Die Energiewende braucht mehr als „nur“ Wind

Erneuerbare Energien haben das Jahr 2017 mit einem Rekord abgeschlossen: etwa 36 Prozent des Stroms wurden im letzten Jahr von Windkraft-, Biomasse-, Solar- und Wasserkraftanlagen geliefert. Das ist ein Zuwachs von etwa vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bemerkenswert an der Entwicklung ist, dass erstmals mehr Strom mit Windkraftanlagen produziert wurde als mit Kohle- oder Atomkraftwerken.

Die Windbranche feiert das beeindruckende Wachstum. In einer Pressemeldung vom 17. Januar wies der Bundesverband Windenergie darauf hin, dass gerade Windenergieanlagen auf See zur Versorgungssicherheit in Deutschland beitragen würden und für die Energiewende dank der günstigen Produktionskosten einen noch größeren Beitrag leisten könnten. Immer häufiger bekommt man beim Lesen von Medienberichten den Eindruck, als wäre Windenergie das Allheilmittel in der Energiewende. Das ist ein Trugschluss.

Einige Tage vor der Veröffentlichung des Bundesverbands Windenergie vermeldete der Übertragungsnetzbetreiber Tennet Rekordkosten bei Noteingriffen ins Stromnetz. Diese stiegen im Jahr 2017 gegenüber dem Vorjahr um rund die Hälfte auf knapp eine Milliarde Euro. So müssen gerade im Norden Deutschlands immer wieder Windkraftanlagen gegen Entschädigung abgeregelt werden, um das Netz zu entlasten. Über die Netzentgelte landen diese Kosten letztlich beim Verbraucher.

Das Ergebnis: Verbraucherverbände kritisieren die hohen Stromkosten. Gleichzeitig zeigen Lobbyverbände mit dem Finger auf erneuerbare Energien. Dabei bekommen auch Wind, Solar, Wasser & Co. den Stempel „zu teuer“ aufgedrückt. Dieses sich andauernd wiederholdende Schauspiel ist eine Farce. Erstens werden verschiedene Energieträger in Sippenhaft genommen und über einen Kamm geschoren. Zweitens sollten wir den Fehler im System suchen und nicht bei den Energieträgern selbst. Es gilt dringend stärker zu differenzieren.

Dass eine Energiewende unter der Ägide von Wind zum Scheitern verurteilt ist, zeigt sich auch bei der räumlichen Verteilung des Stroms. Bei starkem Wind fehlen die Kapazitäten, um den überschüssigen Strom aus dem Norden in den Süden zu transportieren. Doch genau dort stehen die meisten Atomkraftwerke, die abgeschaltet werden. Deren zu ersetzender Atomstrom müsste dann mit großen Leitungen nach Süden transportiert werden. Immer wieder lesen wir das Gejammer über die hohen Kosten für einen solchen Netzausbau – manchmal gepaart mit der Empfehlung die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke einfach ruhen zu lassen.

Auch für mich ist es nicht nachvollziehbar, warum wir im Norden den Aufbau von Überkapazitäten fördern, während wir in anderen Bereichen Deutschlands weit hinterherhinken. Warum setzen wir nicht auf eine stärkere Verteilung bei der Stromversorgung? Solarenergie könnte als dezentrale Energielösung eine sehr viel wichtigere Rolle einnehmen. Für Solaranlagen ist der Ausbau von Stromautobahnen nicht notwendig. Vielmehr produzieren sie dort Strom wo er gebraucht wird.

Die Entwicklung verläuft jedoch in die gegensätzliche Richtung. Offshore-Windenergie hat mittlerweile die Grenze von fünf Gigawatt in Deutschland durchbrochen und der Ausbau soll weitergehen. Zusammen mit den Küstenländern und den Gewerkschaften hat der Bundesverband Windenergie im Herbst letzten Jahres mit dem Cuxhavener Appell einen Ausbau von mindestens 20 Gigawatt bis 2030 gefordert. Das halte ich für eine völlig verfehlte Forderung. Warum sollen wir das Verteilungsproblem noch verschärfen, wenn der Status quo uns schon vor gewaltige Probleme stellt?

Wir müssen diese Fehlentwicklung bremsen. Wir brauchen dringend einen konsequenten flächendeckenden Ausbau dezentraler erneuerbarer Energieträger gemeinsam mit Speichertechnologien und dem gleichzeitigen Abschalten von Atom- und Kohlekraftwerken. Wir sollten lieber 100 Mal ein Megawatt Projekte über verschiedene Standorte verteilt realisieren, als einen Windpark mit 100 Megawatt auf hoher See zu fördern.

Darüber hinaus sollten wir bei erneuerbaren Energien klarer differenzieren. Windkraft ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Energiewende, aber Windkraft alleine ist keine Lösung. Wir sollten uns darauf konzentrieren, einen sinnvollen Mix mit Solar-, Biomasse- oder Wasserkraft zu erreichen, bevor wir Milliarden in den Ausbau der Netzinfrastruktur stecken. Leider kommen die Vorzüge der verschiedenen Energieträger angesichts der Dominanz von Windkraft kaum zur Geltung.

Auch der Gesetzgeber ist gefordert. Es gilt dringend Haushaltsstromkunden stärker in die Direktvermarktung von „grünen Strom“ einzubeziehen. Eine mögliche Lösung wäre eine EEG-Kombikraftwerksvergütung zusammen mit einer effizienten Direktvermarktungs-Verordnung. So könnten wir die Akzeptanz von erneuerbaren Energien in der Bevölkerung steigern, ihren Ausbau vorantreiben und den hohen Netzstabilisierungskosten begegnen. Es bleibt viel zu tun.

— Der Autor Thorsten Preugschas blickt auf rund 15 Jahre Erfahrung in der Solarbranche zurück. Als geschäftsführender Gesellschafter brachte er die Maaß Regenerative-Energien GmbH in die Colexon Energy AG ein und schuf damit einen der führenden börsennotierten Projektentwickler im deutschsprachigen Raum. Im Jahr 2006 wurde er zum CEO der Colexon Energy AG ernannt. Mit dem Zusammenschluss der Colexon Energy AG mit der dänischen Renewagy A/S im Jahr 2009 formte Preugschas den ersten vollintegrierten börsennotierten Projektentwickler und Betreiber von Solarkraftwerken in Deutschland mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 150 Millionen Euro. Im Jahr 2011 wechselte Thorsten Preugschas zur Soventix GmbH, die sich unter seiner Geschäftsführung zu einem der erfolgreichsten international agierenden Solarprojektentwicklern Deutschlands entwickelte. Weitere Informationen finden Sie unter www.soventix.com. — 

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