Kostensenkung überall

Zunächst sieht es so aus, als ob endlich jemand zugibt, in einer schwierigen Situation zu sein. „Wir müssen alle drei Monate unser Leid klagen und ein wenig schreien“, sagt Murray Cameron, COO des Anlagenbauers Phoenix Solar auf dem Podium im Münchner Kongresszentrum. Er spielt auf die Unternehmensberichte an, die Aktiengesellschaften quartalsweise abliefern müssen und die bei vielen Firmen die Wirtschafts- und Finanzkrise deutlich widerspiegeln. Hinzu kommt, dass letzten Herbst mit dem Beschluss der spanischen Regierung, die Einspeisevergütung zu kappen, einer der größten Märkte weggebrochen ist. Die Veranstalter der Intersolar hatten zum PV Industry Forum geladen, einer Konferenz im Vorfeld der Messe, um zu erfahren, wie man am besten auf diese Entwicklungen reagiert – der Preis für Offenheit in dieser Diskussion geht an China Sunergy (siehe Kasten Seite 44).

Mehr Aussteller, mehr Besucher

Noch scheint die Krise jedoch nicht auf das Gemüt der Besucher der Intersolar geschlagen zu haben. Insgesamt kamen nach Angaben der Organisatoren rund 60.000 Besucher, 8.000 mehr als letztes Jahr. Die Ausstellungsfläche stieg um 37 Prozent, über 140 Länder waren vertreten. Die 22 parallel zur Messe laufenden Konferenzen hatten über 2.000 Besucher. Es ging um die Entwicklung diverser Märkte und um Innovationen. Drei davon erhielten den Intersolar Award (siehe Kasten Seite 46). Allein seit 2006 sind nach den Zahlen des Bundesverbands Solarwirtschaft die Anlagenpreise um 25 Prozent gefallen. Die Intersolar zeigt, wie es weitergeht – was auch für Planer und Installateure interessant ist, wenn sie dem Endkunden dadurch niedrigere Preise anbieten können, ohne auf ihre Marge zu verzichten.

Wer glaubt, die Schmerzen und Schreie endeten in einer Depression, irrt jedenfalls. „Wir sehen den Abschwung als Gelegenheit, weil die Materialpreise sinken“, sagt beispielsweise Peng Xiaofeng, CEO des chinesischen Waferherstellers LDK, der neben Cameron auf dem Podium sitzt. Cameron selber wendet die Schmerzensschreie zu „kurzfristigen Herausforderungen“. Auch Vizepräsident des Siliziumherstellers REC, Asmund Fodstad, hält die Herausforderungen für eine gute Sache, die zu einer „Konsolidierung“ führe und „Möglichkeiten eröffne“.

Moderator Travis Bradford vom Prometheus Institute fasst das so zusammen: „Wir nehmen also die Lehre mit, dass man so etwas Widriges wie die globale Wirtschaftskrise in eine Chance verwandeln muss, um erfolgreich im Geschäft zu sein. Glückwunsch.“ Man kann wohl einen leicht ironischen Unterton in sein Resümee hineininterpretieren. Die Aussagen mancher Firmen klangen so, als hätte man sie gezwungen, das Licht am Ende des Tunnels zu beschreiben. Francesco Yen, verantwortlich für Geschäftsentwicklung bei Best Solar aus Jian Su, China, meinte, die Lager seien zwar voll, aber die Konkurrenz habe sich ausgedünnt. Außerdem hätten größere Firmen mehr Kapital eingebracht und sich diversifiziert.

Hightech in der Fertigung

Unabhängig davon, wie stark die Krise noch zuschlägt: Der Wettbewerb wird bleiben, und Kostensenkung ist nach wie vor das große Thema. Immer noch haben Module den mit Abstand größten Anteil an den Gesamtkosten, so dass Preissenkungen hier am meisten auf den Endkundenpreis durchschlagen. Nach Piper-Jaffrays-Informationen setzt derzeit der Modulproduzent Yingli Green Energy mit 1,7 Euro pro produziertem Watt die Untergrenze.

