche Solarbranche funktionierte und die Marktpreise im Inland aufgrund der enormen Nachfrage mitregulierte, sind erst mal vorbei. Hoffnungen auf wieder steigende Renditen auf dem spanischen Markt könnten ab 2011 zunehmen. Dann plant die Regierung eine Revision ihres Erneuerbare-Energien-Plans für den Zeitraum 2011 bis 2020.

400 Megawatt bis zum Jahr 2010 – diese Menge installierter Photovoltaikleistung sollte mit dem ersten Plan für Erneuerbare Energien von 2005 erreicht werden. Zunächst entwickelte sich der Zubau nur schleppend. Im Jahr 2006 waren gerade mal 100 Megawatt am Netz. Zu viele Unsicherheiten ergaben sich für Investoren aus „Dekreten, die sehr kurzfristige Ziele hatten und nach einem Jahr schon obsolet waren“, sagt Florian Schmidt, Projektmanager Spanien beim Marktforscher EuPD Research. Auch die damals gültige Regelung, die Vergütung an den staatlich festgesetzten Strompreis zu koppeln, erwies sich eher als nachteilig.

Die spanische Regierung legte 2007 nach und schuf mit dem Real Decreto 661 einen Rahmen, der alle Erwartungen überstieg. Erstmals garantierte der Staat 25 Jahre lang eine feste Einspeisevergütung für Solarstrom von über 40 Cent pro Kilowatt für Anlagen bis zu zehn Megawatt. Fortschreitende technologische Neuerungen und zunächst sinkende Modulpreise trieben den Photovoltaikmarkt in Spanien zu einem Wachstum von über 500 Prozent mit einer installierten Leistung von 655 Megawatt. Für 2008 erwarten die spanischen Branchenverbände ASIF und AEF eine Verdopplung auf 1.000 bis 1.400 Megawatt an neu installierter Leistung. In nur einem Jahr eroberte Spanien den zweiten Platz in der Solarbranche und wurde zum Eldorado für investitionshungrige Unternehmen.

Mit dem Argument, es sei „notwendig, die Branche nach vielen Wachstumsjahren zu ordnen, weil sonst die Strompreise explodieren“, trat die Regierung Zapatero schließlich auf die Subventionsbremse. Denn nach Studien von EuPD Research sind über drei Viertel aller installierten Anlagen Solarparks im Megawattbereich. Dadurch warten Forderungen in Milliardenhöhe für die nächsten 25 Jahre auf die zum Teil staatlichen Energieversorger.

Deutsche Firmen feste Größe

Richard Wicke, Fachanwalt für erneuerbare Energien bei der Wirtschaftskanzlei Dikeos in Madrid, geht davon aus, dass „der spanische Staat diesen Zubau nicht weiter bezahlen wollte, da viele Einspeiseprämien direkt ins Ausland fließen“. Durch ihre Erfahrung und Größe waren die deutschen Modulhersteller und Solarparkentwickler dabei von Anfang an eine feste Größe im Geschäft. Im Zeitraum 2006 bis 2007 waren es laut Florian Schmidt schon „15 bis 20 Prozent Exportumsatz in Spanien“. In diesem Jahr schätzt der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar) das Auslandsgeschäft auf 3,2 Milliarden Euro, wovon circa 40 Prozent auf Spanien entfallen dürften. Der Boom machte Spanien zum wichtigsten Exportmarkt der deutschen Solarbranche. „Deutschen Exporteuren wurden Module egal zu welchen Preisen aus den Händen gerissen“, sagt Spanienexperte Jan Knaack vom BSW-Solar.

