Energiespeicher: Flexibilitätsoption oder vierte Säule des Energiesystems?

Es sind bewegte Zeiten in der deutschen Energiewirtschaft. Ein alter Bekannter, berühmt in Deutschland für seine „Strompreisbremse“, wird neuer Wirtschafts- und Energieminister. Fast zeitgleich kündigen Eon und RWE eine der weitreichendsten Kooperationen an, die die europäische Energiebranche je gesehen hat. Und fast gleichzeitig, und im Verhältnis dazu fast schon unbemerkt, fand die Energy Storage Konferenz und Messe in Düsseldorf statt. Und letzte Woche dann noch das: Das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf kassiert die von der Bundesnetzagentur initiierte Senkung der Erlösobergrenze für Netzbetreiber. Was das alles miteinander zu tun hat? Mehr als Sie auf den ersten Blick vielleicht denken. Doch der Reihe nach:

Das Netz in den Mittelpunkt stellen?

Der gerade erste vereidigte neue Wirtschafts- und Energieminister, Peter Altmaier von der CDU, lies auf dem BEE-Neujahrsempfang im Februar keinen Zweifel: Die „Energiewende“ bedeutet für ihn primär den Ausbau der Stromnetze. Zwar würdigte er die unglaubliche Kostendegression der erneuerbaren Energien, allen voran Sonne und Wind während der letzten fünf Jahre. Diese hat dazu geführt, dass laut der jüngsten Erhebung des Fraunhofer ISE Photovoltaik-Kraftwerke in Deutschland im Jahre 2018 die niedrigsten Stromgestehungskosten aller Erzeugungsformen haben! Leider vergaß der ehemalige Umweltminister zu erwähnen, dass diese Kostenentwicklung gerade durch die damals in Deutschland angestoßenen Entwicklungen, vor allem aber durch die weltweite „economy of scale“ zustande kam. Und das trotz seiner verheerenden Politik in den Jahren 2012/2013 und gerade eben nicht deswegen. Aber an den HGÜ-Leitungen, welche laut Peter Altmaier „Hochgeschwindigkeitsleitungen (O-Ton)“ sind, hält er fest, deren Ausbau möchte er maximal beschleunigen und sogar ins Zentrum seiner Energiepolitik stellen.

Verteilnetzriese Eon durch „kalte Fusion“?

Dazu passt ins Bild, dass genau drei Tage vor Vereidigung von Peter Altmaier die beiden größten deutschen Energieversorgungsunternehmen die Neuordnung Ihrer Geschäftsfelder bekanntgeben. Dazu soll die vor nicht einmal zwei Jahren mit einem spektakulären Börsengang abgespaltene RWE-Ökostromtochter Innogy komplett in Eon aufgehen, um damit den mit Abstand größten Verteilnetzbetreiber Deutschlands zu bilden. Über ein Drittel des Verteilnetzes in Deutschland wäre somit in Hand von Eon, auch ein Großteil der Grundversorgungskunden damit in Hand eines einzigen Unternehmens. „Reverse“ – Liberalisierung könnte man das nennen oder auch die Re-Monopolisierung des natürlichen Monopols Netz. Die geplante Übernahme der „Ökostrom“-Tochter Innogy durch Eon wird von Teilen der Branche auch als „kalte Fusion“ bezeichnet. Da mutet es schon befremdlich an, wenn der ehemalige oberste Aufseher der höchsten deutschen Wettbewerbsbehörde bei diesem Vorgang keine negativen Folgen für den Wettbewerb sieht. Justus Haukamp begründet das dann abenteuerlicher weise damit, dass ja auf „Vertriebsseite“ inzwischen genug Wettbewerber existieren würden und das Netz durch die Bundesnetzagentur sowieso reguliert sei. Eine doch sehr einseitige Sichtweise, die völlig außer Acht lässt, welche Marktkonzentration sich auf einen Schlag auf Netz- und Vertriebsseite ergeben würde. Wie hieß das Zauberwort der Liberalisierung noch einmal? Unbundeling? Oder doch „Re-Bundeling“?

Bundesnetzagentur prüft Rechtsbeschwerde

Zudem sollen die staatlich regulierten Eigenkapitalzinssätze für Netzbetreiber jetzt doch nicht sinken. Das OLG Düsseldorf kassierte letzte Woche die Verringerung der Erlösobergrenze der Netzbetreiber. Die Bundesnetzagentur wollte mit Wirkung zum 01.01.2019 die Eigenkapitalzinssätze von 9,05 auf 6,91 Prozent und für Altanlagen von 7,14 auf 5,12 Prozent kürzen. Zur Begründung führte das Gericht an, dass „die Höhe des Zuschlags (…) methodisch fehlerhaft ermittelt und festgesetzt worden“ sei. Es passt hier ins Bild, dass das Gericht nicht die Verringerung der garantierten Eigenkapitalverzinsung an sich kritisiert, sondern die Methodik zur Berechnung dieser. Bei diesen Zinssätzen wird einem in der aktuellen Niedrigzinsphase fast schon schwindelig, selbst bei den von der Bundesnetzagentur vorgeschlagenen reduzierten Sätzen. In diesem Sinne ist es nur zu verständlich, wenn die Bonner Behörde eine Rechtsbeschwerde gegen das Urteil intensiv prüfen will, auch wenn natürlich fraglich ist, ob diese erfolgreich sein wird.

