Digitalisierung in der Energiebranche – war’s das schon?

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Die digitale Transformation erfasst alle Branchen. Doch die Auswirkungen sind ganz verschieden. Vergleicht man beispielsweise die Medien- mit der Energiebranche, zeigen sich ganz unterschiedliche Effekte. Die Digitalisierung scheint die Energieunternehmen nicht so aufzumischen wie die Medien.

Entwarnung also für die Energiebranche? Keineswegs! Die eigentliche Disruption in der Energiebranche ist nicht die digitale Transformation, zumindest noch nicht. Digitalisierung führt hier nicht zu einem Substitutionsprodukt, so wie bei den Medien, denn Strom bleibt Strom. Die dezentrale Energieerzeugung ist der eigentliche Disruptor – und die Digitalisierung nur ihr – allerdings außerordentlich wichtiger – Steigbügelhalter.

Dezentral erzeugte erneuerbare Energien sind vergleichbar mit den Online-Publikationen der Medien: Sie entstehen – oft wortwörtlich – auf der grünen Wiese, haben meist ein Angebot in geringerem Umfang als die traditionellen Anbieter oder sind explizite Nischenangebote, und zeichnen sich vor allem häufig durch eine deutlich bessere Kostenstruktur aus. Sie sind lebensfähig durch den Anschluss an ein allgemeines Netz; in der Energiebranche ist es das Stromnetz, in der Medienbranche das Werbenetz. Im Unterschied zum Journalismus ist das Stromnetz dazu gezwungen, den dezentral erzeugten Ökostrom aufzunehmen, sollte er nicht direkt verbraucht werden.

Die Digitalisierung hingegen bietet für die Energiebranche viele Vorteile, da sie eine Vielzahl der Prozesse deutlich geschmeidiger macht. Im Bereich der Energieerzeugung laufen durch sie Abläufe besser, schneller, effizienter: Wartungszyklen orientieren sich an den von den Maschinen gemeldeten Daten, Einsatzpläne für Wartungstechniker werden inzwischen von einer Software gesteuert. Im Bereich des Stromhandels sehen wir weitere Effizienzsteigerungen: Beispielsweise führt der algorithmisch basierte Handel zu erheblicher Markteffizienz – und gegebenenfalls sogar zu neuen Geschäftsmodellen, die aber dann im Grenzbereich zwischen der Energiewirtschaft und der Finanzwirtschaft liegen. Gleiches Bild im Bereich der Netze: So wird durch Smart Grids beispielsweise die Aussteuerung einfacher und besser – aber nicht grundsätzlich ersetzt.

„Gefährlicher“ wird es allerdings im Vertrieb – denn dort gibt es tatsächlich Gemeinsamkeiten mit der Medienindustrie. Hier lässt sich erkennen: Das, was bisher für Leser bzw. Kunden vollkommen ausreichend war, stellt sie nun nicht mehr zufrieden – und zwar besonders in den Bereichen Ansprache, Pricing, Transparenz und Kundenservice. Denn auch ein Energieversorger muss sich im Internet beim Abschluss eines Stromvertrags an den Prozessen von Amazon messen lassen, was ein erheblicher Druck auf eine kontinuierliche Verbesserung der Usability darstellt. Und genauso wie bei Zalando muss die ganze Klaviatur des Online Marketings entlang der Customer Journey sowie das Instrument des datengetriebenen Up- und Crosssellings beherrscht werden. Darüber hinaus ist die Wechselbereitschaft des Kunden ein durch die Digitalisierung verschärftes Problem, durch digitale Transparenz, Vergleichbarkeit der Produkte und die zunehmende Vereinfachung der Wechselprozesse. Hier gilt es, als Unterscheidungsmerkmal durch extrem kundenorientierte und dem aktuellen Stand von digitaler Produktentwicklung und Kundenservice entsprechenden neuen Geschäftsmodellen, Produkten und Vergütungsstrukturen den modernen Stromkunden ein attraktives „Strombezugserlebnis“ zu ermöglichen – so fremd sich das auch anhören mag. Doch diese Herausforderung haben bisher nicht viele Energieversorger angenommen, so dass sich hier noch erhebliche Marktchancen für innovative Stromunternehmer auftun.