Doch damit ist jetzt Schluss: Mit den neuen Tarifen, die um fast 30 Prozent gesenkt wurden, sind nach den Berechnungen von EuPD-Research-Experte Schmidt „die extrem hohen Renditen der letzten Jahre von über zehn Prozent nicht mehr zu erzielen“. Um ab 2009 in Spanien eine Rendite von circa sechs Prozent wie in Deutschland zu erzielen, „müssten die Komplettpreise der Installationen um etwa 30 bis 40 Prozent sinken“. Der auf Energierecht spezialisierte Anwalt Georg Abegg der internationalen Kanzlei Rödl &12 / 2008 | www.photovoltaik.eu Partner sieht das ähnlich: „Zukünftig hängt die Rentabilität der Projekte noch stärker von der Fähigkeit der Betreiber ab, ihre Kosten zu reduzieren.“

Die zuletzt beschlossene stärkere Förderung der Aufdachanlagen bis 20 Kilowatt ist nach Meinung von Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (Dena) und der Exportinitiative Erneuerbare Energien, eine protektionistische Maßnahme, um den „Import von Modulen abzusenken und das spanische Handwerk zu stärken“. Die Branchenvertreter sind sich einig, dass die Deckelung des spanischen Photovoltaikmarktes auf maximal 500 Megawatt „niemanden euphorisch stimmt“. Für die meisten Unternehmer bleibt Spanien aber auch mit dem neuen Decreto ein interessanter Markt. Der Solarboom werde durch das neue Gesetz zwar gebremst, allerdings könnten „effiziente Betreiber, die strategisch umdenken, profitieren“, meint Abegg. BSW-Solar-Geschäftsführer Carsten Körnig erwartet, dass sich „der spanische Markt vor allem für Anbieter von Trackingsystemen und Solarparkprojektierer vorläufig verkleinert“, es gebe aber neue Chancen, zum Beispiel im Marktsegment Dachanlagen.

So mancher Marktteilnehmer hätte sich gewünscht, dass die Regierung noch weiter geht. Für Karl Kuhlmann, Vorstandsvorsitzender der S.A.G Solarstrom AG, wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Förderung von Freiflächenanlagen deutlicher beschränkt worden wäre. Das eher mittelständische Solarunternehmen erzielte in den vergangenen Jahren fast 100 Prozent seiner Auslandsumsätze über sein Tochterunternehmen Tau Solar in Spanien. Im ersten Halbjahr 2008 waren das knapp 28 Millionen Euro. In dezentralen Dachanlagen sieht Kuhlmann langfristig neben der technischen Expertise für Wartung, Instandhaltung und Reparaturdienstleistungen das größte Potenzial. Die S.A.G Solarstrom ist kein Einzelfall: Die meisten befragten Unternehmen geben an, mit einem Umstieg vom Freiland aufs Dach in Spanien weiterhin gute Geschäfte zu machen. Florian Schmidt von EuPD Research rechnet damit, dass sich in Spanien für Anbieter von Finanzierungsprodukten im kleineren und mittleren Aufdachbereich neue Chancen bieten, „da viele ausländische Investoren sich vor dem Hintergrund der Finanzkrise aus dem spanischen PV-Projektgeschäft zurückgezogen haben“. Ein zusätzliches Schmankerl bietet sich aus der gesetzlich verankerten Installationspflicht von kleineren Dachanlagen auf neuen großen Bürokomplexen, Lagerräumen, Supermärkten oder öffentlichen Gebäuden. Diese Regelung ist nicht neu, kam aber bisher im Geschäftsvolumen kaum zum Tragen, zu attraktiv waren großflächige Solarparks im Süden des Landes.

Einen Markt für kleinere Dachanlagen von Privatleuten sieht Schmidt in Spanien aber nicht. Es fehle an günstigenDer Export ist ein wichtiges Standbein für deutsche PV-Unternehmen – auch der Export nach Spanien.

Finanzierungsinstrumenten, wie sie die KfW-Bank in Deutschland anbietet. Bei fixen Netzanschlusskosten von mindestens circa 1.000 Euro mache die Installation von Dachanlagen unter 20 Kilowatt in Spanien keinen wirtschaftlichen Sinn. Hinzu kommt, dass mit dem neuen Gesetz auch alle kleinen Anlagen einen Aval von 50 Euro pro Kilowatt hinterlegen müssen.

