Gesegneter Wüstenstrom

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Aus der Musikanlage schallt chilenische Folkloremusik, traditionelle Tänzer wirbeln dazu in bunten Kostümen umher. Eine Gruppe von Geschäftsleuten, Journalisten und Gemeindemitgliedern schützt sich unter einem Zelt vor der sengenden Sonne. Sie sind in die chilenische Atacamawüste gekommen, um der Einweihung des Solarparks beizuwohnen. Die Zeremonie beginnt mit der chilenischen Nationalhymne. Danach weiht zunächst ein katholischer Priester die Solaranlage, es folgt ein Kokablatt-kauender Schamane, der nicht nur seinen Segen, sondern auch – wie es scheint – Bier über den Solarmodulen versprüht, während er und seine Helfer von dichtem Weihrauch umgeben sind.

Die Teilnahme der Gemeinde ist bei der Einweihung des Photovoltaikparks von entscheidender Bedeutung, sagt Hugo Calderón, Geschäftsführer des Handelsunternehmens Kalmer und Berater der deutschen am Projekt beteiligten Firma Saferay. Dies sei zum einen eine Frage des Respekts gegenüber der Lokalbevölkerung und zum anderen eine gute Möglichkeit, die Einheimischen für sich zu gewinnen. Sind sie mit dem jeweiligen Vorhaben nicht einverstanden, können sie Projekte entweder stark ausbremsen oder sogar ganz blockieren. Dies war zum Beispiel bei einem Kohlekraftwerksprojekt von Eon der Fall, das im August 2012 abgelehnt wurde, weil es die umweltrechtliche Genehmigung nicht erhielt.

Die 1,4-Megawatt-Anlage in La Huayca wurde von der in Deutschland ansässigen Firma Saferay und dem chilenischen Unternehmen Seltec Ingeniería unter dem Namen Selray innerhalb von zehn Monaten aufgestellt. Die Fertigstellung gilt für die chilenische Solarbranche, die bisher noch in den Kinderschuhen steckt, als großer Schritt. Die Anlage soll Bergwerke, die in der Region überwiegend Kupfer abbauen, mit Strom versorgen. Man hofft, dass die Anlage in Zukunft den Weg für ehrgeizigere Photovoltaikprojekte ebnet und sowohl den Banken als auch der Bergbaubranche zeigt, dass die Solarenergie eine praktikable und rentable Lösung für die Energieversorgung in der Region darstellt. Marko Schulz, CEO von Saferay, erklärt, dass insbesondere die Bergleute der Solarenergie sehr skeptisch gegenüberstehen. Bisher hätten sie zwar von vielen Plänen gehört, jedoch noch keine greifbaren Ergebnisse zu sehen bekommen.

Offener Energiemarkt

Nach Abschluss der ersten Phase plant Selray nun, die Anlage auf zunächst neun Megawatt und im zweiten Quartal 2013 auf 30 Megawatt auszubauen. Der Projektfortschritt hänge jedoch noch davon ab, ob die nötigen Stromabnahmeverträge (PPA) abgeschlossen werden können und ob eine solide Finanzierung gefunden wird. Dies sei auf dem relativ offenen chilenischen Energiemarkt nicht ganz einfach. Schulz erklärt, dass Selray dafür den Bergbauunternehmen versichern muss, dass das Unternehmen Solarstrom im Norden Chiles günstiger und umweltfreundlicher als andere Stromversorgungsunternehmen erzeugen kann.

Die Ausweitung der Anlage möchte Schulz über chilenische Banken finanzieren, damit Wertschöpfung und Gewinne im Land bleiben. Die meisten chilenischen Kapitalgeber wollen allerdings ohne weitere Beispielprojekte nicht in die Solarenergie investieren. Die internationale Unternehmensberatung Frost & Sullivan erklärt zum Beispiel, dass die Projektfinanzierung die größte Hürde für Aktivitäten auf dem chilenischen Photovoltaikmarkt darstellt. Das bestätigen auch Marta Alonso, Geschäftsführerin von Enertis Solar, und Fernando De Samaniego Steta, Business Development Manager für Lateinamerika bei Suntech. „Geschäftsbanken sind nicht bereit, eine regresslose Finanzierung ohne bestehenden Stromabnahmevertrag mit einem kreditwürdigen Abnehmer zu bieten“, meint De Samaniego Steta. „Viele Banken zögern zudem, weil sie kaum Erfahrung mit großen Photovoltaikprojekten in Chile haben. Das beginnt sich jedoch zu ändern.“ Von Frost & Sullivan heißt es dazu: „Multilaterale Entwicklungsbanken haben bereits Finanzierungsprogramme für erneuerbare Energien gestartet. Das spezielle Finanzierungsprogramm der lateinamerikanischen Entwicklungsbank CAF für Projekte mit sauberen Energien (PROPEL) könnte dem Mangel an Finanzierung in der Region entgegenwirken, währenddas regionale Bankensystem bessere Kreditbedingungen für die Entwicklung erneuerbarer Energien bietet.“ Neben der Finanzierung zählt in Chile auch die Anbindung an das Stromnetz zu den Herausforderungen. Das Land wird über vier unterschiedliche Stromnetze versorgt. Fehlende Investitionen in Infrastruktur, umweltrelevante Aspekte sowie logistische Probleme aufgrund der Geografie des Landes machen die Stromversorgung in Chile nicht ganz einfach. Hong Chen, Geschäftsführer von Sky Solar in Südamerika, meint, dass viele Regionen nur begrenzten Netzzugang haben. Daher verteile sich die Projekt-Pipeline des Unternehmens ebenfalls auf mehrere Regionen.

