Böses Erwachen

Um 13 Uhr werden die Mitarbeiter von First Solar am 17. April zu einer überraschenden Belegschaftssitzung gerufen. Schon um 13:45 Uhr verlassen die ersten wieder das Werksgelände. Sagen möchten sie nichts, aber in ihren Gesichtern kann man deutlich ablesen, was gerade passiert ist. Das Unternehmen hat ihnen ihre Entlassung mitgeteilt. Betroffen sind nicht nur ein paar Mitarbeiter, sondern alle 1.200. Das komplette Werk in Frankfurt (Oder) soll bis Ende Oktober geschlossen werden.

So wie den Mitarbeitern von First Solar ergeht es derzeit vielen Beschäftigten in der Solarbranche. Entweder haben sieihren Job bereits verloren oder sie fürchten, ihn zu verlieren. Die Schreckensnachrichten häufen sich jedenfalls, die Einschläge kommen näher: Erst meldete Solon aus Berlin Insolvenz an, es folgten Solar Millenium und die deutschen Tochtergesellschaften von Scheuten Solar. Dann kamen Ralos, Solarhybrid, Odersun und Q-Cells. Auch beim Projektierer Phoenix Solar im bayerischen Sulzemoos stehen mittlerweile viele Jobs auf der Kippe.

In der Branche war man nach den jüngsten politischen Entscheidungen zur Kürzung der Solarförderung auf schlechte Nachrichten gefasst. Der plötzliche Rückzug von First Solar aus Deutschland ist dennoch ein Paukenschlag. Die angekündigte Erfolgsgeschichte von First Solar in Frankfurt hatte eigentlich gerade erst begonnen. Mit Fördergeldern von Bund und Ländern in Millionenhöhe wurde zunächst das Werk Nummer eins errichtet, die ersten Module rollten im Jahr 2007 vom Band. Das Geschäft lief anscheinend gut, denn nur kurze Zeit später begannen die Pläne zur Errichtung eines zweiten Produktionswerks am Standort. Die Fördergelder flossen auch diesmal wieder. Erst im Herbst 2011 wurde das Werk in Betrieb genommen. Anzeichen für eineUnternehmenskrise gab es dann aber schon Ende des Jahres 2011. Zunächst wurden die Gewinnprognosen gesenkt und die Pläne für eine Fabrik in Vietnam auf Eis gelegt. Im März 2011 wurden die Mitarbeiter dann auf Kurzarbeit gesetzt, und das Unternehmen kündigte an, die Produktion um 50 Prozent runterzufahren. Trotz der Anzeichen kam dies überraschend, da First Solar zumindest im Jahr 2011 – im Gegensatz zu vielen anderen Modulherstellern – noch deutlich schwarze Zahlen schrieb.

Keine zwei Monate später kommt nun die Ankündigung, den Standort Frankfurt komplett zu schließen und alle Mitarbeiter zu entlassen. Als Begründung sagt Christopher Burghardt, Vertriebsleiter Europa von First Solar: „Ausschlaggebend waren politische Entscheidungen, die zu einem Kollaps der Nachfrage in Deutschland geführt haben. Und insbesondere im Freiflächensegment, das unser Kerngeschäft ist.“

Fadenscheinige Gründe

Eine Einschätzung von Analysten der US-amerikanischen Investmentbank Jefferies lässt allerdings vermuten, dass die Vergütungskürzungen in Deutschland nicht der einzige Grund sind. Demnach reduziere First Solar seine Produktion so weit, dass sie mit der internen Projektpipeline zusammenpasse. Dies würde im Umkehrschluss bedeuten, dass First Solar kaum mehr Module verkaufen wird. Auch die von First Solar angepeilte Senkung der Produktionskosten auf 0,60 bis 0,64 US-Dollar je Watt sehen die Analysten kritisch. First Solar liege damit noch immer über den Preisen der führenden chinesischen Solarmodulhersteller. Diese Kostennachteile führten, gepaart mit dem niedrigeren Wirkungsgrad der Cadmiumtellurid-Dünnschichtmodule und der bislang nicht nachgewiesenen 20-jährigen Performance, dazu, dass die First-Solar-Module nicht mehr wettbewerbsfähig gegenüber Produkten aus China seien, so die Einschätzung der Analysten von Jefferies. Zudem habe First Solar einige Probleme mit Serienfehlern, wie das Beispiel der Low-Power-Module zeigt.Ob die Schließung der deutschen Werke wirklich wirtschaftlich notwendig war und was mit den vielen ab Oktober arbeitslosen Mitarbeitern geschieht, das versuchen nun Politiker mit der Geschäftsführung des Konzerns zu klären. Auch interessant ist die Frage, ob und wenn ja wie viel der zum Bau der Produktionsstätten zur Verfügung gestellten Fördergelder das Unternehmen nun zurückzahlen muss. Vorsorglich hat First Solar die Werksschließungen für Oktober angekündigt. Dann nämlich wäre die Abmachung zur Finanzierung des ersten Werks erfüllt. Diese lautete, dass die geschaffenen Arbeitsplätze für mindestens fünf Jahre erhalten bleiben. Dies nimmt First Solar nun sehr genau und erhält die Arbeitsplätze keinen Monat länger als für den Erhalt der Subventionen abgemacht.