Überrascht über die Entwicklungen im Solarwunderland Spanien waren die Branchenvertreter nicht. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Regierung Zapatero angekündigt, das Wachsen der Solarparks zu bremsen. Denn schon im September 2007 war das Ziel 400 Megawatt des gültigen Energieplans deutlich überschritten. Bis drei Tage vor Ablauf des alten Gesetzes wurde zwischen den Verbänden und dem Energieministerium um die neuen Konditionen gefeilscht. „Die Unternehmen wussten nicht genau, ob es nach September 2008 noch eine Solarförderung geben würde“, schildert EuPD-Research-Experte Schmidt die angeheizte Stimmung. „Diese Unsicherheit ist jetzt zumindest ausgeräumt.“

Rechtsexperten vor Ort beurteilen die Lage anders und rechnen mit Problemen bei der Finanzierung von Solarprojekten. „Das komplexe Vergabeverfahren führt zu Unsicherheiten des Projektbeginns und des anwendbaren Vergütungstarifes, weil nicht sicher ist, in welcher Vergaberunde beantragte Projekte realisiert werden können“, sagt Abegg. Eventuell müsse der Investor die Finanzierung mit den Banken neu verhandeln, wenn ein Projekt wegen Ausschöpfung der Vergaberunde in die nächste rutscht.

Umsatz in Millionen EuroAnteil am Gesamtumsatz
20071. Halbjahr 20081. – 3. Q. 2008ExportquoteSpanienquote
Q-Cells859579,5931,970,3 %20 %
Conergy AG706582n. v.54,1 %48,8 %
Deutsche Solar AG/Solarworld509,1427,1n. v.64,1 %k. A.1)
Solon AG503,1410,663775,0 %45,0 %
SMA AG330292,6519,341,8 %k. A.2)
Phoenix Solar AG260,1151,830152,0 %37,0 %
Aleo Solar AG242,1159,4256,253,2 %35,6 %
Centrosolar AG220151,7242,758,0 %25,0 %
Ersol Solar Energy AG160,2129,9214,632,7 %14,0 %
Solar Fabrik AG148,3102,1158,754,3 %k. A.3)
S.A.G. Solarstrom AG4340,2n. v.71,0 %99,0 %
Systaic AG30,569,7128,7k. A.58,7 %
1) Laut Geschäftsbericht Umsatz in Spanien verdoppelt; 2) Laut Geschäftsbericht wichtigster Absatzmarkt; 3) Zweitwichtigster Markt

Keine Planungssicherheit

Ein nicht ermutigendes Szenario, das sich durch eine anhaltende Finanzkrise mit niedrigeren Kreditlinien noch verschärft. Richard Wicke von der Kanzlei Dikeos sieht ein Problem darin, dass es in der Projektentwicklungsphase keine Planungssicherheit mehr gebe. Investoren wüssten vor Abschluss der Vergaberunde nie genau, wie viele Projekte vor ihnen registriert sind und ob sie noch zum Zug kommen.

So auch bei dem deutschen Solarunternehmen Systaic. Der Düsseldorfer Konzern verfügt in Spanien laut einer Presseerklärung „über eine umfassende Auftrags-Pipeline, die im Solarkraftwerks-Bereich weiteres deutliches Wachstum auch über das laufende Geschäftsjahr hinaus erwarten lässt“. Konzernsprecher Achim Zolke findet, dass „auch nach der Absenkung und Deckelung der spanische Markt für Investitionen nicht komplett uninteressant ist“. Probleme mit dem neuen Gesetz erwartet er nicht. „Wir haben bewiesen, dass wir mit hoher Bürokratie umgehen können.“ Von starken Umsatzeinbußen will Zolke nichts wissen, ein neuer Wachstumsmarkt ergebe sich in Spanien aus dem Systaic Energiedach. Außerdem sei 2009 eine Konzentration auf Italien geplant. Beim Modul-Branchenriesen Q-Cells AG rechnet Sprecher Stephan Dietrich ebenfalls „mit keinem Einbruch, der nicht kompensiert werden kann“ – obwohl im laufenden Jahr bisher ein Fünftel des Umsatzes aus Spanien stammt.

