„Es ist noch immer ein Zuschussgeschäft“

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Vergleichsweise junge Vereinigungen wie PV Cycle werden auch von den Personen an ihrer Spitze geprägt. Stimmen die Gerüchte, dass Ihr Präsident und Direktor Karsten Wambach, der von Anfang an dabei war, jüngst seine Ämter aufgab?

Ja, das stimmt. Karsten Wambach gab bei der jüngsten Mitgliederversammlung von PV Cycle während der Intersolar Europe überraschend seinen Rücktritt bekannt.

Was sind die Gründe? Hat dies etwas mit der Schließung der Recycling-Pilotanlage bei Sunicon in Freiberg und mit der Suche nach neuen Investoren für eine Modernisierung der Anlage zu tun?

Dazu kann ich im Moment nichts sagen.

Wann findet die Neuwahl statt?

Während unserer nächsten Mitgliederversammlung auf der EU PVSEC in Hamburg Anfang September. Bis dahin wird Wilfried Taetow von Sanyo, der in München zum Vizepräsidenten von PV Cycle gewählt wurde, unser oberster Kopf sein.

Sie entschieden auf Ihrer jüngsten Mitgliederversammlung auch über ein neues Finanzierungsmodell. Wie sieht dieses aus?

Unsere Finanzierung steht nun auf zwei Säulen. Dies sind die Mitgliedsbeiträge sowie die Abgaben, die sich an den Betriebskosten orientieren. Diese bemessen sich an der Tonnage der über PV Cycle wieder eingesammelten und recycelten Altmodule. Unsere Mitgliedsunternehmen müssen hiervon einen Beitrag vorfinanzieren, der sich nach den eingesammelten Mengen des Vorjahres berechnet. Auf diese Weise finanzieren wir jeweils schon das Budget des Folgejahres.

Wie sehen Ihr aktueller Geschäftsabschluss und Ihr künftiges Budget aus?

Wir haben das Geschäftsjahr 2010 positiv abgeschlossen, insgesamt erwirtschafteten wir 2009/2010 einen Überschuss von 600.000 Euro. Bis Ende 2011 rechnen wir mit einem Überschuss von 1,2 Millionen Euro. Dies ist vor allem unserem rapiden Mitgliederzuwachs zu verdanken. Allein im ersten Halbjahr 2011 gewannen wir über 100 neue Mitglieder.

Allerdings blieben ja die recycelten Mengen mit 80 Tonnen im Jahr 2010 hinter Ihren Erwartungen zurück. Mit welchen Mengen rechnen Sie für 2011?

Wir gehen davon aus, dass wir dieses Jahr etwa 1.000 Tonnen Module einer Wiederaufarbeitung zuführen können, davon sind 95 Prozent siliziumbasierte Module. Die Dünnschichtmodule, die First Solar in eigenen Anlagen recycelt, sind in diesen Zahlen nicht enthalten.

Wie hoch ist der Anteil der ausrangierten Altmodule?

Der ist bislang sehr gering. Wir recycelten im vergangenen Jahr nur rund ein Prozent defekte Module, die älter als 25 Jahre waren. 99 Prozent der über uns wiederaufgearbeiteten Module wurden beim Transport oder der Installation beschädigt oder sind Garantiefälle und damit maximal drei Jahre alt. An dieser Größenordnung wird sich voraussichtlich auch in diesem Jahr wenig ändern.

Wo werden denn die Module wiederaufgearbeitet? Die bislang größte Recyclinganlage für kristalline Module bei der Solarworld-Tochter Sunicon in Freiberg stellte doch im vergangenen Jahr den Betrieb ein.

Die über uns eingesammelten Module werden dieses Jahr alle in Flachglas-Recyclingbetrieben aufgearbeitet. Momentan arbeiten wir mit drei großen Flachglasrecyclern, Reihling, Maltha und Santaolalla, zusammen. Testmengen haben wir auch bei drei bis vier weiteren kleineren Flachglasrecyclern laufen.

Findet denn dort ein wirkliches Produktrecycling statt, das heißt, entstehen aus den ausrangierten Modulen wieder neue Module oder Komponenten wie Solarglas?

