Summen auf Bayerisch

Die Sharing Economy ist in aller Munde. Justus Schütze will sie in die Energiewelt bringen. Der Gründer des Startups Buzzn sagt selbst über sein Unternehmen, dass er und seine Mitgründer ein “extrem dickes Brett“ bohren. Es muss nicht alles auf einmal geschehen. „Aber wir wissen, wo wir hin wollen.“ Spricht man mit ihm, lassen sich leicht einige Schlagwörter heraushören. „Dezentral, direkt und demokratisch“ soll laut Schütze die Energieversorgung der Zukunft sein. „Stromautobahnen“ seien überflüssig. Wichtig seien eine hohe Transparenz über die Stromherkunft und der Verbleib der Kaufkraft der Stromnutzer in der Nähe. „Wir wollen eine Plattform zum Teilen sein“, sagt er.

Geteilt wird dort der Strom. Damit das auch jedem klar wird, heißen die Stromverbraucher dort „Stromnehmer“, die Betreiber von Solaranlagen und anderen Kleinkraftwerken „Stromgeber“, und alle zusammen „Mitmacher“. Das Unternehmen trägt den Claim „People Power“. Alle sollen etwas davon haben, wobei Schütze Wert darauf legt, dass er gerade bei Kleinerzeugern und –verbrauchern von dem reinen Gewinndenken weg will. Es soll Freude machen, zu sehen, wo der Strom herkommt, das Gefühl zu haben, sich ohne Preisaufschlag mit politisch korrektem Strom zu versorgen, und auf der anderen Seite andere mit Strom zu versorgen. Man soll den Solarstrom vom Nachbarn kaufen können, wenn dieser mehr produziert, als er selbst benötigt.

Justus Schütze geht es darum, den Menschen die Mittel in die Hand zu geben, die Stromversorgung ohne Großunternehmen, Großhandelsplätze und Großkraftwerke in die eigene Hand zu nehmen, mittels der Sharing Economy. Die Produzenten sind ja auch gleichzeitig Verbraucher.

Marktplatz für jedermann

Doch auch abseits des Wordings macht Buzzn etwas wirklich Neues. Schütze will mit Buzzn kein herkömmlicher Stromlieferant sein, sondern nur eine Plattform, ein Marktplatz, auf dem andere handeln. Formal verbirgt sich hinter der Plattform eine Kombination von – eben doch – einem Lieferanten wie Lichtblick, Vattenfall oder einem der vielen anderen und einem Direktvermarkter. Anders als die klassischen Direktvermarkter ermöglicht Buzzn auch dem kleinen Mann und der kleinen Frau als Produzenten von der Direktvermarktung zu profitieren. Bisher war das nur Großanlagenbetreibern vorbehalten.

Auf der Webseite finden sich inzwischen viele Buzzn-Mitmacher, die sich gegenseitig beliefern: Alejandro aus Braunschweig kauft Strom, Dagmar aus Wedemark speist ein, ebenso Helge aus Steinheim, und so weiter.

Es heißt in der Regel, bei der Direktvermarktung sei der Gewinn zu gering, um damit Abwicklungskosten und technische Ausstattung bei Anlagen kleiner von zum Beispiel 500 Kilowatt zu finanzieren (siehe pv magazine März 2015, Seite 72). Buzzn funktioniert dagegen auch für Anlagen auf Hausdächern, seien zwei, fünf oder acht Kilowatt. Das Unternehmen kauft und verkauft den Strom und hat ein Geschäftsmodell entwickelt, das nach eigenen Angaben auch bei kleinen Mengen ausreichend Marge zum Betrieb der Plattform gibt. Die Herausforderung ist, dass Buzzn ohne höheren Strompreis für die Stromnehmer die Zusatzkosten für die kleinteiligen Anlagen der Stromgeber weitgehend finanzieren muss.

Kosten und Preise

Das geht so: Wer als Stromgeber seinen Überschussstrom direktvermarktet, dem verspricht Buzzn 1,4 Cent pro Kilowattstunde mehr als er bei eine Vergütung mit der Einspeisevergütung bekommen würde. Ein Teil dieser Erlöse wird nach dem Marktprämienmodell aus dem EEG-Umlagetopf bezahlt, nämlich die Differenz zum mittleren Preis des Solarstroms an der Börse, dem Börsenindex, und der Einspeisevergütung. Dazu wird die zuzüglich der im EEG zugesagten Managementprämie von 0,4 Cent pro Kilowattstunde. Den Rest, also den Börsenindex, plus ein Cent muss Buzzn durch den Stromverkauf und eine Grundgebühr erwirtschaften. Zum Teil verkauft Buzzn an die Stromnehmer, zum Teil an andere. Das kann auch über die Börse geschehen.