Bei der Solon AG ist die Stimmung differenzierter. „Wir erwarten eine enorme Konkurrenz. Spanien war mit einem Umsatzanteil von 45 Prozent unser wichtigster Auslandsmarkt“, sagt Sprecherin Therese Raatz. Die Krise in Spanien habe jedoch den positiven Nebeneffekt, dass jetzt wieder viel in Deutschland investiert werde. UBS-Analyst Patrick Hummel hat eine nicht so rosige Meinung. Er ist der Ansicht, dass Solon diesen Ausfall von mindestens 50 Prozent des Spaniengeschäftes nicht kompensieren könne. Dass die Spanien-Misere und die Finanzkrise die Gewinnmargen unter Druck setzen, bestätigte dann im November eine vom Unternehmen ausgegebene Umsatz- und Gewinnwarnung.

Momentan ist die Solon AG noch das einzige schwarze Schaf der Branche. In den vergangenen Wochen meldeten die meisten Solarfirmen für das Jahr Umsatzsprünge von 60 Prozent oder mehr. Zum Beispiel die Centrosolar Group AG: Konzernsprecherin Manuela Schäfers sieht keine Probleme durch die Kappung des spanischen Marktes, es gebe „lediglich eine Verschiebung der Nachfrage“. Im dritten Quartalsbericht ist allerdings zu lesen, dass „das neue königliche Dekret eine erhebliche Dämpfung des Marktvolumens bedeutet, die nur bedingt durch zunehmend attraktive Märkte in Italien und Frankreich aufgefangen werden kann“.

Neben der Finanzkrise machen potenziell fallende Modulpreise der deutschen Branche Sorgen. Außerdem sinkt zum 1. Januar 2009 die Einspeisevergütung in Deutschland. Viele Experten setzen daher ein Fragezeichen dahinter, ob in Deutschland aus Rentabilitätsgründen auch 2009 noch viele große Solarparks gebaut werden. „Großanlagen kommen bei steigenden Finanzierungskosten unter Preisdruck, nicht nur in Spanien, sondern weltweit“, prognostiziert Stephan Kohler von der Dena. Carsten Körnig vom BSW wiederum erwartet für 2009 sinkende Preise durch „einen stärkeren Wettbewerb und Abbau eines Nachfrageüberhangs“.

Gesamter Markt unter Druck

Weiteren Druck bekommt der Solarmarkt laut Brancheninsidern durch den ausreichend für Module zur Verfügung stehenden Basisrohstoff Silizium. Und: „Die weltweiten Modulproduktionskapazitäten sind in den letzten drei Jahren mehr als verdreifacht worden. Die Modulknappheit nimmt deutlich ab“, sagt S.A.G.-Solarstrom-Vorstand Kuhlmann. Einen engen Zusammenhang mit Spanien gebe es da nicht. Wie viele andere Experten ist er der Ansicht, dass sich der Markt von einem Nachfrage- zu einem Angebotsmarkt entwickeln wird. Marktforscher Florian Schmidt sieht sogar einen noch „höheren Druck auf die Preise, wenn die für die nächsten Jahre kommunizierten Produktionsvolumina im Dünnschichtbereich wirklich realisiert würden“. Schon jetzt rechnen viele Finanzanalysten mit einem Überangebot und sprechen wie UBS-Analyst Patrick Hummel von „Deutschland als Abladehalde für Solarmodule.“

Alles Unsinn, ist dagegen der Tenor der Branche. Zwar gestand Q-Cells-Vorstandschef Anton Milner gegenüber der ARD ein, dass es im ersten Halbjahr 2009 vereinzelte Nachfrageprobleme bei Kunden aufgrund der Finanzkrise geben werde, aber die Folgen für Q-Cells würden gering bleiben. Von stark sinkenden Modulpreisen will Konzernsprecher Stephan Dietrich ebenfalls nichts wissen. Lediglich die Solon AG räumt ein, dass die Modulpreise sinken werden. In Branchenkreisen wird unterdessen gemunkelt, dass wegen des EEG 2009 und der Finanzkrise börsennotierte Dax-Unternehmen in eine gewisse Hektik verfallen. Vor Ende des Jahres wollen die meisten Produzenten ihre Lagerhallen räumen und schmeißen Module zu günstigen Preisen auf den Markt. Die Kappung des spanischen Solarstrommarktes sei da nur ein kleiner Dominostein in der Kette einer sich anbahnenden Marktbereinigung auf dem deutschen Solarmarkt.