Hartnäckiger Pionier

„Warten Sie einen Moment, ich rufe ihn“, sagt die Frau an der Rezeption, und kaum fünf Sekunden später kommt er schon flink die Treppe herunter: Der zu dem Zeitpunkt noch 79 Jahre alte Adolf Goetzberger, geborener Münchner, langjähriger Wahlamerikaner, in den 1970er Jahren Solarforscher und schließlich 1981 Gründer des ersten deutschen Solarforschungszentrums: des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE).

Goetzberger hat etwas vom jungen Buben im Gesicht bewahrt; man kann sich leicht vorstellen, wie der 80-Jährige mit acht ausgesehen haben muss. Doch seine Kindheit war von den Turbulenzen der Zeit geprägt. Nur einmal während des einstündigen Gesprächs überkommt Goetzberger Traurigkeit – als er kurz von den Jahren bis in die unmittelbare Nachkriegszeit erzählt: „Es waren Verhältnisse, die man sich heute kaum mehr vorstellen kann.“

Guter Start in den USA

Dabei genoss der junge Goetzberger eine gute Schulausbildung in München – inklusive neun Jahren Englisch, was für die damalige Zeit recht lang war. Daher konnte er bereits recht gut English, als er 1958 in die USA auswanderte.

Nur das alltägliche Sprechen machte ihm anfangs Schwierigkeiten. „Wir haben Grammatik gelernt und Shakespeare gelesen. Als ich dann das erste Mal in den USA im Restaurant etwas bestellen wollte, musste ich auf die Speisekarte zeigen – mir fehlten die Worte.“ Doch nach bereits vier Wochen kam er sehr schnell voran, bald korrigierte er sogar die schriftlichen Arbeiten seiner Kollegen: „Die Amerikaner nehmen es mit der Grammatik und Rechtschreibung nicht so genau.“

1956 – zwei Jahre vor Goetzbergers Ankunft im kalifornischen Palo Alto – hatte sein Mentor William Shockley zusammen mit zwei anderen Forschern den Nobelpreis für die Erfindung des Transistors bekommen. Noch heute schwärmt Goetzberger von der Zusammenarbeit mit Shockley. „Ich hatte dort eine viel interessantere Arbeit als in Deutschland. Ich konnte meine Fähigkeiten viel besser einbringen.“ Doch was heißt auswandern – wollte er Deutschland 1958 für immer verlassen? „Ich hatte damals eine Green Card. Ich wollte auf jeden Fall einige Jahre in den USA leben. Weitergehende Pläne macht man in jungen Jahre sowieso nicht.“

Von den USA selbst schwärmt Goetzberger aber immer weniger. „Das Land hat sich stark verändert. Der Gesamteindruck ist, dass es mir heute weniger dort gefällt.“ Ob Goetzberger die Zukunft mit Obama positiver sieht? Der Wissenschaftler ist vorsichtig: „Die Probleme sind so groß, dass es sicher sehr schwer sein wird.“

Forschung in Freiburg

Nach Deutschland zurückgekehrt ist Goetzberger aber nicht, weil ihm die USA 1968 nicht mehr gefielen: Seine Frau, die er in San Francisco kennen lernte, ist auch Deutsche. „Ich musste ihr auf unserer Hochzeit versprechen, bei einer sich bietenden guten Gelegenheit zurückzukehren. Aber als wir endlich wieder auf deutschem Boden waren, da war sie gar nicht mehr begeistert.“ Das Städtle Freiburg war noch viel kleiner als heute. Freiburg ist zwar eine der am schnellsten wachsenden deutschen Städte, hat aber selbst heute nur rund 220.000 Einwohner – und Goetzbergers Frau vermisste die kulturelle Vielfalt New Yorks, denn der Forscher und seine Frau waren zwischenzeitlich von Palo Alto an die Bell Labs in New Jersey gewechselt, das heißt: in den Einzugsbereich des Big Apple. „Demgegenüber ist Freiburg doch Provinz – und war es damals noch viel mehr.“ Einen Kulturschock hat er selbst nicht erlebt: „Ich war ja Institutsleiter und konnte die Sachen ändern, die mir nicht gefielen.“

