Die Zählmeister

Nikolaus Starzacher und sein Mitgründer Ralf Esser hatten das Glück, dass andere geschlafen haben. Man könnte es auch so ausdrücken, dass sich in dem Erfolg der beiden ein weiteres Mal zeigt, warum manche Innovationen sinnvollerweise von neuen, agilen Unternehmen und nicht von großen, alten Tankern ausgehen müssen, die eigentlich alles Know-how hätten.

Discovergy, gegründet Anfang 2009, hat heute 22 Mitarbeiter und nach eigenen Angaben 20.000 Stromzähler verkauft. Das Besondere an den Zählern ist, dass sie sekundengenau messen und die Daten auf einem über das Internet zugänglichen Portal optisch schön anzeigen. „Entdecke Deine Energie“ ist der Markenclaim – die Kunden können genau sehen, wann sie warum wie viel Strom verbraucht haben. Zur Sonnenfinsternis im März 2015 hat das Unternehmen auch gezeigt, was es bei Solaranlagen kann. Die Verdunklung ließ sich in Echtzeit über einen Weblink in der Stromerzeugung der angeschlossenen Solaranlagen nachvollziehen. Ein Teil der Mieterstromanlagen nutzt ebenfalls diese Zähler, da sie es erlauben, solche Projekte umzusetzen (siehe Seite 59).

Andererseits sind es ja doch nur Zähler, könnte man denken. Um nachzuvollziehen, warum sie eine Innovation darstellen und was der Vorsprung von Discovergy gegenüber Wettbewerbern ist, muss man sich die Gründungsgeschichte ansehen.

Transparenz schaffen

Nikolaus Starzacher ist in der Energieszene kein Unbekannter. 1998 hat er das Vergleichsportal Verivox gegründet. Ralf Esser hat zu der Zeit Aufsetzer für Ferraris-Zähler entwickelt. Das sind die alten, analogen Zähler mit der sich drehenden Scheibe. Durch die Aufsetzer sollten die Stromverbräuche ausgelesen und digital verarbeitet werden. „Ralf rief mich 2008 an, ob er mir eine Idee erzählen könne, ich hätte doch schon einmal ein Unternehmen gegründet“, erzählt Starzacher. Das Ziel: gleich einen volldigitalen Zähler entwickeln und den Verbrauchern helfen, Transparenz zu schaffen und Energie und CO2 zu sparen.

„Wir haben uns das damals etwas naiv vorgestellt“, so Starzacher. „Wir dachten, es gibt 40 Millionen Stromkunden allein in Deutschland, das ist ein Riesenmarkt.“ Sie machten die Runde bei den etablierten Elektrizitätsversorgern und fanden „bei Kaffee und Keksen“ ein offenes Ohr. Doch bei Kaffee und Keksen sei es zunächst geblieben. Vielleicht, weil die Elektrizitätsversorger damals noch gar keine Transparenz für Stromverbraucher gewollt hätten – Untersuchungen zeigen, dass Transparenz den Stromverbrauch reduziert. Auf jeden Fall fanden sie es zu aufwendig, so viele Daten zu sammeln und auszuwerten. Bisher hatten sie pro Stromkunde schließlich nur eine einzige Auswertung pro Jahr.

„Wir fanden die Datenerfassung und Auswertung dagegen nicht schwierig, wohl aber den Messstellenbetrieb“, sagt Starzacher. Der Knoten löste sich erst, als ein Gesprächspartner ihnen empfahl, genau diesen anzubieten. „Wir haben uns eine Woche damit beschäftigt und dann entschieden, Messstellenbetreiber zu werden.“

Während Energieversorger daran gearbeitet hätten, den Smart-Meter-Rollout immer komplizierter zu machen, hat Discovergy an deren Entwicklung gearbeitet. „Wir konnten das quasi im Biotop entwickeln“, sagt Starzacher. „Die anderen, die vielleicht viel schneller gewesen wären, haben sich nicht dafür interessiert.“

Außer der technischen Entwicklung mussten die Gründer nun Rahmenverträge mit möglichst vielen der rund 900 Netzbetreiber abschließen, um in deren Gebieten den Messstellenbetrieb anbieten zu dürfen. Inzwischen sei das mit den meisten erfolgt, so Starzacher. Das ist ein Vorteil, den das Unternehmen nun hat, wo auch andere auf dem Gebiet aktiv werden.

Für die Käufer von Vorteil

Jetzt kann jeder, der mehr über seinen Stromverbrauch erfahren will, über das Internet den Zähler bestellen, auch wenn man in einer Mietwohnung wohnt. Dann kommt einer der rund 60 Partnerbetriebe zur Installation. Discovergy kann sich keine große Werbekampagne leisten. Ein anderer Vertriebskanal läuft über Elektriker und Energieberater, die ihren Kunden von dem Produkt erzählen. Dann kommt noch das Projektgeschäft dazu, bei dem große Stückzahlen direkt an Energieversorger, große Filialisten oder Unternehmen aus der Wohnungswirtschaft geliefert werden.

