Die Sonne geht über dem europäischen Green Deal auf

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Stellen Sie sich vor, Sie wachen im Jahr 2050 in einem klimaneutralen Europa auf. Es ist ein schöner Morgen: Sonnenlicht strömt durch Ihre Fenster und versorgt Ihr Haus mit Licht, Wärme und Energie. Die Solarmodule auf Ihrem Dach und gebäudeintegrierte Photovoltaik-Materialien versorgen Sie mit günstigem und sauberem Strom, während ein Speichersystem überschüssige Energie auffängt und für einen bewölkten Tag speichert. Ihre Energierechnung war noch nie billiger, und was noch wichtiger ist, sie ist völlig nachhaltig.

Für den Weg zur Arbeit öffnen Sie Ihr solarbetriebenes Elektrofahrzeug, das außerhalb Ihres Hauses aufgeladen wurde, mit Strom, der sowohl von Ihrer eigenen Dachanlage als auch vom Stromnetz geliefert wird. Sie genießen die Stille der morgendlichen Pendelfahrt, denn Busse, Straßenbahnen und Bahnen in Ihrer Stadt sind ebenfalls solarbetrieben. Sie kurbeln Ihr Fenster herunter, um die frische Luft einzuatmen. Sie kommen zu Ihrem Job in der Solarbranche, einem von fast zwölf Millionen Menschen auf der ganzen Welt, die mittlerweile für und mit Solarenergie arbeiten, um die Entwicklung der Solarbranche in Europa fortzusetzen…

Diese Zukunftsvision ist durchaus möglich, und da Ursula von der Leyen ihre Amtszeit als Präsidentin der Europäischen Kommission mit dem Klima im Mittelpunkt ihrer Agenda beginnt. Es ist an der Zeit zu überlegen, wie wir dorthin gelangen können. Und wenn die EU-Kommission ihre Strategie für einen europäischen Green Deal vorbereitet, ist es wichtig zu verstehen, wie Solarstrom zu ehrgeizigen Klimazielen beitragen kann.

Die Verpflichtung zur Klimaneutralität bis 2050 ist ein Wendepunkt für Europa, denn sie erfordert einen Paradigmenwechsel in der Art und Weise, wie wir als europäische Bürger leben, konsumieren, produzieren und reisen. Sie bietet Unternehmen und Branchen auch erhebliche Möglichkeiten, sich auf eine nachhaltige Zukunft vorzubereiten und die Vorteile der erneuerbaren Energien zu nutzen. Europa war schon immer ein weltweit führender Anbieter von erneuerbaren Technologien und kann bei sauberen Energien an der Spitze bleiben, indem es der erste klimaneutrale Kontinent überhaupt wird.

Als kostengünstigste und vielseitigste Energiequelle spielt die Solarenergie eine große Rolle bei der Energiewende in Europa. Allein in diesem Jahr ist die Photovoltaik-Nachfrage um rund 110 Prozent gestiegen – auf rund 20 Gigawatt neu installierte Leistung. Diese Zahl wird in den kommenden Jahren voraussichtlich steigen, aber wir stehen erst am Anfang der Nutzung des Solarpotenzials in Europa.

Photovoltaik ist entscheidend für einen erfolgreichen europäischen Green Deal, und wir haben sieben gleichrangige Lösungen für die neu gewählte Europäische Kommission entwickelt. Alle diese Photovoltaik-Lösungen erfordern die Mobilisierung erheblicher öffentlicher und privater Investitionen. Neue Gesetze zur nachhaltigen Finanzierung sind eine wesentliche Voraussetzung für einen verstärkten Ausbau von Photovoltaik-Anlagen.

– Erstens schlagen wir im Einklang mit unserer Kampagne #Solar4Buildings vor, dass Photovoltaik-Anlagen auf allen neuen und renovierten Wohn-, Geschäfts- und Industriegebäuden in der EU installiert werden sollten. Derzeit sind 90 Prozent der europäischen Dächer noch ungenutzt. Die Nutzung dieses Platzes mit Solaranlagen bietet das Potenzial, jährlich bis zu 7 Millionen Tonnen CO2 einzusparen und mindestens 680 Terawattstunden sauberen Strom zu erzeugen. Darüber hinaus haben wir bei Solarpower Europe kürzlich zusammen mit elf großen Verbänden ein gemeinsames Schreiben an die neue Kommission gesendet, in dem ein Aktionsplan zur integrierten Sanierung aller europäischen Gebäude gefordert wird. In dem Schreiben wird vorgeschlagen, den EU-Gebäudebestand im Mittelpunkt des Green Deal zu stellen, da er 36 Prozent der CO2-Emissionen der Region und etwa die Hälfte des gesamten europäischen Energiebedarfs ausmacht. Frans Timmermans, Executive Vice President für den European Green Deal, hat erklärt, dass „Green Building“-Renovierungen eine Vorzeigeinitiative sein werden, und hat bereits in seiner Anhörung im Europäischen Parlament vorgeschlagen, Solarstrom auf die Dächer von Häusern in der gesamten EU zu bringen.

