Greenpeace und Fraunhofer IEE: Fahrplan für Kohleausstieg in zwölf Jahren

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Auf einer Pressekonferenz in Berlin haben Greenpeace und das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik IEE am Freitag eine Studie vorgestellt, in welcher vorgerechnet wird, wie ein Kohleausstieg in Deutschland in zwölf Jahren möglich wäre. Damit Deutschland die Vereinbarung des Pariser Klimaschutzabkommen, die globale Klimaerwärmung unter 1,5 Grad Celsius zu halten, erreichen kann, müsse die deutsche Stromproduktion bis 2035 komplett kohlefrei werden.

Vor dem Hintergrund der derzeitigen Räumung des Hambacher Forstes durch RWE ist die Debatte im einen Kohleausstieg in Deutschland wieder aufgeflammt. Anike Peters von Greenpeace Deutschland eröffnete ihre Aussage damit, dass „Deutschland aus der Kohle aussteigen wird. Das ist unbestritten, die Frage ist nur wann.“

Das Fraunhofer IEE, welches Energiesysteme modelliert und analysiert, sieht vor, dass für eine schnellere Reduktion der Treibhausgase, eine kurzfristige Stilllegung von 6.1 Gigawatt Braunkohlemeilern notwendig sei. Darüber hinaus schlagen die Autoren der Studie vor, die Volllaststunden der verbleibenden Braunkohlekraftwerke auf vorerst 6000 und ab 2025 auf 4000 Stunden zu drosseln. Des Weiteren sollen Kohlekraftwerke gemäß ihrem Alter schrittweise abgeschaltet werden.

Um den Leistungsverlust auszugleichen, soll ein dynamischer Ausbau erneuerbarer Energien die Versorgungssicherheit schaffen. Demnach sollen bis 2030 insgesamt 146,4 Gigawatt Photovoltaik sowie 108,6 Gigawatt Onshore- und 21,5 Gigawatt Offshore-Windkraft aufgebaut werden. Bestehende Kohle-Kraftwärmekopplungsanlagen sollen durch Erdgas-Kraftwärmekopplungskraftwerke ersetzt werden. Wobei laut Norbert Gerhardt vom Fraunhofer IEE ein Zubau von zehn Gigawatt Gas-Kraftwärmekopplung hinreichend wäre. Außerdem sollen finanzielle Anreize durch einen kontinuierlichen Anstieg des CO2-Preises auf 40 Euro pro Tonne im Jahr 2030 geschaffen werden. Aus diesen Vorschlägen leite sich ab, dass der Zubau von Photovoltaik in Deutschland drastisch auf etwa zehn Gigawatt pro Jahr erhöht werden müsse.

Greenpeace und das Fraunhofer IEE nehmen an, dass sich mit diesem Szenario auch das Klimaziel für 2020, die Treibhausgas Emissionen um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken, einhalten lässt. Diese Zielsetzung wurde von der Bundesregierung kürzlich aufgegeben.

Die Teilnehmer der Pressekonferenz hingegen sind der Meinung, dass die technischen Grundlagen für einen schnellen Kohleausstieg vorhanden sind, und eine erfolgreiche Umsetzung eines solchen Vorhabens lediglich von politischer Willensstärke abhängig ist. Sollte dieser Wille allerdings vorhanden und das Ausbauszenario der vorliegenden Studie werde so umgesetzt werden, so sei mit einer Reduktion der Treibhausgase von 72 Prozent bis 2030 zu rechnen.

Auf die Frage zur Bewältigung der „Dunkelflaute“ antwortete Norbert Gerhardt pv magazine:„Das Problem lässt durch den integrierten europäischen Strommarkt beheben.“ Auf regionaler Ebene könne es zwar zu längeren Produktionsausfällen von bis zu zwei Wochen kommen, allerdings seien diese aber eben regional begrenzt. Ein reger Handel mit Strom aus benachbarten Ländern würde hier Abhilfe schaffen. Auch unter dem Gesichtspunkt der Nutzung von Speichern ist Gerhardt der Auffassung, dass längere Dunkelflauten nur durch überregionalen Stromhandel kompensiert werden können.

Den Angaben der Studie zufolge ist Deutschland in den Jahren zwischen 2005 und 2017 zum Nettostromexporteur geworden, mit einer Nettoexportbilanz von 55 Terrawattstunden im Jahr 2017. Dieser Trend würde sich umkehren und Deutschland könnte zum Nettoimporteur werden mit einer Nettoimportbilanz von knapp 20 Terrawattstunden. Die Studie gibt an, dass eine ausgeglichene Bilanz aus Importen und Exporten angestrebt werden sollte.

Anike Peters von Greenpeace verwies zudem nochmals auf die Proteste im Hambacher Forst. Der Tagebau versorgt die Braunkohlekraftwerke Neurath und Niederaußem zu jeweils 56 Prozent und 37 Prozent mit Braunkohle. Der restliche Anteil der für die Verstromung benötigten Kohle kommt aus dem benachbarten Tagebau in Garzweiler. Laut Peters wäre es möglich, die beiden Kraftwerke Niederaußem und Neurath komplett mit Braunkohle aus Garzweiler zu versorgen. So könnte zumindest eine Rodung des Waldes verhindert werden. Denn für Peters steht: „Solange die Kohlekommission noch verhandelt, dürfen keine unumkehrbaren Fakten geschaffen werden.“