Sauberer Strom statt giftiger Erde

Teilen

An dem Tag, an dem ich von Berlin in die rund 140 Kilometer entfernte Lieberoser Heide fahre, kennt der Himmel kein Erbarmen. Er hat alle Schleusen geöffnet, es regnet ohne Unterlass. Es gießt so fürchterlich, dass sich die Wiesen neben der Straße in eine Seenlandschaft verwandelt haben und die Störche wie triefende Statuen bewegungslos auf ihren Nestern ausharren. Es fällt mir schwer, an eine sonnige Zukunft dieser Wasserwüste zu denken. Mit quietschenden Scheibenwischern suche ich in Turnow die Agrarfirma, auf deren Parkplatz ich mit Helmut Fries verabredet bin. Der Bürgermeister der Gemeinde Turnow-Preilack ist auch der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Freie Lieberoser Heide. Er möchte mir das Gelände zeigen, auf dem die Cottbuser Firma Solar Projekt das PV-Kraftwerk errichtet. Da sich der Betrieb mit wehenden Fahnen schmückt, finde ich den Treffpunkt wider Erwarten mühelos. Fries und einige Gemeindevertreter erwarten mich schon. Wir lassen unsere Autos stehen und steigen in Geländewa gen um. Das ist auch bitter nötig. Nach einem kurzen Stück Landstraße biegen wir in einen Waldweg ein, der unter den sintflutartigen Regenfällen zur abenteuerlichen Schlammpiste geworden ist. „Bis zum Juni muss die Forstverwaltung hier einen befestigten Weg hinbekommen“, sagt Fries, „sonst kommen die Transporter mit den Modulen hier nicht durch.“ Das glaube ich ihm sofort. Unterwegs begegnen wir einem niederländischen Lastwagen, der Holzschnipsel abtransportiert. Ohne Hilfe eines großen Radbaggers würde er hilflos im Morast stecken bleiben.

Nach etwa zehn Minuten erreichen wir gut geschüttelt unser Ziel und steigen aus. Platsch! Ich stehe im Matsch und bin sprachlos. Die gerodete Fläche reicht fast bis zum Horizont. Auf rund 250 Hektar ragen nur noch Baumstümpfe aus der Erde. Ich reibe mir das Wasser aus den Augen und erkenne in rund 200 Metern Abstand kleine Raupenfahrzeuge und einige grüne Gestalten, die mit Geräten, die wie Staubsauger aussehen, den Boden abtasten. „Das sind die Leute vom Räumdienst“, erklärt mir Fries. Meter für Meter suchen sie seit Februar die Mondlandschaft nach Minen, Blindgängern und anderen explosiven Hinterlassenschaften der abgezogenen Russen ab. Erst wenn der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) und die vom Forstamt beauftragten Ingenieure grünes Licht geben, kann mit der Installation der Anlage begonnen werden.

Traurige Geschichte

Die liebliche Landschaft rund 30 Kilometer nördlich von Cottbus hat eine traurige Geschichte: 1943 mussten dort Häftlinge einer Außenstelle des Konzentrationslagers Sachsenhausen für die Waffen-SS unter unmenschlichen Bedingungen einen Truppenübungsplatz errichten. 1944 trafen auch Häftlingstransporte aus Auschwitz-Birkenau und Groß-Rosen ein. Als die russischen Truppen nahten, ermordete die SS über 1.000 marschunfähige Häftlinge, die anderen Gefangenen wurden nach Sachsenhausen gebracht. Nach 1945 übernahm die Rote Armee das 27.000 Hektar große Gelände in der Lieberoser Heide. Sie steckten in das ehemalige KZ tausende Menschen, die verdächtigt wurden, Nazi-Täter gewesen zu sein. Auch von ihnen kamen hunderte zu Tode. Bis 1992 wurde die Landschaft durch Schießübungen und Manöver im wahrsten Sinne des Wortes verwüstet. Auch die berühmte Wanderdüne der Heide ist eine Folge des militärischen Irrsinns. Auf 6.000 Hektar der insgesamt 27.000 Hektar großen Heidefläche liegt immer noch so viel Munition und Chemie im Boden, dass das Betreten wegen Lebensgefahr verboten ist.

