Danke, McKinsey! 

Hans Urban

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Geht es ihnen auch manchmal so? Man liest irgendwelche Dinge und denkt sich: Die sind doch eigentlich aus der Zeit gefallen! Mir ging es zumindest so beim Lesen der Pressemeldung über die neue McKinsey-Studie. Da schlägt ein renommiertes Beratungsinstitut vor, die Energiewende mit weniger erneuerbaren und dafür mehr fossilen Energien zu stemmen. Natürlich nicht ohne Grund, denn man könne damit Geld sparen: Der Spareffekt wird auf 150 Milliarden Euro beziffert.

Betrachten wir das Ganze doch mal möglichst objektiv: Die meisten, die sich mit dem Thema Energiewende beschäftigen, wissen, dass die Herausforderung groß ist und das nach den „low hanging fruits“, also einem Erneuerbaren-Energien-Anteil von 50, 60 oder 80 Prozent, erst der schwere Teil des Weges beginnt! Und ganz ohne Backup-Kapazitäten wird es nicht gehen. Trotzdem gibt es auch dafür erfolgversprechende Konzepte. Ein wichtiger Baustein dafür ist sicherlich der Ausbau von Großbatteriespeichern. Und wie kürzlich in zwei interessanten Studien von Geec und Frontier Economics gezeigt wurde, kann man auch damit volkswirtschaftlich sogar viel Geld einsparen, indem man die erneuerbaren Energien zeitlich besser verteilt und damit ihren Marktwert erhöht. Bei der Veröffentlichung dieser Studien wurde übrigens klar kommuniziert, wer die Studien finanziert und in Auftrag gegeben hatte, nämlich eine Arbeitsgemeinschaft von Herstellern und Projektierern von Großbatteriespeichern. Das kann nun Jeder werten wie er will, aber bei dieser aktuellen Studie von McKinsey fehlt auf den ersten Blick eine Angabe zum Auftraggeber und es ist nicht anzunehmen, dass die teuren Mitarbeiter dieses renommierten Unternehmens die 72 Seiten aus Eigeninteresse „mal eben nach Feierabend“ erstellt haben. Aber das nur am Rande.

Fest steht letztendlich, dass trotz aller Bemühungen um Erneuerbaren-Ausbau, Großbatteriespeicher, flexible Verbraucher und vielem mehr die Herausforderung für ein langfristig stabiles und bezahlbares Stromnetz nach wie vor groß bleibt und dass man dafür auch Gaskraftwerke als Reservekapazität weiterhin brauchen wird.

Aber auf diese technische Herausforderung bezieht sich ja diese Studie gar nicht. In der Studie wird vielmehr vorgeschlagen, Gaskraftwerke nicht nur als notwendige Reservekapazität zu betrachten, sondern weiterhin als Säule der täglichen Energieversorgung beizubehalten. Dafür könne man dann auch „den Ausbau von Batteriespeichern von 44 Gigawatt auf nur 23 Gigawatt begrenzen“. Es ist natürlich nachvollziehbar, dass man mit vielen Gaskraftwerken keine Batteriespeicher mehr brauchen wird. Aber in der Studie wird damit impliziert, dass es volkswirtschaftlich insgesamt günstiger und sinnvoller wäre, auch kurzfristige Angebots- und Nachfrageschwankungen mit Gaskraftwerken zu bedienen als mit Erneuerbaren und Batteriespeichern. Natürlich werden diese Gaskraftwerke alle „H2-ready“ designt, so wie ja heutzutage alles „H2-ready“ sein soll. Der weltweite Anteil von grünem Wasserstoff beträgt allerdings momentan lediglich ein bis zwei Prozent. Also werden wir diese vielen vorgeschlagenen Gaskraftwerke natürlich mit Erdgas betreiben, sei es verflüssigt oder nicht, sei es gefrackt oder nicht – bis auf weiteres jedenfalls alles andere als klimaneutral!

Aber bleiben wir ehrlich, Dunkelflauten wird es in irgendeiner Form geben, Reservekapazitäten werden gebraucht und in Zeitbereichen jenseits von zwei oder vier Stunden bis hin zu Tagen werden Batteriespeicher diese Funktion auch nicht erfüllen können. Aber macht es tatsächlich Sinn, über die technisch notwendigen Kapazitäten hinaus weitere neue Gaskraftwerke zu installieren, um an irgendeiner Stelle Geld zu sparen? Hat man hier auch die CO2-Preise und die vielen Klima-Folgekosten mit eingerechnet? Und ist es nicht euphemistisch, diesen Weg dann tatsächlich auch noch als „Weg in die Energiewende“ zu bezeichnen?

