Ein Buch für alle/Studie eines Scheiterns

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Man schrieb das Jahr 1910, als der Chemie-Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald in einer Diskussion des Vereins für Rechts- und Wirtschaftsphilosophie zum ersten Mal vom „Energetischen Imperativ“ sprach. Er besagt: Vergeude keine Energie, verwerte sie. Was der vielseitige Ostwald als die Summe seiner Gedanken betrachtete, das hatte in der kurzen Zeit bis zum Ersten Weltkrieg rasch Wissenschaft und Öffentlichkeit ergriffen. Kein Wunder. Noch heute muss es erstaunen, was Ostwald damals formuliert hatte, nämlich dass „eine dauerhafte Wirtschaft ausschließlich auf die regelmäßige Energiezufuhr der Sonnenstrahlung gegründet sein kann.“

Genau 100 Jahre und viele nun schon als normal angesehene Katastrophen später schrieb der im Oktober verstorbene Träger des Alternativen Nobelpreises Hermann Scheer sein neues Buch. Scheer war bekannter Vordenker der Solaridee und Initiator des EEG. These sowie Gegenstand des Buches sind im Untertitel klar ausgesprochen – „100 % jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist.“ Scheer geht in seinem letzten Buch davon aus, dass es vor allem aus Zeitgründen keine Alternative zu den erneuerbaren Energien gäbe. Die Frage aller Fragen sei jetzt die Zeitfrage. Sie lautet: „Kann der historisch fällige, vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien so rechtzeitig realisiert werden, dass wir den von der konventionellen Energiewirtschaft verursachten Tragödien noch entkommen können?“. Und: Wie kann der Energiewechsel ultimativ beschleunigt werden?

Dabei habe sich in der Zwischenzeit ein für die erneuerbaren Energien gefährlicher Scheinkonsens herausgebildet. Es sehe so aus, als würden sich alle, auch die Vertreter der traditionellen Energiewirtschaft, für sie einsetzen. Aber es handele sich tatsächlich um zwei konträre Systeme: Hier das zentralistische Großsystem der Kohle- und Atomkraftwerke, dort die Dezentralisierung einer Vielzahl qualitativ unterschiedlicher Energieanbieter – die nun schon berühmt gewordene „Energieautonomie“.

Beim energetischen Systemwechsel könne es kein „win-win“ geben. Für Scheer ist der Wechsel zu 100 Prozent erneuerbaren Energien eine Art kopernikanische Wende. Es sei der umfassendste wirtschaftliche Strukturwandel seit dem Beginn des Industriezeitalters. Ein solcher Strukturwandel sei ohne Gewinner und Verlierer undenkbar. Und die Verlierer werden unweigerlich die Anbieter konventioneller Energie sein.

Um das wenigstens hinauszuzögern, greifen sie zu den unterschiedlichsten Mitteln. Eines davon sind jene Supergrid-Projekte wie die Offshore-Windparks in der Nordsee oder Desertec in den Wüsten Nordafrikas. Scheer zeigt eindrücklich, dass diese Großprojekte so etwas wie Trojanische Pferde sind. Sie würden den Energiewechsel – was für ihn der Maßstab, eben der „energethische Imperativ“, ist – keineswegs beschleunigen, sondern nur behindern. Einer ebenso scharfen Kritik unterzieht der Autor auch die Weltklimakonferenz, den Emissionshandel und das Konzept der CCS-Kraftwerke samt ihrer hochproblematischen CO2-Entsorgung.

Die Vorschläge, die Scheer jenen von ihm als untauglich eingeschätzten Konzepten gegenüberstellt, sind teilweise schon aus seinen früheren Publikationen vertraut. „Der energethische Imperativ“ liest sich hier – der gegenwärtigen Situation durchaus angemessen – wie ein zugespitztes Update: Erschließung neuer Speicherpotenziale, Ausbau des EEG, Schadstoffsteuer statt Energiesteuer, Vor rang kommunaler Energieversorgung, Vereinfachung von Genehmigungsprozeduren, Konversionen ganzer Wirtschaftszweige.

Es ist Hermann Scheer gelegentlich vorgeworfen worden, dass er die technischen Möglichkeiten der erneuerbaren Energien gleichsam blauäugig, zu optimistisch betrachte. Allerdings werden solche Vorwürfe den Vertretern der erneuerbaren Energien nun schon seit Jahrzehnten gemacht – ohne dass das der tatsächlichen Entwicklung entsprechen würde. Denn diese hat die Erwartungen bisher stets weit übertroffen. Die Argumentation Scheers ist durchgängig kenntnisreich und faktengesättigt. Ihre besondere Stärke liegt aber darin, dass sie jenen Fehler nicht wiederholt, den kein Geringerer als Max Weber der „energetischen Kulturtheorie“ Ostwalds angekreidet hatte: dass sie die historisch gewachsenen gesellschaftlichen Interessenkonstellationen nicht berücksichtige. Die Bücher Scheers bilden insgesamt genau das, was Ostwald vor 100 Jahren eigentlich im Auge hatte: eine theoretisch informierte, aber vor allem praktisch orientierte Energiesoziologie.