„Außerdem sickert Gift ins Grundwasser und verseucht den Turnower Trinkwasserbrunnen“, sagt Helmut Fries. Das sei für seine Gemeinde eine große Bedrohung, da der bisher genutzte Brunnen bei Jänschwalde wegen des nahen Tagebergbaus bald versickern werde, erklärt er. Deshalb ist der zugereiste Ruhrpottler auch so sauer auf den Förderverein Lieberoser Heide, der das Gelände des Truppenübungsplatzes zu einem Nationalpark machen möchte. „Das würde bedeuten, dass das Areal sich selber überlassen wird. Nichts würde geräumt, das Gift würde den Boden weiter verseuchen, die herumliegende und vergrabene Munition bliebe eine tickende Zeitbombe“, sagt er.

Das sieht auch Oberforstrat Wolfgang Roick so. „Wir wollen der Nachwelt eine saubere Umwelt hinterlassen“, sagt er. „Wenn man weiß, dass Gift auf einem Gelände ist, darf man das nicht zuwachsen lassen.“ Roick ist der eigentliche Initiator des Solarkraftwerks. Der forsche Oberforstrat und der ruhige Bürgermeister ergänzen sich im Engagement für ihre Heimat glänzend. Roick ist kein Träumer, er plant den Waldumbau im großen Stil, will eine ökologische Nutzung der Heide und keinen gefährlichen Stillstand.

Geld vom Staat konnten die beiden nicht erwarten. Fries kann ein Lied davon singen: „Ich habe an Ministerpräsident Platzeck geschrieben, ihm mitgeteilt, dass unbedingt gehandelt werden muss, bekam aber keine Antwort. Irgendwann kam dann doch ein Schreiben von der Landesregierung in Potsdam. Innenminister Schönbohm teilte mir mit, dass kein Geld zur Verfügung steht.“ Also ging Wolfgang Roick auf Investorsuche. Ein zunächst geplanter Windpark in der Sandwüste ließ sich nicht realisieren, da die Heide ein Vogelschutzgebiet ist und auch andere seltene Tiere dort leben. Da kam die Firma Procon gerade recht, die auf der Suche nach einem Gelände für ein sehr großes PV-Kraftwerk war und die unter anderem durch Ertragsprognosen vom Fraunhofer ISE und Meteocontrol von den Vorzügen der Region überzeugt war. Um das Projekt zu verwirklichen, hat Procon mit Mattig & Lindner die GmbH Solar Projekt gegründet.

Die Wüste ist tabu

„Ursprünglich wollten auch sie die Anlage in der Sandwüste errichten“, sagt Helmut Fries, „aber die ist nun mal tabu“. Wolfgang Roick machte sich auf die Suche nach einem anderen zusammenhängenden Gebiet. Heraus kam das Gelände, über das wir während unseres Gesprächs blicken. Inzwischen sind wir klatschnass. „Das sieht jetzt natürlich schlimm aus“, sagt der Bürgermeister und deutet auf die riesige gerodete Fläche. „Aber hier war kein geschlossenes Waldgebiet. Natürlich standen hier auch Bäume, aber vieles war einfach Gestrüpp. Außerdem gab es hier mehrere Gebäude der Russen.“ Das bestätigt ihm auch ein älterer Herr aus Turnow. „Die Russen haben mich hier mal als jungen Mann erwischt“, erinnert er sich. Das war hier zwar Sperrgebiet, aber es ist auch ein hervorragendes Pilzrevier. Und beim Sammeln haben sie mich dann auch geschnappt. Das gab ganz schön Ärger.“

