PV-Symposium: Steigflug in die Wolken – Weltmarktführerschaft in Sicht (2004)

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Die Novellierung des EEG im Juli 2004 verbesserte die Förderung der Photovoltaik schlagartig. Dass die Vergütung für die eingespeiste Kilowattstunde sogar rückwirkend zum Jahresbeginn erhöht wurde, kam den Betreibern, die sich bereits vor der Novellierung für die Investition entschieden hatten, wie ein warmer Regen vor. In Windeseile setzte sich in der Öffentlichkeit die Erkenntnis durch, dass man mit der Photovoltaik Geld verdienen kann.

Gewerbliche Errichter und Betreiber von Solarparks erkannten ihre Chance und investierten kräftig, sodass die Nachfrage enorm anwuchs. In keinem Land war das Wachstum stärker. Im Jahr 2004 vervierfachte sich das Marktvolumen und im folgenden Jahr wuchs der Markt noch einmal um die Hälfte. In Deutschland wurde in den Jahren 2004 und 2005 jeweils genausoviel Photovoltaik-Leistung installiert wie im Rest der Welt. Es war der große Sprung nach vorn, auf den viele in der Branche so lange gewartet hatten.

Wie groß dieser Erfolg wirklich war, wusste man aber erst ein bis zwei Jahre später, denn weil das von der Bundesregierung angekündigte Anlagenregister nicht zur Verfügung stand, dauerte es eine Weile, bis das Marktvolumen durch mühsame Recherche ermittelt werden konnte. Der große Sprung nach vorn war, wie sich später herausstellen sollte, eigentlich eher ein Steigflug in die Wolken mit anschließendem Blindflug. Aber so lange es immer weiter aufwärts ging, störte dieses unkontrollierte, geradezu tropische Wachstum kaum jemanden in der Branche, und auch die Bundesregierung verzichtete trotz vieler Ankündigungen lange darauf, das Marktwachstum energisch zu zügeln.

März 2004, 19. Symposium

Weltmarktführerschaft in Sicht

Vielleicht war es die Vorahnung eines bevorstehenden politischen Erfolges, die diesmal so viele Photovoltaiker wie noch nie motivierte, nach Bad Staffelstein zu kommen. 573 Teilnehmer, 46 mehr als im Vorjahr, hatten sich zum 19. Symposium im Kloster Banz angemeldet, davon 37 Prozent zum ersten Mal, wie Eckardt Günther zum Auftakt der Tagung zufrieden feststellte.

Das 100.000-Dächer-Programm war nach fünf Jahren Laufzeit planmäßig beendet worden, doch die EEG-Novelle, die der Photovoltaik einen komfortablen Ausgleich für diesen Verlust schaffen sollte, war noch nicht in Kraft getreten. Es sollte bis Mitte Juli dauern, also drei Monate nach dem Symposium, bis die Novelle den Bundesrat passierte. Aber es lag in der Luft, dass ein kräftiger Anschub zu erwarten war, denn auf die Unterstützung der rotgrünen Bundesregierung konnte sich die Photovoltaik-Branche verlassen.

Für viele war der persönliche Kontakt und die Aussicht auf wertvolle Insider-Informationen aus der Branche schon Grund genug, nach Bad Staffelstein zu „pilgern“. Besonders stark war die Fachausstellung gewachsen. Fast jeder noch verfügbare Seminarraum des Klosters musste diesmal für die Aussteller frei gemacht werden, und nicht nur in den Kaffeepausen war dort der Andrang groß. Dem Symposium war eine ansehnliche kleine Photovoltaikmesse zugewachsen.

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Tim Meyer, der wissenschaftliche Leiter der Tagung, stimmte die versammelten Zuhörer zuversichtlich: Die deutsche PV-Firmenlandschaft sei positiv bewegt und eine Weltmarktführerschaft Deutschlands in der Photovoltaik sei nicht mehr utopisch. Allerdings müsse sich dieses Ziel auch in der Forschungsförderung widerspiegeln, die derzeit dem Marktwachstum nicht angemessen sei. Weil die Branche noch immer auf Gedeih und Verderb von günstigen politischen Rahmenbedingungen abhängig war, standen zu Beginn des Symposiums erneut die politischen Beiträge auf dem Programm. Christof Stein, der als Referatsleiter im Bundesumweltministerium für die Markteinführung und die Forschungsförderung erneuerbarer Energien verantwortlich war und deshalb in Bad Staffelstein ein „Heimspiel“ hatte, brachte fast nur positive Botschaften mit.

