Oliver Wyman warnt vor Strompreis-Turbulenzen durch Kohleausstieg

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Mit dem Kohleausstieg werden die Preise an der Strombörse deutlich volatiler, schreiben Experten der Strategieberatung Oliver Wyman in einer neuen Studie. Sie rechnen für 2022 mit einem Anstieg von heute rund 40 Euro pro Megawattstunde auf bis zu 65 Euro. „Die Zeit der niedrigen Strompreise ist vorbei“, sagt Jörg Stäglich, Partner bei Oliver Wyman in München. „Zugleich erhöht sich durch den Kohleausstieg die Volatilität. Wir werden Preissprünge und anschließende Korrekturen erleben.“ Der Preisausschlag werde 2022 am höchsten sein, da bis dahin Kohlekraftwerke mit einer Leistung von etwa elf Gigawatt vom Netz gehen werden und dann auch das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet sein wird. Oliver Wyman verbindet die Preisprognose mit der Warnung, dass die Bezahlbarkeit von Energie damit in Frage steht.

Bei einem Anstieg der Börsenpreise um 2,5 Cent pro Kilowattstunde halten sich die Mehrkosten zumindest für Endverbraucher jedoch im Rahmen – bei Strompreisen von durchschnittlich knapp 30 Cent entspricht das einem Plus von nicht einmal zehn Prozent. Zudem sorgen höhere Börsenpreise für eine niedrigere EEG-Umlage, was sich dämpfend auf den Endverbraucherpreis auswirkt. Sollte es wirklich zu einem Anstieg auf 65 Euro pro Megawattstunde kommen, wäre das allein für industrielle Großverbraucher eine echte Belastung.

Dazu kommt: An der Börse werden heute Grundlast-Kontrakte für 2022 gehandelt, die sich auf 50 Euro belaufen. Das ist deutlich mehr als die aktuellen Spotmarkt-Preise – aber deutlich weniger als in der Oliver-Wyman-Studie angenommen.

Die Autoren betonen darüber hinaus, dass die Energiewende ohne zusätzliche, flexible Leistung nicht zu schaffen sei. „Aus einer rein wirtschaftlich rationalen Perspektive müssten wir jetzt eine Renaissance der Gaskraftwerke erleben“, vermutet Thomas Fritz, Partner bei Oliver Wyman in Düsseldorf. Sofern es keinen regulatorischen Eingriff gebe, werde der Neubau von hocheffizienten Gaskraftwerken die Strompreise mittelfristig wieder bremsen. Auf längere Sicht würden sie sich auf einem Niveau von etwa 50 Euro pro Megawattstunde einpendeln. Von den insgesamt höheren Preisen profitieren jedoch die Energieversorger nicht, im Gegenteil: Mittel- bis langfristig werde das erwirtschaftete Ergebnis sinken. Ursache dafür seien immer kürzere Einsatzzeiten für konventionelle Kraftwerke aufgrund des zunehmenden Ausbaus der Erneuerbaren.

Größere Investitionen in Speicher sowie wasserstoffbasierte Erzeugungskapazitäten, etwa Brennstoffzellen, ließen dagegen noch auf sich warten, da sie bislang nicht ausreichend wirtschaftlich zu betreiben sind. „Die zentrale Frage ist, inwiefern Gaskraftwerke gesellschaftlich akzeptiert werden und ob Gas nicht in fünf bis zehn Jahren die ‚neue Kohle’ ist. In jedem Fall werden langfristig Stromspeicher und Wasserstoff als Stabilisatoren essenziell für die Versorgungssicherheit sowie für das Erreichen der Klimaziele sein“, so Fritz.

Versorger müssten diese Trends schon jetzt in die Planungen des zukünftigen Kraftwerksparks einbeziehen. „Sie müssen klare Roadmaps und Szenarien für den Umstieg auf Gaskraftwerke, Speicher und Wasserstoff aufstellen“, sagt Oliver-Wyman-Berater Fritz. Dabei gelte es, über den Strommarkt hinauszuschauen. „Versorger sollten Chancen für ihre Gaskraftwerke insbesondere in Kombination mit Fernwärme evaluieren und ein übergreifendes Strom- und Wärmekonzept aufstellen.“ Auch Wasserstoff spielt hierbei eine wichtige Rolle. So kann dieser zunächst in kleineren Mengen dem Gasnetz beigemischt werden, um die CO2-Bilanz zu verbessern. Langfristig ist eine deutliche Ausweitung von Wasserstoff im Energiesystem ein denkbares Szenario. „Letztlich hängt es von gesellschaftlicher Akzeptanz, technologischem Fortschritt und Wirtschaftlichkeit ab, wie sich Gaskraftwerke, Batterien, Wasserstoff und mögliche weitere Technologien einpendeln“, sagt Fritz

Spätestens nach dem endgültigen Kohleausstieg Ende der 2030er Jahre ist nach Ansicht der Oliver-Wyman-Berater ein völlig neues Marktmodell nötig, bei dem die Bereitstellung von Reservekapazitäten oder sicher verfügbarem Strom einen expliziten Wert bekommt. Dass Gaskraftwerke oder Speicher überhaupt unterhalten werden, müsse über den regulatorischen Rahmen finanziell honoriert werden: „Denn ein System mit hohen Anteilen erneuerbarer Energie wird Gaskraftwerke durch die resultierenden geringen Laufzeiten negativ beeinflussen – auch wenn sie für einen funktionierenden Energiemarkt notwendig sind“, sagt Dennis Manteuffel, Principal von Oliver Wyman.