BDEW-Euphorie beim Ausbau des Ökostromes völlig unangebracht – Nur noch Strom aus Windkraft ist nennenswert gewachsen

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Am 20. Dezember hat der BDEW die vorläufigen Zahlen für die Stromerzeugung 2017 veröffentlicht. Viel zu positiv kommentierte Stefan Kapferer, Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung des BDEW, die Zahlen: „Der gestiegene Beitrag der erneuerbaren Energien ist erfreulich. Leider hält der notwendige Netzausbau nicht annähernd Schritt mit dem Zuwachs an regenerativen Anlagen.“

https://www.bdew.de/presse/presseinformationen/pi-erneuerbare-energien-decken-35-prozent-des-strombedarfs/

In den Zahlen steckt in Wirklichkeit eine hohe Sprengkraft für die Fortführung der Energiewende.

Insbesondere zwei Ursachen sind für die „erfreuliche“ Steigerung ursächlich:

  1. Das Jahr 2017 hatte eine deutlich stärkere Solareinstrahlung und höhere Windgeschwindigkeiten als 2016.
  2. Der Ausbau der Windenergie an Land und an der Küste ging voran.

Doch beides wird nicht unvermindert weitergehen, weshalb überhaupt nicht die Rede davon sein kann, dass die Energiewende auf gutem Wege ist. Neben der weiterhin völlig unzulänglichen – weil seit Jahren stagnierenden – Entwicklung der Erneuerbare Energien in den Bereichen Verkehr und Wärme in Gebäuden­ sollten auch im Stromsektor die Alarmglocken klingen.

Mehr Details zum Stromsektor mit Grafiken hat heute das PV Magazine veröffentlicht.

https://www.pv-magazine.de/2017/12/20/erneuerbare-erreichen-dieses-jahr-schon-die-ziele-fuer-2020/

Daraus lässt sich schnell ablesen:

Der Solarstromanteil ist nur marginal von 5,9 Prozent auf 6,1 Prozent gestiegen, was hauptsächlich auf die bessere Solarstrahlung und einen geringen Ausbau um circa 1,5 GW zurückzuführen ist. Damit liegt der Ausbau auch im dritten Jahr weit unter dem sowieso völlig unzulänglichen Ausbauziel der Bundesregierung von 2,5 GW. In den Jahren 2010, 2011 und 2012 lag der PV-Zubau noch bei über 7 GW.

Der Bioenergieanteil ist von 6,9 Prozent auf nur 7,0 Prozent gestiegen. Auch hier liegt der Zubau deutlich unter den Regierungszielen und weit unter dem Zubau früherer Jahre.

Der Anteil des Wasserkraftstromes ist gar von 3,2 Prozent auf 3,0 Prozent gefallen. Strom aus Geothermie spielt weiterhin keine nennenswerte Rolle, trotz des hohen Potentials.

Die „Energiewende“ in Deutschland ist 2017 nur noch erfolgreich im Teilsegment Windkraft. Hier stieg die Stromerzeugung für Windkraft an Land von 10,7 Prozent auf 13,3 Prozent und bei Offshore von 1,9 Prozent auf 2,8 Prozent.

Die Energiewende ist also nur noch eine Windkraftausbauwende. Alle anderen Erneuerbaren Energien stiegen nur minimal, stagnieren oder gehen sogar zurück, wie Strom aus Wasserkraft und Erneuerbare Energien im Verkehrssektor.

Diese Entwicklung ist sehr bedrohlich, denn nur auf Windkraft zu setzen, birgt erhebliche Probleme. So hat Herr Kapferer zwar recht, dass der Netzausbau nicht mitkommt, was aber hauptsächlich daran liegt, dass der gleichmäßige dezentrale Ausbau über alle Regionen in Deutschland nicht mehr stattfindet, sondern sich im Wesentlichen nur auf den Zubau der Windenergie konzentriert, und das auch nur noch im Norden. So gab es in Bayern 2017 nur noch vier Anträge für den Bau von Windkraftanlagen. Mit dem einseitigen Windkraftausbau im Norden werden natürlich die Probleme des Schwankungsausgleichs und des zu langsamen Großspeicherausbaus schnell wachsen. Eine Entwicklung, die deutlich absehbar war an den vielen verfehlten EEG-Novellen der letzten Bundesregierungen.

Doch selbst der einzig nennenswerte Ausbau bei Erneuerbaren Energien, der Windkraftausbau, ist bundesweit stark gefährdet. Der erfreulich hohe Zubau 2017 resultierte daraus, dass nur die Anlagen ans Netz gingen, die noch mit dem alten EEG und seiner Einspeisevergütung geplant und genehmigt wurden. Der Wechsel zu Ausschreibungen im EEG 2017 wird aber auch den Ausbau der Windenergie von 2017 über 5 GW auf weit unter die Regierungsziele von 2,8 GW fallen lassen. Die bereits sichtbare Abwanderung ins Ausland und die Entlassungen bei den Planungsbüros sprechen vor diesem Hintergrund eine deutliche Sprache. Den Planungsbüros gehen schlicht die Projekte, die 2018 und 2019 verwirklicht werden könnten, verloren.

Die Energiewende in Deutschland ist mitnichten auf einem guten Wege. Die vielen Akteure von BDEW, Kohlekonzernen bis hin zur Bundesregierung haben den von Rot-Grün gut auf den Weg gebrachten Ausbau der Erneuerbaren Energien in weiten Teilen – außer der Windkraft – schon heftig dezimiert. Spätestens 2019 wird der Windkraftausbau völlig einbrechen.

Wenn sich mit einer neuen Regierung nicht schnellstens radikal etwas ändert, wie Reparaturen am EEG, EnWG und anderen Gesetzen zur Wiederbelebung des Ausbaus der Erneuerbaren Energien und der Bürgerenergiewende, dann wird Deutschland einen klimaverträglichen Atomausstieg niemals schaffen.

Deutschland wird dann der Lächerlichkeit preisgegeben, weil hier nicht das Vorbild für andere Nationen weitergeführt wird, was Deutschland einmal für China, Indien oder Südamerika war. Jetzt, da die Erneuerbaren Energien die billigste Energieform geworden sind, beendet Deutschland absurderweise die Energiewende.

Es wird Zeit, dass auch die Verbände der Erneuerbaren Energien endlich Klartext über die wahre desolate Situation der Energiewende in Deutschland reden, statt sich in der Chor der Beschöniger einzureihen, die den erfreulichen Ausbau der Windenergie in 2017 als Erfolg für den Ausbau der Erneuerbare Energien insgesamt feiern.

— Der Autor Hans-Josef Fell saß für die Grünen von 1998 bis 2013 im Deutschen Bundestag. Der Energieexperte war im Jahr 2000 Mitautor des EEG. Nun ist er Präsident der Energy Watch Group (EWG). Mehr zu seiner Arbeit finden Sie unter www.hans-josef-fell.de. —

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