Buzzn hat damit im Vergleich zu konventionellen Stromlieferanten höhere Beschaffungskosten. Anderseits zahlen Stromgeber auch einen Grundpreis von sieben Euro pro Monat und sie müssen die Kosten des Smart Meter tragen, das notwendig ist. Das gibt es zum Beispiel beim Messstellenbetreiber Discovergy. Dort kostet der Zweirichtungszähler einmalig 99 Euro und pro Jahr 60 Euro. Zusammen mit dem Buzzn-Stromgeber-Grundpreis sind das bei 11.000 Kilowattstunden Einspeisung knapp 1,4 Cent pro Kilowattstunde, was also ungefähr durch die Mehreinnahmen durch die Direktvermarktung gedeckt ist.

Mehr Mehrwert

Bei kleineren Anlagen schlagen diese Gebühren natürlich stärker zu Buche. Allerdings bekommt man für das Geld nicht nur die Direktvermarktung, sondern zusätzliche Dienstleistungen, die mit dem Zähler möglich werden. Discovergy erfasst den Stromverbrauch zeitaufgelöst, so dass der Verbrauch für den Stromnehmer transparenter wird. Auf Wunsch gibt es dort auch Energiespartipps.

Die Frage ist auch, ob es so schlimm ist, wenn es etwas mehr kostet. Justus Schütze findet, die kleinen Anlagen kosten heute so wenig, dass man die Investition gar nicht im Sinne von Rendite und Wirtschaftlichkeit sehen solle. Das mache man beim Auto oder beim Fernseher ja auch nicht. Vielmehr ginge es um die Freude am Selbermachen und Teilen von Energie.

Der Stromverbraucher alias Stromnehmer muss einen Artbeitspreis von 26,50 Cent brutto pro Kilowattstunde plus einen Grundpreis von acht Euro pro Monat zahlen, was bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 3.500 Kilowattstunden einem Strompreis von 29,2 Cent pro Kilowattstunde entspricht, der im üblichen Rahmen liegt. Buzzn muss wie jeder Lieferant und Direktvermarkter einen so genannten Bilanzkreis haben, in dem er viertelstündlich seine Einspeisungen und Bezüge ins Gleichgewicht bringen muss. Bei Abweichungen kann es teuer werden, da dann kurzfristig ge- oder verkauft werden muss. „Wir müssen sehr gute Prognosen machen“, sagt Schütze. Da dies nicht immer gelinge, nehme Buzzn an einem Stadtwerke Pool für Ausgleichsenergie teil. Das dabei auch einmal geringe Mengen an Graustrom, also Strom unbekannter Herkunft, in den Bilanzkreis gelangen, stört Schütze nicht: „Wir sind zufrieden wenn auch mal nur 95 Prozent des Buzzn-Stroms aus den dezentralen Anlagen unserer Stromgeber kommen.“ Er hält Anbieter, mit hundertprozentigen Ökostrom werben, sowieso für unglaubwürdig.

Bei den Großen gelernt

Er weiß, wovon er redet, denn er kommt ursprünglich aus dem Großhandelsgeschäft, zuletzt beim Stromkonzern Vattenfall, den er im Jahr 2007 verließ. „Damals dachte ich, wir brauchen effiziente Großhandelsplätze“, sagt er. Dieser Meinung ist er heute nicht mehr. Er findet, dass Begriffe wie „Effizienz“ in Verbindung mit industriellen Großlösungen allenfalls noch von „Verfechtern des Neoliberalismus“ geglaubt werden, letztendlich aber mit einem wahren Markt nichts zu tun haben.

Dass er damals im „falschen“ Markt gut verdient hat, komme ihm jetzt allerdings zu Gute. Die Plattform gibt es seit fünf Jahren. „Damals sind wir von Netzbetreibern mit Erstaunen und Misstrauen betrachtet worden“, sagt er. Das alte System sei nicht auf innovative Marktmodelle ausgelegt. Er sei schon froh, wenn die Abrechnungen an den Einspeisepunkten stimmten. Diese sind nötig, um genau zu protokollieren wie viel Strom im eigenen Bilanzkreis eingespeist und entnommen wird.

„Uns geht es bei Buzzn nicht primär um Geld und Technik. Uns geht es darum, ein Tool zu bauen und weiterzuentwickeln, mit dem jeder seine Energie mit anderen teilen kann“, sagt er. Dazu brauche man Zeit, organisches Wachstum und den richtigen Teamgeist.