Als „Turbo“ für die Nutzung solcher Marktchancen hat sich nach unserer Erfahrung die Zusammenarbeit mit Start-ups herausgestellt. Voraussetzung ist, man findet das genau zur eigenen Herausforderung passende Start-up für eine Kooperation oder Investition, und es gelingt, die erforderlichen Gespräche und Verhandlungen über die Ziellinie zu bringen. Bei kluger Gestaltung der Interaktion oder Integration besteht dann die Möglichkeit, das innovative Know-how der Start-ups erfolgreich aufzunehmen – das etablierte Unternehmen wird selbst innovationsfähiger.

Eine Erhöhung der eigenen Innovationskraft ist Energieunternehmen auch dringend angeraten. Denn noch ist es mit der digitalen Transformation der Energiebranche nicht vorbei. Erfahrungsgemäß ist nach dem Wandel vor dem Wandel; und der nächste, diesmal wirklich digitale Disruptor steht bereits vor der Tür: die Blockchain-Technologie. In einem Satz: Blockchain ist eine neue Art des Funktionierens des Internets, indem es pro Interaktion nicht mehr einen Sender und mehrere Empfänger gibt, sondern das Internet als ein dezentrales Netzwerk mit gleichberechtigten Akteuren (ähnlich wie bei Computern) funktioniert. Damit entsteht ein verteiltes, öffentliches Register, das aufgrund eingebauter Sicherungsmechanismen fälschungssicher ist, so dass bisher sicherheitsgebende Institutionen wie Kreditkartenfirmen aus Transaktionen herausgenommen werden können – und also auch Zahlungen im Cent-Bereich plötzlich wirtschaftlich sinnvoll sind. Darüber hinaus können sogenannte „Smart Contracts“ eingesetzt werden, bei denen die juristischen Regelungen nicht (nur) auf Papier, sondern im Code digitaler Güter enthalten sind und sich damit selbst automatisch umsetzen. Damit ist es möglich, sich innerhalb von Nachbarschaften ohne Energieversorger direkt gegenseitig Strom zu verkaufen – entsprechende Pilotprojekte dazu laufen bereits in Brooklyn und in den Niederlanden. Ferner kann sich beispielsweise ein Stromstecker selbst den günstigsten Tarif suchen und entsprechend umschalten – dies wäre eine Maximierung der Vereinfachung des Anbieterwechsels. Auch das sind keine guten Nachrichten für Energieversorger!

Selbst wenn diese Angebote noch nicht serienreif sind, muss man sich mit den Möglichkeiten dieser Technologie, den ersten Unternehmen, die diese im Energiebereich einsetzen und den entstehenden Marktchancen auseinandersetzen – so wie es beispielsweise Vattenfall und RWE schon getan haben. Denn genauso wie bei der Digitalisierung im Stromvertrieb gilt hier: Nur der, der sein Ohr am Puls der Zeit (und nah am Kunden!) hat sowie die richtige Denkweise, als auch ausreichend Energie aufweisen kann, die unternehmerischen Chancen zu erkennen und umzusetzen, wird am Ende von den Veränderungen profitieren.

— Die Autorin Katja Nettesheim gründete 2009 in Berlin das Unternehmen_MEDIATE. _MEDIATE ist eine Firma, die seit bald 10 Jahren ein strategischer Partner für die Digitale Transformation von etablierten Unternehmen ist, und zwar in Bezug auf digitale Umsätze, Mitarbeiter und Prozesse. Die Professorin für Digitales Medienmanagement und Juristin sammelte während ihrer beruflichen Laufbahn schon zahlreiche Erfahrungen: Parallel zu ihrer Promotion im Alter von 26 Jahren absolvierte sie Referendariate in Wirtschaftskanzleien in München, Madrid und New York und praktizierte als Rechtsanwältin für "Internationales Gesellschafts- und Steuerrecht". Danach wandte sie sich verstärkt dem betriebswirtschaftlichen Bereich zu, indem Sie bei „The Boston Consulting Group“ u.a. in den Branchen Energie und Private Equity als Beraterin arbeitete. Anschließend war sie beim Axel-Springer-Verlag als Leiterin von M&A-Projekten und in der Verlagsgeschäftsführung der Hamburger Regionalzeitungen tätig. Sie ist ferner in mehreren Aufsichtsräten vertreten, unter anderem bei den Wirtschaftsbetrieben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und der Wild Bunch AG (ehemals Senator). —

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