Wird Enyway das Airbnb des Strommarkts?

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Wer gerne mit AirBnB direkt von Einheimischen Unterkünfte bucht und dann mit von Uber vermittelten Fahrern dort hin fährt, wird vielleicht auch das relativ neue Angebot von Enyway schätzen. Die Hamburger Gründer um Heiko von Tschischwitz, der zuvor Lichtblick aufgebaut hatte, übertragen die Plattformwirtschaft nun wirklich in die Stromversorgung. „Wir schaffen neue Regeln für einen Energiemarkt, in dem die Menschen nicht mehr auf Konzerne und Stadtwerke angewiesen sind“, schreibt Tschischwitz in der Gründungs-Pressemitteilung, so wie es eben auch AirBnB und Uber in ihrem Segment formulieren könnten. „Künftig wird es hunderttausende kleiner, privater Stromverkäufer geben, die ihre selbst erzeugte Energie ohne Umweg über einen Energieversorger direkt an ihre Nachbarn, Freunde und andere Menschen verkaufen.“

Natürlich sieht diese in jeder Branche anders aus. Aber einen Blick auf Enyway sollten all jene werfen, die sonst auch gerne wissen, von welchem Landwirt die Tomaten oder Eier stammen. Denn bei Enyway kann man zum Beispiel Strom von Martina bei Wunstdorf bei Hannover kaufen, die eine Solaranlage besitzt und das Ziel hat, „dass unsere Kinder in 15 Jahren nicht mehr wissen was ein Auspuff ist“. Oder von einer Kerstin, die an die „Dezentralität der Energieversorgung, für uns und unsere Kinder“ glaubt. Oder von Windanlagenpionier Jochen, der schreibt, dass seine Anlage seit Anfang der 90er Jahre „bis heute problemlos läuft und sich auch noch lange weiterdrehen wird“.

Dass eine Martina, eine Kerstin oder ein Jochen ihren Solar- oder Windstrom einer Musterkundin namens Lisa verkaufen, gab es mit anderen Namen in Marketingaussagen schon öfter. „Dem Strom ein Gesicht geben“ geht bereits seit zwei Jahren durch die Presse. Nur: die Realität bei Enyway kommt diesem Wunschbild deutlich näher als die bisher gehandelten Konzepte bei Sonnen, Lumenaza, oder vermittelt über die Wolke, der Senec Cloud, der Eon Cloud und den ganzen anderen Anbietern. Das hat Vor- und Nachteile.

Wirklich direkt vom Anlagenbetreiber

Während bei den bisherigen Konzepten der direkte Bezug der privaten Stromverkäufer und -käufer nur über einen Energieversoger vermittelt war, der dem einen den Strom abkaufte, in einen Pool einspeiste und daraus wieder verkaufte, tritt bei der Verkäufer bei Enyway energierechtlich wirklich als Verkäufer auf. Möglich wurde das durch eine kleine Änderung in der letzten EEG Novelle. Paragraph 20 ermöglicht nun Direktvermarktern, direkt an Endkunden zu vermarkten. Die Marktprämie, die bei nach dem EEG geförderten Anlagen die Differenz zwischen Börsenstrompreis und Einspeisevergütung ausgleicht, wird trotzdem gezahlt.

Das erlaubt jedem Solar- oder Windstromerzeuger bei Enyway wirklich einen eigenen Preis zu setzen, der in ähnlicher Größenordnung liegt wie die üblichen Strompreise, und zu handeln. Kerstin möchte gerne 66,25 Euro pro Monat für eine jährliche Lieferung von 2.500 Kilowattstunden. Marcus aus Rügen verkauft die gleiche Menge für 66,04 Euro. Sie verkauft den Strom ihrer Photovoltaikanlage mit 236 Kilowatt Leistung, er speist aus seiner 177 Kilowattanlage ein. Natürlich können sie nicht den gesamten Strom ihrer Kunden aus der Anlage decken, sondern nur etwa 30 Prozent, denn sie können das Problem nicht lösen, dass nachts die Sonne nicht scheint und im Winter wenig. Den Reststrom liefern beide aus Zukäufen von Wasserkraft-Ökostrom.

