„Dialogprozess Gas 2030“: Erdgas als Daumenschraube für die Erneuerbaren

Sonne

Teilen

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) erklärte zum „Dialogprozess Gas 2030“: „Als erste Bilanz des Dialogs ist festzuhalten, dass gasförmigen Energieträgern in der Energieversorgung der Zukunft weiterhin eine zentrale Rolle zukommen wird.“  Was bisher aus diversen Quellen erschlossen werden musste, der „fuel switch“, die „Erdgas-Offensive“ – hier wird sie nun ganz offiziell bestätigt. So weit, so klar.

Wo es anschließend im Dialogprozess um den Klimaschutz geht (der unzutreffenderweise als „ambitioniert“ bezeichnet wird), werden die Nebelkerzen aktiviert: „Gleichzeitig setzen unsere ambitionierten Klimaschutzziele einen grundlegenden Transformationsprozess in Gang, der einen Wechsel zu CO2-freien beziehungsweise -neutralen gasförmigen Energieträgern auslösen wird.“

Wie ist das „gleichzeitig“ zu verstehen? Strukturen für gefracktes Flüssiggas sollen aufgebaut werden. Das ist leider wahrzunehmen. Wo aber gibt es „gleichzeitig“ den massiven Aufbau erneuerbarer Energien, der nötig wäre, um auf CO2-freie oder -neutrale Gase überzuwechseln? Dieser ist leider nicht wahrzunehmen, stattdessen ein Abwürgen des Windkraftausbaues.

Dem weiteren Text ist denn auch zu entnehmen, dass es mit dem Ausbau der Erneuerbaren wohl nicht so eilig ist, da auch Erdgas ein Schritt zur „Dekarbonisierung“ sei: „Im Verkehrs-, Industrie- und Gebäudebereich kann der Wechsel von CO2-intensiven Energieträgern (Kohle, Öl) zu Erdgas sogar ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg der Dekarbonisierung sein.“

Also zum wiederholten Mal: die Erdgasflamme emittiert weniger CO2 als die Kohleverbrennung. Verschwiegen wird, dass bei der Erdgasproduktion erhebliche Mengen (beim Fracking 12 Prozent der gesamten geförderten Gasmenge, beim „konventionellen“ Gas 4 Prozent) unverbrannten Methans zwecks Kosteneinsparung willentlich freigesetzt werden. Methan mit seiner in den ersten 20 Jahren 86-fachen Treibhauswirkung von CO2 sorgt dafür, dass Erdgas klimaschädlicher als Kohle ist. Darin stimmt die einschlägige Wissenschaft überein.

Der Klimaerhitzung und ihren Auswirkungen ist es egal, ob sie durch CO2 oder Methan verursacht werden. Dass Regierung und Industrie dies verschweigen, hat kriminelle Dimensionen, denn die Folgen werden dramatisch sein.

Dass man auch für die Zukunft gar nicht daran denkt, die Erneuerbaren inländisch im nötigen Ausmaß auszubauen, geht daraus hervor, dass die benötigten grünen Gase importiert werden sollen: „Mittelfristig müssen vollkommen neue Energieimportpartnerschaften mit internationalen Partnern aufgebaut werden, um den veränderten Energiebedarf zu decken.“

Welche Länder diese Partner sein sollen, wird an dieser Stelle nicht ausgeführt. Man denkt wohl an den Mittelmeerraum. Dass man sich dort nun anstrengt, grüne Gase zu produzieren, damit wir in Deutschland möglichst schnell vom Erdgas wegkommen, ist allerdings nicht zu erkennen. Eher dürfte es darum gehen, von den dortigen neu erschließbaren Erdgaslagerstätten beliefert zu werden. Peter Altmaier hielt es im Mai 2019 auf dem „Gasforum“ in Ägypten für „sehr klug“, wenn die angrenzenden Länder „ihren Schatz, den sie jetzt erschließen, gemeinsam so vermarkten, dass es ökologisch verträglich ist; dass es den Staats-Einnahmen nützt und gleichzeitig auch eine verlässliche Gasversorgung in anderen Teilen Europas ermöglicht.“

Obendrein erhalten die „grünen“ Gase nun auch noch den „blauen“ Wasserstoff zur Seite gestellt. Blau ist eine sympathische Farbe, assoziiert man doch Himmel und Meer damit. Was dahinter steckt, ist nicht blau: Der „blaue“ Wasserstoff wird nämlich aus Erdgas gewonnen und das dabei anfallende CO2 soll unterirdisch verpresst (CCS) werden. Das „von Leckagen und erheblichen Unregelmäßigkeiten“ (CCS-Gesetz) gekennzeichnete CCS wird mal wieder aus der Mottenkiste geholt, wie immer, wenn man sich um die Notwendigkeiten herumdrücken will.

Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) zufrieden

In einer Pressemitteilung stimmt der BEE dem „Dialogprozess“ überwiegend zu und gibt einige kritische Anregungen (Hervorhebungen von mir):

„Gastechnologien und die Gasinfrastruktur können einen bedeutsamen Beitrag zur Minderung der Treibhausgasemissionen leisten, sofern sie auf erneuerbare Gase umgestellt werden“.

„In der Umstellungsphase ist es wichtig, dass noch vorhandenes fossiles Gas nicht den Einsatz erneuerbarer Energien oder erneuerbarer Gase behindert. Zudem sollte der Gasverbrauch insgesamt reduziert werden.“

„Um perspektivisch auch im Inland Erneuerbare Gase zu erzeugen, bedarf es einer Vervielfachung von Erneuerbaren Stromkapazitäten“.

In diesen Aussagen scheinen sich durchaus einige Forderungen aus dem Positionspapier „LNG stoppen“ niedergeschlagen zu haben, allerdings nur in verbaler, unverbindlicher Weise. Die Infragestellung der Sinnhaftigkeit eines LNG-Hafens in Brunsbüttel wird umgangen, obwohl dies eigentlich die logische Konsequenz aus obigen Aussagen wäre. Vielleicht mögen hierbei auch parteipolitische Rücksichten mitgewirkt haben, da das grün geführte Umweltministerium Schleswig-Holsteins den LNG-Hafen befürworte.

Derartige nur aus Worten bestehende Aktivitäten sind der Klima-Situation auf unserem Planeten absolut unangemessen. Die Ablösung der Kohle durch einen noch klimaschädlicheren fossilen Brennstoff führt direkt zu dem Punkt, wo der Klimawandel unwiderruflich in die ungebremste Selbstverstärkung kippt und dann nicht mehr zu beeinflussen ist.

„Bei der Vorstellung der ersten Bilanz im ‚Dialogprozess Gas 2030‘ durch Bundesminister Peter Altmaier sei abermals deutlich geworden, wie wichtig der Beitrag der erneuerbaren Energien zur Minderung der Treibhausgasemissionen sei.“ zeigt sich der BEE zufrieden.

Doch was soll das: die Erneuerbaren seien ein „Beitrag“ zur Minderung der Treibhausgasemissionen? Sie sind nicht ein „Beitrag“, sondern das einzige Mittel, mit dem die Treibhausgasemissionen vermindert werden können (von Energieeinsparung abgesehen)!

Doch das ist genau diese diffuse, von Halbheiten geprägte Haltung der Organisationen der erneuerbaren Energien, die die Deformation des EEG und die derzeitige Krise der ganzen Energiewende mit ermöglicht hat. Wird die Verschärfung der Klimakatastrophe ein entschiedeneres Handeln auslösen – und das noch rechtzeitig?

— Der Autor Christfried Lenz war unter anderem tätig als Organist, Musikwissenschaftler und Rundfunkautor. Politisiert in der 68er Studentenbewegung, wurde „Verbindung von Hand- und Kopfarbeit“ – also möglichst unmittelbare Umsetzung von Erkenntnissen in die Praxis – zu einer Leitlinie seines Wirkens. So versorgt er sich in seinem Haus in der Altmark (Sachsen-Anhalt) seit 2013 zu 100 Prozent mit dem Strom seiner PV-Inselanlage. Nach erfolgreicher Beendigung des Kampfes der BI „Kein CO2-Endlager Altmark“ engagiert er sich ganz für den Ausbau der Erneuerbaren in der Region. Als Mitglied des Gründungsvorstands der aus der BI hervorgegangenen BürgerEnergieAltmark eG, wirkte er mit an der Realisierung einer 750 Kilowatt-Freiflächenanlage in Salzwedel. Lenz kommentiert das energiepolitische Geschehen in verschiedenen Medien und mobilisiert zu praktischen Aktionen für die Energiewende. —

Die Blogbeiträge und Kommentare auf www.pv-magazine.de geben nicht zwangsläufig die Meinung und Haltung der Redaktion und der pv magazine group wieder. Unsere Webseite ist eine offene Plattform für den Austausch der Industrie und Politik. Wenn Sie auch in eigenen Beiträgen Kommentare einreichen wollen, schreiben Sie bitte an redaktion(at)pv-magazine.com.

Anmerkung der Redaktion: Der ursprüngliche Titel „Dialogprozess Gas 2030: Energiewende wird vergast“ ist nachträglich  (14.10.2019, 15:00 Uhr) geändert worden.