Was technologieübergreifende Ausschreibungen von Photovoltaik- und Windkraftanlagen mit kostenlosem ÖPNV gemeinsam haben

Zwischen dem allgemeinen Warten auf das Ergebnis des SPD-Mitgliederentscheids zum Groko-Koalitionsvertrag und der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts zur Zulässigkeit von Fahrverboten, mischten sich diese Tage zwei interessante Meldungen und Debatten.

Ausspielen der kostengünstigsten erneuerbaren Energien

Zum einen brachte die geschäftsführende und noch amtierende Bundesregierung unter Druck des eingeleiteten Vertragsverletzungsverfahrens aus Brüssel einen kostenlosen ÖPNV ins Spiel. Dieser Vorschlag entfachte eine kontroverse Debatte über Sinn und Unsinn dieser Maßnahme sowie über die daraus entstehenden Kosten. Unter anderem um Kosten (wenn auch nicht nur) geht es letztlich auch bei der Debatte um Sinn und Unsinn von technologieübergreifenden Ausschreibungen von Photovoltaik und Windkraftanlagen (Onshore). Die nachweislich günstigsten Formen der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien sollen jetzt also auch untereinander in Wettbewerb treten.

Ordnungspolitik vs. Marktideologie

Gemeinsam ist beiden Vorhaben das Ziel: Da man ordnungspolitische Maßnahmen wie beispielsweise Fahrverbote oder den Kohleausstieg um jeden Preis vermeiden will, möchte man klimaschonendes Verhalten beziehungsweise den Ausbau der erneuerbaren Energien anreizen. Das heißt, in beiden Fällen geht es in der Konsequenz darum, die Verursacher der Luftverschmutzung und des klimaschädlichen Ausstoßens von Abgasen aus fossilen Brennstoffen sowie deren wirtschaftlichen Profiteure zu schonen. Beiden Vorschlägen und den Debatten darum liegt damit letztlich die Ideologie zugrunde, dass der „Markt“ es schon richten wird. Alle Akteure in diesem Markt richten sich nur nach ihrem eigenen wirtschaftlichen Vorteil und handeln auch (ausschließlich) danach. Das würde dann bedeuten, dass durch kostenlosen ÖPNV die Autofahrer einfach umsteigen oder sich durch die gemeinsame Ausschreibung durch rational ökonomisches Verhalten automatisch die geringsten Kosten für das Gesamtsystem ergeben.

Ausblenden von strukturellen und systemischen Faktoren

In beiden Fällen werden wichtige Faktoren komplett aus der Betrachtung ausgeblendet: Zum Beispiel, dass Autofahrer den ÖPNV oft nicht nutzen, weil die Infrastruktur seit Jahrzehnten auf Autos zugeschnitten wird. Oder dass die Komplexität und das Umsteigen beim ÖPNV diesen teilweise zusätzlich unattraktiver macht und dass manche einfach Ihre „Privatsphäre“ nicht gegen den täglichen (Haut-)Kontakt mit anderen im Bus eintauschen wollen. Bei den übergreifenden Ausschreibungen wird die natürliche Konvergenz von Sonne und Wind und der dadurch geringere Transport- und Speicherbedarf ausgeblendet. Durch die alleinige (betriebswirtschaftliche) Fokussierung auf die Höhe des Vergütungszuschlags gehen volkswirtschaftliche positive Effekte wie die geringeren Systemkosten durch die intelligente Kombination beider Technologien verloren. Zusätzlich fällt der „Markt“ hier nicht vom Himmel, sondern er ist von Menschen definiert worden, seine „Spielregeln“ werden letztlich von der Politik vorgegeben und sind auch durch diese jederzeit veränderbar.

Neue Lösungsansätze gefordert

Beide Diskussionen verdeutlichen: Neue Konzepte und Lösungsansätze sind dringend erforderlich! Und: der Blick auf das Ziel und das große Ganze sollte bei all diesen Diskussionen nicht verlorengehen.

Eine technologieübergreifende Ausschreibung von Solar und Wind an sich ist keine schlechte Idee. Allerdings sollte es dann wirklich eine gemeinsame Ausschreibung sein, die Anreize für die Systemintegration setzt. Das bedeutet, ein bestimmtes Ausschreibungs-Kontingent, bei dem entweder das Verhältnis Solar zu Wind aus wissenschaftlicher Sicht fest vorgegeben ist etwa 40 zu 60 oder/und ein Kombi-Bonus zusätzlich gezahlt wird, sollte das „erneuerbare“ Kombikraftwerk in derselben Region bzw. im selben Verteilnetz stehen.

Die Verteilernetzkomponente geht bereits in diese Richtung. Allerdings blendet diese völlig aus, dass ein Verteilnetz nicht notwendigerweise scharf an der Grenze eines Landkreises endet. Das bedeutet, um den Netzaus- oder umbaubedarf zu reduzieren und den Ausbau systemisch sinnvoll zu steuern, ist diese Komponente in der jetzigen Form nicht geeignet.

Kostenloser ÖPNV würde nicht schnell genug kommen

Die Idee, den ÖPNV kostenlos allen Menschen anzubieten, hat aus sozialer Perspektive einen großen Charme. Ausreichen, um Fahrverbote zu vermeiden, wird es nach allgemeiner Einschätzung, vor allem kurzfristig kaum. Dazu ist die Umsetzung dieser Idee an zu viele Fragen gekoppelt und würde flächendeckend zu lange dauern. Die übergeordnete Frage, die wir beantworten sollten, ist hier: Wie schaffen wir eine gesellschaftliche Trendwende weg vom Massen-Individualverkehr mit seinen Folgen für Klima, Gesundheit, urbanes Leben und die Natur? Das Verbilligen der „guten“ Lösung wird hier nicht ausreichend sein, um eine verursachergerechte Belastung der Verantwortlichen wird man (zusätzlich) nicht herumkommen.

Somit haben beide Diskussionen und Debatten einen weiteren Punkt gemeinsam: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Und gut gemeint sind beide Vorschläge in Bezug auf die Herausforderungen vor denen wir aufgrund der Klimakatastrophe und der Transformation des Energiesystems in Bezug auf Dekarbonisierung und Digitalisierung stehen. Deshalb mein Appell an die Branche der erneuerbaren Energien: Es wird allerhöchste Zeit für Konzepte und Lösungsvorschläge für die Umsetzung und Integration von Kombikraftwerken mit intelligenten Mobilitätskonzepten.

Der Autor Dietmar Geckeler blickt auf knapp 15 Jahre Erfahrung in der Solar- und Speicherbranche zurück. Der Diplom-Ingenieur der Verfahrens- und Umwelttechnik machte sich nach mehreren Stationen in Forschung und Industrie vor drei Jahren selbstständig. Mit der Strategie- und Technologieberatung denersol berät er seitdem Unternehmen aus der regenerativen Energie- sowie Wohnungswirtschaft. Schwerpunkt sind innovative und dezentrale Energieversorgungslösungen und Geschäftsmodelle, sowie die dafür notwendigen Konzepte und Technologien. Weitere Informationen finden Sie unter www.denersol.de  — 

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