Wasserstoff oder E-Mobilität – alles Corona oder was?

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Es sind skurrile Zeiten, die wir aktuell erleben. Das ganze Jahr 2019 diskutiert die Energiewelt in Deutschland über Klimaschutz, CO2-Preis, Kohleausstieg, Mindestabstandsregeln für Windkraft und „Solar-Deckel“. Und kommt zu keinem oder zumindest für die meisten, zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis.

Und nun das: Der Corona-Virus (oder heißt er jetzt COVID-19?) macht möglich, was keine Greta Thunberg, kein Fridays-for-future (FFF) oder Scientists for future (SFF) bisher erreichen konnte: Die mutlose, zaghafte und zuweilen scheinbar angstgeplagte Bundesregierung fängt an, sich schneller als im Schneckentempo zu bewegen.

Zwar immer noch zaghaft, aber Tag für Tag mit immer schnelleren und teilweise schrilleren Tönen. Inzwischen jagt ein Krisengipfel den nächsten, fast täglich fühlen sich Innenminister, Gesundheitsminister und, ja, sogar die Kanzlerin, genötigt, etwas zur Lage der Nation zum Besten zu geben.

Parallelen zum Klimaschutz

Man kann davon halten was man will – die einen finden es komplett übertrieben, den anderen gehen die Maßnahmen nicht weit genug und vor allem nicht schnell genug. Eigentlich genauso wie beim Thema Klimaschutz.

Und, genauso wie beim Klimaschutz, läuft die Politik Gefahr, von der Realität links und rechts überholt zu werden. Die Lufthansa streicht 23.000 Flüge alleine bis nach Ostern. Das sind fast 600 Flüge pro Tag! Messen werden reihenweise abgesagt. Unternehmen stellen Ihre Arbeitsweise schlagartig um auf Home-Office. Meetings werden zu Video-Konferenzen. Der Ölpreis kollabiert und sinkt auf Rekordtiefen, die seit der Finanzkrise nicht gesehen wurden.

Das alles wird dafür sorgen, dass die menschgemachten und klimarelevanten Emissionen sinken.

Corona-Virus schafft das, was der drohende Klimawandel nicht schafft

Aus Angst vor etwas „vergleichsweise Harmlosen“ (Richard David Precht) sind plötzlich Dinge möglich, vor denen vorher eindringlich bezüglich Klimaschutz gewarnt wurde: Nur keine Verbote. Die Wirtschaft nicht überfordern. Geht alles viel zu schnell und ist zu radikal.

Plötzlich kann der Staat aber nun eingreifen, verbieten und klare Grenzen setzen – Maßnahmen, zu denen sich die Gesellschaft angesichts des deutlich bedrohlicheren Klimawandels nicht hinreißen lässt. Die Schlussfolgerung von Richard David Precht: „Die Leute haben mehr Angst um ihr Leben haben als um das Überleben der Menschheit“. Diese Meinung kann man teilen oder auch nicht. Aber es regt zumindest zum Nachdenken an.

Fakt ist: Wenn eine unmittelbare Bedrohungslage vorliegt, dann sind wir scheinbar in Lage, umfassend, schnell und auch mit drastischen Maßnahmen zu reagieren. Und: Die Kosten der Klimarettung steigen, je länger die Politik die Gegenmaßnahmen aufschiebt

Wasserstoff der (neue) Heilsbringer?

Fakt ist aber auch: Corona wird vergehen – früher oder später. Der Klimawandel aber nicht. Wir kommen also nicht umhin, gerade in dieser teilweise lebensbedrohenden Krise die Weichen für aktiven und wirksamen Klimaschutz zu stellen.

Da ist man dann schnell beim Wasserstoff. Scheinbar hat die deutsche Politik den Heilsbringer gefunden: Wasserstoff, in großen Mengen importiert. Dieser soll jetzt die Energiewende in Deutschland vollbringen, Klimaschutz als „grüner“ Wasserstoff inklusive. Der Wasserstoff als Lösung für alles. Es vergeht kaum ein Tag an dem man nicht in den Medien, auch sozialen Medien über die vielen Vorteile von Wasserstoff (H2) liest. Und wie überlegen doch auf Wasserstoff basierende Antriebe der „E-Mobilität“ wären.

