Reif für die Insel? Heiße Diskussion in Griechenland

Die Konferenz soll einerseits der gegenwärtigen Stand der Photovoltaik-System-Komponenten zusammengefassen und andererseits einen Ausblick auf die zukünftige Entwicklung im Bereich der Hybrid- und Mini-Grid-Anlagen geben; also auf die Kombination von Photovoltaik mit anderen Stromerzeugungs- und Speicheranlagen in kleinen Stromnetzen. Da weltweit rund 1,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zum Stromnetz haben, sind Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Inselsysteme von besonderer Bedeutung für die Entwicklungs- und Schwellenländer. Mit der Elektrifizierung ländlicher Gebiete durch Photovoltaik-Hybrid- und Mini-Grid-Anlagen können regionale Standortfaktoren geschaffen werden, um die wirtschaftlichen Bedingungen in den ärmsten Regionen der Welt zu verbes sern und damit Armut und Landflucht zu bekämpfen. Deshalb veranstaltet das Ostbayerische Technologie-Transfer-Institut (OTTI) bereits die vierte Konferenz zu dem Thema und erwartet in diesem Jahr rund 280 Besucher aus allen Kontinenten. Die international etablierte Veranstaltung bietet 30 Fachvorträge, Diskussionen und rund 60 Posterpräsentationen.

Breite Palette

Christos Protogeropoulos, Geschäftsführer des griechischen Photovoltaikdienstleistungsunternehmens Renewable Energy Innovations (RENI) und Co-Chairman der Konferenz, unterstreicht im Vorfeld der Veranstaltung die Vielfältigkeit der Themen, die auf dem Branchentreffen in Griechenland diskutiert werden: „Der Bereich Systemelemente reicht von Speicheranlagen über Inver ter bis zu Backup-Generatoren und Leistungselektronik hinsichtlich Hybrid-System-spezifischer Probleme und deren Lösungen. Weitere Vorträge werden zu Simulationsstudien und internationalen Felderfahrungen gehalten. Außerdem sollen unsere Besucher einen Einblick in die sozialen, ökonomischen, legis lativen und finanziellen Rahmenbedingungen erhalten und dies nicht nur in Fachvorträgen, sondern auch anhand von Projektdemonstrationen auf Postern.“ Gerade die breite Palette der Fachvorträge finde beim Publikum eine große Resonanz, sagt Gabriele Struthoff-Müller, verantwortlich für die Organisation der Veranstaltung beim OTTI. „Wir erwarten Wissenschaftler, Anwender, Vertreter der Energiepolitik und spezialisierte Herstellerfirmen aus über 30 Ländern. Das ist mittlerweile die dritte von uns organisierte Konferenz in dieser Reihe. Wir haben den Rahmen der Veranstaltung kontinuierlich ausbauen können“, sagt Struthoff-Müller. Die zunehmende Bedeutung der Konferenz wird auch anhand der steigenden Besucherzahlen deutlich. Trafen sich bei der ersten europäischen PV-Hybrid- und Mini-Grid-Konferenz im Jahr 2000 im französischen Aix-en-Provence lediglich 70 Experten, waren es 2003 in Kassel schon 160 Besucher, und bei der dritten Veranstaltung in dieser Reihe, wieder in Aix-en-Provence, kamen rund 200 Interessierte zusammen.

Stärkere Förderung gefordert

Die Veranstaltung beginnt am 29. Mai mit einer Vortragsreihe zu den politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen von Photovoltaik-Hybrid- und Mini-Grid-Systemen. Deren Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen und lässt den Branchenexperten demnach viel Spielraum, um über Möglichkeiten einer besseren Unterstützung seitens der Poli tik zu diskutieren. Michael Wollny, verantwortlich für Off-Grid-Lösungen bei SMA Technologie in Niestetal, gibt sich optimistisch: „Besonders für Entwicklungsländer können neue Konzepte zum Aufbau einer nachhaltigen Infrastruktur mittels Dorfstromversorgungen und erneuerbaren Energien eine lokale Wertschöpfung und Arbeitsplätze ermöglichen.“ Die derzeitige entwicklungspolitische Förderung der Stromversorgung durch Insellösungen seitens der internationalen Organisationen sieht Wollny kritisch: „Meiner Meinung nach gingen bisherige Förderungen nicht weit genug. Die Entwicklung von technisch-ökonomischen Programmen für eine produktive ländliche Energieversorgung mittels erneuerbarer Energien sollte stärker unterstützt werden.“

