Atommüll-Endlagersuche und eindimensionales Denken

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Vom 5. bis 7. Februar dauerte die vom Standort-Auswahlgesetz vorgeschriebene digital durchgeführte „Fachkonferenz Teilgebiete“. Viel Zeit ging für organisatorisch-technische Fragen drauf. Es wäre wünschenswert, dass bei künftigen Anlässen auch inhaltliche Fragen behandelt werden und auch solche, die weitaus relevanter sind als geologische Details. Wie Jochen Stay, Sprecher der Anti-Atom-Organisation „.ausgestrahlt“, im November 2019 in einer öffentlichen Veranstaltung in der Altmark darlegte, reichen die Schätzungen zum Zeitpunkt der Fertigstellung eines Atommüllendlagers bis in die 2070er Jahre.

Das aber bedeutet: Wenn es nicht in Kürze einen Quantensprung im weltweiten Ausbautempo der erneuerbaren Energien gibt, wird dann die Klimaerwärmung in die in keiner Weise mehr zu beeinflussende Selbstverstärkung gekippt sein. Millionen Flüchtlinge auf der Suche nach einem Platz, wo es sich noch überleben lässt, werden bestehende Ordnungen über den Haufen werfen. Das Prinzip „rette sich, wer kann“, wird an die Stelle treten. Zu meinen, dass in solchem Chaos sich noch irgendjemand für eine Atommülllagerung mit „Sicherheit für 1 Million Jahre“ interessieren wird, dürfte wirklichkeitsfremd sein.

Klare Schlussfolgerung: Vorbedingung für eine ordentliche Lagerung des Atommülls ist die Bremsung der Klimaerwärmung und das Mittel hierfür der beschleunigte und vollständige Umstieg auf die erneuerbaren Energien.

Praktisch bedeutet das: Die Endlagersuche selbst muss als Druckmittel für den beschleunigten Umstieg auf die Erneuerbaren instrumentalisiert werden. Die Bevölkerung und die Anti-Atom-Organisationen müssen ihre konstruktive Beteiligung an der Endlagersuche davon abhängig machen, dass zunächst die Energiewende hundertprozentig vollzogen wird. In den drei Prognos-Workshops im Jahr 2016 zur Vorbereitung der Endlagersuche wurde dieses Junktim von einigen Teilnehmern ins Gespräch gebracht. Die Leiterin der Veranstaltung, die Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl konterte: „Thema verfehlt! Wir sind hier zusammengekommen, um uns mit der Endlagersuche zu beschäftigen, nicht mit der Energiewende.“

Nun, eine derartige Replik war leider zu erwarten. Denn auch die Grünen sind von ihren ursprünglich ganzheitlichen Ansätzen hinuntergeglitten in das eindimensionale Denken, das  existenznotwendig für eine Gesellschaft ist, die sich am umfassenden Wohlergehen aller ihrer Mitglieder gerade nicht orientiert.

Bayern hat sich wohl erfolgreich aus der Suche ausgeklinkt. Umso attraktiver wird die norddeutsche Tiefebene mit dünn besiedelten Gegenden in ihrem östlichen, ehemals zur DDR gehörenden Teil. Offiziell soll die Standortwahl ausschließlich nach geologischen Gesichtspunkten erfolgen. Wie es mit der „wissenschaftlichen Objektivität“ letztlich bestellt ist – auch dies war in den erwähnten Workshops eindrücklich zu beobachten: Unter den Geologen gab es zwei Fraktionen: Die eine lehnte Salz als Wirtsformation grundsätzlich ab, die andere betrachtete es als bestens geeignet. Unschwer war zu erraten, dass erstere den Standort Gorleben ausschließen wollte, während die zweite kalkulierte, dass über etliche Jahre „Endlagersuche“ die wendländischen Kämpfer aussterben würden und man dann das fertige Lager Gorleben in Betrieb nehmen könne.

Bei der norddeutschen Tiefebene kommt nun aber auch wieder der Klimawandel ins Spiel: Wenn wir dessen erwähntes Kippen nicht verhindern, schmilzt sämtliches auf der Erde vorhandene Eis. Das lässt den Meeresspiegel um 66 Meter ansteigen, wodurch die norddeutsche Tiefebene komplett überschwemmt wird. Mit der „Sicherheit für 1 Million Jahre“ wäre es dann schon nach 100 bis 200 Jahren vorbei.

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) sieht hierin aber kein Problem. In der geologischen Vergangenheit ist „die Überdeckung von Gesteinsschichten durch Meere … keine Seltenheit“. Wenn die „Gesteinsüberdeckung des Endlagerbereiches robust genug ausgelegt“ ist, kann „ein Schaden durch solch eine Überflutung ausgeschlossen werden“ schrieb sie auf meine Anfrage. Das räumt natürlich sämtliche Sorgen aus.

Mit dem Atomausstiegsbeschluss für Deutschland hat die Anti-Atombewegung Gigantisches geleistet. Letztere möchte ihr Werk nun abschließen, indem die Überreste dieser Technologie für immer unter der Erde verschwinden und engagiert sich daher für die Endlagersuche.

Das Endlager ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Die Pro-Atom-Kräfte wollen es nämlich auch, natürlich aus einem anderen Grund als die Anti-Atom-Bewegug. In der Kette der Atomtechnologie ist es schließlich das Glied, das noch fehlt. „Ihr habt das Flugzeug gestartet und fliegen lassen, ohne zu wissen, wo es landen kann“, müssen sich die Atomfreunde vorhalten lassen. Mit dem Endlager wäre dieses Manko beseitigt. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass die nach wie vor starke Pro-Atom-Lobby im Endlager das gerade Gegenteil vom Ende der Kernenergie sieht. „Jetzt, wo wir die Landebahn haben, können wir in diese ‚klimafreundliche‘ Energie voll und ganz einsteigen“, werden sie sagen.

Durch diese Kalkulation sollte ein Strich gemacht werden, indem die Anti-Atom-Kräfte genauestens darauf achten, dass das Lager keinen Kubikmeter größer wird als erforderlich, um den in Deutschland bis zum Atomausstieg angefallenen Müll unterzubringen.

Das einzige sichere Mittel zur definitiven Beerdigung der Kernkraft sind freilich die erneuerbaren Energien. Wer den nachhaltigen Ausstieg aus der Atomenergie ernsthaft will, muss sich für die Beschleunigung der Energiewende einsetzen.

— Der Autor Christfried Lenz, politisiert durch die 68er Studentenbewegung,  Promotion in Musikwissenschaft, ehemals Organist, Rundfunkautor, Kraftfahrer und Personalratsvorsitzender am Stadtreinigungsamt Mannheim, Buchautor. Erfolgreich gegen CCS mit der BI „Kein CO2-Endlager Altmark“, nach Zielerreichung in „Saubere Umwelt & Energie Altmark“ umbenannt und für Sanierung der Erdgas-Hinterlassenschaften, gegen neue Bohrungen und für die Energiewende aktiv (https://bi-altmark.sunject.com/). Mitglied des Gründungsvorstands der BürgerEnergieAltmark eG (http://www.buerger-energie-altmark.de/). Seit 2013 verfügt der stellvertretende Sprecher des „Rates für Bürgerenergie“ im Bündnis Bürgerenergie (BBEn) über eine 100-prozentige Strom-Selbstversorgung durch Photovoltaik-Inselanlage mit 3 Kilowattpeak. —

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