Wasserstoff ist ein Energieträger – keine Primärenergiequelle

Was dabei nicht erwähnt wird: Wasserstoff ist kein Erdöl. Wasserstoff ist ein Energieträger, der aus Primärenergiequellen hergestellt werden muss. Genauso wie Strom. Auch (erneuerbarer) Strom kann in Wasserstoff umgewandelt werden. Mit entsprechenden Verlusten. Hinzu kommt: Wenn ich den Wasserstoff dann an Bord eines Brennstoffzellen (BZ) – Fahrzeugs wieder rückverstrome, dann entstehen weitere Verluste. Man benötigt in einem H2-BZ-Fahrzeug deshalb die doppelte Energie als in einem batteriebetriebenen Elektrofahrzeug, um 100 Kilometer zu fahren (über 30 Kilowattstunden vs. 16 Kilowattstunden). Wenn man die Verluste der Vorkette (Herstellung, gegebenfalls Verdichtung und Transport) einrechnet, kommt man schnell weit über 50 Kilowattstunden Strombedarf, um ein H2-BZ-Fahrzeug 100 Kilometer zu bewegen. Also um Faktor 3 schlechter als ein batteriebetriebenes Fahrzeug (16 Kilowattstunden vs. 50 Kilowattstunden).

Quelle: https://positionen.wienenergie.at/beitraege/grafik-strombedarf-erneuerbare-energie-fahrzeuge/

Hoffnungsträger „Synfuels“: Rettung des Verbrennungsmotors?

Fakt ist: Wenn wir den Klimawandel erst nehmen, und die Importabhängigkeit Deutschlands gegenüber fossilen Heiz- und Brennstoffen reduzieren wollen, führt an der (Teil-) Elektrifizierung des kompletten Verkehrs- und Transportsektors kein Weg vorbei. Denn aus Wasserstoff erzeugte Synfuels oder andere aus erneuerbaren Energien hergestellte Kraftstoffe sind noch einmal um Größenordnungen schlechter in der Effizienz als H2-BZ-Fahrzeuge. Wie in der Grafik zu sehen ist, werden dafür 6- bis 7-mal mehr Energie benötigt als bei einem batterieelektrischen Fahrzeug. Das bedeutet, ich bräuchte noch 6- bis 7-mal mehr Erneuerbaren-Erzeugungsanlagen, um dieselben Kilometer zurückzulegen.

Klimawirksamkeit: Batteriebetriebene E-Mobilität gewinnt

Die Forscher Brian Cox und Christian Bauer haben in einer groß angelegten Studie des Paul-Scherrer-Instituts (PSI-Studie) die Umweltauswirkungen von Personenwagen mit verschiedenen Antrieben verglichen. Zusätzlich zum Schadstoffausstoß im Betrieb wurden die Emissionen betrachtet, die bei der Herstellung jedes einzelnen Fahrzeugs anfallen. Die Forscher haben neben dem Status quo im Jahre 2018 auch ausgerechnet, welche Werte vermutlich im Jahr 2040 erreicht werden. So zeigt sich beispielsweise, dass bei den Erdgasautos der Zukunft mehr Einsparungen zu erwarten sind als bei Brennstoffzellen-Wagen. Klarer Gewinner, sowohl 2018 als auch 2040: Das batteriebetriebene Elektrofahrzeug.

Stromspeicher für E-Tankstellen

Aus wirtschaftlichen, energie- und klimapolitischen Gründen wird sich der Markt für Elektrofahrzeuge deswegen dynamisch entwickeln. Bereits im Januar und Februar diesen Jahres konnte man dies bereits an den Zulassungszahlen in Deutschland sehen. Deshalb sollte die Konzentration der Politik und Unternehmen nun vor allem auf der Förderung und Aufbau der Ladeinfrastruktur liegen, um den Markthochlauf zu flankieren. Dazu gehören insbesondere die stark gefragten Zuschüsse für Ladepunkte (Wallboxen) und Ladesäulen.

Außerdem planen viele Landesregierungen vermehrt die Nutzung intelligenter Ladeinfrastruktur. Was ausdrücklich und oft auch stationäre Batteriespeichersysteme mit einschließt. Selbst erzeugter Sonnen- oder Windstrom kann so gespeichert und flexibel für das E-Fahrzeug genutzt werden.

Der Autor Dietmar Geckeler blickt auf knapp 15 Jahre Erfahrung in der Solar- und Speicherbranche zurück. Der Diplom-Ingenieur der Verfahrens- und Umwelttechnik machte sich nach mehreren Stationen in Entwicklung und Industrie vor drei Jahren selbstständig. Mit der Strategie- und Technologieberatung Denersol berät er seitdem Unternehmen aus der Energie- sowie Wohnungswirtschaft. Schwerpunkt sind innovative und dezentrale Energieversorgungslösungen und Geschäftsmodelle, sowie die dafür notwendigen Konzepte und Technologien. Weitere Informationen finden Sie unter www.denersol.de

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