Kampf gegen das Schmuddelimage

Dreißig Jahre lang erntete Li Jinxuan die Früchte seines Jujuba-Strauches. 2005 sollte das letzte Jahr sein, in dem sich der 76-jährige pensionierte Stahlarbeiter über die Brustbeeren gefreut hat, wie sie bei Apothekern heißen. Damals nahm die Luoyang Zhonggui Siliziumfabrik in dem 2.300-Seelen-Dorf Shiniu die Produktion auf. Die Gemeinde in der Provinz Henan feierte, dass der Fortschritt endlich auch die zurückgebliebene Region erfasste.

Neun Monate lang sahen Dorfbewohner fast täglich, wie LKWs zwischen den Feldern und der Schule hielten, berichtete die Washington-Post-Reporterin Ariana Eunjung Cha im März. Nachdem die Lastwagen eine weiße Flüssigkeit abgelassen hatten, fuhren sie wieder davon. Inzwischen zeugt nur noch ein weißes Pulver von den Vorfällen. Die Analysen ergaben, dass es sich vermutlich um die Reste des flüssigen Siliziumtetrachlorids handelt, in das das Rohsilizium zur Reinigung überführt werden muss. In gut funktionierenden Fabriken wird daraus am Ende der Produktionsschiene wieder Silizium gewonnen. Ob es die Firma in diesem Fall in die Landschaft gekippt hat, weil sie den Prozess nicht beherrscht oder die notwendige Technologie nicht installiert hat, ist unklar. Experten wissen jedoch, was die Flüssig keit in der Umwelt anrichtet: Wasser aus der feuchten Luft reagiert mit der Flüssigkeit. Dabei entsteht Chlorwasserstoff, der in Wasser gelöst besser als Salzsäure bekannt ist. Hochgiftig, zerstört es Pflanzen und greift Menschen und Tiere an.

Aufregung in den USA

Durch den Bericht in der Washington Post drang die Nachricht in den Westen. Vor allem in den Vereinigten Staaten schlug die Umweltverschmutzung hohe Wellen, hatten doch viele US-Investoren erst im letzten Jahr chinesische Solarunternehmen als interessantes Anlageobjekt für sich entdeckt. Das gilt auch für drei prominente Unternehmen aus China, die wichtige Kunden der Skandalfirma waren und sowohl in den USA als auch in Deutschland börsennotiert sind: die Solarzellenhersteller Suntech und China Sunergy sowie der Solarwaferproduzent LDK Solar.

Wie meist in solchen Fällen zog daraufhin die gesamte chinesische Solarbranche kritische Blicke besonders der angelsächsischen Presse auf sich. In etlichen Berichten äußerten die Autoren den Verdacht, dass Luoyang Zhonggui nur ein Beispiel von vielen sei. Doch das lohnt einen genaueren Blick.

Billig auf Kosten der Umwelt

Dass besonders chinesische Hersteller betroffen sind, liegt auch an der Struktur des Siliziummarktes. Die bereits seit Jahren im Markt etablierten westlichen Konkurrenten haben sich den Rohstoff über langfristige Verträge zu relativ niedrigen Festpreisen gesichert. Die oft erst vor wenigen Jahren gegründeten chinesischen Firmen müssen ihn dagegen überwiegend auf dem Spothandel einkaufen: für viel Geld. Wie Pilze sind deshalb chinesische Siliziumhersteller aus dem Boden geschossen und haben sich in der Nähe der Produktionsstandorte von Unternehmen wie Suntech aufgestellt, um sie kostengünstig mit Silizium zu versorgen. Indem die Siliziumproduzenten auf die umweltschonende Entsorgung oder das Recycling der dabei entstehenden hochgiftigen Abfallprodukte verzichten, können sie ihre Produktionskosten mehr als halbieren und ihr Silizium noch billiger anbieten.

Wie bei ähnlichen Skandalen in anderen Branchen fließen die Informationen über Umweltprobleme aber nur spärlich. Beobachter haben Angst vor wirtschaftlichen Konsequenzen und wollen oft nicht zitiert werden. Deshalb ist es nur schwer einschätzbar, ob Luoyang Zhonggui wirk lich nur ein Einzelfall ist. Die wenigen Berichte, die nach außen dringen, lassen das Gegenteil befürchten. Behörden vor Ort würden danach über Verstöße von Umweltauflagen oft hinwegsehen. Daran ist auch die Konkurrenz innerhalb Chinas schuld. Die einzelnen Regionen stehen im wirtschaftlichen Wettbewerb zueinander, und Provinzbehörden bremsen die Dynamik eines Unternehmens in ihrer Region wohl eher ungern durch das Einfordern von Umweltschutz aus.

Auch Deutschland betroffen

Allerdings müssen sich auch Firmen hierzulande fragen lassen, ob sie nicht indirekt von der Umweltzerstörung profitieren. Deutschland ist für Suntech, China Sunergy und LDK Solar die wichtigste Absatzregion. So zählt zum Beispiel Q-Cells zu den Kunden der LDK, Aleo Solar ist ein Abnehmer von China Sunergy, und Suntech beliefert IBC Solar, Krannich Solar und Phönix Solar. Phönix-Firmensprecherin Andrea Zepf bezeichnete den Vorfall beim Siliziumlieferanten von Suntech als „absolut inakzeptabel“. Die Firma verurteile ihn „aufs Schärfste“ und habe ihren Zulieferer um Stellungnahme dazu gebeten. In Kürze würden Firmenvertreter Suntech sogar vor Ort aufsuchen und das Thema nochmals ansprechen.