Energiespeicher für „zeitlichen“ Ausgleich von Schwankungen

Energiespeicher erfüllen eine andere elementare Rolle im Energiesystem. Sie sorgen für etwas, was Netze nicht oder nur ungenügend leisten können: den zeitlichen Ausgleich zwischen „Erzeugung“ und Verbrauch. Deshalb sind Energiespeicher auch nicht nur eine weitere „Flexibilitätsoption“, wie manch interessierte Seite behauptet, sondern ein elementarer Bestandteil und natürlicher Partner von (Strom-) Netzen.

Unser heutiges Energiesystem, genauso wie das zukünftige wird durch großflächige Speicher charakterisiert, da der Energiebedarf immer großen täglichen und auch saisonalen Schwankungen unterworfen ist. Ob Kohlehalden, Brennstäbe für Atomkernkraftwerke, Öl- und Gastanks, (Salz-) Kavernenspeicher oder Pumpspeicher, die Liste heutiger Energiespeicher ist lang und könnte beliebig fortgesetzt werden. Der Unterschied zum zukünftigen Energiesystem: Dort benötigen wir Speicher für Elektrizität (aus Sonne und Wind) und weniger Brennstoffspeicher, die im Prinzip heute vor Umwandlung der Brennstoffe zu Strom Unmengen an Strom speichern. Wärme- und Gasspeicher werden ebenfalls weiterhin benötigt, um die sektorübergeifende Kopplung voranzutreiben und Synergien bestmöglich zu nutzen.

Wie weit hier die Industrie in Bezug auf technische Lösungen und Geschäftsmodelle bereits ist, konnte man Mitte März auf der Energy Storage in Düsseldorf bestaunen. Der Bundesverband Energiespeicher (BVES) stellte dort in einer Studie die positive Entwicklung der Branche vor und man konnte unzählige marktreife Lösungen sowie die Professionalisierung der Branche sprichwörtlich spüren.

Keine Technologieoffenheit möglich bei Netzen und Speichern

Wer auch immer sich dieses Drehbuch der letzten Wochen ausgedacht hat, man muss in Summe festhalten, dass die Attraktivität, Netze um- und auszubauen damit wieder steigt und staatlich gefördert auch zusätzlich zum politischen Auftrag gemacht wird. Diese Tatsache an sich ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass es dieselben Akteure sind, die vehement die Technologieoffenheit von Flexibilitätsoptionen (also unter anderem bei Netzen und Speichern) fordern und den Netzausbau als die vermeintlich billigste Flexibilitätsoption dann aber wieder staatlich reguliert anreizen. Womit sie gleichzeitig selbst gegen die selbstpostulierte „Technologieoffenheit“ verstoßen.

Damit dies endlich auch in der Politik gehört wird und dort ankommt, mein Appell an die Branche: Die vielfach geforderte „Speicherstrategie“ der Bundesregierung sollte dringend von den Branchenakteuren selbst erarbeitet werden. Wie dem Koalitionsvertrag zu entnehmen ist, spielen Speicher bislang in den Überlegungen (zumindest kurzfristig) keine größere Rolle in den nächsten vier Jahren. Um dies zu ändern, bedarf es einer Kraftanstrengung aller an dezentraler Energieversorgung mit Ziel 100 Prozent erneuerbarer Energien Interessierter. Zu Beginn der Legislaturperiode ist ein idealer Zeitpunkt dafür, das Zeitfenster durch die langwierigen Koalitionsverhandlungen aber eher kurz. Im Sinne einer erfolgreichen Umsetzung der „Energiewende“ hin zu 100 Prozent erneuerbaren Energien, ist keine Zeit mehr zu verlieren. Packen wir es an!

Der Autor Dietmar Geckeler blickt auf knapp 15 Jahre Erfahrung in der Solar- und Speicherbranche zurück. Der Diplom-Ingenieur der Verfahrens- und Umwelttechnik machte sich nach mehreren Stationen in Forschung und Industrie vor drei Jahren selbstständig. Mit der Strategie- und Technologieberatung denersol berät er seitdem Unternehmen aus der regenerativen Energie- sowie Wohnungswirtschaft. Schwerpunkt sind innovative und dezentrale Energieversorgungslösungen und Geschäftsmodelle, sowie die dafür notwendigen Konzepte und Technologien. Weitere Informationen finden Sie unter www.denersol.de  — 

 

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