Reichlich Felderfahrung

Zahlreiche Posterpräsentationen werden in Glyfada Praxisbeispiele aus dem Bereich der Photovoltaik-Hybrid- und Mini-Grid-Systeme dokumentieren. Georg Bopp, Experte für ländliche Elektrifizierung im Marktbereich Systeme zur netzunabhängigen Stromversorgung am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg, freut sich ganz besonders auf die konkreten Fallbeispiele zu den Installationen von Mini-Grid- und Hybrid-Anlagen: „Hier bietet sich die Gelegenheit zu erfahren, welche praktischen Herausforderungen sich bei der Installation der Anlagen stellen.“ Bopp hat als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Konferenz bei der Posterauswahl mitgewirkt und lobt das hohe fachliche Niveau aller eingereichten Poster: „Die Erfahrungen aus den einzelnen Projekten sind sehr wertvoll für uns. Deshalb erhält jeder Wissenschaftler, der ein Poster vorstellt, auch die Gelegenheit, einen dreiminütigen Vortrag zu halten.“ Die Praxisbeispiele würden, eindrucksvoll darüber informieren, welche Probleme sich bei der Implementierung von Mini-Grid- und Photovoltaik-Hybrid-Anlagen stellen. „Oftmals gibt es zwei Grundprobleme“, sagt Bopp. „Erstens, dass die Entwicklungsregion das Investitionskapital für die teuren Hightechanlagen nicht selbst aufbringen kann. Zweitens haben einige unserer Projekte gezeigt, dass nach der Installation oftmals die Betriebsinstandhaltung nicht gewährleistet werden kann. Der Staat vernachlässigt die Wartung, und es fehlt generell an zuständigen Institutionen“, berichtet Bopp aus der Praxis.

Entwicklungen bei Komponenten

Eine weitere Vortragsgruppe beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den technischen Komponenten der Mini-Grids und Photovoltaik-Hybrid-Systeme. Michael Wollny, verantwortlich für Off-Grid-Lösungen bei der SMA Technologie AG, wird in seinem Vortrag über Hybrid-Backup-Power-Lösungen für schwache Netze berichten. Diese Lösungsansätze seien besonders wichtig, da es durch die Liberalisierung der Strommärkte und den zögerlichen Ausbau der Stromnetze zu häufigen Netzschwankungen und Stromausfällen käme, die eine sichere Versorgung der Verbraucher einschränken würden. „Den Solarstrom auch bei einem Netzausfall nutzen zu können ist der entscheidende Vorteil eines modularen Backup-Systems“, sagt Wollny. Zusätzlich könnte die Spitzenlast für den Endkunden reduziert sowie Wirk- und Blindstrom für den Netzbetreiber bereitgestellt werden.

Georg Bopp vom ISE leitet die Sitzung zu den technischen Komponenten und erwartet mit Spannung den Fachvortrag über Vanadiumbatterien von Henrik Bindner vom Nationalen Versuchslabor für Nachhaltige Energie der Technischen Universität Dänemark (Riso DTU): „Die Experten versprechen sich vom Einsatz der Vanadiumbatterien eine massive Kostenreduzierung im Vergleich zu herkömmlichen Bleibatterien. Die Ergebnisse der Laborforschung mit Vanadiumbatterien wurden noch auf keiner Konferenz präsentiert – das ist etwas ganz Besonderes!“

Tour zum Experimentierfeld

Besonders attraktiv erscheint auch das Rahmenprogramm der Fachkonferenz in Griechenland. Die Besucher der Veranstaltung erhalten die Gelegenheit ein Mini-Grid-System auf der zu den Kykladen gehörigen Insel Kythnos in der Ägäis zu besichtigen. Die Insel, drei Bootsstunden von Athen entfernt, ist rund 100 Quadratkilometer groß und hat rund 1.600 Einwohner. Dank des exzellenten Wind- und Solarenergiepotentials gilt Kythnos schon seit den 80er Jahren als Experimentierfeld für erneuerbare Energien. Der Besuch auf Kythnos ist nach Meinung von Nikos Hatziargyriou von der Nationalen Technischen Universität Athen und Chairman der Veranstaltung einer der Höhepunkte der Konferenz: „Unsere Besucher werden den ersten Windpark Europas, der 1982 auf der Insel mit einer Kapazität von 100 Kilowatt installiert wurde, besichtigen. Außerdem werden sie eine Micro-Grid-Anlage in der Gaidouromandra-Bucht besuchen – ein historisches von der Europäischen Union gefördertes Projekt.“ In den 80er Jahren wurde auf Kythnos zusätzlich eine 100-Kilowatt-Photovoltaikfreiflächenanlage installiert, weitere Systemelemente sind ein Batteriespeicher und ein Dieselaggregat mit fünf Dieselgeneratoren von je 400 Kilowatt. Hatziargyriou wird außerdem einen Workshop leiten, der speziell auf die Region zugeschnitten ist. Thema werden die Perspektiven von Micro-Grid-Anlagen auf den griechischen Inseln sein.Denn deren Stromnetze haben untereinander und zum Festland auch keinerlei Verbindung.