Nein, dort werden nur Materialien wie etwa Glas recycelt, das dann einer anderen Verwendung zugeführt wird. Dies ist auch bei anderen Verwertungen üblich, beispielsweise im Elektronikbereich. Das Produktrecycling ist für Solarmodule zumindest momentan nicht wirtschaftlich, weil die anfallenden Mengen zu klein sind. Daran scheiterte auch die Pilotanlage bei Sunicon, wo ein Produktrecycling stattfand, doch dies trug sich wirtschaftlich nicht. Die Anlage ist deshalb momentan stillgelegt und Sunicon möchte in den nächsten zwei Jahren eine größere Linie mit einem Jahresdurchlauf von 20.000 Tonnen aufbauen. Momentan laufen die Genehmigungsverfahren sowie die Suche nach Investoren. Allerdings ist Sunicon momentan auch für uns zu teuer.

Trägt sich denn das Materialrecycling der Module über die Flachglasverarbeiter?

Selbst dort rechnet sich das Modulrecycling noch nicht voll und wir müssen momentan für jede Tonne recycelter Module 15 bis 50 Euro zuschießen. 2010 betrugen die Kosten pro Tonne recycelter kristalliner Module 240 Euro, in diesem Jahr verringerte sich dieser Betrag auf rund 175 Euro pro Tonne. Doch es ist immer noch ein Zuschussgeschäft.

Und dies liegt hauptsächlich nur an dem geringen Durchlauf und der nicht vollständigen Automatisierung?

Im Wesentlichen ja. So werden beispielsweise die Rahmen meist noch manuell von den Modulen getrennt. Dazu kommt, dass es technisch sehr schwierig ist, die Rückseitenfolien und EVAs aufzutrennen. Selbst wiederaufgearbeitetes Glas ist teils nochmit Silizium oder Indium verunreinigt und wird dann als Glaswolle zur Isolation verwendet, was allerdings auch sinnvoll ist. Zudem enthalten die heutigen dünneren Module nur noch ein Zehntel des Siliziums von vor zehn Jahren, die Ausbeute ist also nicht mehr so wirtschaftlich. Die Flachglasverarbeiter, mit denen wir zusammenarbeiten, gewinnen deshalb momentan das Silizium nicht wieder, nur andere Wertstoffe wie Aluminium oder Kupfer. Ein spanischer Wettbewerber von Sunicon wollte eigentlich in größerem Stil in die Modulaufarbeitung einsteigen, doch wir kooperierten nicht mit ihm, weil er zu teuer war. Sunicon bot uns auch an, die ausrangierten Module zu lagern, bis die neue geplante Anlage in Freiberg realisiert ist, doch unser Aufsichtsrat lehnte dies ab.

Wie sieht es denn bei den Dünnschichtmodulen aus?

Beim Recycling von CIGS-, CIS- und CdTe-Modulen sind derzeit – außer First Solar – nur drei Firmen aktiv, nämlich Loser Chemie, 5N PV und Saperatec. Allerdings sind das bisher erst sehr kleine Mengen. Neulich haben wir zum ersten Mal eine Palette CIGS-Module zur Wiederaufarbeitung geliefert.

Was tut sich auf der politischen Bühne in Brüssel? Kommt doch noch eine europaweite gesetzliche Pflicht zur Wiederaufarbeitung von Modulen nach der EU-Elektronikschrott-Richtlinie?

Die EU-Kommission sprach sich dafür aus, Photovoltaikmodule von der Elektronikschrott-Richtlinie auszunehmen, das EU-Parlament im Februar ebenso. Allerdings votierte der EU-Rat, also die Mitgliedsstaaten, im März dieses Jahres für eine nochmalige Überprüfung dieser Regelung. Wir sind momentan dabei, weitere Auskünfte einzureichen, unter anderem zu den Zielvorgaben für die Sammelquoten. Doch wir rechnen nicht damit, dass es noch in diesem Jahr zu einer politischen Entscheidung kommt.

Gibt es denn Pläne Ihrerseits, das Modulrecycling über Europa hinaus auszuweiten?

Im Moment nicht, erst muss es hier wirtschaftlich funktionieren.

Das Gespräch führte Hans-Christoph Neidlein.

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