Ein ökologisches Wirtschaftswunder ist möglich

Teilen

Corona, Corona, Corona! Hände waschen, Abstand halten, Mund- und Nasenschutz! Wir haben begriffen und wir bemühen uns weiter. Corona hat die Gesellschaft gelähmt, die Wirtschaft abstürzen lassen und die Zahl der Arbeitslosen nach oben getrieben. Das alles darf aber doch nicht dazu führen, dass die Politik und wir Journalisten uns nur noch mit diesem einen Thema beschäftigen.

Die Welt erlebt zwei Pandemien gleichzeitig

Die aktuelle Corona-Pandemie, aber auch und schon seit Jahrzehnten die fossile Pandemie, das heißt das viel zu schnelle Verbrennen fossiler Rohstoffe wie Kohle, Gas, Öl oder auch Benzin und Diesel. Wir verbrennen heute an einem Tag so viele fossile Rohstoffe wie die Natur in einer Million Tagen angesammelt hat. Das kann langfristig nicht gut gehen.

Diese fossile Pandemie zerstört unsere Lebensgrundlagen. Das wissen wir bereits seit 1972 als der Club of Rome seine „Grenzen des Wachstums“ veröffentlichte. Auf der Agenda der Weltpolitik steht die Klimaerhitzung seit der ersten großen Umweltkonferenz in Rio im Jahr 1992. Beim Pariser Klimagipfel 2015 haben sich alle 196 Regierungen plus die EU feierlich verpflichtet, diese fossile Pandemie so zu bekämpfen, dass das globale Klima nicht mehr als 1,5 Grad, höchstens aber zwei Grad ansteigt.

Alles leere Versprechen. Im Jahr 1992, also zur Zeit des Rio-Erdgipfels, haben wir global etwa 20 Milliarden Tonnen Treibhausgase emittiert, heute sind wir bei circa 44 Milliarden Tonnen pro Jahr.

Das einzige Ergebnis aller 25 Weltklimakonferenzen: Dem Klima geht es immer schlechter. Und wegen der Corona-Krise ist der Weltklimagipfel 2020 auf 2021 verschoben worden.

Die aktuelle Corona-Pandemie hat die Politik von China bis in die USA, von Europa bis Afrika, zum raschen Handeln gezwungen. Weltweit haben Regierungen Entscheidungen getroffen, die im Januar dieses Jahres noch undenkbar schienen. Gut so. Die überwiegende Mehrheit der Menschen trägt diese Entscheidungen mit. Auch in Deutschland. Bis jetzt.

Aber darf das ein Grund sein, die andere noch weit gravierendere Pandemie zu verdrängen und zu vergessen wie es die große Koalition in Berlin seit Monaten tut?

Seit letztem Herbst stehen zum Thema Energiewende und erneuerbare Energien in Deutschland zwei aktuelle Entscheidungen an. Die Aufhebung des 52 Gigawatt-Deckels für Solarstrom und die Abstandsregelung für Windräder zur nächsten Siedlung. Mehrmals hat sich das Bundeskabinett mit dieser für die Solar- und Windbranche existentiellen Fragen beschäftigt, aber noch immer keine Entscheidung getroffen. Wahrscheinlich schon im Juni 2020 sind die 52 Gigawatt Solarstorm in Deutschland erreicht, dann bricht die Solarbranche vollends zusammen.

Schon jetzt sind 40.000 dieser Zukunfts-Arbeitsplätze weggebrochen, weil die Investoren wegen der politischen Zögerlichkeit der Groko nicht weiterwissen. In der Windbranche hat Deutschland bereits 80.000 Arbeitsplätze verloren, weil sich alle Bundesregierungen seit 2011 als unfähig erwiesen, Perspektiven für erneuerbare Energien über das Erneuerbare-Energien-Gesetz aufzuzeigen.

Das Gesetz, im Jahr 2000 verabschiedet, bestand damals aus 15 Seiten, heute sind es durch bürokratische Hemmnisse über 1100 Seiten geworden. Und kein Hausbesitzer kann ohne Hilfe eines Rechtsanwalts noch eine Solaranlage auf sein Dach installieren lassen und kein Bauer mehr ein Windrad auf seine grüne Wiese stellen. Die Groko sagt Klimaschutz und behindert ihn wie nie zuvor.

Die SPD ist die alte Kohlepartei, der Wirtschaftsflügel und die Mittelstandsvereinigung der Unionsparteien bremsen im Verein mit den alten Energiekonzernen schon immer beim Ausbau der erneuerbaren Energien und selbst der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck sagt in der „Zeit“: „Es gibt keinen Impfstoff gegen den Klimawandel“.

