Neue Runde im Preiskampf eröffnet

Die Hersteller eint die Hoffnung, von einer Marktbelebung hierzulande zu profitieren, auch wenn diese aus verschiedenen Gründen eher verhalten ausfallen dürfte. Im zweiten Halbjahr ist ein neuer Preiskampf bei Solarmodulen in Europa ausgebrochen. Die Situation erinnert an 2012, allerdings mit schnelleren Preiszyklen entlang der gesamten Lieferkette, wie Luc Grare von REC sagt. Marktteilnehmer und Analysten sehen die Gründe vor allem in den massiven Überkapazitäten der chinesischen Hersteller sowie der verzögerten Nachfrage in den USA nach der Verlängerung der Steuererleichterungen über das Jahresende hinaus. Grare ist überzeugt, dass sich die Hersteller an dem aktuellen Preiskampf beteiligen müssen, um hohe Lagerbestände oder die Stilllegung ihrer Fertigung zu vermeiden.

„Der abrupte Preisverfall hat für Verwerfungen auf allen Märkten gesorgt. Wenn zig Gigawatt chinesischer Produktion von einem Halbjahr aufs andere zusätzlich auf den Markt drängen, ohne dass die Nachfrage steigt, setzt das alle Akteure unter Druck“, sagt Milan Nitzschke, Sprecher von Solarworld. Während sich die Projektierer die Hände reiben, weil die Renditen für ihre Projekte wieder deutlich besser werden, suchen die Modulhersteller in Deutschland nach geeigneten Strategien jenseits des ruinösen Preiskampfs.

Die Befragung zur aktuellen Situation bei Solarworld, CS Wismar, Solarwatt, Astronergy, Aleo Solar und Solar-Fabrik ergab ein überraschend differenziertes Meinungsbild. Heckert Solar – als weiterer großer Produzent in Deutschland – wollte sich prinzipiell zu seiner Preispolitik und Strategie nicht äußern.

Die Rückgänge bei den durchschnittlichen Modulverkaufspreisen zwischen Mai und September beziffern Solarworld, CS Wismar, Solar-Fabrik und Astronergy im zweistelligen Prozentbereich, teilweise auch konkret mit zehn oder zwölf Prozent. Nur bei Solarwatt, das vor allem auf seine Glas-Glas-Module setzt, hat man noch keine Änderungen bei den Verkaufspreisen bemerkt. Die Preissenkungen betreffen in erster Linie kristalline Standardmodule.

Unterschiedlich sind daher die erwarteten Auswirkungen bei den einzelnen Herstellern. Solarworld hat schon im Juli seine Ergebnisprognose für 2016 nach unten korrigiert. Die angestrebte Rückkehr in die Gewinnzone in diesem Jahr dürfte für den größten deutschen Hersteller eher schwer werden. Im vierten Quartal hat Solarworld seine Kapazitäten gesenkt und muss sich von rund 500 Zeitarbeitern an seinen deutschen Standorten trennen. Auch Aleo-Solar-Geschäftsführer William Chen, der den Preisverfall der vergangenen Monate nicht konkret beziffern will, erklärt: „Wir werden wie alle europäischen Hersteller – nicht nur die Solarindustrie – gezwungen sein, unsere Kapazitäten zu senken, wenn das Dumping anhält.“ Aleo Solar eröffnete erst im September eine neue Zellfertigung an seinem brandenburgischen Produktionsstandort Prenzlau.

Solarwatt, CS Wismar, Solar-Fabrik und Astronergy stellen dagegen derzeit zusätzliche Mitarbeiter ein. „Das liegt vielleicht auch daran, dass wir konsequent auf hochwertige und langlebige Glas-Glas-Module sowie Spezialmodule für Nischenanwendungen setzen“, sagt etwa Alexander Kirsch, Geschäftsführer von CS Wismar. Ähnlich äußert sich Solarwatt-Chef Detlef Neuhaus, der den Erfolg in dem Strategiewechsel „weg vom Massenmarkt hin zu Residential und Kleingewerbe bei bedingungsloser Premiumqualität“ sieht.

Hoffen auf steigende Nachfrage

Astronergy-Geschäftsführer Thomas Volz rechnet wegen der gesunkenen Preise mit einer steigenden Nachfrage und stellt daher zusätzliche Leiharbeiter ein. Derzeit erfolge der Ausbau der Produktion auf vier Linien. Wegen der sinkenden Zellpreise erwartet Volz für das vierte Quartal ein besseres Ergebnis als in den Vorquartalen. Obgleich es wohl „auch nicht wirklich gut“ sein werde. Solar-Fabrik, das nach der Insolvenz mit HSL Laibacher einen neuen Investor hat und seit Sommer in Freiburg wieder unter dieser Marke produziert, will seine Kapazitäten in den nächsten Monaten ebenfalls weiter erhöhen. Zusätzlich soll die Produktion von Freiburg nach Aschaffenburg verlagert werden.

