Den besten Weg aussuchen

Im Februar erlebte Rom eine Premiere: Die CIS-IT, die Konferenz der Solarindustrie, war die erste Veranstaltung ihrer Art in Italien. Mit rund 450 Besuchern sprengte sie den geplanten Rahmen. „Wir mussten zusätzliche Räume bereitstellen“, sagt Severine Schniepp vom Veranstalter Solarpraxis AG, die die Konferenz gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Institut Ambiente Italia organisiert hatte.

Der italienische Solarmarkt gilt als einer der Schlüsselmärkte Europas. „Wir schätzen das Wachstum des letzten Jahres auf 200 Megawatt. Die insgesamt installierte Leistung lag Ende2008 bei etwa 280 Megawatt“, sagt Gerardo Montanino, Geschäftsführer des Gestore dei Servizi Elettrici (GSE). Die staatliche Behörde ist in Italien für die Zahlung der Einspeisevergütungen für Strom aus regenerativen Energien zuständig. Dass der Wachstumskurs fortgesetzt wird, erhoffen sich die beiden italienischen Photovoltaikverbände Gruppo Imprese Fotovoltaiche Italiane (GIFI) und Associazione dell’Industria Solare Fotovoltaica (Assosolare). Sie erwarten für dieses Jahr rund 250 Megawatt neu installierte Leistung. Maßgeblich verantwortlich für dasbisherige Marktwachstum ist das Fördergesetz „Conto Energia“, das 2005 erlassen und 2007 zuletzt überarbeitet wurde.

Schreckgespenst Spanien

Nach Deutschland und Spanien ist Italien im Zeitalter der Degression angekommen. Seit Anfang des Jahres zwingen um zwei Prozent gekürzte Einspeisetarife für Solarstrom die heimischen Firmen zu mehr Wettbewerbsfähigkeit. Damit fiel die Degression im Vergleich zu Deutschland und Spanien moderat aus – aber schon 2011 wird in Italien die Vergütung für Solarstrom neu festgelegt.Aktuelle Entwicklungen haben dazu geführt, dass die noch junge italienische Solarbranche nicht mehr ganz so optimistisch in die Zukunft blickt wie noch vor einigen Monaten. Experten warnten, dass durch den Preisverfall italienische Modulhersteller nicht mehr mit der ausländischen Konkurrenz mithalten könnten. „Moderne Modulhersteller brauchen niedrige Lohnkosten oder eine vollautomatisierte Fertigung – und am besten beides. Für diese Erfolgsfaktoren ist Italien derzeit kein idealer Standort“, sagte Axel Schmidt, Geschäftsführer des Waferherstellers Wacker Schott Solar GmbH.Wie sich die Nachfrage auf dem italienischen Markt entwickelt, ist noch ungewiss. „Aufgrund der Finanzmarktkrise und der wenig stabilen Modulpreise ist es für uns momentan schwierig, langfristige Ziele zu formulieren“, sagt Valentina De Carlo, Pressesprecherin der Conergy Italia SpA, Tochter der deutschen Conergy AG. Die Branche wartet die Bilanzen der Banken für das erste Quartal 2009 ab. Erst danach wollenviele Unternehmen Aussagen für das laufende Jahr treffen.

Großanlagen vielversprechend

Vor allem der Großanlagensektor gilt im sonnenverwöhnten Mittelmeerstaat als vielversprechend. „Eine erstmals signifikante Menge an Freiflächenanlagen ist zeitgleich mit dem Einsatz der Krise fertiggestellt worden“, sagt Andrea Franconi, verantwortlich für die Finanzierung von Energie- und Umweltprojekten bei der Bank Dexia Crediop SpA. „In Zukunft wird man sich aber nicht mehr auf diese Erfahrungswerte verlassen können. Mit der Finanzkrise haben sich die Rahmenbedingungen geändert. Nun müssen die Banken ihre Finanzierungsmodelle überarbeiten“, sagte Franconi. Marktteilnehmer berichteten, dass es vielerorts schwierig sei, Banken und Investoren zu finden. „Als Reaktion auf die momentane Kapitalmarktsituation müssen sich bei großvolumigen Projekten mehr Banken als zuvor zusammenfinden, um die Finanzierung zu ermöglichen“, sagt Björn Schilling vom Kompetenzcenter Erneuerbare Energien der Commerzbank AG.Trotz der Unsicherheiten der Finanzkrise wagten die Experten Prognosen bezüglich der Zukunft des italienischen Solarmarktes. Stefan Dietrich, Pressesprecher der deutschen Q-Cells SE, verkündete, Teile des italienischen Marktes könnten bereits 2010 Grid-Parity erreichen. Die meisten Konferenzteilnehmer hielten erst den Zeitraum zwischen 2012 und 2015 für realistisch. Branchenkenner wie GIFI-Präsident Gert Gremes mahnten, es gebe noch eine Reihe ungelöster Probleme. „An ihrer Beseitigung muss gearbeitet werden“, sagt Gianni Chianetta, Präsident von Assosolare. Die Verbandsrepräsentanten gehen mit gutem Beispiel voran. Und so könnte die italienische Photovoltaikindustrie bald nur noch ein Sprachrohr haben. „Wir wollen GIFI und Assosolare zusammenführen, wenn möglich in diesem Jahr. Der Zusammenschluss würde die Kommunikation mit der Politik wesentlich erleichtern“, sagte Gremes. Somit wäre schon mal eins der Probleme gelöst.Ob nun für einen oder zwei Verbände – es gibt noch genügend Hausaufgaben zu erledigen. Eine Schwierigkeit der Branche ist, dass sich die heimische Industrie nur langsam entwickelt. „Italiens Photovoltaikindustrie liegt um zwei bis drei Jahre zurück“, sagt Domenico Sartore, CEO von Solon SpA, Tochter des deutschen Modulherstellers Solon SE. Eine relevante Siliziumproduktion „made in Italy“ beginnt erst in diesem Jahr mit Silfab SpA und im nächsten Jahr mit Estelux Srl. Im norditalienischen Ferrara soll Estelux ab 2010 in einer ersten Produktionsphase jährlich 4.000 Tonnen Silizium produzieren. Ähnlich sind die geplanten Produktionskapazitäten von Silfab in Borgofranco d’Ivrea in der Provinz von Turin. „Wir planen für 2010 eine jährliche Produktion von 5.000 Tonnen“, bestätigte Fabio Patti, Assistent der Geschäftsführung auf der CIS-IT. Bereits in diesem Jahr will das Unternehmen eine Produktionskapazität von 2.500 Tonnen erreichen.Laut Experten sind in Italien im Bereich der Modulproduktion rund 25 Hersteller tätig. Mit zunehmendem Ausbau der weltweiten Kapazitäten spielen sie bei den geringen Mengen, die sie produzieren, allerdings kaum eine Rolle. Matthias Altieri, Vize-Präsident der Q-Cells SE und Geschäftsführer der Q-Cells International Italia, sieht jedoch auf dem heimischen Markt gute Absatzmöglichkeiten für Modulhersteller.