Viel Sonne in der Wüste

Trotz dieser Probleme ist Chile eigentlich ein idealer Standort für Photovoltaikprojekte. Laut Martin Cataife, Branchenanalyst für Frost & Sullivan in Lateinamerika, könnten aufgrund der einzigartigen Sonneneinstrahlung in den nördlichen Regionen des Landes theoretisch bis zu 1,318 Gigawatt an Photovoltaikleistung installiert werden, wie eine Studie des chilenischen Energieministeriums und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) von 2011 nahelegt. Energieminister Jorge Bunster sagt, dass die Photovoltaik großes Potenzial besitze und in Zukunft eine wichtige Rolle spielen werde. Marko Schulz fügt hinzu, dass die Entscheidung zur Expansion nach Chile für Saferay nur logisch war, in Anbetracht der hohen Sonneneinstrahlung, des stabilen politischen und wirtschaftlichen Umfelds und der großen Nachfrage.

Tatsächlich wird für die kommenden Jahre aufgrund des Wachstums der chilenischen Industrie und der großen Abhängigkeit des Landes von Stromimporten eine steigende Energienachfrage prognostiziert. „Bis 2016 wird ein Anstieg der Stromnachfrage von insgesamt 4,7 Prozent im zentralchilenischen Stromnetz (SIC) und von 3,4 Prozent im nordchilenischen Stromnetz (SING) erwartet“, erklärt Cataife und fügt hinzu: „Das goldene Zeitalter des Kupferbergbaus hat auch großen Einfluss auf Chile, da die großen Bergbauunternehmen, die zuvor auf Strom aus Diesel und Gas zurückgreifen wollten, jetzt ihre strategische Entscheidung zugunsten erneuerbarer Energien getroffen haben.“ Ursprünglich hatte man in Chile beabsichtigt, den Energiebedarf des Landes mit Atomenergie zu decken. Nach dem Atomunglück im japanischen Fukushima vor einem Jahr wurde diese Entscheidung jedoch widerrufen. Es wurde deutlich, dass die Atomkraft keine sichere Alternative wäre, vor allem angesichts der Gefahr regelmäßiger Erdbeben. „Deswegen ist jetzt die Solarenergie an der Reihe“, so Hugo Calderón von Kalmer. Zudem sind die chilenischen Energieversorger ENDESA, AES Gener, Colbún und E-CL verpflichtet, einen Mindestanteil von zehn Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Energien zu beziehen. Es gibt bereits Überlegungen, diesen Wert auf 20 Prozent zu steigern.

Auf die Frage, ob Chile die aufsteigende Photovoltaikbranche fördern wird, sagt der Energieminister Jorge Bunster,dass die Regierung sich gegenwärtig mit diesem Thema auseinandersetze. Er stellte jedoch klar, dass keine Vergütung angeboten werden wird, da „Technologien auf dem Markt für sich selbst kämpfen müssen“. Um Gewinne zu machen, müssen die Unternehmen ihren Strom daher auf dem Spotmarkt verkaufen oder sich Stromabnahmeverträge sichern.

Schulz beziffert den durchschnittlichen Strompreis auf dem chilenischen Spotmarkt auf etwa 12 Eurocent pro Kilowattstunde im zentralen Netz, was beispielsweise im Vergleich zu rund 3,8 Eurocent pro Kilowattstunde in Deutschland sehr großzügig ist. Laut Hong Chen von Sky Solar schwanken die Spotmarktpreise in Chile allerdings um 7 bis 15 Eurocent pro Kilowattstunde. Daher wäre ein Stromabnahmevertrag die bevorzugte Lösung, weil damit ein stabiler Preis über einen bestimmten Zeitraum gesichert werden könnte. Dies erleichtert es dann Unternehmen, an eine Finanzierung für ihr Projekt zu kommen.

