Wo Innogy disruptiv werden will

pv magazine: Was ist der Innogy Innovation Hub?

Carsten Stöcker (Foto): Der Innogy Innovation Hub hat das Ziel, Geschäftsmodellinnovationen hervorzubringen und das vor allem schnell zu machen, Partner hinzuzuziehen und die Kunden in den Mittelpunkt zu stellen. Wir haben fünf Innovationsprogramme, die wir Lighthouse-Projekte nennen. Eines ist davon smart & connected, das bezieht sich sowohl auf viele Bereiche, auf Einfamilienhäuser, auf Fabriken, auf alles wo etwas „smart connnected“ werden kann. Bei dem Programm Big Data geht es darum, wie man Datenanalyse und Algorithmen nutzen kann, um Mehrwerte zu schaffen. Als Drittes haben wir das Thema digitale Disruption. Dazu gehört etwa die Digitalisierung im Energiebereich, die Kosten spart und neue Geschäftsfelder erschließt. Im Programm Urban Solutions geht es um den urbanen Raum und wie dieser mit neuen Technologien für Menschen besser genutzt werden kann. Im Programm Blockchain beschäftigen wir uns mit dezentralen Plattformen und wie diese in einer so genannten Machine Economy genutzt werden können, um Transaktionen für neue Geschäftsmodelle abzuwickeln. Ich selber arbeite im Bereich Machine Economy.

Das hört sich ja nicht nach den zentralen Geschäftsmodellen des bisherigen Konzerns, RWE oder Innogy, an. Was sind die Verbindungen?

Wir nutzen diese dezentralen Internettechnologien im Lighthouse Machine Economy, um Transaktionen abzuwickeln. Als erstes haben wir mit dem so genannte Peer-to-Peer-Energy Trading begonnen. Man nimmt dazu die dezentrale Plattform, basierend auf Blockchain und anderen neuen Internettechnologien, um zwischen einem Prosumer und einem Consumer energiewirtschaftliche Transaktionen zu ermöglichen. Dann braucht man keinen Stromvertrieb mehr, keinen Handel, allgemein keine Querschnittsfunktionen. Mit Smart Contracts handeln Nutzer und mittelständische Unternehmen Energie untereinander. Das ist ziemlich disruptiv. Wir nennen das „Machine Economy“, weil es im wesentlichen darum geht, Transaktionen zwischen Batterien, Smart Meter und Solaranlagen und anderen Geräten zu automatisieren. Das hat also einen energiewirtschaftlichen Bezug.

Warum ist das so disruptiv?

Weil wir glauben, dass es viele Funktionen, die es heute gibt, überflüssig macht. Wir sagen dazu, dass Intermediäre aus der Wertschöpfung entfallen. Man braucht keinen Vertrieb und keinen Handel. Wir können in Echtzeit abrechnen, egal ob es Netzentgelte sind, Regelenergie oder der Handel zwischen Prosumern und Verbrauchern. Heute sind das Prozesse, die teilweise Monate dauern und über alte, teure, sehr große IT-Systeme abgewickelt werden. Es ist billiger und schneller, wenn man weniger Intermediäre benutzt. Das führt dann zu ganz neuen Geschäftsmodellen. Dafür braucht man aber auch einen anderen regulatorischen Rahmen.

Heißt „disruptiv“ dann, dass es einfacher billiger wird, dass es andere Player geben wird, oder dass man ganz neue Sachen machen kann?

Es wird auch andere Player geben, die völlig anders zusammen arbeiten. Auch eine Boy Group könnte auf so einer dezentralen Platzform ihre aggregierten Energiedienstleistungen anbieten. Aber auch Apple, Google, Tesla & Co. Oder Player, die genossenschaftlich organisiert sind. Auch diese brauchen dazu keine Dritten mehr. Die Genossen teilen die Vorteile daraus unter sich auf. Das ist eine ziemlich große Disruption, weil ganze Funktionen aus der Wertschöpfung genommen werden.

Die Genossenschaftsmitglieder werden dann ihre eigenen Stromversorger und Aufgaben übernehmen Aufgaben, die heute der Stromversorger hat?

Genau, in Kombination mit diesen neuen dezentralen Internettechnologien wird das so sein. Man kann sich aber auch vorstellen, dass man Skaleneffekte nutzt. Es muss nicht jeder seine kleine Batterie oder Solarzelle installieren. Vielleicht tun sich auch Communities zusammen, die in eine mittelgroße Utility Scale-Anlage mit erneuerbaren Energien investieren oder sich eine größere Batterie teilen. Die Teilnehmer sind Teilhaber an der Produktion und können völlig automatisiert Abrechnungen machen.

An Stromvertrieb kann man ja schon heute nichts mehr verdienen. Wird die Technologie trotzdem disruptiv sein?

Ja. Auch auf der Netztseite gibt es etliche Systemkosten. Da müssen Abrechnungen, Fahrpläne und Bilanzgruppen gemacht werden. Zähler müssen händisch abgelesen und die Stände müssen korrigiert werden. Teilweise muss man Ersatzwerte finden. Wir glauben, das lässt sich alles wegautomatisieren.

Wie viele Leute arbeiten in dem Blockchain-Programm?

Wir haben circa 20 Leute in unseren verschiedenen Blockchainprojekten. Sie beschäftigen sich mit dem erwähnten Peer-to-peer-Energy Trading, mit Mobilität, mit Paymentlösungen im Kontext von Blockchain basierten Geschäftsmodellen und mit 3D-Drucken. 3D-Drucken ist interessant, weil wir uns mit der Frage beschäftigen, wie Fabrikation mit den dezentralen Technologien smarter gemacht werden können.

