Schlichte Eleganz im Tal der Sonne

Dicke Luft machte die traurige Berühmtheit Bitterfelds zu DDR-Zeiten aus, von einem gesteigerten Umweltbewusstsein der ortsansässigen Chemieindustrie keine Spur. Nun verhilft die rasant wachsende Solarindustrie dem ostdeutschen Standort zu einem neuen Image. Das Solar Valley im Bitterfeld-Wolfener Ortsteil Thalheim entwickelt sich zu einem der größten Zentren der Solarindustrie Europas. Die Visi onen für den Standort sind nicht gerade bescheiden: 5.000 Arbeitsplätze sollen nach Angaben von Q-Cells bis 2010 auf dem Areal entstehen. Mit ihren Tochterunternehmen ist die Firma Q-Cells maßgeblich für die Entwicklung des 160 Hektar großen Gewerbegebiets verantwortlich. Der Solarzellenhersteller konnte im Jahr 2007 einen Umsatz von über 850 Millionen Euro verzeichnen. Für das seit 2001 stetig wachsende Unternehmen realisiert nun das Leipziger Architekturbüro BHSS das neue Headquarter auf dem Thalheimer Gelände. Neben der Erstellung von Masterplanstudien für das Gewerbegebiet haben die Architekten bereits das Eingangsgebäude sowie die Shuttle-Stationen realisiert. Nun bauen sie drei neue Verwaltungsgebäude für Q-Cells. „Wir sind ein Unternehmen, das schnell wächst. Schaffen sie ganz schnell Arbeitsplätze für 200 Leute,“ lautete anfänglich der Auftrag an die Architekten. Diese nahmen den Arbeitsalltag der Q-Cells-Mitarbeiter genauestens unter die Lupe. Dabei stellten sie fest, dass die innerbetrieblichen Strukturen sich in ständigem Wandel befinden. Gruppen- und Projekt-arbeit in häufig wechselnden Konstellationen seien die notwendige Arbeitsform einer jungen sich dynamisch entwickelnden Branche. Dieser solle auch architektonisch Rechnung getragen werden. „Dafür bedarf es mehr, als der klassischen Meetingräume und Büroarbeitsplätze,“ lautete das Fazit der Planer. Sie integrierten eine große Zahl informeller Treffpunkte in die Bürolandschaft.

Entstanden sind drei baugleiche Kuben, die auf jeweils fünf Ebenen die Abteilungen für Forschung, Marketing und Vertrieb sowie die Vorstandsbereiche aufnehmen. „Ursprünglich hatten wir drei Gebäude mit unterschiedlichen Geschosszahlen vorgesehen, beginnend mit vier bis zu sechs Geschossen“, erläutert Architekt Uwe Schumann seinen Entwurf. „Da aber das Unternehmen so rasant wächst, haben wir schließlich das Maximum bei allen drei Baukörpern ausgereizt.“ In ringförmiger Anordnung befinden sich Projekt- und Teamarbeitsflächen im Außenbereich, Arbeitsplätze für konzentrierte Einzelarbeit sind um einen kleinen Hof angeordnet. Dazwischen liegt ein multifunktionaler Ring mit frei variierbaren Flächen für Kommunikation, Meeting und anderen Funktionen, etwa Bibliotheken. Den äußersten Ring bildet ein umlaufender Balkon, der von fast allen Büroräumen aus zugänglich ist. Mit einer Höhe von 22 Metern stehen die drei Baukörper exponiert auf freiem Feld umgeben von Produktionshallen. Im Umkreis von mehreren hundert Kilometern sind sie die höchsten Gebäude. In dieser exponierten Lage ist ein verlässlicher Sonnenschutz besonders wichtig. Diesen bietet der offene Umgang mit Holzbelag. Er dient nicht nur der Kommunikation und Auszeit der Mitarbeiter, sondern bildet zugleich eine effektive Klimafassade. Durch die Auskragung von 1,20 Metern verschattet er die Büroräume im Sommer auf natürliche Weise. Zusätzlich sorgen verschiebbare Verschattungselemente für angenehme Innenraumtemperaturen. Als Produzent von kristallinen Solarzellen war der Bauherr daran interessiert, auch am neuen Headquarter sein Produkt gestalterisch einzusetzen und damit das Solarbusiness auch nach außen hin zu demonstrieren. „Wir wollten Solartechnik in der Fassade sichtbar machen,“ sagte Karsten Tietz, Projektmanager bei Q-Cells. Diesen Wunsch griffen die Architekten auf, indem sie die verschiebbaren Verschattungselemente hinter geschosshohen Photovoltaikelementen parken. Jeweils zwei bewegliche Schiebeläden aus Streckmetall können hinter ein Glas-Glas-Modul fahren. Dadurch entsteht eine plastische Fassadenstruktur mit dunklen und hellen Flächen und Rücksprüngen. „Wir hatten uns die Semitransparenz gewünscht. Es ist sehr schön, wenn das Licht zwischen den Zellen hindurchfällt,“ meint Architekt Uwe Schumann. Die Umsetzung der Verschattungselemente war allerdings ein ziemlich langer Prozess. „Es gibt ganz wenige Hersteller, die diese Größe beherrschen.“ Ursprünglich wollten die Leipziger Planer Schiebeläden mit Dünnschichtmodulen der Tochterfirma Calyxo bestücken. Doch diese befinden sich noch in der Pilotphase.

