Lokale Energiemärkte für kostenoptimierte Energiewende und mehr Akzeptanz

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Vor etwa drei Jahren startete das Projekt „pebbles“ im Allgäu. In der bayerischen Gemeinde Wildpoldsried wollten Siemens und die Allgäuer Überlandwerke (AÜW) mit weiteren Partnern ihre Vision eines lokalen Energiemarktes – basierend auf erneuerbaren Energien und einer Energie- und Flexibilitätsplattform mit Blockchain-Technologie – erproben. Vor wenigen Tagen veröffentlichten sie nun den Abschlussbericht zu ihrem Projekt, das privaten Prosumern von Photovoltaik-Anlagen und Batteriespeichern den Zugang zum lokalen Marktplatz ermöglichte.

Seit Oktober 2020 konnten sie so ihren Strom und ihre Flexibilitäten aktiv untereinander handeln und teilen. Bei einer lokalen Unterdeckung gab es eine Backup-Versorgung. Alle Nutzer der Plattform konnten zudem ihre Präferenzen für den Strombezug festlegen sowie die Herkunft des Stroms wählen und maximale Bezugspreise auswählen. Zudem berücksichtigten die Partner in dem Projekt die prognostizierte Netzauslastung, um so Engpässe zu minimieren. Daher wickelte die Handelsplattform die Transaktionen so ab, dass sie bei Bedarf die Flexibilitäten aus Batteriespeichern oder steuerbaren Lasten wie Wärmepumpen oder Ladestationen für Elektrofahrzeuge nutzte. Die rund 60 realen und virtuellen Teilnehmer brachten des AÜW zufolge auf täglich mehr als 6000 Verträge.

Zu den wichtigsten Ergebnissen des Projekts zählen nach Ansicht der Partner, dass „regionale Wertschöpfung gesteigert und individuelle monetäre Vorteile generiert werden“. Dies erhöhe die Akzeptanz in der Bevölkerung für den Ausbau der erneuerbaren Energien vor Ort. Zudem habe „pebbles“ gezeigt, dass digitale Plattformen im Energiehandel genutzt werden können, um eine Vielzahl dezentraler Energieanlagen kosteneffizient einzubinden und die Komplexität systemoptimierten Energiehandels zu reduzieren. Es sei mit der systemdienlichen Integration von Flexibilitäten gelungen, sowohl individuelle Vorteile für den Einzelnen als auch eine Reduzierung der Kosten für die Energiewende zu erreichen. Mit dem Konzept sei überdies ein verbesserter Abgleich von Erzeugung und Verbrauch auf lokaler Ebene ermöglicht worden. Die Partner sehen den Mehrwert dabei vor allem in der Reduzierung der Kosten für die Abregelung von Anlagen sowie für den Netzausbau. Zugleich würden damit Netzengpässe deutlich minimiert.

Trotz dieser ganzen Vorteile ist aktuell eine Übertragung des Systems auf andere Regionen in Deutschland kaum möglich. Dies ist denn auch das letzte Kernergebnis der Partner: „Die Politik ist gefordert, die dafür erforderlichen regulatorischen Rahmenbedingungen zu schaffen.“ Daher erstellten sie im Zuge ihres Projekts auch ein Policy Paper mit notwendigen Veränderungen. Sie übergaben es auf der Abschlussveranstaltung den anwesenden Politikern. „Die Projektergebnisse sind ein voller Erfolg. Wir haben gezeigt, wie lokale Energiemärkte funktionieren, welche Rahmenbedingungen dafür benötigt werden und was technisch für eine Umsetzung notwendig ist“, erklärte AÜW-Geschäftsführer Michael Lucke bei der Übergabe des Papiers auf der Abschlussveranstaltung. „Wir als Energieversorger sind gefordert, die bestehenden Strukturen kritisch zu hinterfragen und mit neuen Geschäftsmodellen den Energiemarkt der Zukunft mitzugestalten. Die neue Bundesregierung ist parallel dazu aufgefordert, die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen für ein neues Marktdesign zu schaffen. Auch die Bundesnetzagentur sollte sich darüber Gedanken machen, ob das Modell der statischen Netzentgelte in dieser Form noch lange Bestand haben kann“, so Lucke weiter. Das Projekt habe gezeigt, dass lokale Energiemärkte funktionieren können und auch dass das Modell beliebig skalierbar sei.

Unterstützung bekam er von den Grünen. „Dass wir bei der Energiewende heute stehen, wo wir stehen, haben wir der damals eingeführten EEG-Systematik zu verdanken. Allerdings muss man heute, gut 20 Jahre später neue Konzepte andenken und das System modernisieren“, sagt Ludwig Hartmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bayerischen Landtag.

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