EU-Strafzölle führen zu Wafer-Engpässen

Es sieht sehr stark danach aus, dass die EU-Strafzölle auf Photovoltaik-Module aus China ab der nächsten Woche gelten werden – für mindestens sechs Monate. Während der durcschnittliche Zollsatz bei 47 Prozent liegen wird, werden viele chinesische Hersteller bis zu 68 Prozent zahlen müssen. In Anbetracht solch hoher Zölle werden die gravierenden Auswirkungen auf den europäischen Photovoltaik-Markt und die chinesischen Hersteller deutlich.

„Wenn diese Strafzölle Wirklichkeit werden, dann wird der europäische Markt deutlich schrumpfen und die Konsolidierung unter den chinesischen Herstellern wird beschleunigt werden, wahrscheinlich durch Konkurse“, sagt Senior Solar Analyst Jenny Chase von Bloomberg New Energy Finance (BNEF). „Die Strategie im Umgang damit wird wahrscheinlich sein, Produktionskapazität von China ins Ausland zu verlegen.“

Stefan de Haan von IHS Solar schätzt, dass die Nachfrage nach Modulen aus Europa in der zweiten Jahreshälfte 2013 mit großer Wahrscheinlichkeit bei fünf Gigawatt liegen wird. Sollten sich die meisten chinesischen Lieferanten vom europäischen Mark abwenden und Wafer sowie Zellen aus Quellen außerhalb Chinas beziehen, dann gebe es immer noch ausreichend Zellkapazität, um dieser Nachfrage zu begegnen. Die Zahlen von IHS zeigen, dass die Zell-Kapazität außerhalb Chinas für die zweite Jahreshälfte bei fast acht Gigawatt liegt, und das bei Berechnung der tatsächlich verfügbaren Produktionskapazität.

Bei der Wafer-Produktion sieht es demnach in Bezug auf die Produktionskapazität außerhalb Chinas schon enger aus. Die Zahlen von IHS Solar weisen für die zweite Jahreshälfte eine verfügbare Wafer-Kapazität von 4,5 Gigawatt aus. „Die im zweiten Halbjahr außerhalb Chinas verfügbare Wafer-Kapazität ist sehr nah an der tatsächlichen von uns für Europa erwarteten Nachfrage“, so de Haan.

De Haan hebt jedoch hervor, dass nicht alle der 20 chinesischen Lieferanten, die derzeit in Europa aktiv sind, verschwinden würden. Einige kommen demnach für Strafzölle unter dem Maximum von 68 Prozent in Frage. Der Principal Solar Analyst von IHS Solar Analyst merkt zudem an, dass auch Dünnschicht-Hersteller einen Teil der Fünf-Gigawatt-Nachfrage in Europa bedienen werden, was zusätzlich einen potenziellen Wafer-Engpass deutlich mache. „Im Ergebnis wird es sich wohl um keinen erheblichen Engpass handeln, es kann aber zu einigen Einschränkungen kommen.“

Verlegung der Produktion ins Ausland

Teile der Produktion aus China ins Ausland zu verlegen, ist eine weitere Möglichkeit, die sich den chinesischen Lieferanten bietet. Auf der diesjährigen SNEC-Fachmesse gab es dahingehend von Seiten der Hersteller bereits Hinweise.

CSUN ist ein klares Beispiel für einen chinesischen Hersteller, der über erhebliche Kapazitäten außerhalb von China verfügt und darüber die EU beliefern kann, auch wenn es dazu eher zufällig als durch gezielte Planung gekommen ist. CSUN hat seine neue Produktionsstätte in der Türkei über sein bestehendes chinesisches Geschäft ausgestattet. Diesem Muster könnten laut Chase von BNEF andere chinesische Hersteller, die Teile ihrer Aktivitäten ins Ausland verlegen wollen, folgen. „Warum neue Linien erwerben, wenn man bereits über viele alte verfügt, von denen einige gar nicht alt sind?“, fragt Chase rhetorisch.

Dieses Muster könnte sich laut Chase wiederholen, wenn chinesische Lieferanten Produktionsstätten in Taiwan mit bestehender Ausrüstung ausstatten. De Haan von IHS Solar sieht diese Strategie mit etwas mehr Skepsis und meint, dass die individuelle ökonomische Lage solch einen Schritt erlauben muss. Er fügt hinzu, dass ein stärkerer Fokus auf aufsteigende Märkte, China und Japan wohl eher von den chinesischen Herstellern zu erwarten wäre. Chase von BNEF stimmt in diesem letzten Punkt mit de Haan überein: „Wir alle wissen, dass der europäische Markt schrumpft. Hersteller in der Solarbranche stehen somit ohnehin unter großem Druck, nach neuen Märkten Ausschau zu halten.“

Die positive Seite

Ob die Photovoltaik-Hersteller in Europa von den Strafzöllen etwas haben werden, ist noch unklar. Sicherlich reicht die Wafer-Kapazität in der EU nicht aus, um möglichen Engpässen zu begegnen. „Ich kann nicht erkennen, dass es ein solches Maß an ungenutzter Kapazität gibt, die hochzufahren sich jetzt lohnen würde“, so de Haan.

Die Tatsache, dass die eingeführten Strafzölle zum Jahresende erneut überprüft werden, wird wahrscheinlich verhindern, dass in die Nutzung gegenwärtig ungenutzter Kapazitäten investiert wird, auch wenn dies wirtschaftlich sinnvoll wäre.

Einige Hersteller scheinen schlecht aufgestellt zu sein, um von den Anti-Dumping-Zöllen zu profitieren. Zu diesen Herstellern gehören laut de Haan Hanwha mit seinem Q.Cells-Geschäft, REC mit seiner Anlage in Singapur und der in Polen produzierende OEM-Hersteller Jabil. Führende taiwanesische und koreanische Lieferanten wie Neo Solar Power und Nexolon sind demnach auch gut aufgestellt, um die EU-Märkte zu bedienen.

Folgewirkungen und Preisdruck

Mit der Einführung der Strafzölle ist mit einem Preisanstieg im Photovoltaik-Bereich zu rechnen. Das wird die Entwicklung der Solarbranche in der EU verlangsamen, wobei das genaue Ausmaß noch unklar ist. Stefan de Haan spricht von Folgewirkungen über die gesamte Lieferkette hinweg. „Die Hersteller von Wechselrichtern werden betroffen sein, weil die Installateure noch stärker als bisher bei den Preisen drücken werden; zudem sind Gegenmaßnahmen von der chinesischen Regierung zu erwarten“, so de Haan. „Von solch einer Entscheidung werden einige Modulhersteller profitieren, viele andere Solarunternehmen werden jedoch in Schwierigkeiten geraten.“ (Jonathan Gifford)