Zunehmende Gesundheitsschäden durch fossil-atomares Energiesystem und Erdüberhitzung

Hans-Josef Fell

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Die Erdgas-Jagd der deutschen Bundesregierung kennt kein Ende. Aus fernen autokratisch regierten Ländern wie Katar soll es genauso neue Erdgasmengen geben wie auch Frackinggas aus Deutschland selbst, was vor allem die FDP fordert. Dabei ist Erdgas und insbesondere Frackinggas höchst klimaschädlich und insbesondere in den Frackingregionen auch enorm gesundheitsschädlich. Problematisch ist deshalb auch die Haltung des Gesundheitsministers. Während es an Warnungen vor der nächsten Coronawelle nicht mangelt, fehlt es noch immer an echter Aufklärung bezüglich der zunehmenden Gesundheitsschäden durch Frackinggas und andere fossile Gesundheitsgefahren wie Hitzewellen infolge der Erdaufheizung.

Erschließung neuer Gasfelder im Senegal

Nachdem Kanzler und Minister in den vergangenen Monaten durch die Welt gereist sind, um fossile Energien aus Russland durch andere fossile Energien aus zum Teil ebenfalls autokratischen Regimen (etwa Katar, Lybien) zu ersetzen, wurde diese fossile Diversifikationsstrategie der Ampelkoalition beim G7 Gipfel in Elmau nun auf die Spitze getrieben.

Noch vor Kurzem hatten sich die G7 Staaten dazu verpflichtet, künftig nicht mehr in fossile Projekte im Ausland zu investieren. Dieses Vorhaben wurde nun unter Federführung von Bundeskanzler Olaf Scholz zurückgenommen. Denn damit Deutschland die Erschließung eines neuen Gasfelds im Senegal vorantreiben und sich finanziell an dem Projekt beteiligen kann, setzte sich Olaf Scholz dafür ein, diese in Glasgow getroffene Vereinbarung eines baldigen Endes der Finanzierung internationaler fossiler Projekte zu revidieren. Der Präsident des Senegal will im Dezember 2023 mit der Produktion anfangen, zunächst sind 2,5 Millionen Tonnen Flüssiggas pro Jahr vorgesehen, im Jahr 2030 dann 10 Millionen Tonnen.

Täuschung der Bevölkerung über den Zeithorizont der Gasförderung

Auch in Deutschland selbst ist die Diskussion um die Erschließung neuer Erdgasfelder und insbesondere um Frackinggas neu entbrannt. Dabei könnte neues Frackinggas in nennenswerten Mengen erst in etwa zehn Jahren fließen. Für den Ersatz von russischem Erdgas also viel zu spät. Dennoch wird das Frackingverbot offen in Frage gestellt, das einst wegen der hohen gesundheitlichen, ökologischen und klimaschädigenden Gefahren gesetzlich erlassen wurde.

Damit bleibt sich Olaf Scholz selbst treu, hat er doch den Ausbau von Nord Stream I und II stets unterstützt und mit der Mär von Erdgas als klimafreundlicher Brückentechnologie den Bau neuer Erdgasinfrastruktur unermüdlich vorantrieben. Nicht nur dass dieses Vorgehen dem Klimaschutz diametral entgegensteht – siehe hierzu die Erdgas-Studie der Energy Watch Group – auch führt der Bundeskanzler die Bürger mit der Behauptung, diese neuen Gasprojekte könnten einen Beitrag zur Lösung der aktuell drohenden Gasknappheit leisten, in die Irre. Denn anders als der Öffentlichkeit vorgegaukelt wird, helfen diese Gasfelder gegen den nun kurzfristig drohenden Gasmangel in Deutschland nicht im Geringsten. Stattdessen haben sie jedoch massive Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit.

Direkte Gesundheitsgefahren der Erdgasförderung

Die direkt messbaren Gesundheitsgefahren durch die Förderung von Erdgas werden in der öffentlichen Debatte noch immer kaum beachtet. Dabei sind Fracking-Hotspots die Krankheits-Hotspots der Erde. So zeigt beispielsweise eine Anfang des Jahres veröffentlichte Studie der Universität Harvard, dass die Lebenserwartung von Menschen, die in der Nähe von Fracking-Projekten leben, unter anderem aufgrund der Luftverschmutzung signifikant sinkt. Mit dem Einkauf von Frackinggas aus beispielsweise den USA nimmt die deutsche Bundesregierung somit nicht nur die weitere Überhitzung der Erde, sondern auch eine frühere Sterblichkeit der Menschen in den Fracking-Gebieten billigend in Kauf.

