Im mährischen Solar Valley

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Während der Begriff „Walachei“ umgangssprachlich eher Zivilisationsferne bezeichnet, steht die gleichnamige Region in Tschechien vor dem Durchbruch, das Solar Valley des Ostens zu werden. Landschaftlich vergleichbar mit dem Schwarzwald, sind es insbesondere die Zentren mittelständischer Industrie, welche die Mährische Walachei für die Solarbranche als Produktionsstandort zunehmend interessant machen. Neben bereits seit Jahren etablierten Unternehmen, wie dem tschechischen Zellhersteller Solartec, baut auch die Schott AG ihre Modulfertigung in Valašské Meziříčí deutlich aus. Während sich die Schott-Standorte in Jena auf Dünnschicht, in Alzenau auf die Zellproduktion konzentrieren und Wacker Schott Solar an beiden Standorten Wafer herstellt, werden auf dem 20.000 Quadratmeter großen Werksgelände in der Tschechischen Republik polykristalline Solarmodule mit einer Leistung von 165 bis 300 Watt gefertigt.

„2003 war Schott Solar auf der Suche nach einem neuen Standort für die Modulproduktion“, erklärt Martin Heming, Mitglied der Konzernleitung und Geschäftsführer der Schott Solar AG. „Wir haben uns damals recht schnell für Valašské Meziříčí, das traditionelle Zentrum der tschechischen Glas- und Chemieindustrie entschieden. Das Konzept mit der guten Infrastruktur, dem hoch motivierten Mitarbeiterteam sowie der professionellen Unterstützung von den lokalen Behörden hob sich deutlich von anderen Bewerberstädten ab.“ Im ersten Schritt wurde eine Modulfertigung mit zwei Linien mit einer Kapazität von insgesamt 45 Megawatt errichtet.

Drei neue Fertigungslinien

Heute tritt Schott Solar aus der Sicht von Heming in eine neue Phase der Industrialisierung der Solarindustrie ein. „Das bedeutet in Zahlen ein Investitionsvolumen von 50 Millionen Euro für die zweite Phase. Ende 2008 werden hier 550 Mitarbeiter 3.600 Module pro Tag beziehungsweise 1,3 Millionen pro Jahr produzieren. Das entspricht einer Vervierfachung der Kapazität hier am Standort. Ein Teil der drei neuen Fertigungslinien ist bereits aufgestellt, wobei die erste schon läuft“, erklärt der Geschäftsführer. Die Produktion ist für den gesamten europäischen Markt bestimmt, Lastwagen bringen die Module zu den Abnehmern. Da jeder Lastwagen nur 240 Module aufnehmen kann, werden jährlich rund 5.400 Fuhren den Produktionsstandort verlassen und mit ihrem Kohlendioxid-Ausstoß die Klimabilanz der als umweltfreundlich bekannten Photovoltaik doch etwas trüben.

Heming ist überzeugt, die richtige Standortwahl getroffen zu haben, da auch Tschechien über ein eigenes Einspeisegesetz für Solarstrom verfügt. Zusätzlich profitiert Schott Solar von den Einsparpotenzialen und Synergieeffekten eines Verbundstandorts. In Valašské Meziříčí sind neben der Solarsparte noch drei weitere Geschäftsfelder aus dem Schott-Konzern mit eigenen Fertigungen ansässig. Hergestellt werden unter anderem von 1.000 Mitarbeitern veredelte Flachgläser und faseroptische Bauteile.

Damit ist aber laut Heming noch nicht das Ende der Expansion erreicht: „Wir haben uns für den Standort in Tschechien verschiedene Optionen vorbehalten. Auf der einen Seite wurde im März der Grundstein für ein neues Werk in den USA gelegt. Auf der anderen Seite haben wir auch ein Grundstück in dieser Region gekauft – 100.000 Quadratmeter in dem Gewerbegebiet Leschna – so dass wir zeitnah je nach Entwicklung der Weltmärkte unsere Kapazitäten ausbauen können; denkbar ist auch eine Produktion in Asien.“

Dezentralisierungsstrategie

Damit fährt Schott Solar im Bereich der Modulproduktion eine Dezentralisierungsstrategie. „Das Modul ist ein sehr sperriges Gut, das wir marktnah in Regionen mit Nachfrage fertigen wollen“, betont das Mitglied der Konzernleitung. An die Verlagerung weiterer Produktionsschritte wie die Herstellung von Zellen und Wafern denkt Heming dabei aufgrund fehlender Skaleneffekte nicht. „Bedingt durch die unterschiedlichen Taktzahlen bei Wafern, Zellen und Modulen sowie die unterschiedlichen Kostenarten halten wir eine vollautomatische Produktion mit allen Schritten an einem Standort für nicht sinnvoll“, sagt Heming.

Den Schuh, mit der neuen Produktion Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern, zieht Heming sich nicht an: „Ich glaube nicht, dass der Vorwurf deutscher Politiker richtig ist. Wir setzen derzeit 50 Prozent unserer Produkte in Deutschland ab. Darüber hinaus haben wir eine Exportquote, die in den nächsten Jahren über alle drei Gruppen die 50 Prozent überschreiten wird.“

Aus Sicht von Heming wäre es falsch, alles auf Deutschland zu konzentrieren: „Deutschland muss sich dem Wettbewerb stellen und damit besser sein als andere Mitbewerber.“ Damit lasse sich auch die geplante Degression verkraften. Wichtig ist für Heming die klare Produktausrichtung: „Wir konzentrieren uns auf ein standardisiertes Produktportfolio, das heißt wir stellen keine Sonderanfertigungen her. Daher können wir sehr stringent – wie man es aus der Glasproduktion her kennt – vom Rohstoff bis zum Fertigprodukt in Linienfertigung gehen. Dies haben wir auch auf unsere neue dritte Linie in Valašské Meziříčí übertragen und konnten die Produktion damit auf 64 Megawatt erhöhen.

Auf dem Weg zu 500 Megawatt

Den Eindruck, dass die Schott AG erst nach der Trennung vom Energieversorger RWE durch die Übernahme der RWE Schott Solar im Jahre 2005 stärker auf den Solarbereich setzt, will Heming nicht bestätigen. „Durchgestartet sind wir, als wir unsere Siliziumversorgung auf eine sichere Basis gestellt haben. Dies geschah in der strategischen Zusammenarbeit mit der Wacker Chemie. Gemeinsam werden wir 370 Millionen Euro in den Ausbau investieren, um die Produktion auf 500 Megawatt auszubauen. Deshalb sind die 200 Megawatt hier ein Zwischenschritt auf dem Weg zu 500 Megawatt.“

Expansion ohne Börsengang

Anfang Oktober sagte Schott Solar den Börsengang aufgrund der Kapitalmarktkrise kurzfristig ab. Die Expansionspläne des Unternehmens sollen trotzdem konsequent umgesetzt werden, erklärte Martin Heming. Schott hatte den Börsengang der Solarsparte schon länger als nur eine mögliche Option angekündigt, um sich mit weiteren finanziellen Mitteln auszustatten. Laut Schott-Vorstandschef Udo Ungeheuer soll aber nicht nur in Photovoltaik investiert werden. „Wir wollen das Thema Solartechnik insgesamt massiv ausbauen, auch im Bereich der Receivertechnologie für solarthermische Kraftwerke.“ Schott bearbeitet derzeit in Spanien 80 und weltweit über 100 Kraftwerksprojekte parallel.