Wie viel Potenzial es in diesem Bereich noch gibt, zeigte sich auf der SMET-Konferenz, bei der parallel zur Intersolar Experten für die Fertigungstechnologie die zukünftige Produktion diskutierten. „Für mich ist völlig klar, dass man in der kristallinen Technologie in den nächsten Jahren unter ein Dollar pro Watt Herstellungskosten kommt“, sagte Winfried Hoffmann, Vizepräsident von Applied Materials und Präsident der Europäischen Photovoltaikindustrievereinigung EPIA.

Hoffmann präsentierte eine Roadmap, wie es im Detail weitergehen kann. Applied Materials selber trägt dazu etwa mit einer Anlage bei, mit der bei Zellen die oberste Schicht, die aus Siliziumnitrid besteht und Verluste an der Oberfläche reduziert, durch materialsparendes Sputtern erzeugt wird. Außerdem hat die Firma erst kürzlich eine Maschine vorgestellt, mit der sich dünnere Wafer mit geringeren Schnittverlusten sägen lassen. Wenn sie unter 100 Mikrometer Dicke fallen, was nach seiner Roadmap etwa um das Jahr 2020 der Fall sein sollte, könnte der Preis für das Silizium auf acht Cent pro produziertem Watt sinken. Vor zehn Jahren waren es noch 90 Cent pro Watt.

Kostenfaktor Silizium

Auch Evergreen Solar versucht so wenig wie möglich von dem hochreinen und damit teuren Silizium einzusetzen. Der Zell- und Modulhersteller produziert seine Wafer nach dem String-Ribbon-Verfahren, das die Wafer direkt aus der Siliziumschmelze zieht. „Durch unser Verfahren haben wie die Chance, Kosten zu senken wie kein anderer, denn Silizium ist noch immer der größte Kostenfaktor in der Produktion“, sagt Ian Gregory, Leiter Produkt-Marketing. „Unser Siliziumverbrauch liegt bei nur fünf Gramm pro Watt. Der Durchschnitt der Branche liegt bei zehn Gramm.“

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Volle Lager – leere Kassen

Risiken und Chancen für Systemanbieter

Der Absturz kam schneller, als erwartet. „Die Solarbranche war in den letzten Jahren zu verwöhnt“, urteilt Christina Lechner, Leiterin Marketing bei Donauer Solartechnik in Gilching. Ein nicht endender Winter mit viel Schnee hatte den Systemanbietern volle Lager beschert. Gleichzeitig fielen die Preise von Woche zu Woche. Die Käufer hofften deshalb auf weiter sinkende Preise und hielten sich mit Neuanschaffungen zurück. Das hat bei hohen Lagerbeständen immer wieder zu neuen Entwertungen geführt, denn die teuer eingekaufte Ware ließ sich nur noch zu den niedrigeren aktuellen Marktpreisen an die Kunden weitergeben. Aber seit April gehe es genauso unerwartet plötzlich wieder bergauf, sagt Lechner und hofft auf mehr Preisstabilität in der zweiten Jahreshälfte.

Sinkende Modulpreise eröffnen aber auch neue Absatzmärkte. „Wir können jetzt Anlagen in Länder verkaufen, die sich zuvor keine Photovoltaik leisten konnten“, erzählt Michael Schäfer, Geschäftsführer von Energiebau in Köln. Der Systemanbieter projektiert und errichtet beispielsweise in Ghana dezentrale Photovoltaikanlagen, wo vorher aus Kostengründen Generatoren liefen. Auch MP-Tec aus Eberswalde setzt auf den afrikanischen Markt als zweites Standbein. In der Nähe erschließt sich der Anbieter mit Solaranlagen im öffentlichen Bereich gerade eine neue Zielgruppe.

Die Systemanbieter vertreiben vor allem hochpreisige Module und fürchten die billige Konkurrenz aus Asien. „Die jetzige Krise ist hausgemacht“, glaubt Thomas Rudel, Vorsitzender der Geschäftsführung von Rusol. Es gebe zu viele Verkäufer, zudem könne der Kunde billige Ware beispielsweise direkt in China bestellen. „Es wird eine Marktbereinigung geben“, prophezeit Rudel und setzt als Strategie gegen die Krise auf Traceability, auf die Zurückverfolgbarkeit der angebotenen Waren bis zu den Ausgangsprodukten, um Qualität zu garantieren und Plagiate auszuschließen.