Hürdenlauf

Dass es in Chile für Photovoltaikanlagen keine feste Vergütung gibt, hat Unternehmen bisher aber nicht von der Planung großer Projekt-Pipelines abgehalten.

In den ersten acht Monaten des Jahres 2012 wurden 32 Anträge mit insgesamt 2,4 Gigawatt Photovoltaik bei Chiles Online-Datenbank für umweltrechtliche Genehmigungen (SEIA) eingereicht. Bisher wurden 914 Megawatt genehmigt. Laut Frost & Sullivan leiden viele geplante Projekte jedoch an „ernsthaften“ Finanzierungsschwierigkeiten.

Zudem meint Martin Cataife von Frost & Sullivan, dass der Zulassungs- und Genehmigungsprozess für Photovoltaikprojekte langwierig ist: Die Erklärung zur Umweltverträglichkeit dauert ungefähr 208 Tage und die Umweltverträglichkeitsprüfung selbst insgesamt rund 346 Tage. Und auch wenn eine Anfrage von der chilenischen Zulassungsstelle (SEA) zugelassen wird, sind abhängig vom Netzanschluss des Projekts noch weitere bürokratische Schritte nötig. „Bis man zum Abschluss gelangt, kann ein Jahr vergehen“, meint Cataife und fügt hinzu: „Viele Projekte sind bei der Regierung und in der Öffentlichkeit umstritten.“ Im Gegensatz dazu war das Verfahren für Saferay und Seltec relativ unkompliziert. In nur zehn Monaten schafften es die beiden Unternehmen, ihre 1,4-Megawatt-Pläne zu entwickeln und umzusetzen. Während sich Seltec um Standort und Autorisierung kümmerte, beschaffte Saferay die nötigen Komponenten von verschiedenen internationalen Herstellern. Dazu gehören Module von Canadian Solar, Montagesysteme von Krinner, Schraubfundamente und zwei Zentralwechselrichter für den Einsatz im Freien von GE Power Conversion.

„Die Menschen scheinen der Solarenergie in Chile offen gegenüberzustehen. Das Land braucht aber konkrete Vorzeigeprojekte. Die Saferay-Anlage zeigt jetzt aber, dass Solarenergie funktioniert, und somit können nun auch größere Projekte folgen“, meint Saferay-Berater Calderón. Er fügt hinzu, dass insbesondere deutsche Unternehmen aufgrund ihres Know-hows und ihrer Expertise im Solarbereich einen Vorsprung von etwa 18 Monaten haben, um auf den chilenischen sowie auf die benachbarten Märkte in Peru und Kolumbien vorzudringen. „Daher müssen die Unternehmen schnell sein. In Deutschland gibt es viel Innovation, und das muss man deutlich machen.“

Vertrauen und Finanzierung

Es besteht kein Zweifel daran, dass Chile für die Photovoltaikbranche ein interessanter Wachstumsmarkt ist. Tatsächlich sind die Rahmenbedingungen, wie von vielen bereits bemerkt, hervorragend: Die politische Situation ist stabil, die Wirtschaft wächst, es gibt viel Sonnenschein und einen wachsenden Energiebedarf. Während es in dem Land noch an Branchenkenntnissen mangelt, sind Möglichkeiten für Unternehmen, die nach Internationalisierung streben, vielfältig. Zudem wird die Photovoltaik wegen fehlender Subventionen die Möglichkeit haben, ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den fossilen Brennstoffen zu beweisen. Dennoch ist Chile auch mit Schwierigkeiten behaftet.

Fernando De Samaniego Steta von Suntech meint prägnant, „Vertrauen und Finanzierung“ seien die zwei größten Hürden auf dem chilenischen Solarmarkt. „Während die Solarbranche in Chile noch in der Anfangsphase steckt, haben wir Zeit dafür aufgewendet, lokalen Akteuren und potenziellen Abnehmern die wirtschaftliche und technische Realisierbarkeit der Solarenergie zu erklären. Mit weiteren wegweisenden Projekten im Einsatz können wir diese Herausforderung meistern, so dass die Solarenergie als realisierbare und verbreitete Lösung zur Stromerzeugung akzeptiert wird. Neue Märkte müssen zunächst einige Zeit Überzeugungsarbeit leisten, um den Glauben in eine neue Technologie zu schaffen. Dieser Prozess ist in Chile gerade im Gange“, meint er. In diesem Sinne ist der Ratschlag von Hugo Calderón, klein anzufangen und dann zu wachsen, um in Ruhe die nötigen Lizenzen, Genehmigungen und Finanzierungslösungen zu erlangen, eine Überlegung wert.