Den Waldraum im Innogy Innovation Hub haben die Mitarbeiter selbst entworfen. Foto: Innogy

Sie suchen also definitiv Anwendungen über den Energiebereich hinaus?

Peer-To-Peer-Energy trading ist regulatorisch durchaus schwierig und daher sind Zeitachse und Skalierung nicht gut abschätzbar. Wir schauen daher, wo wir noch anwenden können, was wir gelernt haben. Wir stellen fest, dass viele der Konzepte wiederverwendbar sind. Es gibt eine Konvergenz der Industrien. Wir selbst haben vor allem ein Ziel: wir wollen mit den Ideen exponentielles Wachstum generieren, im Energiebereich aber auch im nicht-Energiebereich. Das kann „at the edge“ sein, wie es bei uns heißt, also am Rande des Stammgeschäftes. Diese Freiheit haben wir.

Das heißt, die Erwartung im Konzern an den Innovation Hub ist vor allem, dass Sie ein großes Geschäft generieren, das am Ende Innogy gehört? Auf welcher Zeitskala?

Ja genau, das ist das Ziel. 2015 sind die ersten Projekte gestartet, 2017 sollen die ersten Produkte auf den Markt kommen, 2020 soll es signifikante Auswirkungen auf das Geschäft haben.

Mobilität ist ja nicht nur Energie. Ist die Disruption in dem Bereich offensichtlicher?

Die Zukunft der Mobilität wird elektrisch und autonom sein. Wir schauen uns die Szenarien dazu an. Dazu gehört dann auch die Sharing Economy, also dass Autos oft geteilt werden. Das wird durch das autonome Fahren noch einfacher. Wir brauchen dann 90 Prozent weniger Autos. Das wird einen großen Einfluss auf den urbanen Raum haben, weil nicht mehr so viele Autos rumstehen. Der kann ganz anders gestaltet werden. Die Transportdichte steigt, und es gibt Auswirkungen auf Versicherungen und Steuern. Wir überlegen uns, wie diese Sharing Economy ermöglicht werden kann. Auch hier sind wir davon überzeugt, dass die Kombination von dezentralen interoperablen Internettechnologien auf Mobilität anwendbar ist.

Was heißt interoperabel?

Das heißt, dass die Systeme mit einander Transaktionen machen können, auch wenn sie sich vorher nicht kennen. Wir beschäftigen uns zum Beispiel im ersten Schritt mit dem Thema Electrical Vehicle Charging. Wie kann ich das elektrisch autonome oder nicht autonome Fahrzeug laden? Indem ich Ladesäulen teile, die Transaktionen in Echtzeit abrechne und ich keine großen Verträge brauche. Es soll kein Roaming, Clearing und Billing nötig sein. Das soll stattdessen die sehr einfache Technologie übernehmen. Wir gehen davon aus, das sich dadurch die Geschäftsmodelle vollkommen ändern. Unser Share und Charge wollen wir ersten Kunden bis zum Sommer zur Verfügung stellen [Projekt zur Vermittlung von Besitzern von E-Autos und Ladesteckdosen, die Redaktion].

Sie sagen, im Prinzip gibt es immer auch andere Technologien, die die einzelnen Funktionen erbringen können, die Blockchain bietet. Aber Blockchain würde sie alle zusammen bieten. Wie?

Blockchain eignet sich hervorragend bei der Interoperabilität. Man kann damit viele verschiedene Player für wirtschaftliche Transaktionen zusammenzubringen ohne dass man die Stammdaten der Player in den vielen SAP oder sonstigen Legacy-Systemen anlegen muss. Das ist viel zu aufwändig. Dann ersetzt sie das Clearing und Billing. Sie erlaubt dadurch, wenn eine physische Transaktion stattfindet, die finanzielle Transaktion zur selben Zeit und sicher abzuwickeln. Und Blockchain kann Aufgaben beim Internet der Dinge übernehmen. Man kann mit einem Auto einer Mautbrücke oder einer Ladesäule sicher Daten übertragen und sich sicher sein, dass sie nicht verfälscht wurden. Das Internet der Dinge wird dadurch einfacher, sicherer und schneller.

Im Prinzip ermöglicht Blockchain auch ein Uber ohne Uber?

Die Business Logik von Uber, Fahrer mit Kunden zu vermitteln, kann auch auf der Blockchain ablaufen. Natürlich ohne Marge. Wir glauben, dass es bei den Transaktionsmargen ein „Race to Zero“ gibt. Uber hat die Margen auf 20 bis 30 Prozent erhöht. Wir glauben, das die Margen mit Blockchain-Logik wieder deutlich nach unten gehen.

Weil immer jemand kommt, der es billiger macht?

Genau. Es gibt allerdings auch ein Korrektiv. Das ist die Reputation, die ein Unternehmen hat, zum Beispiel durch eine Zertifizierung oder durch die Community, die bewertet. Blockchain hilft auch darin, Reputationen zu bilden. Wenn man die Reputation im Netzwerk A hat, kann man sie in Netzwerk B übernehmen, indem man eine einmal verifizierte Identität nutzt. Das gilt auch für die Reputation gegenüber Banken.

Das Gespräch führte Michael Fuhs

In der pv magazine Printausgabe, die am 6.3. erscheint, berichten wir ab Seite 22 von einem Besuch in Innogy Innovation Hub und das Share & Charge Projekt unter dem Titel: „Solaranlage an Elektroauto – bitte kommen

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