Dass sich die Forschungssituation in Deutschland stetig verbesserte, ist auch ein Verdienst Goetzbergers. „Viele Kollegen aus den USA kamen hierher und brachten ihre Fähigkeiten ein.“ Goetzberger selbst sorgte mit dafür, und zwar zunächst als Leiter des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Festkörperphysik (IAF). „Es hieß eigentlich Institut für Elektrowerkstoffe, was zu eng gefasst war, weshalb wir es umbenannten.“ Doch bald sprengte Goetzbergers Interesse für die Solarenergie selbst die Bezeichnung „angewandte Festkörperphysik“.

Begonnen hat alles mit einer Arbeitsgruppe am Fraunhofer IAF. Goetzbergers erste Arbeit zur Solarenergie erschien 1977 und behandelte Fluoreszenzkollektoren. Noch heute hat er ein Exemplar aus der Zeit im Büro.

Heute arbeitet er zum selben Thema eng mit Jan Goldschmidt und anderen Forschern am ISE zusammen. Das Forscherteam hat 2008 sogar einen Bericht über die letzten Ergebnisse im Journal „Solar Energy Materials & Solar Cells“ veröffentlicht. „Es ist interessant, dass eine Entwicklung, die vor so langer Zeit begann, jetzt plötzlich wieder aktuell ist.“

Als Goetzberger in den 1970er Jahren half, das Thema Sonnenenergie auf die Tagesordnung in Deutschland zu setzen, stand er jedoch nicht alleine auf weiter Flur. „Das öffentliche Interesse war schon groß, nur die Politik hinkte hinterher.“ Der Bericht des Club of Rome (1972) war ausschlaggebend. „Der Klimawandel war damals noch nicht aktuell, vielmehr war es die Begrenztheit der Ressourcen. Über die Prognosen der Reichweite kann man streiten, aber am Prinzip ist nicht zu rütteln: Unsere Ressourcen sind begrenzt – mit Ausnahme der Sonnenenergie.“

Gründung gegen Widerstände

Aus der Arbeitsgruppe am Fraunhofer IAF wurde schließlich 1981 das Fraunhofer ISE. Doch mit der Gründung des neuen Solarinstituts lief Goetzberger bei den Entscheidungsträgern keineswegs offene Türen ein. „Den damaligen Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft konnte ich überzeugen, aber seine Berater sagten, die Solarenergie sei unpraktisch. Man hat sie nur hier und da ein bisschen gefördert, um die ärgste Kritik abzuwehren.“ Gar nicht förderlich, so Goetzberger weiter, seien die Leute im Forschungsministerium gewesen, die für Sonnenenergie zuständig waren. Damals gab es nämlich ein Referat für nichtnukleare, nichtfossile Energien – „und die doppelte Verneinung zeigt, was man davon hielt“.

Ein kurzer Blick auf die Meilensteine des ISE zeigt ein breites Forschungsfeld: transparente Wärmedämmung (TWD), solare Wechselrichter, Fluoreszenzkollektoren, Batterien, Brennstoffzellen, autonome Systeme, die ländliche Elektrifizierung der Dritten Welt und schließlich Silizium. Manches davon ist erfolgreich, aber trotzdem relativ unbekannt; anderes bleibt eine Hoffnung.

Die TWD war von Anfang an beim ISE dabei und funktioniert bestens. Goetzberger hat sogar sein eigenes Haus als Testobjekt zur Verfügung gestellt; das Haus dürfte das erste TWD-Projekt überhaupt gewesen sein. „Es bringt allerdings nicht mehr so viel Energie wie früher, weil die kleinen Nadelbäume im Garten in den letzten Jahrzehnten gewachsen sind.“ Auch das Hauptgebäude der International Solar Energy Society (ISES), die Goetzberger nach Freiburg lockte, wurde mit TWD Mitte der 1990er Jahre renoviert. Wie so viele Solarthermie-Technologien ist die TWD jedoch nicht zum Standardprodukt geworden, obwohl die Solarwärme schon immer billiger als der Solarstrom war. „Man kann die Wärme nicht so gut messen, daher ist das viel schwieriger zu fördern“, sagt Goetzberger.

