Scientists for Future: Weichenstellung bezüglich Klimakatastrophe hat 10 bis 20 Jahre Zeit

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Scientists for Future – unter anderem Jörg Tremmel, Christian Breyer, Christoph Gerhards – haben im Juli eine Präsentation an die Bundestagsabgeordneten versendet, worin „Eine neue Phase der Klimapolitik“ vorgeschlagen wird. Diese werde zur langfristigen Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1 Grad Celsius über vorindustriellem Niveau führen. „Negative Emissionen“, also der Luft CO2 zu entziehen, soll es ermöglichen.

Die vorgeschlagene Vorgehensweise ist allerdings höchst fragwürdig. So soll trotz der eingangs dargestellten Dramatik der Klimaerwärmung für die Weichenstellung in Richtung Abkühlung oder Klimakatastrophe noch ein Zeitraum von „ein bis zwei Jahrzehnten“ zur Verfügung stehen. „Die Weichen, die den Pfad des Klimasystems der Erde für viele Jahrhunderte determinieren, werden in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten in die eine oder andere Richtung gestellt.“ Zur Erinnerung: 2026 ist die Überschreitung der 1,5-Grad-Grenze zu erwarten mit der Folge zunehmend rapider weiterer Erhitzung. Für Teile der Klimawissenschaft gibt es keinerlei „CO2-Restbudget“ mehr, dessen Emission vertretbar wäre.

Die Verfasser der Präsentation schreiben: „Trotz aller Klimapolitik und aller Vermeidungsanstrengungen beschleunigt sich derzeit die Zuwachsrate der CO2 ‐Konzentration in der irdischen Atmosphäre. … Dies sollte zum Anlass genommen werden, die bisherige Strategie zu erweitern und negative Emissionen als ihren zweiten Ast zu etablieren.“

Reaktionen nach Erscheinen des Artikels

Ein Teil der Autoren der im Artikel diskutierten Studie hat sich mit dem Hinweis an pv magazine gewandt, dass die beschriebene Darstellung nicht ihrer Position entspricht. Sie haben darum gebeten, die Veröffentlichung auch nochmal direkt zu verlinken.

Zur Veröffentlichung
Unter dem Artikel finden Sie zudem eine ausführlicheren Kommentar von Co-Autor Christoph Gerhards.

Der Autor dieses Beitrags, Christfried Lenz, weist explizit daraufhin, dass er sich in seinem Artikel nicht mit dieser Studie auseinandersetzt, sondern einer an Bundestagsabgeordnete versendeten Präsentation.

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Die Formulierung „Trotz aller Klimapolitik und aller Vermeidungsanstrengungen“ erweckt den Eindruck, als sei bezüglich Klimaschutz alles Menschenmögliche getan worden. Das ist aber weit gefehlt! Die Begriffswahl selbst ist schon verräterisch: Man spricht von „Klimapolitik“, nicht von „Klimaschutzpolitik“. Dass das deutsche Wirtschaftsministerium den Aufbau der LNG-Terminals von zwei auf zwölf gesteigert, durch ein Beschleunigungsgesetz alle Widerstände (beispielsweise die Interessen der Bewohner der Insel Rügen) aus dem Weg geräumt hat, den Wiederaufbau des Ahrtals zu einem „Solartal“ aber gesetzlich verhindert, ist zweifelsohne „Klimapolitik“, jedoch das Gegenteil von „Klimaschutzpolitik“.

Was die „Vermeidungsanstrengungen“ betrifft, werden aus der vom Wirtschaftsministerium zwecks CCS-Einführung installierten Carbon Management-Strategie die CO2-Vermeidungsmöglichkeiten herausgehalten. Greenpeace-Energie- und Klimaexperte Karsten Smid  hatte das in einem Offenen Schreiben an das Wirtschaftsministerium beanstandet. Folge: Beim nächsten Meeting der betreffenden Arbeitsgruppe nahmen sehr viele Industrievertreter teil, was dazu führte, dass das von Smid angesprochene Thema keine nennenswerte Beachtung fand.

Die Verfasser der Präsentation sehen keinen Anlass zur Korrektur der „bisherigen Strategie“. Die Korrektur müsste darin bestehen, dass die immensen öffentlichen Gelder, die zur Förderung fossiler Energien nach wie vor verausgabt werden und für den Aufbau einer CCS-Infrastruktur noch gewaltig gesteigert würden, in den rapiden Wechsel auf 100-prozentige Versorgung durch erneuerbare Energien in allen Sektoren und in den Umstieg auf klimafreundliche Verfahren in der Produktionssphäre umgelenkt werden. Das fordern die Verfasser der Präsentation aber nicht. Stattdessen soll die bisherige Strategie durch einen „zweiten Ast“, nämlich „negative Emissionen“, erweitert werden. Man nimmt also hin, dass die Emissionen weiter gehen wie bisher und sieht die Lösung in der nachträglichen Rückholung des CO2 aus der Atmosphäre. Um die versprochene Rückführung der Erwärmung auf 1,0 Grad zu realisieren, müssten nicht nur die jährlich emittierten (und weiterhin steigenden) 40 Gigatonnen CO2 aus der Atmosphäre rückgeholt, sondern darüber hinaus der bereits existierende CO2-Gehalt abgesenkt werden.