Aber auch Suntech selber will mit dem Skandal verständlicherweise nichts zu tun haben. Gleich nach Bekanntwerden hat sich die Firma öffentlich von Luoyang Zhonggui distanziert und nach eigener Darstellung die Geschäftsbeziehung vorerst auf Eis gelegt. Laut Firmensprecher Rory Macpherson nimmt auch Suntech den Vorfall „außerordentlich ernst“ und verlangt von seinen Zulieferern, dass sie Umweltstandards erfüllen und etwa Sondermüll entweder nach Vorschrift ent sorgen oder recyceln. Ihm zufolge ist der Vorfall in Luoyang „ein Einzelfall“.

Matthias Fawer, Nachhaltigkeitsanalyst der Bank Sarasin & Cie AG aus Basel, stellt das jedoch in Frage. Im Vergleich zu Europa gebe es in China mehr Möglichkeiten zu tricksen. „Bei den sozialen Standards und bei den Umweltstandards chinesischer Solarunternehmen gibt es Riesenunterschiede“, lautet seine Einschätzung. Bei den großen Firmen, die wie etwa Suntech an der Weltspitze agieren, vermutet der Schweizer zum Beispiel keine größeren Mängel bei den Umwelt- und Sozialstandards. „Weil sie im Westen börsennotiert sind, können sie sich schlimme Verstöße gar nicht leisten“, sagt er.

Dafür sorgt auch der Druck der deutschen Händler. Wenn sie von einem Anbieter aus China kaufen, wollen sie nicht in Skandale verwickelt werden, nur um etwas Geld beim Einkauf zu sparen. „Gerade in der Solarbranche erwartet der Endkunde, dass die Produkte ökologisch einwandfrei sind“, sagt Stryi-Hipp, Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft. „Kleinere Produzenten, die kurzfristig agieren und sich gegebenenfalls schnell umfirmieren können, haben diesen Druck von außen dagegen nicht unbedingt.“ Sie müssen weniger Angst vor den Folgen eines Skandals haben und können sich leisten, die Tricks zur Umgehung der Umweltauflagen zu nutzen.

Gegenseitige Abhängigkeit

Andererseits sind nicht nur die chinesischen Anbieter auf den deutschen Markt angewiesen, auch die deutschen Firmen müssen die Produkte aus China kaufen. Laut Stryi-Hipp stammen von den Modulen im deutschen Markt „nach einer groben Schätzung bereits zirka 20 Prozent aus China“. Wer weiter wachsen will, ist aufgrund der Engpässe bei Wafern und Zellen auf die Lieferungen aus China angewiesen. Das bestätigt auch Andrea Zepf für Phönix Solar. Ihr zufolge können westliche Hersteller die Nachfrage nicht mehr befriedigen, wes

Die Luoyang Zhonggui High Technology produziert Silizium in der Mitte Chinas.

halb ihr Unternehmen „mit ausgesuchten chinesischen Herstellern“ zusammenarbeite. In Zukunft dürfte die Abhängigkeit von chinesischen Produzenten sogar noch weiter zunehmen. Denn die deutschen Unternehmen geraten etwa durch die geplanten Senkungen der im EEG festgeschriebenen Solarstromvergütung unter immer stärkeren Kostendruck. Im Wirtschaftskauderwelsch heißt es dann schnell: China eröffnet Möglichkeiten einer vorteilhafteren Kostenstruktur.

Allzu angenehm scheint vielen deutschen Solarfirmen die Nähe zu den chinesischen Akteuren im weltweiten Solargeschäft aber nicht zu sein. Zumindest sind nur wenige bereit, Presseanfragen über ihre Geschäftsbeziehungen nach China offen zu beantworten. Das mag auch daran liegen, dass man auch als Kunde in Deutschland durchaus etwas tun kann, wie ein Beispiel aus Bonn zeigt. Die Firma Solarworld bezieht zwar kaum noch Produkte aus China, wie Milan Nitzschke erklärt, Leiter der nachhaltigen Unternehmensentwicklung. Allerdings gab es in der Vergangenheit eine intensivere Zusammenarbeit mit Suntech. Damals hat Solarworld gute Erfahrungen damit gemacht, konkret Verbesserungen vor Ort vorzuschlagen: So habe etwa ein Mitarbeiter der Solarworld bei einem früheren chinesischen Partner einen Luftabzug in der Produktionshalle verlangt, um das Arbeiten erträglicher zu machen. Beim nächsten Besuch sei dieser dann installiert gewesen.