„Wir wollen das einfach machen“, so Schütze. Er und seine Kompagnons – sie alle sind Mitinhaber des Unternehmens – bauen es langsam auf. Jetzt, nach fünf Jahren, haben sie nach eigener Aussage bundesweit rund 1.500 Menschen, die als Stromgeber oder Stromnehmer mitmachen. An die typische Buzzn Bezugsstelle fließen 3.500 Kilowattstundenpro Jahr, also der Verbrauch eines normalen drei bis vier Personenhaushalts. Diese werden zu einem größeren Teil von rund 100 Einspeisestellen der Stromgeber versorgt, darunter etwa 15 Photovoltaikanlagenbetreiber, der größte Teil des Restes sind KWK-Anlagen, dazu kommen noch ein paar Wind- und Wasserkraftanlagen.

Um die Kosten gering zu halten, sparten sie an allem, was sich die alte Versorgerwirtschaft heute noch leiste: Werbekampagnen, Konzernzentralen, Dienstwägen, Flugreisen. Die IT hätten sie selber programmiert. Gearbeitet würde viel von zuhause oder im Coworking Space. Und sie hätten teilweise noch Brotjobs. Schütze etwa verdient sein Geld zum Beispiel noch im Projektgeschäft und mit Mieterstrommodellen.

Sie planen also keine klassische Startup-Geschichte mit Venture Capital und Exit Strategie. „Nein, dann schon eher Crowd Funding“, sagt der 43-jährige. Das passe besser zu ihnen. Aber zunächst einmal soll sich das Konzept weiter herumsprechen. „Buzzn“ komme vom englischen Wort „buzz“, was „Summen“ und im übertragenen Sinne „heiße Neuigkeit“ bedeute.

Info-Kasten: Bilanzkreis

Jeder Stromlieferant und jeder Direktvermarkter hat einen so genannten Bilanzkreis. In Viertelstundenfenstern wird festgestellt, wie viel eingespeist und bezogen wird. Der Bilanzkreis des Lieferanten oder Direktvermarkters wird durch die Einspeise- und Bezugsstellen bestimmt, wo die Zähler installiert sind.

Da Strom nicht gespeichert werden kann, muss die Bilanz im gesamten Netz und in den einzelnen Bilanzkreisen immer ausgeglichen sein. Bisher wird bei Privatverbrauchern in der Regel nur einmal im Jahr der Zähler abgelesen. Es ist also nicht möglich festzustellen, wie viel Strom sie in den Viertelstundenfenstern verbrauchen. Man behilft sich deshalb mit so genannten Standardlastprofilen, also einer typischen Verteilung der elektrischen Arbeit über das Jahr. Je größer die Anzahl der Verbraucher ist, die ein Händler unter Vertrag hat, umso ähnlicher wird der Verbrauch dem Standardlastprofil.

Auch auf der Erzeugungsseite wird die Einspeisung kleiner Photovoltaikanlagen standardmäßig nicht in Viertelstunden erfasst. Auch wenn hier grundsätzlich mit Standardprofilen gearbeitet werden könnte, verlangt der Gesetzgeber zur Teilnahme an der Direktvermarktung, dass die Anlagen mit Messtechnik ausgestattet werden, zusätzlich mit der Möglichkeit, sie von der Ferne anzusteuern.

Am Tag vorher kauft oder verkauft ein Lieferant den Strom am Day Ahead Markt. Um zu wissen, wie viel Strom er braucht, benötigt er eine Prognose des Verbrauchs und der Erzeugung. Am gleichen Tag kann der Lieferant nochmals am Intraday-Markt Strommengen nachkaufen oder verkaufen.

Wenn dann die Prognose und die darauf basierende eingeplante Stommenge im Bilanzkreis in einem der Viertelstundenfenster von der Realität abweicht und auch nicht durch Fernsteuerung von Erzeugungsanlagen oder Lasten Erzeugung, eingekaufte Strommengen und Verbrauch in Einklang gebracht werden können, muss der Lieferant die dann nötige Ausgleichsenergie bezahlen.

Justus Schütze berichtet, dass die Bilanzierung nach Murphys Law, nach dem alles nur erdenkliche schiefgehen kann, auch öfter schiefgeht. Für Netzbetreiber sei diese genaue Bilanzkreis-Abrechnung im Kleinformat Neuland. „Da bilanziert ein Netzbetreiber zwei Monate lang richtig, und dann nicht mehr“. Das verursacht dann wieder Arbeit für die Buzzn-Mitarbeiter, die prüfen und Briefe schreiben müssen.