Viel Geld für Solar

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Bisher sieht es mit den Risikokapitalinvestitionen auf dem Solarsektor gut aus. Im zweiten Quartal 2011 lagen die Investitionen bei etwa einer Milliarde US-Dollar und damit doppelt so hoch wie im ersten Quartal, so Chefredakteur Angus McCrone von Bloomberg New Energy Finance (BNEF). BNEF erfasst und analysiert weltweit die Transaktionen auf dem Sektor für erneuerbare Energien. Zunächst klingt das für Photovoltaikunternehmen, die auf der Suche nach Risikokapital sind, nach einer guten Ausgangslage. Allerdings sind auch Investitionen in die Solarthermie in diesen Zahlen enthalten. Und beim Blick auf die Transaktionen insgesamt zeigt sich, dass die Solartechnologie bei den diesjährigenInvestitionen in saubere Technologien nicht der Favorit ist. Das geht aus Erhebungen der Cleantech Group hervor, die ebenfalls Analysen durchführt. Auf dem ersten Platz liegen demnach Unternehmen im Bereich der Energieeffizienz mit Investitionen von 428 Millionen US-Dollar. Die Solarenergie erreicht mit 363 Millionen US-Dollar den zweiten Platz, gefolgt von Biokraftstoffen mit 237 Millionen US-Dollar.

Umschichtung bei Investitionen

Nicht nur die Solarenergie verliert für Risikokapitalgeber an Glanz. Auch insgesamt büßt die Branche für erneuerbare Energien gegenüber anderen Start-ups – beispielsweise Internetdiensten wie Facebook und Groupon – an Attraktivität ein. „Bis zum Juni dieses Jahres gab es überschwängliches Interesse an digitalen Medien-Start-ups sowie einigen Enthusiasmus für Cleantech-Unternehmen. Seitdem hat das Interesse an Investitionen in Cleantech aufgrund kurzfristiger Bedenken nachgelassen“, sagt Christian Reitberger, aktiver Teilhaber von Wellington Partners. Diese Bedenken sind bekannt: Die derzeitige Überkapazität in der Photovoltaikproduktion führt zu niedrigeren Preisen und für manche Hersteller zu finanziellen Schwierigkeiten. „Vor zwei bis drei Jahren gab es für Photovoltaikunternehmen deutlich mehr Vertragsabschlüsse und Investitionen“, so Reitberger.Obwohl nach den BNEF-Zahlen in diesem Jahr damit zu rechnen ist, dass deutlich mehr Gigawatt Photovoltaik als im Vorjahr installiert werden, liegt der Nachfragezuwachs immer noch unter dem Wachstum der Produktionskapazität. „Die Branche steht vor einer massiven Überkapazität bei der Zellproduktion und einer niedrigeren Nachfrage als in den ersten beiden Quartalen. Das Ergebnis ist: Die Modulpreise fallen, wodurch die Gewinnspanne weiter schrumpft“, kommentiert Frank Siebke von Good Energies. Niedrigere Modulpreise aber schlagen sich deutlich in den Bilanzen der Hersteller nieder und haben zum Absturz der Aktienkurse geführt. „Niedrige Aktienkurse wirken sich auch auf die Bewertung aller privaten Unternehmen aus“, so Reitberger. Ein Problem, denn für Risikokapitalfonds wird auf der Suche nach Co-Investoren sowie beim Verkauf von Portfolio-Unternehmen – sei es durch einen Börsengang oder eine Übernahme durch einen Konkurrenten – die bestmögliche Bewertung benötigt.

Wenn sich jedoch für Risikokapitalgeber Abstoßungen oder neue Investitionsrunden als schwierig erweisen, verlangsamt sich das Investitionstempo. Dieser Trend verheißt für europäische Unternehmen nichts Gutes, da es seit dem Floating des deutschen Unternehmens SMA im Juni 2008 in Europa keinen Börsengang mit mehr als 100 Millionen US-Dollar gegeben hat. Andernorts – besonders in Asien – gab es seit Anfang 2010 entlang der Photovoltaik-Wertschöpfungskette hingegen stattliche zwölf Börsengänge. Den größten machte laut BNEF das Unternehmen Shanghai Chaori Solar Energy im November 2010 mit 358 Millionen US-Dollar.