Anfang der 1990er Jahre genoss Goetzberger viel mehr politische Unterstützung als 1981. Der damalige Oberbürgermeister Freiburgs, Rolf Böhme, habe ihm das Grundstück für das ISE auf dem alten Gelände der abgezogenen französischen Soldaten unter günstigen Bedingungen zur Verfügung gestellt. Auch schon vorher sei Böhme als Staatssekretär im Finanzministerium bei der Gründung des ISE hilfreich gewesen.

Erstes Haus ohne Netzanschluss

Die Liste der Meilensteine beim ISE zeigt aber auch, dass man nicht jede Entwicklung hat kommen sehen. 1992 erstellte ISE das Solarhaus, ein autonomes Haus mitten in Freiburg. Man verzichtete auf den Netzanschluss – nur um zu zeigen, dass es geht. Seitdem wird aber dank der Politik eher geforscht, wie man Solarstrom einspeisen kann. Netzferne Anwendungen bleiben zwar in Entwicklungsländern, für Berghütten und auf Inseln interessant, doch das Solarhaus markiert gleichzeitig das Ende der Betonung auf „netzfern“.

„Das Solarhaus war zu ehrgeizig“, sagt Goetzberger heute. „Aber es hat neue Konzepte hervorgebracht. Ein wesentlicher Aspekt war die Wasserstofftechnik – was heute noch als Konzept verfolgt wird. Man muss genug Wasserstoff vom Sommer für den Winter speichern. Hauptproblem war und ist die Brennstoffzelle. Sie fällt manchmal aus. Da ist eine ziemliche Ernüchterung eingekehrt.“

Gerade die überraschenden politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre beglücken Goetzberger: „Meine Erwartungen wurden übertroffen. Heute sieht man überall PV-Anlagen. Das ist im Wesentlichen nicht auf uns, sondern auf die Politik zurückzuführen, die vor allem Hermann Scheer und Hans-Josef Fell gemacht haben.“

Als das Solarhaus fertiggestellt wurde, gab es bereits das 1.000-Dächer-Programm. Im Vergleich zu heute könnte man meinen, dass 1.000 Dächer unter rund 27 Millionen deutschen Haushalten nicht viel sind, aber für Goetzberger war das Programm schon damals ein Durchbruch. „Im Vergleich zum damaligen Stand waren 1.000 Dächer sehr viel. Für den normalen Bürger war so eine Anlage damals unerschwinglich und unwirtschaftlich. Da brauchten wir genau so einen konkreten Plan.“

Doch während die Politik Goetzberger positiv überraschte, hatte er eine technische Entwicklung richtig eingeschätzt: „Ich habe von Anfang an gewusst, dass Siliziumzellen das Rennen machen werden. Ich komme ja aus der Halbleitertechnik und habe ISE konsequent auf Silizium ausgelegt“, sagt er. Die Fluoreszenzkollektoren seien ein Forschungsprojekt gewesen. Schon 1981 musste er sich den Vorwurf anhören, beim Silizium passiere nicht mehr viel, man müsse auf Dünnschicht setzen. „Das sagt man heute noch.“ Andererseits: „Solarenergie wird nie im Überfluss vorhanden sein. Sie hat keine Grenzen, aber ist mit Kosten verbunden.“ Deshalb hat der Forscher immer betont, die Nutzung der Sonnenenergie lohne sich erst, wenn man alle Einsparungspotenziale ausgeschöpft habe.

Photovoltaik hat er zu Hause nicht auf dem Dach. „Meine Frau sagt, wir sind zu alt dazu.“ Noch spaziert Goetzberger allerdings fast jeden Tag ein Stück den Schönberg in Freiburg hoch. Aber ihm ist die Arbeit am Institut weiterhin lieber als die im Garten. Und mit 80 fühlt er sich noch fit genug, um auf Konferenzen zu fahren, obwohl die Anstrengung immer größer werde. „Wenn ich so alt werden sollte wie Helmut Schmidt, der schon 90 geworden ist, dann sage ich vielleicht auch, dass es mich nur noch mäßig freut, so viel unterwegs zu sein.“