Naturschutz eingeplant

Oberforstrat Roick weist auch auf eine wichtige Tatsache hin, die oft unerwähnt bleibt: „Die Module werden auf einer rund 170 Hektar großen Fläche installiert. Drumherum entsteht in etwa gleicher Größe ein Pflegestreifen mit Heidevegetation, Sandflächen und Silbergrasfluren.“ Im Zaun, der das Kraftwerk umgibt, wird eine 20 Zentimeter hohe Lücke für Kleinwild gelassen. „Und Sie dürfen nicht vergessen, dass das Gelände nach 25 Jahren wieder zurückgegeben wird. Sauber, ohne Gift und Munition.“ Im Übrigen sieht Roick das Solarkraftwerk auch als Attraktion, das vielleicht Touristen anlockt. Er kann sich beispielsweise sehr gut einen Radwanderweg entlang der alten Eisenbahngleise, die früher direkt in die Sowjetunion führten, vorstellen.

Nachdem das Gelände gefunden war, ging alles sehr rasch. Im April vergangenen Jahres wurde ein Zeitplan aufgestellt und Gemeindesitzungen abgehalten. Zeitgleich fanden Gespräche der Forstverwaltung und den beauftragten Ingenieuren (Bosch & Partner) mit Klaus Hoff, dem Vertreter von Solar Projekt, statt. Auch der Bauantrag wurde in dieser Zeit gestellt. „Schon im Dezember war der Bebauungsplan durch, und im April dieses Jahres gab’s die Baugenehmigung“, sagt Fries. „Das hat prima geklappt.“

Dass das Zusammenspiel zwischen Gemeinde, Forstverwaltung und Investor so prächtig funktioniert, liegt auch daran, dass jeder etwas davon hat: Die Forstverwaltung erhält die Pacht, von der ein Teil bereits als Vorschuss gezahlt wurde. Mit dem Geld finanziert sie größtenteils die Beräumung des Kraftwerkgeländes. Den Rest holt das Amt durch den Verkauf des geschlagenen Holzes rein. Die Gemeinde Turnow-Preilack darf sich über die Gewerbesteuer und entstehende Arbeitsplätze freuen. Für die Bewachung und die Wartung der Solaranlage sollen Leute aus der Region eingestellt werden. Außerdem soll Turnow-Preilack Sitz der Betreibergesellschaft sein. Die Solar Projekt schließlich darf eine fette Solarstrom-Ernte einfahren.

Fetter-Auftrag für Frankfurt (Oder)

Insgesamt beträgt die Investitionssumme 157 Millionen Euro, die ausschließlich privat aufgebracht wird. „Der Bund und das Land Brandenburg sind nicht beteiligt, es fließen keine Fördermittel“, sagt Klaus Hoff. Vertragspartner der Solar Projekt sind das Land Brandenburg, vertreten durch das Amt für Forstwirtschaft, die Gemeinde Turnow-Preilack und der Investor, der lieber ungenannt bleiben möchte. Insgesamt werden für das Solarkraftwerk 668.000 Dünnschichtmodule installiert. Sie werden von First Solar aus Frankfurt (Oder) geliefert, das auch als so genannter Generalübernehmer für die Montage der Anlage verantwortlich ist. Die Module werden mit 25 Grad Neigung auf Leichtmetallgestellen fest aufgeständert, die Gestellpfosten der Modultische aus verzinktem Stahlblech in den Boden gerammt. SMA liefert die Wechselrichter. Soweit möglich, will First Solar für die Montagearbeiten Handwerksbetriebe aus der Region an dem gewaltigen Kuchen beteiligen.

Der Zeitplan ist eng, und das miese Wetter in den ersten Monaten des Jahres hat es nicht leichter gemacht, ihn einzuhalten. Ende Mai sollen die ersten 25 Hektar fertig sein, zur Eröffnung des Kraftwerks im Juli 50 Hektar, im August 75 Hektar. 2009 soll die Anlage fertig sein. „Die Arbeiten wurden durch den aufgeweichten Boden verzögert“, sagt Roick. „Frost wäre besser gewesen.“ Doch Zweifel sind dem Oberforstrat, dessen Amt unter anderem für die Befestigung des Wirtschaftsweges verantwortlich ist, fremd. „Wir schaffen das.“