Seiner Einschätzung nach würde der PV-Markt im laufenden Jahr wie im Vorjahr um rund 50 Prozent wachsen. Das Auditorium nahm dies erfreut zur Kenntnis. Dass sich das Marktvolumen im Jahr 2004 sogar vervierfachen würde, konnte damals noch keiner ahnen. Es stellte sich erst ein Jahr später heraus, dass die jährlich installierte Leistung von 149 Megawatt (2003) auf 618 Megawatt (2004) anschwellen würde. Wenn damals schon bekannt gewesen wäre, was auf die Branche zukommen würde, hätte dies vielleicht eher Unruhe als Euphorie ausgelöst und die Befürchtung genährt, dass die Regierung die Bremse ziehen würde.

Aber noch war alles ruhig. Christof Stein befasste sich ausführlich mit der Frage, wie groß die einzelnen Anlagen werden würden, und kündigte an, dass voraussichtlich ein Drittel der im laufenden Jahr installierten Leistung auf Anlagen mit mehr als 500 Kilowatt entfallen würden. Das sei eine positive Entwicklung, denn das Größenwachstum der Anlagen werde die Kostensenkung weiter vorantreiben. Zwischen 1999 und 2003 habe die Branche bereits eine Kostenreduktion um 24 Prozent erreicht und im Vergleich zu 1991 seien PV-Anlagen inzwischen sogar um 60 Prozent billiger geworden. Die inländische Wertschöpfung der Produktion von PV-Modulen hatte seiner Berechnung zufolge etwa 70 Prozent erreicht. Getrübt wurde diese ansonsten makellose Bilanz nur durch die Tatsache, dass trotz des kräftig steigenden Marktvolumens der deutsche Weltmarktanteil seit vier Jahren kaum über 20 Prozent hinausgekommen war. Nur im Jahr 2001 war der Anteil deutlich höher, sackte dann aber wieder ab.

Die fehlenden Prozente steckten seiner Analyse zufolge – das Auditorium ahnte es schon – überwiegend in Japan. In der anschließenden Fragerunde wurde im Auditorium Kritik laut. Man bemängelte, dass sich die Exportförderung der Bundesregierung weitgehend auf die Unterstützung der Messeauftritte beschränkte. „Die Messeförderung alleine bringt uns nicht weiter, und auch bei Ausschreibungen werden wir preislich immer um 20 Prozent über Ländern wie Spanien, Frankreich oder Italien liegen“, schimpfte Udo Möhrstedt, der Chef der IBC Solar AG, „im Vergleich mit denen stehen wir immer im Regen!“ Applaus gab es für die Bemerkung, Deutschland sei mittlerweile das einzige Land, das die OECD-Wettbewerbsregeln einhalte und dafür mit einem Wettbewerbsnachteil bestraft werde.

Ursachen der japanischen Vorherrschaft

Thomas Nordmann ging in seinem Vortrag den Ursachen für die dominante Position Japans auf dem internationalen Modulmarkt auf den Grund. Er stellte fest, dass Japan nicht nur auf internationalen Märkten erfolgreich sei, sondern auch einen starken Heimmarkt als Basis aufgebaut habe. Etwa 73 Prozent der japanischen Module würden im eigenen Land verbaut, obwohl die heimische Förderung „nicht so berauschend“ sei. Doch günstige Kapitalkosten und die etablierte Praxis der Gebäudeintegration erzeugten eine hohe Nachfrage. Auch die selbst im Vergleich zu Deutschland hohen privaten Stromkosten würden zur Attraktivität des Solarstroms beitragen.

In Deutschland sei zwar die Nachfrage zufriedenstellend, jedoch müsse die deutsche Industrie nach Thomas Nordmanns Ansicht aus zweierlei Gründen mehr produzieren: Zum Ersten befreie eine ausreichende Inlandsproduktion von dem Zwang, die Inlandsnachfrage mit einem Mindestanteil ausländischer Module zu befriedigen. Zum Zweiten würde sich die Skaleneffekte deutlich auswirken: „Ab etwa 20 Prozent Marktanteil besteht Preisführerschaft“, stellte Thomas Nordmann fest. Seine Schlussfolgerung war so simpel wie einleuchtend: „Exportieren Sie das Erneuerbare-Energien-Gesetz, und die Japaner werden von Ihnen ablassen!“

