Raus aus dem Labor

Ist die Batterieforschung in Deutschland immer noch rückständig?

Andreas Gutsch: Zum Ende der 1990er Jahre war die elektrochemische Grundlagenforschung aus den Instituten und aus der öffentlichen Forschung fast komplett verschwunden. Nur in der Industrie hat es damals noch Forschung und Entwicklung gegeben. Seitdem wurden viele Initiativen gestartet, von der Bundesregierung, den einzelnen Bundesländern bis hin zur Deutschen Forschungsgemeinschaft, und die Forschung hat international den Anschluss wiederhergestellt. Sie ist nun im Bereich der Grundlagenforschung sicher auf den ersten drei Plätzen weltweit. Und das war jedenfalls ein bemerkenswertes Stück Arbeit, aber der Transfer in industrielle Applikationen, der funktioniert in Deutschland deutlich schlechter als in anderen Ländern, das muss man leider so sagen.

Warum gelingt der Transfer der Forschungsergebnisse in die Industrie so schlecht?

Es fehlt vor allem an Kapital, in neue Produktionstechniken zu investieren. Das machen die Chinesen, die Koreaner, die Japaner in deutlich größerem Umfang und auch die Nordamerikaner. In Deutschland und in Europa, muss man leider sagen, findet das so nicht statt. Das wird dazu führen, dass wir mittelfristig, trotz der hervorragenden Grundlagenforschung, bei der industriellen Herstellungstechnik, also bei der Produktion der Lithium-Ionen-Zellen, den Anschluss verlieren werden. Denn die Grundlagenforschung alleine reicht eben nicht aus, sondern ich muss auch Wertschöpfung erzeugen, um Geld zu erwirtschaften, um wiederum die nächste Runde der Innovation zu finanzieren. In Japan und Korea und den USA sind es private Unternehmen, die teilweise Milliarden in die Hand nehmen, um diese Fabriken zu bauen. Das machen europäische Unternehmen nicht in dem Umfang.

Wer heute dort investiert, rechnet sich doch profitable Zukunftschancen aus?

Ja genau, so ist das. Die Ursache dafür ist sicher ein kulturelles Problem. Die Nordamerikaner und die Koreaner, die sind eben ein bisschen wagemutiger, was Investitionen anbelangt. Allen voran geht ja beispielsweise die Firma Tesla, die Elektrofahrzeuge selbst baut. Die haben jetzt angekündigt, dass sie die weltweit größte Batteriefabrik bauen wollen, für sechs Milliarden US-Dollar! Solche Initiativen gibt es in Europa nicht. Und deshalb wird die Industrialisierung dieser Technik eben doch außerhalb Europas stattfinden.

Womöglich haben die Investoren aus der Photovoltaik gelernt, dass sich so gewaltige Investitionen in Europa auf lange Sicht nicht auszahlen?

Ich kann mir schon vorstellen, dass der eine oder andere Investor tatsächlich ein bisschen Sorge hat, dass sich das noch mal wiederholt, was bei den Photovoltaikmodulen stattgefunden hat. Insofern gibt es da eine nicht unerhebliche Zurückhaltung auf der Seite des Risikokapitals. Das ist das eine, und zum anderen sind die Kapitalmengen, die gebraucht werden, schon sehr groß. Gleichzeitig ist das Know-how, um so eine Fabrik zu bauen, nicht sehr verbreitet. Was wir versuchen, ist, zumindest mal die Fähigkeit aufrechtzuerhalten, dass man solche Produktionstechnologien in Deutschland oder in Europa überhaupt zur Verfügung hat. Die Lithiumzellen, die wir selbst am KIT bauen, sind im internationalen Benchmark, das heißt bei der Leistung und bei entsprechend hohen Stückzahlen auch beim Preis, auf Platz zwei oder drei. Was wir aber jetzt nicht haben, ist eine Zellfabrik mit einer Dimension von 500 Millionen Euro.

Wie leicht lassen sich denn Batterietechnologien und Produktionstechnologien raubkopieren?

So leicht ist das nicht. Das ist anders als bei den Solarmodulen. Photovoltaik ist als rein physikalisches System weniger komplex, weil ja „nur“ aus Licht Strom gemacht wird. Bei den Batterien und vor allem bei der Zellherstellung kommt es enorm auf die Chemie an. Da sind massiv chemische Prozesse im Gange, und die Kopierbarkeit von chemischen Prozessen, die ist nicht so einfach. Das Know-how kann man schon relativ lange schützen, und die Gefahr, dass das von irgendwelchen Billigheimern kopiert wird, sehe ich als nicht so groß an. Man muss sicher auch aufpassen, aber es ist nicht so wie bei Photovoltaikmodulen.

Was Ihrer Meinung nach fehlt, ist also in erster Linie der unternehmerische Mut?

Letztlich, auf einen Punkt zusammengedampft, ja. Die anderen Voraussetzungen sind durch die Intensität der Grundlagenforschung da, produktionstechnologisches Know-how ist in Deutschland vorhanden: Wenn wir in Europa nicht das Geld in die Hand nehmen, und damit meine ich nicht öffentliche Gelder, sondern die Wirtschaft, dann werden wir den Anschluss verlieren. Dann wird das mit den Batterien ausgehen wie mit den Handys und mit den Flachbildschirmen auch. Dann kommt das in zehn Jahren alles nur noch aus Asien und wird nicht mehr zurückzuholen sein. Es ist noch nicht zu spät, aber zehn vor zwölf.

Wie könnte die Politik denn dazu beitragen?

Die Politik, hat mit den notwendigen Förderungen für den Wiederaufbau der wissenschaftlichen Grundlagenforschung einen wesentlichen Beitrag geleistet. Was jetzt fehlt, sind unternehmerische Entscheidungen und der Zugang zu Kapital zum Aufbau einer international wettbewerbsfähigen Zellproduktion in Deutschland oder Europa. Gegebenenfalls kann das auch nur von größeren industriellen Allianzen gestemmt werden. Die Politik kann jetzt eigentlich nur Rahmenbedingungen gestalten. Der Rest muss von mutigen und zukunftsorientierten Unternehmen oder Kapitalgebern gemacht werden.

Das Gespräch führte Cornelia Lichner.