David gegen Goliath

Wenn man in der Branche herumfragt, was die Energiewende bräuchte und was irgendwie nicht richtig vorankommt, hat man gute Chancen als Antwort „Mieterstromprojekte"; zu hören. Die einen wollen solche Projekte, weil es soziale Gerechtigkeit herstellt, wenn nicht nur Eigenheimbesitzer und Investoren mit ausreichend Geld an Solaranlagen verdienen können. Die anderen wollen sie, weil dadurch die vielen ungenutzten Dachflächen der Mehrfamilienhäuser zur Energieversorgung erschlossen werden könnten. Eigentlich gibt es niemanden, der sie nicht will.

Viele Unternehmen haben sich daher auf die Fahnen geschrieben, solche Projekte voranzubringen oder die nötigen Technologien und Geschäftsmodelle zu entwickeln. Viele dürften vor ähnlichen Herausforderungen stehen wie Sunride.

Das Start-up ist ursprünglich aus einer Masterarbeit von Stefan Thon an der Fachhochschule Potsdam entstanden. In ihr hat der Designer untersucht, wie sich gemeinsame Investitionen zum Beispiel in Bürgerenergieprojekte bei Solaranlagen und bei Windkraftanlagen entwickelt haben. Bei den Solaranlagen ist ihm die geringere „Professionalisierung "aufgefallen. „Um diese zu erhöhen, wollten wir die technische Betriebsführung automatisieren und skalierbar machen", erzählt Thon. Nachdem die Heidelberger Energiegenossenschaft aber gezeigt hätte, wie sich Mieterstrom umsetzen lasse, haben er und sein Mitgründer, der Wirtschaftsinformatiker Marco Peise, umgesattelt und sich voll auf diesen Bereich fokussiert. „Wir haben die Prozesse angeschaut und automatisiert", so Thon. Jetzt werden Kundendaten einmal angelegt, die Zähler automatisiert ausgelesen und monatlich Rechnungen erzeugt und Beträge eingezogen.

Verschiedene Stromquellen exakt abrechnen

Das Problem dabei sei, dass die Modelle vom Netzbetreiber in der entsprechenden Region und vom Messstellenbetrieb abhängen. Davon gibt es rund 800. „Das ließ sich nicht standardisieren." Um zeitlich aufgelöst Verbräuche den einzelnen Mietern genau zuzuordnen, bräuchte man intelligente Zähler. Ohne einen standardisierten Messstellenbetrieb seien die Mieterstromkonzepte daher viel zu kompliziert. Im Sommer 2015 hätten sie fast aufgegeben.

Doch dann kamen sie mit Discovergy zusammen. Das Unternehmen bietet den Messstellenbetrieb mit geeigneten digitalen Zählern an (siehe Seite 55). Sunride setzt darauf die Abrechnung auf. Die Betreiber können Tarife für eine unbegrenzte Anzahl verschiedener Stromquellen eingeben, Vertragslaufzeiten, Kündigungsregeln und Abrechnungsintervalle. Dann zahlen die Mieter unterschiedliche Preise, je nachdem ob der Strom gerade beispielsweise aus einer Solaranlage, aus einem Batteriespeicher oder aus dem Netz kommt. Dem Mieter wird im Portal von Discovergy in Echtzeit angezeigt, wie sich der Strom gerade zusammensetzt und was der jeweilige Mix kostet. Dabei werden auch die Verbräuche der anderen Mieter berücksichtigt. Der Solarstrom wird dazu auf alle Mieter gerecht verteilt. Alternativ kann natürlich wie in einigen Mieterstromprojekten ein mittlerer Strompreis für alle Quellen gewählt werden. Das führt dann aber dazu, dass Mieter keinen finanziellen Anreiz haben, den Eigenverbrauch zu erhöhen.

Die Software generiert aus den Daten der Smart Meter Rechnungen und Lastschriften für den verbrauchten Strom. Mittelfristig will Thon auch die Abrechnung der Wärmelieferungen über Sunride anbieten können. Mit der nächsten Version der Discovergy-Geräte werde das möglich.

Es ist nicht so, dass es für Stromabrechnungen keine anderen Anbieter gibt. Doch diese könnten "so Thon" im Gegensatz zu Discovergy und Sunride nicht so einfach mehrere Stromquellen getrennt tarifieren und gleichzeitig für den Mieter so transparent darstellen.    

Außerdem rät er zu unterscheiden, wer die Anlage betreibt. Sunride betreibe sie nicht selber, dadurch verbleibe mehr Wertschöpfung beim Immobilienbesitzer. Er wird echter Stromlieferant und hat die Kontrolle über Tarife, Regeln und Konditionen.

Mahnungen machen den Unterschied

Das Mahnwesen hat Sunride noch nicht automatisiert und eingeschlossen. „Der Debitorenprozess mit Nicht-, Falsch- oder Verspätetzahlern ist aber genau das, was beim Kundenservice und in der Abrechnung den großen Aufwand verursacht", erklärt Harald Will, Berater und Gründer von Urbane Energie. Auch die großen Anbieter seien technisch in der Lage, mit ihren Systemen Mieterstromprozesse automatisiert abzubilden. Nur sei die Frage, zu welchen Investitionen sie bereit seien, die Abrechnungssystematik zum Beispiel in SAP anzupassen. Eine monatliche Abrechnung sei mit größeren Aufwänden verbunden und daher nur für Endkunden mit einem Verbrauch über 6.000 Kilowattstunden vorgeschrieben. Mieter fallen in der Regel unter diese Grenze. Warum also etwas anbieten, das zusätzlich kostet?

Die Frage dürfte jedoch auch sein, ob es zusätzlich kostet. „Für uns ist es einfacher, monatlich und verbrauchsgenau abzurechenen", sagt Thon. Nächstes Jahr soll auch das Mahnwesen laufen. Dann werden Erinnerungen automatisiert verschickt und der Liefervertrag ab einem gewissen Punkt gekündigt.

Sunride ist definitiv klein, besteht aus den zwei Gründern und freien Mitarbeitern. Das Unternehmen hat 2014 und 2015 ein Exist-Existenzgründerstipendium bekommen und war im Programm beim Start-up-Accelerator Climate KIC.

Sie hätten noch einige Hausaufgaben zu erledigen, wie zum Beispiel die Heizung mitabzurechnen. Auch die Programmierung wollen sie selbst oder in Kooperation mit Discovergy stemmen. Es gebe inzwischen viele Open-Source-Komponenten, die man nutzen könne.

An den Markt glaubt Thon immer noch. „Es gibt drei Millionen Gebäude mit mehr als drei Wohnungen und insgesamt 21 Millionen Wohnungen in diesen Gebäuden", so Thon. Die Sanierungsrate liege bei etwa einem Prozent. Die Mieterstromprojekte ließen sich ohne zusätzliche Kosten umsetzen. „Da will ich ran", sagt Thon. „Ich habe das Gefühl, dass es jetzt losgeht. "Bisher hat er es über die Stadtwerke versucht. Daran glaubt er nicht mehr. Jetzt will er seine Lösung nicht nur an Energiedienstleister, sondern auch an Immobilienbesitzer vermarkten.