Damit fällt er hinter die Argumentation seiner eigenen Partei um mindestens 20 Jahre zurück. Im Jahr 2000 hat rot-grün hauptsächlich auf Betreiben der Grünen und des SPD-Abgeordneten Hermann Scheer das EEG, das Erneuerbare-Energien-Gesetz, verabschiedet. Seither ist der Anteil des Ökostroms hierzulande von 5 auf 52 Prozent gestiegen. Ein damals für kaum möglich gehaltener Erfolg. Dieses deutsche EEG ist inzwischen von über 70 Ländern in seiner Intention übernommen worden.

Der Impfstoff gegen die fossile Pandemie heißt „3E“: erneuerbare Energien, Energiesparen und Energieeffizienz. Bis es einen Impfstoff gegen Corona gibt, wird es noch mindestens ein Jahr dauern, sagen die Wissenschaftler, den Impfstoff gegen die Klimazerstörung haben wir bereits. Und er wirkt, wenn er auch wirklich eingesetzt wird.

Die Weltagentur für Erneuerbare Energien (IRENA) hat in einer Studie errechnet, dass seit dem Jahr 2000 in den Branchen der erneuerbaren Energien weltweit über 11 Millionen Jobs geschaffen wurden, bis 2050 könnten es über 45 Millionen sein. Aber die Groko in Berlin blockiert den Ausbau der Erneuerbaren und nimmt dafür die Corona-Krise als Vorwand.

Ihr Motto: Wenn ich mit der Cholera beschäftigt bin, ist halt keine Zeit für die Bekämpfung der Pest. Solch eindimensionale Politik ist nicht zukunftsfähig. Sie ist gegenwartsversessen und zukunftsvergessen.

An Corona werden 2020 wahrscheinlich mehr als 100.000 Menschen sterben. Aber die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass an Luft- und Umweltverschmutzung, also durch die fossile Pandemie, Jahr für Jahr Millionen sterben.

Es wird eine Zeit nach Corona geben – aber wie sähe eine Zeit nach der Klimakatastrophe aus?

Der Weltklimarat, der UN-Generalsekretär, die deutsche Bundeskanzlerin und weltweit viele andere Politiker sagen, dass die Klimakrise die „Überlebensfrage der Menschheit“ sei. Die fossile Pandemie ist ein globales Selbstmord-Programm.

Ein internationales Forschungsteam hat soeben im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ eine Studie veröffentlicht, wonach schon im Jahr 2070 ein Drittel der Erde unbewohnbar sei, wenn wir einfach so weitermachen wie bisher. Afrika werde in 50 Jahren zu weiten Teilen wegen lebensfeindlicher Temperaturen unbewohnbar und Europa könnte Afrika werden. Ein Drittel der Menschheit werde bald in extremer Hitzegefahr leben.

Der gelungene Ausbau des Ökostroms in Deutschland zeigt, dass und wie die solare Energiewende noch gelingen kann. Alle notwendigen Technologien sind vorhanden: Solare Energiesysteme, Bioenergie, Wasserkraft, Geothermie, Windräder, E-Autos, Speichertechnologien sowie die Möglichkeit über solar erzeugten Wasserstoff Schiffe, Flugzeuge, LKWs sowie Buse und Bahnen zu bewegen. Wir haben eine ganze Symphonie der erneuerbaren Energien zur preiswerten Energieerzeugung, denn Sonne und Wind schicken keine Rechnung.

Angela Merkel: Wir schaffen das! Wir müssen es nur wollen!

Solar- und Windstrom liefern schon heute den preiswertesten Strom auf der ganzen Welt. So wie es nach dem zweiten Weltkrieg gelungen ist, in Deutschland mit Erfolg das klassische Wirtschaftswunder zu organisieren, haben wir heute die Chance, jetzt ein ökologisches Wirtschaftswunder zu schaffen.

Händewaschen allein reicht allerdings nicht mehr. Deutschland braucht einen Politikwechsel – egal ob mit schwarz-grün, grün-schwarz oder mit grün-rot-rot. Hauptsache grün ist dabei.

Es ist hohe Zeit für eine grüne Wirtschaft.

— Der Autor Franz Alt ist Journalist, Buchautor und Fernsehmoderator. Er wurde bekannt durch das ARD-Magazin „Report“, das er bis 1992 leitete und moderierte. Bis 2003 leitete er die Zukunftsredaktion „Zeitsprung“ im SWR, seit 1997 das Magazin „Querdenker“ und ab 2000 das Magazin „Grenzenlos“ in 3sat. Die Erstveröffentlichung des Beitrags erfolgte auf www.sonnenseite.com. —

Die Blogbeiträge und Kommentare auf www.pv-magazine.de geben nicht zwangsläufig die Meinung und Haltung der Redaktion und der pv magazine group wieder. Unsere Webseite ist eine offene Plattform für den Austausch der Industrie und Politik. Wenn Sie auch in eigenen Beiträgen Kommentare einreichen wollen, schreiben Sie bitte an redaktion(at)pv-magazine.com