Enge Beziehungen machen Kontrolle möglich

Nach Ansicht von Matthias Fawer „bedarf es seitens der deutschen Kunden von chinesischen Solarunternehmen deshalb einer wirksamen Kontrolle der Zulieferer und der Zulieferketten“. Er empfiehlt, in dieser Hinsicht von anderen Branchen zu lernen. So hat die Textilbranche schon Erfahrungen damit gemacht, wie negativ sich Skandale im Zulieferbereich auf die Auftraggeber auswirken können, und daraufhin Kontrollsysteme aufgebaut. Allerdings müsse man „gewillt sein, für solche Standards ein paar Dollar mehr zu zahlen“. Dann stehen die Chancen nicht schlecht: Die chinesischen Solarfirmen bestehen ja nicht darauf, zu schlechten Bedingungen zu produzieren. Im Gegenteil: Sie streben ein hohes Qualitätsniveau der Produktion an, um so ihre Exportchancen zu verbessern.

Dass es auf Seiten der Chinesen eine große Bereitschaft gibt, hohe Umwelt- und Sozialstandards zu erfüllen, betont auch Oliver Kuan von der Sustainomics Group. Seine Unternehmensberatung mit Hauptbüros in München und Shanghai ist spezialisiert auf Geschäftsbeziehungen zwischen chinesischen und deutschen Solarfirmen. Ihm zufolge können die meisten chinesischen Akteure zumindest auf dem Papier schon heute Umwelt schutzzertifizierungen wie die auch in Deutschland gebräuchliche Norm ISO 14000 vorweisen. „Viel wichtiger ist jedoch eine enge Zusammenarbeit, um Sinn und Nutzen von hohen Umweltstandards zu vermitteln“, sagt er. In dieser Hinsicht sind einige kulturelle Barrieren zwischen Deutschen und Chinesen zu überwinden. Deshalb ist es wichtig, mit häufigen Besuchen eine enge Beziehung aufzubauen.

Außerdem kann man schon beobachten, wie mit der wirtschaftlichen Entwicklung auch das Umweltbewusstsein in China zunimmt. Besonders ausgeprägt ist das zwar in den von großen Umweltproblemen geplagten Städten. Doch die Umweltschutzwelle schwappt auch schon in die Provinz. Das ist das positive Ergebnis, das man aus dem Giftmüllskandal in Luoyang ziehen kann. Denn der ist dadurch publik geworden, dass sich Bauern bei der lokalen Rundfunkanstalt darüber beschwert haben, dass die abgekippten Giftstoffe stinken und den Boden unfruchtbar machen.

Auch die Zentralregierung in Peking macht zunehmend Druck, dass die Industrie die durchaus strengen Umweltauflagen einhält. Das liegt nicht so sehr an den bevorstehenden Olympischen Spielen, wie Kritiker einwenden könnten. Die bestehenden Umweltprobleme sind bereits so gravierend, dass die Regierung längerfristig eine Verbesserung anstrebt. Es gibt auch nur wenige Gründe, das nicht zu tun. Investitionen in den Umweltschutz stellen keine Größe dar, die sich nennenswert auf die Kostenvorteile der chinesischen Solarproduktion auswirkt. Die geringen Arbeitskosten, niedrige Energie- und Baukosten und weitere Vergünstigungen reichen nach Einschätzung von Kuan aus, um auch bei höheren Standards deutlich billiger als die Konkurrenz aus dem Westen zu sein.

„Chinesische Firmen konzentrieren sich außerdem zunehmend auf technologisch anspruchsvollere Güter, auch um höhere Kosten durch höhere Wertschöpfung zu kompensieren“, so Kuan. So können sie sich höhere Standards durchaus leisten. Die Branchen, in denen das nicht möglich ist, wandern wie die Textilindustrie bereits in andere Länder nach Süd- und Südostasien ab.

Chinesische Firmen besser als ihr Ruf

Dass bei chinesischen Solarfirmen die Sozialstandards besser sind als weithin angenommen, hat man auch beim Solarzulieferer Roth & Rau festgestellt. „Insbesondere bei den großen Firmen beobachten wir zunehmend, dass auf das soziale Umfeld und die Unternehmenskultur mehr Wert gelegt wird als früher“, sagt Silvia Roth, Sprecherin des Anlagenbauers. Große Solarzellenhersteller bieten bereits betriebseigene Bibliotheken, Weiterbildungs- und Sporteinrichtungen an.

Bald wird es dann kaum noch verwundern, dass chinesische Solarunternehmen sogar den Ehrgeiz haben, auch in Sachen sozialer und ökologischer Verantwortung eine Spitzenposition zu erobern. Das zeigt das Beispiel der durch den Giftmüllskandal in die Kritik geratenen Suntech. Das Unternehmen hat angekündigt, sein Hauptquartier in Wunxi so umzugestalten, dass es Kohlendioxid-neutral betrieben werden kann. Über eine Photovoltaikanlage mit einem Megawatt Leistung soll es seinen Energiebedarf zu 85 Prozent selbst decken, mit Erdwärme beheizt und mit Systemen ausgestattet werden, die das Wiederverwerten von Müll und verbrauchtem Wasser ermöglichen. Wenn diese Maßnahmen abgeschlossen sind, hätte Suntech westlichen Konkurrenten und Kunden sogar einiges voraus.

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