Ob sich die Zähler für die Kunden auch monetär lohnen? Starzacher sagt ja. Der Zähler kostet inklusive Messstellenbetrieb 60 Euro im Jahr, das sind 40 Euro mehr als ein herkömmlicher Zähler. Bei den Kunden sinke nach Discovergy-Erfahrungen der Stromverbrauch in den ersten sechs Monaten um 15 Prozent. Zum Beispiel, indem sie sich Gedanken über Stand-by-Verbräuche vieler Geräte machen, an die man überhaupt nicht denkt, über ineffiziente Kühlschränke und noch nicht ersetzte Glühbirnen. Nicht, dass man nicht auch ohne neuen Zähler wüsste, wie man im Prinzip Strom sparen kann. Es sei aber eben die Sichtbarkeit, die dann dazu führe, dass man aktiv werde, so Starzacher. Bei einem Haushalt mit 3.000 Kilowattstunden Verbrauch würde man dann fast das Dreifache der Mehrkosten einsparen. Es gebe auch besonders krasse Fälle: „Wir haben auch Kunden, denen ihre Verbraucher überhaupt nicht bewusst waren“, sagt Starzacher. „In einem Fall hat einer erst durch den Zähler gemerkt, dass seine mit 100 Watt heizbare Regenrinne durchgehend, selbst im Sommer, angeschaltet ist“.

Eine Studie von Ernst & Young zum Smart-Meter-Rollout geht übrigens von einer wesentlich geringeren Einsparung von rund zwei Prozent aus. Es könnte also sein, dass sich die Smart Meter mehr rentieren als bisher gedacht. Trotzdem wendet sich Starzacher gegen die „Zwangsbeglückung“, weil Bürger mündig seien und Wahlmöglichkeiten haben sollten.

Solaranlagenbesitzer sind für Discovergy besonders interessant, weil sie nicht nur einen, sondern zwei Zähler brauchen. Außerdem kann die Transparenz helfen, Lasten zu verschieben und so mehr Solarstrom direkt zu verbrauchen. Dass auch viele andere Anbieter auf den Markt drängen, Speicherhersteller oder Anbieter von Energiemanagement allgemein, macht ihn nicht nervös. Die anderen Zähler seien seines Wissens nach teurer. Die Alternative, mit an Stromleitungen angeklemmten Messsonden die Energiebilanz zu regeln, sei deutlich umständlicher.

Über das Discovergy-Portal kann man Batteriespeichersysteme, die kompatibel sind, übrigens auslesen und zum Beispiel den Füllstand mit anzeigen lassen, erklärt Starzacher. Mieterstrom ist einer der anderen Bereiche, in denen die Discovergy-Zähler eingesetzt werden. Inzwischen bietet das Unternehmen auch die Abrechnung mit an.

Big Data noch nicht weit genug

Der nächste große Schritt bei der Transparenz wäre, dass die Stromdaten automatisch analysiert werden. Manche sagen, dass sie automatisiert feststellen könnten, welche Geräte wann wie viel Strom verbrauchen. Anhand dieser Daten wollen sie direkt Ratschläge geben, wie die Kunden ihren Stromverbrauch reduzieren können. „Man redet nicht gerne darüber“, sagt Starzacher. „Aber heute lässt sich erst rund ein Drittel des Stromverbrauchs automatisiert zuordnen, die anderen zwei Drittel nicht.“ Da sei noch einiges an Entwicklung nötig, bis man so wirklich den Stromverbrauch transparent machen könne. Wie gut das geht, hängt allerdings auch von der Zeitauflösung der Zähler ab.

Letztes Jahr hatte Discovergy nach eigenen Angaben ein positives Ergebnis, obwohl es bei dem Geschäftsmodell zwei Jahre vorfinanzieren muss. Das Unternehmen wächst kontinuierlich und ein „signifikanter Anteil“ der installierten Zähler sei in den letzten zwölf Monaten verkauft worden. Inzwischen haben auch Elektrizitätsversorger entdeckt, dass sie ihren Stromkunden mehr bieten müssen. Es würde heute zwar nicht mehr sechs Jahre dauern, das Netzwerk aufzubauen und die Verträge mit den vielen Netzbetreibern auszuhandeln, so Starzacher. Aber einfach sei es nicht. Discovergy, so hofft er, hat sich in den letzten sechs Jahren einen ausreichenden Vorsprung erarbeitet. Und eines sei klar: „Wir müssen uns immer weiterentwickeln.“