Die VC-Pandemie

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Schon seit dem Platzen der .com-Blase greift eine Seuche in der Welt des Risikokapitals um sich. Von der Welt unbemerkt hat sich diese Krankheit auf dem Nährboden der Angst rasant ausgebreitet. Die Rede ist hier von der gefährlichen Track-Record-Legasthenie.

Die Symptome sind Antriebslosigkeit, Mittelmaß und eine gestörte Eigenwahrnehmung. Voller Stolz präsentieren einige Marktteilnehmer eine ganze Wand voller Firmen-Logos, die ich noch nie zuvor im Leben gesehen habe. Durch viel Geld werden künstlich hochgezüchtete Rennpferde an den Start gebracht, die nur auf einer Rennbahn ihre Leistungen bringen und selbst dort noch nicht einmal besonders hervorstechen. Von Alltagstauglichkeit oder Krisenfestigkeit brauchen wir bei dieser Rasse schon gar nicht zu reden.

Doch warum ist das so?

Alle suchen nach dem nächsten Blockbuster, dem Faxgerät, dem Bitcoin oder der social media Plattform. Den nächsten großen Hype, den jetzt noch keiner kennt. Doch bei dieser Suche kommen immer wieder nur die billigen Kopien von bekannten Marktgrößen an den Start, die aufgrund eben dieser vorhandenen bekannten Marktgrößen Zeit ihres Lebens wohl immer nur ein Nischendasein führen werden, egal wie viel Geld man auch in sie hineinpumpt.

Dabei müssen wir aber auch bedenken, dass es hier um eine sehr schwere Aufgabe geht. Angefacht von den Hypes der Branche hat sich die Menge der Anfragen verhundertfacht und die Qualität ist fast im gleichen Maße dazu gesunken. Denn wer Wind säht, wird Sturm ernten.

Um sich nun vor diesem wahren Ansturm zu schützen werden Vorfilter und feste Regeln gebaut, über die man sich am grünen Tisch einig war, dass man auf diese Weise eine gute Auswahl treffen kann. Man möchte also gerne ein möglichst großes, dickes, schweres Päckchen durch seinen Briefschlitz bekommen, aber gleichzeitig soll es wirklich genau zu einem selbst und den eigenen Kernkompetenzen passen, was ja natürlich auch verständlich ist, denn sonst müsste man ja etwas Neues dazu lernen.

Dass dieser kaum noch als solcher zu erkennende Briefschlitz nur noch sehr wenige und dünne Pakete durchlässt, ist dabei durchaus auch so gewollt und eben ein notwendiges Übel. Dabei ist die private Wirtschaft noch offen, mutig, unbürokratisch und zielorientiert. Bei staatlichen Stellen hat man eher den Eindruck, dass sie ihren Posteingang mit Feinstaubfiltern schützen oder dass der Briefschlitz von Kandinsky entworfen wurde.

Es ist vollkommen richtig: „Ohne Regeln, Fokus und eine klare Ausrichtung funktioniert es nicht“. Da will ich auch gar nicht widersprechen. Allerdings sollte man sich gelegentlich auch einmal bewusst machen, warum es eine Regel gibt, was der Sinn und Zweck dieser Regel ist und ob diese Regel auch in dem besonderen Fall wirklich anwendbar ist.

Ein ganz besonders großer Störfaktor bei diesem Vorgang ist die hier angesprochene Track-Record-Legasthenie, also die totale Fixierung auf einen bereits vorhandenen wirtschaftlichen Erfolg, welcher – wenn der denn gegeben ist – eigentlich eine Risiko-Finanzierung vollkommen unnötig macht. Die gleiche Schizophrenie finden wir nebenbei bemerkt ja auch bei Banken, die nur denjenigen Geld geben, die schon viel Geld haben. Aber eine Förderung für kleine Startups würde ja den Wettbewerb verzerren. Das ist jedoch genau der Wettbewerb, der sich durch diese praktische Nebenbedingung vollkommen von neuen Wettbewerbern abschottet.

Doch gerade diese Abschottung wollen die VCs ja mit Ihrem neuen Blockbuster durchbrechen, während sie dazu genau die gleichen protektionistischen Ansätze bei der Suche nach diesem Blockbuster verwenden.