– Zweitens sollte die Solarindustrie als strategische Wertschöpfungskette etabliert werden, um sowohl die Versorgungssicherheit Europas zu gewährleisten als auch die industrielle Führung bei sauberen Energietechnologien zu erhalten. Die politischen Entscheidungsträger der EU haben die einmalige Gelegenheit, eine Industriestrategie umzusetzen, die eine robuste und wettbewerbsfähige europäische Solarindustrie zukunftssicher macht und Lösungen liefert, die den Green Deal erleichtern können. In diesem Zusammenhang haben wir zusammen mit 17 nationalen Solarverbänden aus 13 EU-Ländern und 10 großen europäischen Forschungsverbänden ein gemeinsames Schreiben unterzeichnet. Drin wird der EU-Kommission vorgeschlagen, eine umfassende Industriestrategie für die europäische solare Wertschöpfungskette zu entwickeln.  Präsidentin Ursula von der Leyen hat bereits versprochen, dass die Industriepolitik mit dem europäischen Green Deal Hand in Hand gehen wird. Wörtlich erklärte sie: „Im Mittelpunkt [des Green Deal] wird eine Industriestrategie stehen, die es unseren Unternehmen – großen und kleinen – ermöglicht, innovativ zu sein und neue Technologien zu entwickeln und gleichzeitig neue Märkte zu schaffen. Wir werden global die Standards setzen. Das ist unser Wettbewerbsvorteil. Und der beste Weg, um faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen.“

– Drittens müssen wir unsere Anstrengungen verstärken, um ehemalige Kohleregionen auf Solarstrom umzustellen. Kohleregionen können durch den Übergang zur Solarenergie stark profitieren – mit ihrem bisher ungenutzten Solarpotenzial sind sie attraktive Geschäftsfelder für den Bau neuer Anlagen und die Produktion. Die EU-Plattform für Kohleregionen im Wandel muss mit dem Industrieforum Clean Energy zusammenarbeiten, um Synergien zwischen der solaren Industriepolitik und dem gerechten Übergang zu fördern.

– Viertens muss es eine Priorität sein, Fähigkeiten und Ausbildungsprogramme zur Unterstützung des Energiewendeprozesses zu entwickeln und die entsprechende EU-Agenda anzupassen, um europäische Photovoltaik-Arbeitsplätze in Schlüsselsektoren zu erleichtern und Engpässe zu vermeiden. Allein in Europa kann die Photovoltaik bis 2030 mindestens 500.000 hochqualifizierte Arbeitsplätze schaffen und bis 2050 sogar 1,7 Millionen, so die Prognosen der finnischen LUT Universität. Wir bei Solarpower Europe haben uns kürzlich der Kampagne #Skills4Climate von Europe-On angeschlossen, in der die politischen Entscheidungsträger der EU und der Mitgliedstaaten aufgefordert werden, Anreize für technische Bildung und Weiterbildung zu schaffen, die einen gerechten Übergang erleichtern und sicherstellen können, so dass keine Arbeitnehmer zurückgelassen werden.

– Fünftens, es muss Unterstützung für flexible Photovoltaik-Kraftwerke geben. Photovoltaik ist eine flexible und zuverlässige Technologie, die wertvolle Flexibilitätsdienstleistungen für das Netz erbringen kann, genauer als herkömmliche Technologien. Das Potenzial großer Solarparks zur Unterstützung des Übertragungsnetzes ist in Europa weitgehend ungenutzt, so dass es dringend gilt, bestehende Hindernisse für ihren Einsatz zu beseitigen.

– Sechstens müssen wir die Entwicklung und Einführung der solarbetriebenen Mobilität beschleunigen. Photovoltaik ist sehr vielseitig und kann direkt an die meisten Ladeinfrastrukturen angeschlossen werden, was eine wirklich nachhaltige Elektromobilität ermöglicht. Mit seiner höchsten Erzeugungskapazität während der traditionellen Arbeitszeiten in Europa ist es eine besonders attraktive Option für die Speisung von Infrastrukturen in öffentlichen und gewerblichen Gebäuden sowie an Arbeitsplätzen. Wir müssen sicherstellen, dass eine geeignete Infrastruktur vorhanden ist, um die Einführung von solarbetriebenen Elektrofahrzeugen – einschließlich Personenkraftwagen, Lastkraftwagen, Straßenbahnen und Bussen – zu erleichtern.

– Siebtens sollten wir uns verpflichten, solaren und erneuerbaren Wasserstoff zu entwickeln. Kurzfristig wird die Elektrifizierung auf erneuerbarer Basis das einfachste und kostengünstigste Mittel sein, um die ehrgeizigen Klimaziele der EU zu erreichen. Bis 2050 werden jedoch erneuerbare Gase notwendig sein, um energieintensiven Sektoren wie Industrie und Schwertransport zu dekarbonisieren. In nur 10 Jahren ist der Preis von Solarmodulen um mehr als 96 Prozent gesunken, was sie zu einer kostengünstigen Stromversorgung für die Wasserstofferzeugung macht. Um erneuerbaren Wasserstoff zu erzeugen, benötigt der Sektor politisches Engagement und einen Rechtsrahmen, um neue Investitionen in die konventionelle Erzeugung zu beenden und alle verfügbaren Mittel auf die sauberen Technologien der Zukunft umzuleiten.

Die Solartechnologien sind marktreif und für den breiten Einsatz vorbereitet, wobei der europäische Solarsektor bereit ist, Lösungen für die Klimaziele der neuen Kommission zu liefern. Also, schließen Sie die Augen, stellen Sie sich vor, die Sonne geht auf über einem klimaneutralen Europa auf. Seien sie sicher, dass die Photovoltaik in der EU auf dem richtigen Weg ist, um uns dorthin zu bringen. Unsere Kampagne der „7 Solarwunder“ zeigt, wie die Solarenergie als bezahlbarste und vielseitigste saubere Energie dazu beitragen wird, den europäischen Green Deal umzusetzen.

Die Autorin Walburga Hemetsberger ist seit Februar 2019 CEO von Solarpower Europe. Die Österreicherin war zuvor im Vorstand des Energieversorgers „Verbund“ in Brüssel tätig. Sie verfügt zudem über mehr als 18 Jahre Erfahrung in politischen Positionen in Brüssel. Mehr zur Kampagne der „7 Solarwunder“ von Solarpower Europe finden Sie hier. —

 

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