Da die Rückholung überwiegend durch technische Maßnahmen erfolgen soll, würden riesige Mengen von gasförmigem CO2 anfallen. Und wohin damit? – Das altbekannte und berüchtigte Carbon Capture and Storage (CCS) erweist sich als „des Pudels Kern“ der nur scheinbar „neuen Phase der Klimapolitik“.

Seit Jahr und Tag umstrittene Behauptungen wie:

  • im Porenraum von Sedimenten könne CO2 dauerhaft gespeichert werden,
  • allein in der norwegischen Nordsee sei Platz für 70 Gigatonnen
  • Erfahrungen seien von einem Standort auf andere übertragbar

werden aus der Mottenkiste geholt.

Die aktuelle Studie von Grant Hauber „Norway’s Sleipner and Snøhvit CCS: Industry models or cautionary tales?“ (deutsch: Norwegens Sleipner und Snøhvit CCS: Modelle für die Industrie oder warnende Beispiele?) die zu gegenteiligen Ergebnissen kommt, wird ignoriert.

Die Armut an positiven CCS-Fakten ist so groß, dass die Verfasser auch dieser Präsentation Ketzin als Beweis für die Sicherheit der CCS-Technik heranziehen müssen: „Bei Probebohrung in Ketzin wurde kein Entweichen festgestellt.“ Hierzu muss man wissen, dass in Ketzin einmalig 67.000 Tonnen CO2 verpresst wurden (bei einem Kohlekraftwerk fällt ein zweistelliger Millionenbetrag von CO2-Tonnen jährlich an). Im Rahmen der Beobachtungszeit, die bereits nach fünf Jahren beendet wurde, wurde kein CO2-Austritt festgestellt. Die Beweiskraft des Ketziner „Reagenzglasversuchs“ für die Sicherheit der CO2-Speicherung ist so, wie wenn man den Beweis, dass ein Behälter 100 bar aushält, damit als erbracht ansieht, dass er bei Befüllung mit 1,5 bar nicht geplatzt ist.

Die praktische und aktuelle Funktion der Präsentation besteht in nichts anderem als der Unterstützung des von der Bundesregierung (mit heftiger Befürwortung seitens CDU/CSU) eingeschlagenen Kurses, mit LNG und blauem Wasserstoff – grün gewaschen durch CCS – das fossile Zeitalter zu verlängern und damit den Weg in die ultimative Klimakatastrophe zu ebnen.

Auch die EU will bekanntlich diesen Weg einschlagen und eine europaweite CCS-Infrastruktur installieren, die Kohlenstoffverbrennung also auf weitere Jahrzehnte ausdehnen.  Hierzu führt sie derzeit eine Konsultation durch. Die Fragen sind so formuliert, dass die grundsätzliche Zustimmung zu CCS vorausgesetzt wird. Es gibt aber die Möglichkeit einer „Rückmeldung“ außerhalb des Fragenkatalogs. Hierin sollte man zum Ausdruck bringen:

Die einzige Chance, die wir eventuell noch haben, besteht darin, alle Mittel und Anstrengungen sofort auf die drastische Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen an den Quellen zu konzentrieren: Wechsel auf 100 Prozent erneuerbare Energien in allen Sektoren bis 2030 und Umgestaltung der Produktionssphäre in Richtung klimafreundlicher Verfahren. Jegliche Verschiebung von Lösungen in eine Zukunft bedeutet die Negation der Lösungen.

— Der Autor Christfried Lenz politisiert durch die 68er Studentenbewegung, Promotion in Musikwissenschaft, ehemals Organist, Rundfunkautor, Kraftfahrer und Personalratsvorsitzender am Stadtreinigungsamt Mannheim, Buchautor. Erfolgreich gegen CCS mit der BI „Kein CO2-Endlager Altmark“, nach Zielerreichung in „Saubere Umwelt & Energie Altmark“ umbenannt und für Sanierung der Erdgas-Hinterlassenschaften, gegen neue Bohrungen und für die Energiewende aktiv (https://bi-altmark.sunject.com/). Mitglied des Gründungsvorstands der BürgerEnergieAltmark eG (http://www.buerger-energie-altmark.de/). Bis September 2022 stellvertretender Sprecher des „Rates für Bürgerenergie“ und Mitglied des Aufsichtsrates im Bündnis Bürgerenergie (BBEn). Seit 2013 100-prozentige Strom-Selbstversorgung durch Photovoltaik-Inselanlage mit 3 Kilowattpeak und Kleinwindrad. —

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