Die Aufgaben der Plattform

Die administrativen und formellen Voraussetzungen dafür sind groß. Diese erbringt Enyway als Dienstleistung. Außerdem wickelt Enyway im Auftrag der Privat-Stromversorger die Bezahlprozesse ab und bietet eine Versicherung an, falls die Stromkunden nicht zahlen. Kerstin und Marcus müssen als Versorger außerdem die 70 Prozent Reststrom einkaufen, den ihre Kunden benötigen. Auch das organisiert Enyway.

Energiewirtschaftlich speisen Kerstin und Marcus in den Sub-Bilanzkreis eines Direktvermarkters ein, er versorgt die Käufer. Strom, der nicht an Kunden verkauft wird, verkauft der Direktvermarkter an der Börse. Die dafür notwendige Messtechnik kostet etwas Geld. Wie lange es dauert, bis ein Anlagenbetreiber seine Mehrkosten deckt, hängt vom erzielten Strompreis ist und von der Anzahl der Stromkunden ab. „Bei 10 Kunden ist es realistisch, dass er seine laufenden Mehrkosten bereits innerhalb eines Jahres gedeckt hat“, schreibt Enyway. Die Einmalkosten der Messtechnik seien auf lange Sicht zu vernachlässigen.

Derzeit wird auf Verbrauchsseite meist noch nicht zeitaufgelöst gemessen, wann wie viel verbraucht wird. Daher arbeitet Enyway auf Verbrauchsseite „klassischerweise“ mit Standardlastprofilen, die eine Art Mittelwert des Verbrauchs über alle Verbraucher angeben. Es lässt sich also noch nicht exakt berücksichtigen, ob der Erzeuger exakt dann genug einspeist, wenn die Kunden den Strom verbrauchen. In Zukunft könnte genauer abgerechnet werden, wenn die Stromverbraucher mit Smart Metern ausgestattet sind.

Ob Stromverkäufer über die Plattform mehr Geld verdienen können, als wenn sie einspeisen, hängt am Ende davon ab, was die Kunden zu bezahlen bereit sind. Enyway geht davon aus, dass sie am Ende ein bis zwei Cent pro Kilowattstunde verkauften Solarstrom mehr erlösen als bei reiner Börsenvermarktung.

Der Stromkäufer muss derzeit etwas mehr zahlen als bei einem Ökostromanbieter. Rechnet man Kerstins Angebot auf einen Verbraucher mit 4.000 Kilowattstunden pro Jahr um und bezieht die 3,99 Euro Gebühr für die Enyway-Plattform mit ein, kostet die Kilowattstunde rund 31 Cent. Nach Aussage von Enyway hängt es aber von der Postleitzahl ab, da die Netzgentgelte variieren. Es gebe Regionen, in denen der Enyway-Strom günstiger sei.

Der Preis dürfte sich am Ende auf einer Höhe einpendeln, die Verbraucher aus ideellen Gründen bereit sind zu zahlen. Denn Verkäufer setzen ihren Preis selbst und haben ein Interesse daran, Käufer zu finden, um mehr zu verdienen, sagt Adrian Degode, Business Developer bei Enyway. Runtergebrochen auf die Kilowattstunde unterscheiden sich das billigste und das teuerste Angebot derzeit um 1,6 Cent pro Kilowattstunde oder fünf Prozent.