Nun ja, was letztendlich als „Energiewende“ definiert wird und was nicht, das lässt sich wohl objektiv schlecht in wenige Worte fassen und der Titel der Studie ist ja auch „Erhöhung der Wirtschaftlichkeit der Energiewende“, wie immer das definiert sein mag. Es wird ja sehr kontrovers diskutiert, was importierter grüner Wasserstoff einmal kosten wird und vor allem wie grün oder blau oder CO2-neutral er dann tatsächlich sein wird. Wenn wir aber den momentanen Zustand betrachten und verschiedenen Medien glauben dürfen, so beziehen wir ja heute – wenn auch über Umwege – sogar wieder viel russisches Erdgas, teilweise sogar in verflüssigter Form. Hinzu kommen wachsende Mengen an verflüssigtem LNG, zum großen Teil aus Fracking generiert und damit weit klimaschädlicher als andere Energieträger!

Wie schon gesagt: Teilweise ist das in der momentanen Situation vielleicht auch (noch) notwendig. Aber es bleibt die Frage: Wollen wir diesen Weg und diesen Zustand wieder verstärken und damit noch für die Zukunft zementieren?

Aber diese allgemeinen Fragen behandelt ja die Studie nicht, es ging vielmehr nur um die Kosten: Also werfen wir doch noch mal einen Blick auf die Kosten. Fairerweise sollten wir aber dann schon volkswirtschaftlichen Auswirkungen und damit die Kette der Folgekosten mit einbeziehen: Im Februar werden es mittlerweile zwei Jahre sein, seit Russland die Ukraine angegriffen hat. Aber nicht erst seit diesem Zeitpunkt, sondern schon Monate zuvor waren die Kosten für Gas mehr oder weniger explosionsartig angestiegen. Schließlich hatten wir ja schon Jahre zuvor unsere großen Gasspeicher teilweise an Russland verkauft und damit unsere Abhängigkeit weiter zementiert.  Vielleicht gab es ja dazu vorher auch Studien die diesen Weg als den „besseren und den billigen Weg“ ermittelt haben – aber das sei dahingestellt.

Tatsache ist allerdings, dass dieser Anstieg des Gaspreises und infolge davon über die Merit-Order-Preisbildung natürlich auch des Strompreises unsere Volkswirtschaft – so muss man es wohl bezeichnen – zeitweise in ein Chaos gestürzt hat. Natürlich spielte hier auch die Entscheidung eine Rolle, aus Sanktionsgründen kein russisches Gas zu beziehen.

Der Begriff Chaos klingt natürlich dramatisch– aber kann man es anders nennen? Es ging ja nicht mehr nur um Strom- und Gaspreise, sondern es drohten Insolvenzen an vielen Stellen, kleine Betriebe, Bäcker, Metzger, Handwerker und natürlich insbesondere energieintensive Industrie sahen ihre Existenz in dieser Zeit ernsthaft gefährdet. Viele gaben sogar auf. Produktionskosten schossen an vielen Stellen in die Höhe – und all das mündete in eine Inflationsblase, die es bei uns in der Form seit langem nicht mehr gegeben hatte. Damit nicht genug: Diese Inflation hat wiederum natürlich auch die Zinssituation befeuert, was wiederum wohl auch mit ein Auslöser für den Zusammenbruch der Baubranche war. Über die weiteren politischen Folgen wie Politikverdrossenheit, Protest-Wahlverhalten und mehr zu sprechen wäre sicherlich spekulativ.

Die Situation wirkt damit verheerend – aber ganz objektiv betrachtet: Hat jemand all diese Kosten und volkswirtschaftlichen Schäden jemals beziffert und vor allem: Was hätte das für einen Einfluss auf den hier in der Studie berechneten Kostenvergleich?

Ich denke, wir müssten uns schon die Frage stellen, ob wir ohne unsere damalige Abhängigkeit, insbesondere von russischem Gas, so viele ernste Probleme gesehen hätten? Ich denke nein!

Viele Politiker dachten das wohl auch, denn was wurde seither in verschiedensten Talkshows über Abhängigkeiten, über Resilienz, über Zukunftsausrichtung und vieles mehr diskutiert.  Wie oft wurde beteuert, dass wir alle miteinander aus dieser Krise gelernt haben! „Erneuerbare Energien sind Zukunftsenergien“, so haben wir es aus berufenem Munde vernommen. Man hätte hier fast schon eine politische Kehrtwende mancher Parteivertreter vermuten können.

Hätte damals oder auch noch vor einem Jahr jemand den verstärkten Einsatz von Gas und dafür weniger Erneuerbaren- Ausbau gefordert, dann hätte er in politischen Talkshows vermutlich einen schlechten Stand gehabt. Aber wir wissen ja alle: Der Mensch vergisst schnell und strickt am liebsten seine alten Denkmuster weiter!

Und wenn wir diese Wahrheit vergessen hatten, dann wurden wir zumindest heute wieder eindringlich daran erinnert. Danke McKinsey!

— Der Autor Hans Urban ist freier Berater im Bereich erneuerbare Energien und freiberuflich für den Großspeicher-Hersteller Eco Stor GmbH tätig. Seit mehreren Jahren ist er auch Mitglied der pv magazine-Jury. —

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