Schaden zieht größere Kreise

Für die Kleinstadt Frankfurt (Oder) kommt die Entscheidung von First Solar jedenfalls einer wirtschaftlichen Katastrophe gleich. „Das ist ein herber Rückschlag für unsere Wirtschaft“, bestätigt Gundolf Schülke, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostbrandenburg. „Davon sind auch zahlreiche Partnerbetriebe in Frankfurt und Umgebung betroffen. Wir appellieren an die soziale Verantwortung des Unternehmens. Die Zukunft der Mitarbeiter und der 30 Auszubildenden muss geklärt werden.“ Ein bisschen hilflos wirkt das Echo, Ratlosigkeit ist die erste Reaktion. Die IG Metall Ostbrandenburg fordert Gespräche zur aktuellen Situation der Solarfirmen in der Region. Solche Aktionen wären vielleicht im März nützlich gewesen, um den Widerstand gegen die Kürzungspläne aus den Kommunen und den Bundesländern zu forcieren. Jetzt, da die Novelle des EEG im Bundestag abgenickt wurde, ist es wohl zu spät. „Wir brauchen gemeinsame Gespräche mit den Geschäftsführungen, den politisch Verantwortlichen und den Beschäftigten, um alles für den Erhalt der Arbeitsplätze in den Firmen zu tun“, meint Peter Ernsdorf, Bevollmächtigter der IG Metall. Auch Frankfurts Oberbürgermeister Martin Wilke (parteilos) begrüßt einen runden Tisch. Nun drohe die regionale Deindustrialisierung. Wichtige Partner von First Solar sind beispielsweise der ElektronikherstellerYamaichi in Frankfurt (Oder) und 5N Plus in Eisenhüttenstadt, der Zulieferer von Cadmiumtellurid.

Nicht nur Hersteller betroffen

Aber nicht nur große Unternehmen wie First Solar stecken derzeit in der Krise. Um von der erwarteten geringeren Nachfrage in Deutschland nicht zu schwer getroffen zu werden, hat beispielsweise auch das Systemhaus MP-tec im brandenburgischen Eberswalde 20 Prozent seiner Mitarbeiter entlassen, von knapp 150. „Wir müssen von den Kosten runter“, sagt Michael Preißel, der Geschäftsführer. „Die Lohnkosten sind einer der größten Kostenfaktoren. Deshalb fielen der Umstrukturierung leider auch Arbeitsplätze zum Opfer. Ob es noch mehr werden, hängt davon ab, wie sich der Markt in Deutschland nach dem 30. Juni entwickelt.“ Er will das Schlimmste nicht ausschließen: „Wenn wir gar kein Geschäft in Deutschland mehr machen und der Weltmarkt nicht funktionieren sollte, werde ich als Unternehmer weitere Konsequenzen ziehen müssen. Im Moment habe ich die Kündigungsmaßnahmen getroffen, weil ich nach dem Juni einen Marktrückgang um mindestens 50 Prozent erwarte.“ MP-tec ist ein kleines Unternehmen, es kann nicht ohne Weiteres auf Märkte in Asien oder den USA ausweichen. „Viele kleinere Unternehmen tun sich schwer damit, ins Ausland zu gehen“, bestätigt Preißel. „Denn die Geldsummen, die das kostet, bekommt so ein Unternehmen nicht abgefedert.“

Für die Jahreszeit untypisch

Der Markt befindet sich im Umbruch, meint Preißel: „Bei den gewerblichenAufdachanlagen sind die Aufträge drastisch zurückgegangen. Das ist völlig untypisch für diese Jahreszeit. Was jetzt noch geht, sind Anlagen, die ihren Netzanschluss schon vor dem 23. Februar beantragt haben und noch die alte Vergütung bekommen. Aber selbst davon werden einige auf der Strecke bleiben.“ Auch Conergy kämpft mit erheblichen Problemen. Die Hamburger haben in ihrem Werk im Osten der Republik die Reißleine gezogen – schon vor First Solar. „Unsere Umstrukturierung hat zwar rund 100 Arbeitsplätze gekostet“, erklärt Antje Stephan, Pressesprecherin von Conergy. „Aber es ist derzeit nicht profitabel, in Deutschland Zellen und Wafer zu fertigen. Wir konzentrieren uns jetzt auf die Modulproduktion.“ Zurzeit arbeiten im Werk in Frankfurt (Oder) noch 380 Mitarbeiter.