Die Einschätzung, dass die sinkenden Preise zu einer steigenden Nachfrage führen, teilen fast alle Hersteller. Allerdings wird die Belebung eher verhalten ausfallen und nur mit Verzögerung kommen. Ein Grund ist, dass der Markt für Freiflächenanlagen in Deutschland durch die Ausschreibungen stark gedeckelt ist. Volz rechnet damit, dass nun angesichts der sinkenden Modulpreise die erfolgreichen Projekte realisiert werden. Anlagen mit mehr als 500 Megawatt aus den Ausschreibungen waren bis Mitte Oktober noch nicht am Netz.

An die Realisierung dieser Freiflächenanlagen glaubt auch Alexander Kirsch. „Im Bereich der mittleren und kleinen Anlagen ist der Effekt der gesunkenen Preise leider wohl begrenzt“, so seine weitere Einschätzung. Dies liege unter anderem auch daran, dass viele Handwerker aus dem Photovoltaikgeschäft ausgestiegen seien und es somit weniger Ansprache von Endkunden gebe. „Nach den politischen Einschnitten der letzten Jahre sind Hunderte Installationsbetriebe in der Solarbranche verloren gegangen. Die sind zwar nicht verschwunden, sie machen aber nichts mehr mit Photovoltaik. Installateure sind aber die eigentlichen Markttreiber in unserer Branche“, bekräftigt auch Solarworld-Sprecher Milan Nitzschke.

Photovoltaik in Deutschland rechnet sich

Er und Detlef Neuhaus verweisen unisono darauf, dass Photovoltaik schon heute wirtschaftlich ist und eher ein Imageproblem hat. „Wir haben seit Langem kein Preisproblem mehr, sondern ein Akzeptanz- und Politikproblem“, sagt Nitzschke. „Die Menschen glauben nicht mehr, dass Solar politisch gewollt ist, und haben keine Ahnung, wie gut sich eine Anlage für ihr eigenes Privat- oder Gewerbedach rechnen würde.“ Neuhaus sieht es ähnlich: „Der Kunde ist in seinem Wissen über die Photovoltaik drei bis fünf Jahre hinter der Zeit zurück und wurde sehr stark verunsichert durch die uneinheitlichen Signale aus der Politik.“ Die Marktbelebung sollte nach Ansicht von Milan Nitzschke daher von einer branchenweiten Kampagne unterstützt werden.

Neuhaus ist überzeugt, dass die steigende Nachfrage bei Dachanlagen nicht allein wegen der sinkenden Preisen kommen werde, sondern durch „die zunehmende Durchdringung der Erkenntnis, dass Solar wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll ist“. William Chen rechnet gar nicht mit einer spürbaren Belebung der Nachfrage. „Aber das ist nicht negativ zu werten. Ein stabiler Markt ist besser als ein boomender Markt und wichtig für die Gesundheit der Branche“, sagt er. Bei Solarworld und Astronergy geht man dagegen im kommenden Jahr von einem leicht wachsenden Markt für private und gewerbliche Dachanlagen aus. Volz beziffert das Wachstum mit etwa 10 bis 20 Prozent gegenüber 2016. Sollte es dazu kommen, sind alle Hersteller in Deutschland überzeugt, dass sie davon profitieren könnten. Sie führen dabei die Qualität, Langlebigkeit und Leistung ihrer Produkte an, die gerade bei Dachanlagen eine größere Rolle als nur der Preis spielten. Zugleich habe „made in Germany“ hierzulande noch einen gewissen Wert.

Dass es überhaupt noch Photovoltaikproduzenten in Deutschland gibt, ist wohl vor allem dem Undertaking zu verdanken. „Tatsache ist, dass die Anti-Dumping-Maßnahmen der noch verbliebenen europäischen Solarindustrie geholfen haben“, sagt Kirsch. Der ruinöse Preiskampf 2012, der vor allem von der chinesischen Konkurrenz ausging, trieb viele Modulhersteller in Europa in die Pleite. Zum Schutz der europäischen Solarindustrie erließ die EU-Kommission im Dezember 2013 das Undertaking mit Mindestimportpreisen und Einfuhrvolumen für kristalline Solarmodule und Solarzellen aus China.

