Die fossil-atomaren Scheinriesen – wie das Bundeswirtschaftsministerium die Öffentlichkeit und die Politik manipuliert

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Wer kennt ihn nicht, den Herrn Tur Tur den Scheinriesen aus der Geschichte „Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer“ von Michael Ende. Von weitem wirkt er riesengroß, doch je mehr man sich diesem Scheinriesen nähert, umso kleiner erscheint er. Dieser Vergleich drängte sich mir bei der Beschäftigung mit den neuesten Energiezahlen des Bundeswirtschaftsministeriums auf. Das gesamte Zahlenwerk „atmet“ den Geist der alten Energiewirtschaft und ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier mit Zahlen auch ganz massiv Meinung beeinflusst werden soll. Außerdem ist schlicht und ergreifend ein Fehler drin.

Ich beschränke mich bei der folgenden Betrachtung auf das Thema Stromerzeugung und den Vergleich Atomenergie und Windenergie. Man könnte den ganzen Strombereich und auch die anderen Verbrauchsbereiche Wärme und Mobilität analysieren und ein Buch darüber schreiben – der Tenor wäre immer gleich: Viele Zahlen für altes Denken!

Dem geneigten Leser wird durch geschickte Auswahl der „passenden“ Kennwerte ein Bild vermittelt, das die fossil-atomaren Energien überhöht, deren ungeheure Verschwendung kaschiert und die erneuerbaren Energien im Verhältnis viel zu klein erscheinen lässt.

Wichtigstes Stilmittel dieser Manipulation: Es wird konsequent der Primärenergieverbrauch (PEV) oder die Bruttostromerzeugung als Kenngröße herangezogen. Diese Größen beinhalten auch sämtliche Verluste bei der Umwandlung und dem Transport von Energie. Verluste, die die Erneuerbare nicht oder kaum aufweisen. Als Information am Rande oder zur Verdeutlichung der Verschwendung unseres derzeitigen Energiesystems ist der PEV vielleicht ganz nett, aber das was wir wirklich brauchen, ist doch der Strom aus der Steckdose (Endenergie) und nicht das Uran das riesige Dampfschwaden erzeugt und dazu dient, all die Pumpen und Apparaturen der Kraftwerke mit Strom zu versorgen, so dass am Ende gerade einmal ein jämmerliches Drittel der eingesetzten „Primärenergie“ als Strom beim Verbraucher ankommt.

Die Primärenergieverbrauchsanteile werden in der wichtigsten Darstellung als übersichtliche Tortengrafik mit Anteilen der jeweiligen Energieträger dargestellt. Eine entsprechende Grafik mit dem Endenergieverbrauch und dessen Verbrauchsanteile sucht man vergebens.

Der Anteil der Atomenergie am Primärenergieverbrauch betrug 2017 laut den Zahlen in der Grafik 828 Petajoule (PJ) (230 Terawattstunden (TWh)). Dies entspricht einem Anteil von 6,1 Prozent des PEV. Die Windenergie mit angeblich 280 PJ (78 TWh) Erzeugung soll einen Anteil von 2,8 % haben. Nun ergeben aber 280 PJ Windenergie geteilt durch den Gesamtverbrauch von 13.525 PJ exakt 0,020702402 und damit gerundet 2,1 Prozent Anteil – oder umgekehrt 2,8 Prozent Anteil entsprechen 380 PJ bzw. 105 TWh (was im Übrigen auch ungefähr dem tatsächlichen Ertrag der Windenergie 2017 entspricht, zumindest wenn man den Zahlen von Bruno Burger vom Fraunhofer ISE auf der Website „energy-charts.de“ Glauben schenkt). Klar wird der Fall, wenn man die PJ-Beiträge der Erneuerbaren addiert und beim Gesamtergebnis 100 PJ fehlen – da hat sich jemand verschrieben oder verrechnet.

Nun zu meinem eigentlichen Anliegen, das mich seit vielen Jahren umtreibt, weil so auch in den Statistiken der Welt zu finden: Das Prozentverhältnis 6,1/2,8 Prozent suggeriert, dass die Atomenergie das 2,2 fache der Windenergie zur Deckung unseres Energieverbrauchs beiträgt – und das tut sie definitiv nicht! In Wirklichkeit lieferte sie gerade mal das 0,7-fache des Windstroms und der Rest war heiße Luft oder Dampf. So viel Dampf, dass als Anwohner des gottseidank stillgelegten AKW Grafenrheinfeld meine Kinder früher dachten, dass da die Wolken gemacht werden.