Die Pleite schon hinter sich

Die Pleite hinter sich hat Stefan Säuberlich, Geschäftsführer von Solon in Berlin-Adlershof. Bis vor kurzem war er CEO einer honorigen Aktiengesellschaft. Nun steht er einer GmbH vor, die aus der Insolvenzmasse mit arabischen Petrodollars herausgekauft wurde. „Was mich an diesen Förderdebatten stört, ist die Kurzfristigkeit“, sagt er. „Niemand kann seine Produktionskosten von jetzt auf gleich auf Satzabsenkungen um 20, 25 oder 30 Prozent in den verschiedenen Marktsegmenten ausrichten. Mit solchen Sprüngen kann man nicht rechnen. Unsere Produktion ist relativ kapitalintensiv. Sie rechnet sich nur, wenn man sie auslastet. Wenn man aber – bedingt durch die Einspeisetarife – immer eine große Nachfrage hat und zwei Monate später fast nichts, kann man die Produktion nicht auslasten.“ In Adlershof läuft die Produktion wieder. Zwar musste sich Solon von einem Drittel der Mitarbeiter trennen, kam aber noch einmal mit einem blauen Auge davon. „Vor anderthalb Jahren hatten wir 900 Mitarbeiter in der gesamten Firmengruppe. Jetzt sind wir bei etwa 600 und gehen runter auf 540 bis 550“, sagt Säuberlich. Schon Mitte 2011 hatten die Berliner die Fühler nach Investoren ausgestreckt, um den Konzern umzustrukturieren. „Mit Microsol haben wir sehr lange verhandelt“, erinnert sich Säuberlich. „Wenn wir diesen langen Vorlauf nicht gehabt hätten, wären wir wahrscheinlich während der dreimonatigenInsolvenzfrist zu keinem Ergebnis gekommen.“ Microsol stammt aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, das Management ist indisch. Nun will Solon mehr Geschäfte auf dem Subkontinent machen. Auch um sich von der Förderpolitik in Deutschland unabhängig zu machen.

Merkwürdige Stille

Merkwürdig in diesen hitzigen Tagen ist die Stille des Bundesverbandes Solarwirtschaft (BSW-Solar). Wie viele Arbeitsplätze in der Branche tatsächlich auf dem Spiel stehen, weiß dort offenbar niemand. Genaue Zahlen wollte oder konnte der Verband auf Nachfrage nicht nennen. In Deutschland gibt es rund 200 Hersteller von Solarzellen, Solarmodulen und Wechselrichtern. Dazu kommen die Hersteller von Maschinen und Anlagen für Solarfabriken. Immerhin haben sich die Photovoltaikexperten im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) in Frankfurt am Main unter rund 100 Maschinenherstellern umgehört, wie sie die Markaussichten beurteilen. Dahinter verbergen sich rund 12.000 hochqualifizierte Jobs. Das Ergebnis: 83 Prozent der befragten Unternehmen erwarten, dass sich die Auftragslage im Jahresverlauf verschlechtert, um mehr als 20 Prozent. Aufgrund dessen fürchten mehr als die Hälfte der Unternehmen (58 Prozent), dass sie ihre Belegschaft im Laufe dieses Jahres zumindest teilweise in Kurzarbeit schicken müssen. Mehr als 62 Prozent rechnen sogar damit,einen Teil ihrer Mitarbeiter entlassen zu müssen.

Der Maschinenbau ist eine Exportbranche, darin sind die Deutschen Weltmeister. Auf den Export ausweichen können die Installateure in der Regel nicht.

Massenweise Stornierungen

„Nachdem der erste Entwurf der Novelle Ende Februar bekannt wurde, haben die Kunden binnen kürzester Zeit Aufträge storniert“, sagt Petra Schmieder, Pressesprecherin des Zentralverbandes der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH). „Die Handwerker sind auf dem lokalen undregionalen Markt tätig. Sie stehen im direkten Kontakt zum Kunden, der Kunde wendet sich zuerst an sie. Die Handwerksbetriebe sind jetzt am stärksten betroffen.“ Aber auch sie hat keine konkreten Zahlen, wie sich die Personalsituation im Elektrohandwerk derzeit entwickelt. „Für eine Prognose ist es im Moment noch zu früh. Schließlich sind die Änderungen gerade seit vier Wochen bekannt“, sagt sie. „Wir gehen davon aus, dass sich der Markt reduzieren wird, aber das ist ja von der Regierung so gewollt. Sicherlich wird er aber nicht komplett zusammenbrechen.“