Indirekte Gesundheitsgefahren der Erdgasförderung durch Erdüberhitzung

Neben den Emissionen aus der Frackingwirtschaft gibt es natürlich eine ganze Menge weitere, die mit dem fossil-atomaren Energiesystem zusammenhängen. So zum Beispiel die Luftverschmutzung durch das Verbrennen fossiler Energierohstoffe, welche nach Angaben der WHO für über sieben Millionen Tote jährlich vor allem durch Lungenkrankheiten verantwortlich ist. Zum Vergleich: Bisher werden von der WHO etwa insgesamt sechs Millionen Tote der Coronapandemie in den letzten beiden Jahren zugeordnet. Auch Radioaktivitätsemissionen aus Uranbergbau, Unfällen und Betrieb von Reaktoren und Atommüllentsorgung sorgen für erhebliche Krankheitsbelastungen.

In besonderem Maße zeigen sich aber zunehmend auch die Gesundheitsauswirkungen durch die Erdüberhitzung. Sprich, die CO2-Emissionen aus dem Verbrennen von Erdgas, Kohle und Erdöl wirken sich global durch die zunehmende Erdaufheizung mit einer steigenden Anzahl an Hitzetagen auch immer stärker als zum Teil tödliche gesundheitliche Gefahren aus. Erstmals habe es auch in Deutschland in den Jahren 2018-2020 eine Übersterblichkeit durch sommerliche Hitze in drei aufeinander folgenden Jahren gegeben. Schlimm war es zum Beispiel im Hitzesommer 2003 in Paris, wo gekühlte Zelte aufgestellt wurden, um der hohen Anzahl von Hitzeleichen Herr zu werden. Die Hitzerekorde bereits im Juni dieses Jahr in Deutschland und der EU könnten Vorbote auf einen schlimmen Hitzehochsommer 2022 sein.

Welche gesundheitlichen Gefahren die Drei-Grad-Erwärmung mit sich bringt, auf die wir mit den aktuellen Maßnahmen noch vor Ende dieses Jahrhunderts zusteuern, erläuterte zuletzt Stefan Rahmsdorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung anschaulich. Was nach finsteren Dystopien klingt, wird jedoch für die nächste Generation schon gesundheitliche Realität, wenn Politiker weltweit nicht endlich in den Krisenmodus schalten.

Mangelhafter Beitrag des Gesundheitsministeriums zur Bewältigung der Klimakrise

Doch vorsorgliche Maßnahmen, Warnungen, Handlungsempfehlungen oder gar gesetzliche Maßnahmen wie zur Coronapandemie sind aus dem Gesundheitsministerium von Karl Lauterbach kaum zu hören. Die Medien sind voll mit Warnungen vor einer neuen Coronawelle im Herbst, jedoch sucht man fast vergeblich nach Warnungen vor Hitzegefahren im Sommer. Gleichzeitig gibt es auch keine Einsprüche des Gesundheitsministers zu den beschriebenen fossilen Projekten seiner Regierung, wie zum Beispiel dem Bau klimaschädlicher LNG-Terminals, dem Wiederanfahren von stillgelegten Kohlekraftwerken oder dem Tankrabatt, die alle dazu beitragen, dass Hitzeperioden weiter zunehmen. So werden die Hitzekrankheiten und Todesfälle in den kommenden Jahren analog zur Erdaufheizung weiter zunehmen, was als Versagen auch dem Gesundheitsministerium angerechnet werden muss.

Es braucht eine systemische Gesundheitspolitik innerhalb der planetaren Grenzen

Die Ignoranz des Bundeskanzleramtes bezüglich der massiven Klima- und Gesundheitsschäden durch Erdgas und andere fossile Energieträger wiegt besonders schwer, wenn ihr aus dem Gesundheitsministerium nichts entgegengesetzt wird. Statt einer kurativen Gesundheitspolitik, die (wie zuletzt in der Coronapandemie) ihren Fokus darauf legt, nachträgliche Schadensbegrenzung zu betreiben, braucht es endlich eine präventive Gesundheitspolitik, die den Zusammenhang zwischen menschlicher Gesundheit und intakten Erdsystemen zur Maxime ihres Handeln macht.

Erfreulicherweise gewinnt eben dieser ganzheitliche systemische Blick auf unser Gesundheitssystem im Rahmen des Forschungsfeldes der „Planetaren Gesundheit“ zumindest innerhalb der Wissenschaft immer weiter an Bedeutung – es bleibt nur zu hoffen, dass dieses Konzept endlich auch zu den (gesundheits-)politischen Entscheidungsträgern durchdringt.

— Der Autor Hans-Josef Fell saß für die Grünen von 1998 bis 2013 im Deutschen Bundestag. Der Energieexperte war im Jahr 2000 Mitautor des EEG. Nun ist er Präsident der Energy Watch Group (EWG). Mehr zu seiner Arbeit finden Sie unter www.hans-josef-fell.de. —

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