Klimaschutz ist Friedenspolitik

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Der schreckliche Krieg in Osteuropa und der neue Sachstandsbericht des „Weltklimarates“ IPCC – das sind zwei dramatische Nachrichten der letzten Tage, die in einem Zusammenhang miteinander gesehen werden müssen. Denn unsere fossile Importabhängigkeit hat uns gegenüber dem Aggressor Russland in eine problematische Abhängigkeit gebracht. In dieser dramatischen Situation weiter auf Kohle und neue Erdgas-Infrastrukturen zu setzen, kommt gleichermaßen einem klimapolitischen und außenpolitischen Suizid gleich. Nicht nur, weil wir eine Abhängigkeit durch eine andere ersetzen. Sondern auch, weil wir mit der Verbrennung fossiler Energieträger heute die Grundlage für gewaltsame Konflikte von morgen legen. Der neue Bericht des Weltklimarats ist ein Alarmruf von nie gekannter Dramatik.

Die Lösung liegt im massiven Ausbau der überall verfügbaren sauberen Energieträger, Sonne und Wind. Der sechste Sachstandsbericht des IPCC macht erneut deutlich, wie schnell uns beim Kampf gegen die Erderhitzung die Zeit davonläuft. Die britische Zeitung „Guardian“ fasst den Bericht mit folgenden Worten zusammen: „Der Zusammenbruch des Klimas beschleunigt sich rapide, viele der Auswirkungen werden schwerwiegender sein als vorhergesagt und es besteht nur noch eine geringe Chance, die schlimmsten Verwüstungen zu vermeiden.“ Der UN-Generalsekretär António Guterres kommentierte: „Ich habe in meinem Leben schon viele wissenschaftliche Berichte gesehen, aber keinen wie diesen. Der heutige IPCC-Bericht ist ein Atlas des menschlichen Leids und eine vernichtende Anklage gegen das Versagen der Klimapolitik.“

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass wir auf einen Abgrund zurasen und unsere Reaktion darin besteht, aufs Gaspedal zu treten. Auch die deutschen Bundesregierungen haben viel zu lange auf diesem Gaspedal gestanden. Die jetzige Bundesregierung will endlich den Fuß vom Gas nehmen, aber wird sie auch das Bremspedal finden und benutzen? Immerhin besteht im Moment eine Chance, das längst Überfällige nun endlich einzuleiten: Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) hat eine Vervielfachung der Anstrengungen bei der Energiewende angekündigt. Der Referentenentwurf zu einem energiepolitischen „Osterpaket befindet sich jetzt in der Ressortabstimmung.

Wir vom Solarenergie-Förderverein (SFV) unterstützen alle Maßnahmen, welche die Bundesregierung zur Wiederankurbelung der Energiewende ergreift. Wir betonen aber, dass das angestrebte Zieljahr 2045 für Klimaneutralität völlig unzureichend ist, um den klimapolitischen Anforderungen gerecht zu werden. Das galt bereits vor dem aktuellen Sachstandsbericht des IPCC. Mit der erneuten dramatischen Zuspitzung der Lage gilt es umso mehr. Der Bericht zeigt, dass selbst eine globale Erwärmung von 1,5 Grad Celsius unermessliches Leid über praktisch alle Länder des Planeten bringen wird, vor allem aber über die armen Länder des globalen Südens, die am allerwenigsten dazu beigetragen haben. Das Einhalten der 1,5 Grad Celsius-Grenze ist das allermindeste, was von den industrialisierten Ländern, also auch Deutschland, verlangt werden muss. Das bedeutet nach den übereinstimmenden Einschätzungen der Wissenschaft: Klimaneutralität bis 2030. Und ein energischer Einstieg in ökologische Methoden der dauerhaften CO2-Rückholung.

In diesem Sinne hat Volker Quaschning vor kurzem im Interview mit uns das Zieljahr 2045 eingeordnet: „Werden wir nach 2035 klimaneutral, dann kann Deutschland aus eigener Kraft nicht mehr das Pariser Klimaschutzabkommen einhalten.“ Deswegen fordert Quaschning, gegenüber den Regierungsplänen zum Klimaschutz „noch ‘ne Schippe draufzulegen“. Die Jahreszahl 2035 entspricht einer globalen Erwärmung von 1,7 Grad Celsius.

Eine weitere Problematik der Regierungsplanungen ergibt sich aus dem großen Gewicht, das auf Erdgas als „Brückentechnologie“ gelegt wird. Die Abhängigkeit von den Exportländern fossiler Rohstoffe zeigt sich gerade heute wieder als geopolitisch fataler Fehler. Diese Brennstoffe zerstören nicht nur das Klima, sondern sind auch die Ursache von Kriegen und von geopolitischer Erpressbarkeit. Das zeigt die dramatische Zuspitzung des Ukraine-Konflikts, welche die Klimakatastrophe im Moment überdeckt. Dabei hängen beide Problemlagen eng miteinander zusammen. Mit den steigenden Preisen für Erdöl und Erdgas finanziert Putins Russland seine Militärprogramme; und es setzt diese Rohstoffe als Druckmittel gegenüber dem Westen ein, der es versäumt hat, sich rechtzeitig unabhängig von Öl, Gas und Atomkraft zu machen. Das durch die fossilen Brennstoffe ruinierte Weltklima wird zu zunehmenden Verteilungskonflikten führen – nicht nur um diese Brennstoffe, sondern auch um Boden und um Lebensmittel. Weitere Kriege scheinen hierdurch vorprogrammiert.

Auch die Friedenspolitik verlangt demnach eine rasche globale Energiewende.

Über die Autoren:

Susanne Jung ist seit 1994 hauptberufliche Geschäftsführerin und und seit 2020 Vorstandsmitglied des Solarenergie-Fördervereins Deutschland. Zudem ist die Diplom-Ingenieurin Aufsichtsrätin und Ratsmitglied im Bündnis Bürgerenergie e.V. und aktive Unterstützerin des Runden Tisches Erneuerbare Energien.

 

 

Rüdiger Haude ist promovierter Hochschullehrer für Geschichte an der RWTH Aachen (mit Schwerpunkt Klimageschichte). Seit 2021 arbeitet der Privatdozent auch als Öffentlichkeitsreferent des Solarenergie-Fördervereins Deutschland.

https://www.sfv.de

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