Der Zustand der Kapitalmärkte und die Zyklen von Angebot und Nachfrage in der Photovoltaikbranche haben einen deutlichen Einfluss darauf, wohin das Kapital fließt, außerdem auf die Häufigkeit der Geschäftsabschlüsse sowie Volumen und Art der Investitionen. Ein Beispiel dafür ist, dass laut BNEF die größte Investition im Jahr 2011 bisher die Expansionsfinanzierung des Herstellers LDK in China war, die 240 Millionen US-Dollar brachte. Auch wenn es sich hierbei um eine spätere Runde und einen anderen Bereich handelte, war es ein weitaus größeres Volumen als bei der größten europäischen Cleantech-Investition im Jahr 2011, nämlich Enecsys mit 41 MillionenUS-Dollar in einer Serie-B-Runde. Das Unternehmen hatte beträchtliche Einnahmen, innovative Modulwechselrichter und Expansionspläne.

Die gute Nachricht ist, dass erfahrene Risikokapitalgeber wie etwa Good Energies und Wellington Capital Partners derartige Marktentwicklungen vorhergesehen und ihre Strategien entsprechend angepasst haben. So haben viel niedrigere Modul- und Zellpreise dazu geführt, dass Risikokapitalgeber in Unternehmen investieren, die bahnbrechende beziehungsweise tatsächlich innovative Zelltechnologien entwickeln. Start-up-Unternehmen, die bei fortgeschrittenen kristallinen Zell- und Modulkonzepten in Sachen Kosten oder Wirkungsgrad lediglich kleine Verbesserungen versprechen, haben sie dabei gemieden.

Erfolgsfaktor Innovation

Ein Beispiel für diese Strategie ist die Investition von Wellington Partners in Heliatek, ein Dresdener Start-up, das an organischen Zellen mit laut Reitberger „bahnbrechend differenzierenden Eigenschaften“ arbeitet. Ein weiteres Beispiel ist Alta Devices, dessen Know-how bei der Galliumarsenid-Konzentratortechnologie (GaAs-CPV), insbesondere beim neuen epitaxischen Lift-off-Verfahren, in einer zweiten Finanzierungsrunde 72 Millionen US-Dollar von Good Energies und anderen etablierten Risikokapitalfonds aufbrachte. Auch einer Reihe anderer Start-ups ist es in den vergangenen Monaten gelungen, Risikokapital aufzutreiben, darunter 1366 Technologies, Soltecture (ehemals Sulfurcell) und Miasolé. Alle beanspruchen für sich, neuartige Verfahren und/oder innovative Materialien einzusetzen.

Diese Beispiele verdeutlichen, dass Investitionen in die Photovoltaik noch getätigt werden, Unternehmen im Frühstadium jedoch kein Kapital anziehen. „Spätere Investitionsrunden finden auf dem gesamten Cleantech-Sektor statt. Das ist jedoch langfristig gesehen ein beunruhigender Trend, weil dadurch die Finanzierung jüngerer und innovativerer Start-ups vernachlässigt wird“, sagt Reitberger. „Das führt zu einer Ausdünnung der Pipeline. In einigen Jahren wird es weniger Unternehmen zum Investieren geben, die wir an die Börse bringen können.“ Die aktuelle Stimmung auf dem Risikokapitalmarkt erklärt, warummindestens zwei europäische Start-up-Unternehmen, Solaytec und Levitech, kein Risikokapital erhalten haben und stattdessen durch Unternehmen oder den Staat finanziert wurden. Zwei Punkte sprachen gegen diese innovativen Unternehmen: Sie befanden sich noch ganz am Anfang, und ihre Produkte bieten zwar Effizienzverbesserungen bei Silizium-Solarzellen, machen jedoch keine großen Sprünge in Sachen Wirkungsgrad oder Kostensenkung. Solaytec ist ein niederländisches Unternehmen, das aus TNO Technostarters hervorging. Es erhielt sein Kapital von der deutschen RENA GmbH, einem Unternehmen für Prozesstechnologie für nasschemische Anwendungen, sowie einer niederländischen Entwicklungsagentur. Das Unternehmen kommerzialisiert sein Werkzeug zur Atomlagenabscheidung mit hohem Durchsatz, um Zellen mit höherem Wirkungsgrad unter Verwendung von Standardmaterialien zu fertigen, mit dem Anspruch der Verarbeitung hoher Stückzahlen von mindestens 3.000 Wafern pro Stunde. Levitech hat seinen Sitz ebenfalls in den Niederlanden und bietet ein Werkzeug für die Großserienproduktion von fortgeschrittenen Silizium-Zellstrukturen an. Es ist aus dem Halbleiterausrüster ASM International (ASMI) hervorgegangen, der mehr als vier Dutzend Patente angemeldet hat. Das Unternehmen beschaffte fünf Millionen Euro, zum Großteil vom Technologieunternehmer Arthur del Prado, dem Gründer von ASMI, sowie von ASMI selbst.