Stolpersteine bei Großprojekten

Pünktlich vor Weihnachten konnte die Juwi Energie Rinnovabili Srl ihr jüngstes Photovoltaikprojekt in Italien fertigstellen. Es umfasst mehrere Freiflächenanlagen in der Region Apulien mit einer Gesamtkapazität von 3,2 Megawatt. Die Anlagen wurden innerhalb eines Jahres realisiert, gingen 2008 ans Netz und profitieren somit noch von den ungekürzten Förderbedingungen. Auch andere Unternehmen sind auf die Region aufmerksam geworden. In Apulien, das am Stiefelschacht gegenüber der italienischen Hauptstadt liegt, wurde nämlich ein vereinfachtes Genehmigungsverfahren eingeführt. Bei der sogenannten Autorizzazione Unica kommen alle Behörden, die für die Genehmigung der Anlagen zuständig sind, an einen Tisch, was zu einer erheblichen Beschleunigung des Verfahrens führte.Ein Beispiel mit Modellcharakter, das sich aber nur langsam durchsetzt. Denn nach wie vor gibt es in Italien verschiedene regionale und nationale Umweltschutz-, Landschafts- und städtebauliche Auflagen. Zuständig sind mehrere Ansprechpartner und zwei Ministerien. Die Beteiligten sind sich bei der Interpretation der Vorgaben nicht immer einig. „Sogar innerhalb der Umweltschutzbehörden gibt es zwei Positionen zu erneuerbaren Energien. Eine Gruppe will in erster Linie die Landschaft schützen und sperrt sich gegen jede Veränderung. Die andere hält Veränderungen für unausweichlich, um die Erneuerbaren voranzutreiben“, sagte Roberto Ballarotto vom Sportello Kyoto Lazio. Er ist für die Regionalverwaltung als technischer Koordinator für die Aufklärung über den Klimawandel zuständig.

Mühsamer „Kampf gegen die Behörden“

Nach Auskunft der italienischen Photovoltaikverbände ist insbesondere die Errichtung von Großanlagen mit langen Wartezeiten verbunden. „Die Realisierung von großen Freiflächenanlagen dauert durchschnittlich zwölf bis 14 Monate“, sagt Carlo Maria Magni, CEO beim italienischen Projektentwickler Refeel. Das langsame Vorankommen der Großprojekte sorgt für Unmut bei den Marktteilnehmern. Auf der CIS-IT in Rom sprachen die einen von einem „Kampf gegen die Behörden“, andere diplomatischer von einem Lernprozess der Institutionen. Nicht ausgeschlossen davon seien aber weitere Akteure wie die für den Netzanschluss zuständige Abteilung des Energieversorgers Enel SpA. Sie braucht nach Ansicht der Branchenkenner zu lange, um die Anträge zu bearbeiten. Mit einer besseren Ausbildung der Angestellten könnten die Netzanschlüsse beschleunigt werden.Auch bei den italienischen Banken gibt es nach Ansicht von Branchenkennern noch Wissenslücken. „Noch nicht alle Banken sind fähig, zwischen guten und schlechten Projekten für Großanlagen zu unterscheiden“, bemängelte Carlo Buonfrate, Direktor für Firmenfinanzierung beim italienischen Bankhaus Intesa Sanpaolo. „Die höchsten Kosten bei der Finanzierung der Anlagen werden meist durch unvorhergesehene Ereignissen verursacht“, warnte Carlo Maria Magni. Somit übte die Branche durchaus auch Selbstkritik. Ein Anzeichen dafür, dass der italienische Solarmarkt heranreift und so manches Problem vielleicht schon bald beseitigt werden könnte.