Winfried Hoffmann, der Geschäftsführer der RWE Schott Solar, wies in Bad Staffelstein unermüdlich auf die Gefahr hin, die seiner Ansicht nach der deutschen PV-Branche drohe. Zuerst in seinem Plenumsvortrag und einige Stunden später in der Pressekonferenz war Japans Solarindustrie sein Thema: „Die japanischen Firmen wollen die Produktion verdoppeln, um den deutschen Markt zu bedienen. Begünstigt wird dies durch den Wechselkurs zwischen Euro und Yen, der den Japanern zurzeit 40 Prozent Vorteil bietet. Importieren wollen die Japaner nichts, und deshalb müssen wir aufpassen, dass das EEG Arbeitsplätze in Deutschland schafft und nicht in Japan!“

Die Podiumsdiskussion gab ihm zum dritten Mal Gelegenheit, in diese Kerbe zu hauen: „Die Japaner produzieren in Yen, exportieren nach Deutschland und werden in Euro bezahlt.“ Ist gegen diesen, durch hohe Stückzahlen und günstigen Wechselkurs bedingten Vorsprung der Japaner ein Kraut gewachsen? Auf dem Podium war man sich schnell einig, dass die Deutschen ihren Markt nicht abschotten könnten – auch wenn andere Länder, insbesondere die Japaner, in dieser Hinsicht mit schlechtem Beispiel vorangingen. Aber Gleiches mit Gleichem vergelten? Das konnte es doch nicht sein. „Wegen des zarten Pflänzchens Photovoltaik wird sich kein deutscher Politiker in Diskussionen über GATT und WTO verwickeln lassen“, räumte Winfried Hoffmann ein. Markus Kurdziel, Mitarbeiter der Deutschen Energie-Agentur, wies darauf hin, dass man dem Importdruck mit Exportimpulsen begegnen kann, und am besten in andere Märkte eindringt, indem man dort Nachfrage schafft, zum Beispiel in den Beitrittsländern der EU. „Der deutsche Markt ist verhängnisvoll bequem“, warnte Kurdziel, „bis zum Jahr 2006 mag das noch gehen, aber dann sollten wir wenigstens 10 Prozent Exportanteil erreicht haben!“

Rudolf Hezel, der Leiter des ISFH im Hameln-Emmerthal, hatte fast eine halbe Stunde Zeit, um das Auditorium über „Neue Entwicklungen im Bereich kristalliner Hochleistungssolarzellen und Module“ zu informieren. Um die Leistungsfähigkeit der bifacialen Solarzelle zu demonstrieren, hatte er ein kleines Experiment vorbereitet.

Foto: Detlef Koenemann

Durchwachsener Gruß der Staatsregierung

Den hochrangigsten Politiker sandte diesmal die Bayerische Staatsregierung nach Bad Staffelstein. Hans Spitzner, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, überbrachte die Grüße seiner Regierung und las anschließend der versammelten Photovoltaikgemeinde die Leviten: „Die Photovoltaik ist die teuerste Stromversorgung überhaupt. Nur staatliche Subventionierung mittels EEG macht sie wettbewerbsfähig.“ Was folgte daraus? Richtig, die rotgrüne Bundesregierung hatte Spitzner zufolge ihre Hausaufgaben nicht gemacht, denn deren Fördermaßnahmen verfolgten weder einen wirtschaftlichen noch einen technologischen Ansatz, um erneuerbare Energien fit zu machen für die Zukunft. Nicht „die subventionierte Quantität, sondern die technische und wirtschaftlich optimierte Qualität“ könne die Photovoltaik zu einem Faktor der Stromversorgung machen. Als Spitzner nach seinem klaren Bekenntnis zur Kernenergie Buhrufe erntete, zog er das nächste Register: „Der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung hat festgestellt, das der zukünftige Emissionshandel das EEG überflüssig macht.“ Und er mahnte das Auditorium: „Bauen Sie die richtigen Fronten auf und nicht die falschen! Sie schlagen die falschen Schlachten!“

Das Auditorium wies den Vorwurf der „Dauersubventionierung“ zurück. Hubert Aulich, der Geschäftsführer des Waferherstellers PV Crystalox, erwähnte die Arbeitsplätze, die das EEG in seiner Firma sicherte, und gab Spitzner den Hinweis mit auf den Weg, dass „wir nicht im Labor bleiben und warten können, bis die Photovoltaik konkurrenzfähig ist. Wir brauchen das EEG, wir brauchen den Markt! Sonst werden wir hoffnungslos abgehängt von den Japanern.“

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