BOS-Kostenreduktion interessant

Neben der Suche nach Investitionsmöglichkeiten in den Bereichen Zellfertigung und Effizienz sind Risikokapitalgeber auch an Unternehmungen interessiert, die auf die sogenannten Balance-of-System-Kosten abzielen. Als BOS-Kosten werden in der Photovoltaik alle Kostenfür Komponenten und Dienstleistungen – mit Ausnahme der Modulkosten – bezeichnet, die nötig sind, um eine Solaranlage zu errichten, beispielsweise Gestell-, Wechselrichter-, Verkabelungs- und Arbeitskosten. Niedrigere Modulpreise haben da große Auswirkungen. „Heute macht der BOS-Anteil mehr als die Hälfte der Gesamtkosten einer Installation aus“, erklärt Reitberger. Solche Überlegungen sind sicher mit Grund dafür, dass in diesem Jahr mindestens drei Modulwechselrichter-Unternehmen – Enecsys, Enphase, Solarbridge – Risikokapital aufgebracht haben.

Die langfristigen Aussichten für europäische und andere innovative Photovoltaikunternehmen sind positiv. „Die Photovoltaiknachfrage wird sich stabilisieren und ohne Zweifel wieder anziehen. Es muss langfristiger gedacht werden, schließlich dauert es fünf bis sieben Jahre, bis ein Technologieunternehmen heranwächst“, so Reitberger. Mit anderen Worten: Es wird erneut Börsengänge geben, sobald die Solarbranche wieder wächst, und auch neue Übernahmen, wenn etablierte Branchenakteure nach innovativen Technologien suchen. Dann werden Risikokapitalgeber ihre Investitionen wieder gewinnbringend veräußern können, und ein neuer Kreislauf aus Investitionen und Innovationen wird in Gang kommen.

Aktuelle Risikokapital-Transaktionen in der Solarbranche
Name des Unternehmens, Land – TechnologieStadiumBetrag in Millionen US-DollarEinige der Investoren
Soltecture, Deutschland – Dünnschicht-SolartechnologieFolgeinvestition25Intel, Climate Change Capital, Bankinvest
Miasolé, USA – Dünnschicht-SolartechnologieExpansion106Vantagepoint Ventures, KPCB
Enecsys, UK – Mikro-WechselrichterSerie A41,3Climate Change Capital, Wellington Partners,Good Energies
1366 Technologies, USA – nicht gesägte Silizium-PV-ZellenSerie B6Vantagepoint Ventures
Enphase Energy, USA – Mikro-Wechselrichtervorbörslich14Kleiner Perkins, Rockport, Applied Ventures
Alta Devices, USA – GaAs-CPVSerie B72New Enterprise Associates (NEA), Kleiner Perkins, GE
Azuray Technologies, USA – Elektronik für PV-SystemeSerie A5NEA
Solar Junction, USA – CPVSerie C13,3NEA
Photosolar, Dänemark – Glas-SonnenschutzFrühstadium4,8SET Venture Partners
Suniva, USA – ionenimplantierte SiliziumzellenSerie D115NEA, Warburg Pincus
Royal Tech Solar, China – Tracker für CPV, PV und weiterekeine Angabe35,7Tripod Capital
Solarbridge Technologies, USA – ModulwechselrichterSerie C19Rho Ventures, Battery Ventures
Semprius, USA – GaAs-CPVSerie C20Siemens Venture Capital, ARCH Venture Partners,Applied Ventures, Illinois Ventures
Solopower, USA – CIGS-PVkeine Angabe15Thomas Weisel Partners
Quelle: Bloomberg New Energy Finance, Greentech Media, Crunchbase, Pressemitteilungen von Unternehmen