103 Solarmodule, verteilt auf zwei Fassaden, sind nun am Gebäude installiert. „Glas-Glas-Module von Solarnova. Mit 1400 x 2892 Millimetern die größten, die hier in Deutschland montiert wurden“, erklärt Karsten Tietz von Q-Cells stolz. Sie generieren eine grüne Stromkapazität von zirka 48 Kilowattpeak, die in das öffentliche Netz eingespeist werden. Da die Ostseite durch die neu entstehenden Gebäude verschattet wird, sind an der Nord- und Ostfassade die Glaselemente mit Siebdruck optisch an die aktiven Module angepasst. Der Dresdner Ulrich Köhl von der Firma Colt ist verantwortlich für die Ausführung dieser ungewöhnlichen Außenhaut. “Die Architekten hatten sich etwas ausgedacht, das es noch gar nicht gab,“ kommentiert Köhl die Konstruktion der vorgehängten Fassade. „Und das musste in kürzester Zeit umgesetzt werden.“ Die Verschattungselemente sind dreiteilig modular aufgebaut. Jeweils zwei Schiebeläden aus Streckmetall sind einem feststehenden Photovoltaikelement zugeordnet. „Streckmetall als Material ist in dieser Größe für einen beweglichen Sonnenschutz noch nicht eingesetzt worden,“ weiß Köhl aus Erfahrung. Der Antrieb und die mögliche Verformung seien problematisch. Trotzdem ist es ihm gelungen die Steckmetallbahnen auf den Aluminiumrahmen sicher zu vernieten. Auch die riesigen Solarpaneele sind an Aluminiumrahmen befestigt. Standard-Klemmhalter aus Edelstahl fixieren die schweren Glasmodule an den dahinterliegenden Rahmen. Diese Klemmhalter haben sich bereits bei der EWE-Arena in Oldenburg bestens bewährt. Die Laufschienen für die Schiebeläden hat Colt speziell für dieses Projekt gepresst. Trotz der extremen Größe sollten nach Wunsch der Architekten die Fassadenelemente jeweils aus nur einem Modul bestehen. Einen Hersteller zu finden, der Glas-Glas-Module in einer Größe von 1,40 auf knapp drei Meter fertigt, sei nicht einfach gewesen, berichtet Köhl. Alle angefragten Modulhersteller boten Bauteile mit vertikaler Teilung an. „Das war ein no-go für die Architekten“. Schließlich fertigte Solarnova die 136 Kilogramm schweren Module. „Über hundert Solarzellen müssen ohne Bruch eingearbeitet und mit EVA laminiert werden,“ erklärt Heiner von Riegen, einer der Geschäftsführer von Solarnova. „Maximal möglich ist bei uns ein Format von zwei mal drei Metern.“

Im Betrieb reagieren die geschosshohen beweglichen Fassadenelemente auf die permanente Sonneneinstrahlung, die auf dem freien Feld herrscht. Bis zur Windstärke zehn können die verschiebbaren Elemente Schatten spenden. Die Steuerungsautomatik synchronisiert zweimal täglich und unterstützt damit die zentrale Gebäudekühlung, die durch den Einsatz von Kühldecken gewährleistet wird. Durch gezielten natürlichen Luftstrom von der sonnenabgewandten Seite sorgt der zentrale Innenhof für die Kühlung der inneren Raumschicht. „Wir hätten uns eine noch stärkere Einbindung der Abwärme ins Heizungskonzept gewünscht,“ sagt Architekt Schumann bezüglich des Energiekonzeptes. Nun wird lediglich die Frischluft, die in die Meetingräume und Flure eingeblasen wird, mittels Prozesswärme oder -kälte temperiert. Von der Umsetzung der Photovoltaikfassade ist Schumann begeistert. Zum ersten Mal hat das Leipziger Planungsbüro eine große, gebäudeintegrierte Photovoltaikanlage realisiert. Ein wahres Vorzeigeobjekt ist entstanden. „Jetzt wissen wir, was dahintersteckt und kennen die Technik und die Kosten,“ meint Schumann zufrieden. Im Oktober werden die Q-Cells-Mitarbeiter ihren zweiten Verwaltungskubus beziehen, während Schumann und sein Team sich parallel auf die Realisierung der Produktionshalle für die Fertigung von Dünnschichtmodulen der Q-Cells-Tochter Calyxo konzentrieren.