Fällt auch Ihnen hier eine gewisse Komik auf?

Der Track-Record ist der Blick auf die bisherigen Verkaufserfolge, die erreichte Kundenbasis und die Reaktion des Marktes auf ein neues Produkt. Mit diesen Informationen hofft man bei der Risikoabschätzung, die hier im Kapitalverlauf mit der roten Linie dargestellte, potenzielle negative Entwicklung besser bewerten zu können. Man will also das Verlustrisiko von beispielsweise 40 Prozent auf annehmbare 15 Prozent senken. Die gelbe Linie zeigt den am wahrscheinlichsten mäßigen Kapitalverlauf und die grüne Linie zeigt den gewünschten Erfolg des so sehnsüchtig gesuchten Big Deals.

Nun gibt es jedoch neue Entwicklungen, die ohne eine Anschubfinanzierung keinen Track-Record aufbauen können. Bei tausenden von Anträgen werden diese Anträge dankbar von den Mitarbeitern aussortiert, da es ja hier um unkalkulierbare Risiken geht.

Doch ist das wirklich in allen Fällen so?

Vielleicht sollte man sich gelegentlich noch einmal zurücklehnen und sich fragen, wie man denn das Ausfallrisiko, welches sonst durch den Track-Record maßgeblich beeinflusst wird, noch einschätzen kann.

Ein solcher Fall ist unsere Entwicklung mit den Namen „IrrigationNets“. Dabei handelt es sich um eine Meerwasserkühlung für Agro-Photovoltaik Solarkraftwerke, welche nicht nur dafür sorgt, dass ein Solarkraftwerk mehr Strom zum Verkauf produziert, sondern gleichzeitig auch der in der Nähe befindlichen Landwirtschaft in Dürregebieten hilft. Mithilfe dieses Systems kann der Gewinn eines Solarprojektes durch eine zusätzliche Beteiligung an den gesteigerten Agrarerträgen fast verdoppelt werden.

Trotz erster erfolgreicher Prototypen suchen wir seit inzwischen drei Jahren erfolglos eine solide Finanzierung, da wir den wirtschaftlichen Erfolg nur mit einer realistischen Größe und im Ausland demonstrieren können. Das erfordert eine Grundinvestition, die wir allein nicht stemmen können.

Bei der Risikoeinschätzung wird immer nur das K.O. Kriterium des heiligen unbefleckten Track Record gesehen. Gleichzeitig wird ignoriert, dass 90 Prozent der nötigen Investitionen in ein klassisches Projekt mit einer Gesamtkapitalrendite von 20 Prozent erfolgen. Bei uns wäre die gelbe Linie ein totaler Misserfolg. In diesem gelben Fall ist es nicht möglich, weitere Meerwasserkühlungen zu verkaufen und es ist ein langweiliges Investment, wo 90 Prozent des Kapitals nur 20 Prozent Rendite erbringen. Gleichzeitig ist ein schlechterer Verlauf schon mit einem Totalverlust des Solarkraftwerks verbunden, welcher durch Versicherungen klassischerweise ausgeschlossen wird. Von einem so geringen Totalverlustrisiko wagt man bei anderen Projekten nicht einmal zu träumen.

Aufgrund des nachgewiesenen massiven weltweiten Bedarfs fällt auch die potenzielle Erfolgskurve sehr viel steiler aus als bei anderen Investments. Doch durch den ersten Blick auf das K.O. Kriterium hat man in den zehn Sekunden der Bewertung den Rest nicht einmal gesehen. Lediglich private Investoren wagen derzeit einen Blick hinter die Kulissen und unterstützen diese wichtige Entwicklung in unserer Crowd-Investmentaktion auf Fundernation.

— Der Autor Volker Korrmann ist Diplom-Ingenieur und verfügt über 20 Jahre Erfahrung als Seniorberater. Er ist seit 2011 Geschäftsführer der Ewind Betreiber- und Vertriebs- GmbH und hat im Rahmen dieser Tätigkeit diverse Forschungsprojekte im Bewässerungsbereich in Zusammenarbeit der Humboldt Universität, der Landesstelle Berlin und dem Institut für Olivenbäume in Tunesien durchgeführt. http://irrigationnets.com/

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