An wen richtet sich „Der energethische Imperativ“? – An alle. Es ist nicht weniger als das Buch zum politischen Energiekrimi dieses Jahres. Aber besonders sei es auch den verantwortlichen Vertretern der Photovoltaik empfohlen. Denn wenn die aktuellen Entwicklungen eines gezeigt haben, dann, dass man das Visier in der Energiediskussion nicht all zu weit  herunterklappen darf. Für eine Selbstbescheidung, die an den jeweiligen Branchengrenzen halt macht, lässt sie ab nun keinen Raum mehr. Die Photovoltaik ist das umstrittene Herzstück des komplexen Übergangs zu den erneuerbaren Energien. Und davon, wie dieser energetische Paradigmenwechsel vollzogen werden kann, wovon umgekehrt auch das Schicksal der deutschen Photovoltaik abhängt, handelt Scheers Buch.

Hermann Scheer: Der energethische Imperativ. 100 % jetzt: Wie der vollständige Wechselzu erneuerbaren Energien zu realisieren ist.Verlag Antje Kunstmann, München 2010.270 Seiten, 19,90 Euro.ISBN 978-3-88897-683-4

Studie eines Scheiterns

Den Physik-Nobelpreis in jungen Jahren zu bekommen, ist eine Lebensaufgabe, an der man scheitern kann. Zu groß sind die Verlockungen, die mit dieser Auszeichnung einhergehen. Die Geschichte solch einer grandiosen Selbstverirrung erzählt Ian McEwan in seinem neuen Roman „Solar“.

Michael Beard hat als junger Wissenschaftler mit einem Theorem zu Einsteins Photonentheorie reüssiert. Er hat der Einsteinschen Theorie des lichtelektrischen Effekts eine neue Dimension hinzugefügt und nun seinerseits den Nobelpreis für Physik erhalten. Fortan lässt er sich auf Kongressen herumreichen, gibt seinen Namen für die Briefbögen aller möglichen Institute her und strolcht nicht ganz erfolglos als Schürzenjäger durch die Welt. Inzwischen ist er ein übergewichtiger Mittfünziger, als Wissenschaftler längst ohne Antrieb. Weder freigesetzte Elektronen noch Photovoltaik interessieren ihn. Ohne jede Vision leitet er das Institut für Erneuerbare Energien in London. Auch in seinem Privatleben liegt einiges im Argen. Gerade scheitert seine fünfte Ehe. Aber Beard, ein Genie der Selbsttäuschung, wirft das nicht aus der Bahn. Er macht weiter wie gewohnt. Als ihm dann die Forschungsergebnisse eines Mitarbeiters in die Hände fallen, liest er diese eher aus Langeweile. Mit der gestohlenen Idee will er nun seinen Beitrag zur Weltrettung leisten, obwohl ihm diese Welt im Grunde seines Herzens völlig egal ist.

Die Idee zu diesem Roman kam Ian McEwan 2007, als er an einem Klimasymposium in Potsdam teilnahm. Im Kreise der dort versammelten hoch dekorierten Wissenschaftler nahm sein Romanheld als Charakter erste Gestalt an. Schließlich bediente sich Ian McEwan eines Kunstgriffs, um das fortgesetzte Scheitern in Sachen Klimawandel literarisch zu fassen: Er personifiziert in der Gestalt seines Helden Michael Beard mit Ironie und Zynismus das Versagen der Akteure der Weltpolitik, endlich gemeinsam verantwortungsvoll zu handeln und in größeren Zeitspannen als der eigenen Lebenszeit zu denken. Sinnbildlich steht dafür eine Episode, die Beard während einer Arktis-Expedition widerfährt. Schon nach wenigen Tagen herrscht heilloses Chaos in der Stiefelkammer, in der die Thermoanzüge und sonstiges Zubehör für den Aufenthalt in der arktischen Kälte aufbewahrt werden. Abends wird bei reichlich Wein über die Rettung der Welt diskutiert. Und Beard fragt sich im Stillen zurecht, wie das gelingen soll, wenn der einzelne schon an der Aufgabe scheitert, seine Stiefel und Handschuhe am richtigen Platz zu verstauen. Nach dem Klimagipfel in Kopenhagen 2009 überarbeitete Ian McEwan das Buch noch einmal. Es dürfte um einiges bissiger geworden sein. Zu groß war seine Enttäuschung über den Verlauf des Gipfeltreffens.

So geraten Solarenergie, Klimawandel und die Niederungen des Wissenschaftsbetriebs zur Kulisse dieses Romans, der die Verkümmerung eines Charakters beschreibt. Kein spannender Wissenschaftsroman, wie Titel und Ankündigung vermuten lassen, sondern die sarkastische Studie eines Scheiterns.

Ian McEwan: „Solar“. Roman. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich 2010. 405 Seiten, 21,90 Euro.ISBN 978-3-257-86201-0