DGS sieht Normungsoffensive für Photovoltaik-Balkonmodule als neue Chance

pv magazine: Wie bewerten Sie die Initiative des VDE/DKE?

Marcus Vietzke (Foto): Wir finden es natürlich gut, dass VDE und DKE nun offenbar auch einen verbraucherfreundlichen und sicheren Betrieb von Stecker-Solar-Geräten anstreben. Genau wie DKE-Normungsexperte Jens Gayko wollen auch wir, dass Stecker-Solar-Geräte im Haushalt genauso wie ein Fernseher ohne technische Fachkenntnisse angesteckt werden können – ohne Einschränkungen beim Thema Sicherheit. Ein Runder Tisch dazu ist eine gute Sache. Uns ist aber noch nicht klar, worum es am Runden Tisch konkret gehen soll.

Was ist an dem Vorschlag unklar?

Die DKE ist für Außenstehende kaum zu durchschauen: Mit Stecker-Photovoltaik-Geräten und deren Rahmenbedingungen beschäftigen sich mehrere Arbeitskreise, die an verschiedenen Normen arbeiten. Beispielsweise hat der DKE/AK 221.5.2 für Zukunftsfähige Elektroinstallationen den bereits veröffentlichten Entwurf der DIN VDE 0100-551 erarbeitet. Der DKE/AK 542.4.7 Industriesteckvorrichtungen arbeitet noch an einer Norm für die Energiesteckvorrichtung. In beiden Arbeitskreisen haben Stecker-Solar-Hersteller Argumente und Gutachten vorgebracht und bisher kein Gehör gefunden.

Beim VDE hieß es aber, die Hersteller hätten noch keine Initiative für eine Produktnorm gestartet?

Der Vorwurf von Jens Gayko, die Hersteller hätten noch kein Projekt für eine Produktnorm gestartet, ist für uns vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehbar. Haben die Einlassungen der Hersteller etwa nicht den formalen Kriterien genügt? Oder weiß Jens Gayko, der Referent eines dritten Arbeitskreises, vielleicht nichts von den Einlassungen in den anderen beiden Arbeitskreisen? Wie auch immer: Ein Runder Tisch sollte alle Fäden zusammenführen. Dort könnte die DKE dann auch für Transparenz sorgen, indem sie aufzeigt, wo überall an Normen gearbeitet wird, die Stecker-Solar-Geräte betreffen und wie die Hersteller sich dort einbringen können. In jedem Fall sollte es am Runden Tisch auch um den schon veröffentlichten Normentwurf DIN VDE 0100-551 gehen, dessen Einspruchsfrist am 26. Dezember 2016 endet.

VDE/DKE argumentieren, dass es nur deshalb mit der Verbreitung von Stecker-Solar-Geräten klemmt, weil sich die Hersteller nicht auf Sicherheitsstandards einigen könnten, stimmt das?

Ganz im Gegenteil. Die Branche hat auf eigene Initiative die Sicherheitsstandards der großen Photovoltaik-Anlagen übernommen. Ganz nebenbei erfüllen die Wechselrichter nun im Prinzip auch die Norm für DIN EN 60335-1 „Sicherheit elektrischer Geräte für den Hausgebrauch und ähnliche Zwecke“ und sind unterhalb einer Strom- beziehungsweise Leistungsgrenze so sicher wie andere Haushaltsgeräte. Vorschläge für diese Leistungsgrenze wurden von vielen Herstellern an den DKE herangetragen, jedoch ignoriert. Stattdessen entfacht der VDE seit Jahren in seinen Stellungnahmen irrationale Ängste.

Und wie sieht es außerhalb Deutschland aus?

Europa ist da ja viel weiter. Die europäischen Regelungen ermöglichen eine Einspeisung, wenn Leitungsreserven bestehen. In Deutschland ist dieser Passus nicht Bestandteil der Norm. Schauen Sie in die Schweiz, in die Niederlande oder nach Österreich. Dort gibt es sogar Bagatellgrenzen. Würden VDE und DKE diese europäischen Regelungen endlich in die Norm aufnehmen, ginge es auch in Deutschland zügig voran.

Sie sprechen von irrationalen Ängsten, die der VDE und die DKE verbreite, warum?

Nehmen wir ein Beispiel. Wir sagen: Stecker-Solar-Geräte können Leitungsreserven nutzen. Der VDE behauptet hingegen, wenn ein Stecker-Solar-Gerät in den Haushaltsstromkreis gesteckt wird, könne es zu Bränden kommen, weil die Leitungschutzschalter den eingespeisten Strom nicht erkennen. Fakt ist jedoch, dass die Norm DIN VDE 0100-430 für Leitungschutzschalter eben diese Spielräume anerkennt. In jedem Haushalt kann durch normale Haushaltsgeräte dieser Spielraum genutzt werden, ohne dass der Sicherungsautomat laut Norm auslösen muss. Nur für Stecker-Solar-Geräte soll dies nicht gelten. Das ist irrational und widerspricht selbst der inneren Logik unseres an sich guten deutschen Normenkonstrukts. Auch wird immer wieder das Risiko eines Stromschlags am Schukostecker der Stecker-Solar-Geräte angeführt. Wechselrichter mit NA-Schutz schließen das in Wahrheit praktisch aus, da schon nach 0,2 Sekunden keine gefährliche Spannung am Stecker anliegt. Bei Staubsaugern hingegen wird die Spannungsfreiheit des Steckers erst nach einer Sekunde gefordert.

Halten Sie denn den Runden Tisch für erfolgversprechend?

Das müssen wir abwarten. Hersteller und Befürworter der Stecker-Solar-Geräte haben bereits in der Vergangenheit versucht, ihre Position in den Normungsgremien vorzutragen. Letztendlich wurden aber alle Argumente ignoriert. Manch einer, der zu den Sitzungen nach Frankfurt gefahren ist, hat anschließend frustriert resigniert. Vor diesem Hintergrund ist es schon ein wenig ungewöhnlich, dass VDE/DKE sich jetzt mit einer 180 Grad Wendung an die Spitze der Bewegung setzen wollen. Wir würden uns wünschen, dass VDE und DKE in den nächsten Tagen den recht allgemeinen Vorschlag präzisiert und den vorgeschlagenen Termin vorverlegen, da er für den vorliegenden Normentwurf sehr spät angesetzt ist. Erst dann können wir besser einschätzen, wie die Initiative zu verstehen ist.

Sie sind noch nicht vom VDE informiert worden?

Bisher haben wir vom Runden Tisch nur aus der Presse erfahren. Eine Einladung aus der Genaueres hervorgeht, liegt uns noch nicht vor. Wenn die Bereitschaft besteht, über alle Hemmnisse zu sprechen, auch über den bereits vorliegenden Normentwurf zur DIN VDE 0100-551, kann das die regenerative, dezentrale Stromerzeugung für alle Bürger zugänglich machen.

Die Fragen stellte Sandra Enkhardt.