Begrenzter Schutz durch Undertaking

Alle großen chinesischen Hersteller stimmten der Vereinbarung zu, um so die Importzölle für ihre in China gefertigten Produkte zu vermeiden. In der Folge stabilisierten sich die Modulpreise in Europa wieder – nach Auffassung einiger Marktteilnehmer jedoch auf einem künstlich hohen Niveau. Nun stehen die Hersteller vor einer neuerlichen Preisspirale. Nach Ansicht von Analysten könnte der Abschwung mit weiter sinkenden Modulpreisen bis Ende 2017 anhalten.

Viele Hersteller aus China haben in den vergangenen Jahren Produktionskapazitäten außerhalb des Heimatlandes aufgebaut, um so keine Importzölle in Europa und den USA zahlen zu müssen. Einige große Hersteller aus China haben sich mittlerweile freiwillig aus dem Undertaking zurückgezogen, mehr als ein Dutzend andere sind wegen verschiedener Verstöße gegen die Vereinbarung von der EU-Kommission ausgeschlossen worden.

Brüssel wird bis Ende März 2017 über den Erhalt oder die Abschaffung entscheiden. Es stellt sich die Frage, welchen Schutz des Undertaking den europäischen Modul- und Zellherstellern noch bietet. „Praktisch keinen, da die Kapazitäten in Malaysia, Thailand, Vietnam etc. ausgebaut werden und die Zölle und Mindestimportpreise für Zellen oder Glas eher nachteilig sind“, sagt Volz, dessen Unternehmen eine Tochter der chinesischen Chint-Gruppe ist, die sich mittlerweile aus dem Untertaking zurückgezogen hat.

„Kaum einen Schutz. Es besteht die Gefahr des Dumpings“, begründet William Chen seine Einschätzung. Dabei lässt sich darüber streiten, ob und in welchem Umfang die aggressiven Preise der chinesischen Hersteller wirklich Dumping sind. Allerdings ist offensichtlich, dass sie versuchen, hohe Lagerbestände zu vermeiden. Auch diese Solarmodule könnten sie schließlich nur unter Wert losschlagen.

„Die Modulpreise sind in den letzten Monaten stärker gesunken als die Zellpreise, und die chinesischen Wettbewerber bieten ihre in Drittländern gefertigten, einfuhrzollfreien Module zu sehr aggressiven Preisen an. Wenn dieser Trend anhält, wird dies zulasten der Profitabilität gehen“, erklärt Christian Laibacher, Geschäftsführer der Solar-Fabrik CL GmbH. Laibacher gibt an, dass die großen chinesischen Hersteller ihre Module aus Produktionen in Drittländern aktuell etwa 35 Prozent unter dem Mindestimportpreis von 56 Cent pro Watt verkaufen würden. Alexander Kirsch analysiert das Vorgehen der Hersteller aus Fernost ebenfalls mit einem gewissen Argwohn: „Ob die Produktionen außerhalb Chinas zu gleichen Kosten und Preisen liefern können wie die Fabriken in China, ist unseres Erachtens nicht erwiesen.“

Solarwatt-Chef Neuhaus sieht die Schuld an dem „abnehmenden Schutz“ des Undertakings vor allem beim Verhalten der europäischen Hersteller. „Das Verrückte ist, dass nicht die Chinesen in Europa in den letzten Jahren den Preiskampf angefächert haben, sondern die Europäer selbst unter sich“, sagt er. Nicht die Europäer, sondern die aggressive Expansionspolitik der chinesischen Hersteller ist nach Ansicht von Laibacher der Grund für die sinkende Wirkung. „Mit einem aktuellen Marktpreis für chinesische Module ‚made in Vietnam‘ bietet das Undertaking de facto keinen Schutz mehr für Markenhersteller aus Europa“, sagt er.

Konsequentes Vorgehen gegen Dumping gefordert

Milan Nitzschke brachte als Präsident von EU Prosun das Anti-Dumping-Verfahren gegen die chinesischen Hersteller ins Rollen und kämpft für den Erhalt der Mindestimportpreise über das Frühjahr 2017 hinaus. „Wir erleben also weltweit wieder Dumping, noch stärker als vor der Einführung der Maßnahmen 2013. Wenn hier nicht gegengesteuert wird, wird Europa und werden auch andere Länder von ihrer sich gerade erst erholenden Solarindustrie nicht viel übrig behalten“, meint Nitzschke.

Aus seiner Sicht müsste es auch stärkere Kontrollen zur Einhaltung der Vereinbarung geben. „Sonst ist am Ende der Ehrliche der Dumme“, so seine Befürchtung. Kirsch plädiert für eine sachliche Beurteilung der Lage. „Handelshemmnisse sollten unseres Erachtens abgebaut werden, aber unfairen Handelspraktiken sollte ebenfalls entgegengetreten werden“, sagt er.