Das letzte Wort dürfte das noch nicht sein, da die Plattform noch am Anfang steht. Sie ist erst Ende 2017 live gegangen. Inzwischen gibt es 31 Stromverkäufer. Zur Zahl der Käufer äußert sich das Unternehmen „nur in 10.000er Schritten“, schreibt Geschäftsführerin Varena Junge. Da der erste Schritt noch nicht erreicht sei, gibt es keine konkrete Angabe. „Wir spüren, dass wir neue Marktstrukturen etablieren, eine ganz neue Produktkategorie promoten und damit den Nerv der Zeit treffen“, so Junge weiter. „Die Energiewirtschaft wird dezentral. Und zwar auf allen Wertschöpfungsstufen. Vertriebsgesellschaften von Energieversorgern werden wenig zu lachen haben in Zukunft.“

Skalierung ist notwendig

Wie am Ende das dezentrale Energiesystem aussieht, und welche Rolle das Konzept von Enyway darin spielen wird, ist noch nicht absehbar. Ein Haken dabei ist, dass es den Vorteil, direkt Käufer und Verkäufer zusammen zu bringen, mit einem Nachteil erkauft. Es findet kein Pooling mehr statt. Wenn Wolken den Ertrag von Kerstins Anlage einbrechen lassen, kann ihr Kunde keinen Strom von Marcus dazu kaufen, auf dessen Anlage eventuell noch Sonne scheint, und im Winter keinen Windstrom von Jochen, dessen Windrad sich ja oft komplementär zur Solarstromerzeugung dreht. Adrian Degode würde es auch für sinnvoll halten, dass sich solche Verkäufer kombinieren lassen. „Regulatorisch ist es allerdings nicht ganz einfach, genau diese Idee umzusetzen“, sagt er. „Bisher kombinieren wir daher zum Beispiel Solarstrom mit Wasserkraftstrom wenn die Sonne nicht scheint“. Die Möglichkeit, als Kunde sowohl Solarstrom und Windstrom einzukaufen, würden sie aber auch eruieren.

Ein Problem mit dem Wasserkraft-Ökostrom ist, dass es davon in Deutschland nicht genug gibt, um in großem Maße skalierbar zu sein. Nimmt man stattdessen den Wasserkraftstrom aus Skandinavien, ist man wieder bei dem Zertifikatehandel, zu dem die ganzen Plattformanbieter ja gerade eine Alternative bieten wollen. Denn dieser befördert die Energiewende nicht. So lässt sich mit dem Kauf von Zertifikaten von unter einem Cent pro Kilowattstunde Atom- und Kohlestrom formell einfach zu Wasserkraftstrom umwandeln, ohne eine einzige neue grüne Erzeugungsanlage zu fördern.

Die Clouds- und Communities haben also auch Vorteile gegenüber dem Enyway-Konzept. Sie können zwar nicht die direkte Verbindung der Käufer zu Verkäufern herstellen, erlauben im Gegensatz zu Enyway aber ein Pooling von Erzeugungsanlagen. Allerdings kommunizieren die meisten Anbieter nicht unbedingt, wie hoch die Deckung ihrer Stromverkäufe mit dem erzeugten Solar- und Windstrom ist, so dass man als Kunde nicht weiß, wie gut es wirklich funktioniert. Der Stromanteil, der nicht durch die Erzeugung im Pool gedeckt ist, wird in der Regel nämlich auch aus dem Zertifikate-Ökostrommarkt zugeliefert. Und selbst wenn sie eine hohe Deckung erreichen, ist das noch nicht direkt im Sinne der Energiewende skalierbar. Denn die hohe Deckung lässt sich auch durch Erzeugungsüberkapazitäten im Pool erreichen. Für eine skalierbare Lösung im Sinne der Energiewende sind also auf jeden Fall noch andere Konzepte nötig, um Erzeugung, Verbrauch, Lieferung in andere Sektoren und Speicherung in jedem Moment auszugleichen.

Adrian Degode ist jedenfalls überzeugt, dass das Enyway-Konzept der Energiewende dient, da es Menschen zusammenbringt und sehr transparent ist. „Die Teilnehmer freuen sich, so miteinander handeln zu können und bevorzugen das gegenüber Verträgen mit Großkonzernen“, sagt er.