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Grafik: BMWi

Ich habe mal nachgerechnet, dass bei 13.525 PJ Primärenergieverbrauch (ca. 3.757 TWh) und bei 6,1 Prozent Atomstrom-Anteil (ca. 230 TWh Primärenergieeinsatz) und einer Netto-Stromerzeugung von 72,14 TWh laut energy-charts, die AKWs einen Nettowirkungsgrad von etwa 31 Prozent aufweisen und folglich ungefähr 158 TWh in die Luft geblasen oder selbst verbraucht haben. Bei 30 Megawattstunden Verbrauch für ein Einfamilienhaus könnte man mit dieser Wärmemenge rund fünf Millionen Häuser beheizen!

Wenn nun in den nächsten Jahren durch die Stilllegung der letzten AKWs deren wegfallende Stromerzeugung durch Erneuerbaren-Strom ersetzt wird, entfallen nicht nur 72 TWh Atomstrom, sondern zusätzlich die 158 TWh Verlustenergie. Das entspricht einer Primärenergieeinsparung des bundesdeutschen Verbrauchs von 4,2 Prozent! Man kann es seitens der Erneuerbaren-Energien-Befürworter nicht oft genug betonen, da dieser Effekt ja ähnlich gravierend auch beim längst überfälligen Kohleausstieg auftritt: Erneuerbare Energien bewirken nicht nur weniger Atommüll oder CO2-Emissionen, sondern gleichzeitig eine drastische Energieeinsparung und Verbesserung der Effizienz im Energieeinsatz!

Warum in den Energiedaten akribisch die Erzeugungsleistung jedes einzelnen noch laufenden AKWs aufgeführt wird und sogar noch die Nettoleistungen aller schon lange abgeschalteten AKWs zu eindrucksvollen 21.517 Megawatt addiert werden, mag der Wehmut der angegebenen Quelle „Deutsches Atomforum“ geschuldet sein, hat aber eigentlich nur in einem geschichtlichen Rückblick etwas verloren. Warum dann nicht auch die Leistungen und die über den Erwartungen liegenden Volllaststunden unserer Offshore-Windparks einzeln aufführen?

Zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken.

Grafik: BMWi/Quelle Eurostat

Auf die zahlreichen weiteren gefärbten Darstellungen kann ich aus Platzgründen nicht eingehen. Nur abschließend noch zwei Bemerkungen zu den Kostengrafiken: Die Darstellung der Stromkosten der Haushalte in absoluten Zahlen dienen offenbar einzig und allein der These, wir hätten „die teuersten Strompreise“ in Europa. Was wirklich relevant ist, wären die Kosten in Bezug auf die Haushaltseinkommen. Aber da müsste man zugeben, dass Deutschland mit einem Stromkostenanteil von 2,0 Prozent am verfügbaren Einkommen nach Angaben von Eurostat im Mittelfeld der EU liegt und dann könnte man nicht so schön auf das EEG schimpfen, das angeblich den Strom so teuer macht. Zehn Cent pro Kilowattstunde bedeuten eben für einen bulgarischen Haushalt nicht ein Drittel der deutschen 30 Cent pro Kilowattstunde, sondern dass er einen um die Hälfte höheren Anteil von drei Prozent seines Einkommens dafür ausgeben muss.

Dass zur Behauptung die deutsche Industrie zahle ebenfalls den teuersten Strom in Europa die Gruppe der Mittelständler zwischen 500.000 und 2 Millionen Kilowattstunden Verbrauch ausgewählt wurde, passt ebenfalls ins Bild. Hätte man mal die Großindustrie (>100 Gigawattstunden) herangezogen, die sowohl von EEG als auch von Netzentgelten weitestgehend befreit ist, wäre man zu einem völlig anderen Bild gelangt.

Um Sie liebe Leser nicht völlig zu überfordern, höre ich jetzt auf – bitte Sie aber bei zukünftigen Diskussionen immer darauf hinzuweisen: Fossile und atomare Energien sind Scheinriesen und das bundesdeutsche Wirtschaftsministerium liefert fossil atomar gefärbte – und manchmal falsche – Zahlen!

— Der Autor Gunter Häckner ist beruflich seit 25 Jahren in verschiedenen Bereichen der erneuerbaren Energien tätig. Der Diplom-Ingenieur Elektrotechnik war zuletzt technischer Geschäftsführer einer kommunal getragenen Energiewendegesellschaft. Derzeit ist er bei einem bundesweit agierenden Ökostomanbieter beschäftigt. —

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