William Chen von Aleo Solar befürwortet ebenfalls ein konsequentes Vorgehen. Dumping verhindere, eine gesunde Industrie aufzubauen. Auch die notwendigen Investitionen in Forschung und Entwicklung der europäischen Hersteller würden dadurch beeinträchtigt, was sich wiederum negativ auf die technologische Weiterentwicklung der Photovoltaik auswirke.

„Nur Innovation, Qualität und Differenzierung können der deutschen Solarindustrie ein Überleben sichern“, glaubt Detlef Neuhaus. „Aus mittelfristiger Sicht sind die Schutzzölle nicht nachhaltig. Wir glauben sogar, dass sie für einige Unternehmen kontraproduktiv waren, weil der Druck zur Innovation nicht mehr gegeben war“, so der Solarwatt-Chef weiter. Thomas Volz von Astronergy wünscht sich ein Ende der Zölle und des Mindestimportpreises sowie freien Wettbewerb, wie er sagt. Laibacher befürwortet zwar sowohl die Aufhebung des Mindestpreises auf Zellen und eine Reduktion bei Solarmodulen. Zugleich hält er aber eine Ausdehnung des Undertakings auf Drittländer für „dringend erforderlich“, um wieder faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen.

Aufweichen des Undertakings wenig sinnvoll

Eine Option bei der Auslaufprüfung der EU-Kommission scheint, dass das Undertaking für Solarmodule weiterlaufen und für Solarzellen aufgehoben werden könnte. Gerade die Preise für Solarzellen sind angesichts großer Überkapazitäten auf den Weltmärkten massiv gesunken. Laibacher sieht allerdings schon wieder ein leichtes Steigen der Zellpreise. Seinem Unternehmen würde es helfen, wenn er Solarzellen „zu aktuellen chinesischen Marktpreisen beziehen könnte“.

Nach Aussage von Volz gibt es derzeit „zwischen taiwanesischen Zellen und chinesischen Zellen keinen wirklichen Preisunterschied“. Alexander Kirsch erklärt, dass es noch kein ausreichendes Angebot an qualitativ hochwertigen Solarzellen von Herstellern außerhalb Chinas gebe und auch der Effekt auf das Preisniveau in diesem Segment minimal wäre.

Milan Nitzschke spricht sich klar für den Erhalt des Schutzes von Solarzellen aus. „In der Zelle steckt der Kern der Photovoltaik“, argumentiert er. An ihr würden in der EU mehr als 2.000 Arbeitsplätze hängen sowie die Arbeit der Forschungsinstitute, Anlagen- und Maschinenbauer. Kirsch hält eine Aufsplittung ebenfalls nicht für sinnvoll. „Es würde sich durch die Freigabe der Solarzellen tendenziell eher eine Aufweichung des Anti-Dumpings ergeben, was den europäischen Modulherstellern im Endeffekt doch nicht helfen würde“, warnt er.

Die Existenz der Mindestpreisvereinbarung ist einer der großen Unterschiede zu 2012. Damals waren die Hersteller in Deutschland der aggressiven Preispolitik der chinesischen Hersteller komplett schutzlos ausgeliefert, was nicht ohne Folgen blieb. Die befragten Hersteller haben dies größtenteils leidvoll am eigenen Geschäft gespürt.

Solarworld etwa konnte seine Bilanzen nur mit einem großangelegten Schuldenschnitt wieder aufbessern. Es übernahm in der Folge die Fertigungen von Bosch Solar im thüringischen Arnstadt, um sich breiter aufzustellen. Der Stuttgarter Konzern zog sich nach Milliardenverlusten im Frühjahr 2013 aus dem kristallinen Photovoltaikgeschäft zurück. Damit musste sich auch Aleo Solar, an dem Bosch eine Mehrheitsbeteiligung hielt, einen neuen Geldgeber suchen und fand ihn schließlich im taiwanesischen Siliziumkonzern SAS.

Solarwatt nutzte ein Insolvenzverfahren in Eigenregie, um sich nach der Krise 2012 neu aufzustellen. Alexander Kirsch, damals Vorstandschef des deutschen Herstellers Centrosolar, blieb der Gang zum Amtsgericht ebenfalls nicht erspart. Erst in diesem Jahr startete er schließlich dessen Modulproduktion in dem ehemaliger Wismarer Werk wieder und gründete mit Partnern CS Wismar. Astronergy wiederum erwarb die Produktionsstätten von Conergy. Der Hersteller ging ebenfalls insolvent. Seit 2014 produziert nun Astronergy Solarmodule in Frankfurt (Oder). Die Übernahme der Produktionskapazitäten der insolventen Solar-Fabrik durch die HSL Laibacher ist noch relativ frisch. Bleibt zu hoffen, dass die Produktion dort nicht schon wieder am Ende ist, bevor es richtig losgehen kann. (Sandra Enkhardt)