Photovoltaik – Preistreiber oder Schlüssel zur Energiewende?

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Der starke Ausbau der Photovoltaik in den Jahren 2010 bis 2012 (Zubau je ca. 7,5 GW) hat diese Stromerzeugungsart ins Zentrum der Energiewende katapultiert. Möglich wurde das vor allem dadurch, dass die Photovoltaik-Systemkosten schneller gefallen sind, als es selbst Optimisten für möglich gehalten hätten. Besonders beliebt war der Solarstrom bei privaten Investoren – wegen ihrer Dezentralität, dem geringen Flächenverbrauch, aber sicher auch wegen der Renditen. Waren die Beiträge der Photovoltaik zur Stromerzeugung lange Jahre noch vernachlässigbar, so hat sie mittlerweile einen Anteil von ca. 5 Prozent an der Stromversorgung erreicht.

Photovoltaikanlagen speisen insbesondere zur Mittagszeit Strom ins Netz ein und verdrängen damit teure Spitzenlastkraftwerke aus der Erzeugung. Dies senkt den Börsenstrompreis, und für Anlagenbetreiber, die ihren PV-Strom selbst verbrauchen, ist er vielfach schon deutlich günstiger als Strom aus dem Netz.

Was wie eine Erfolgsgeschichte klingt (und auch ist), führte gleichzeitig dazu, dass die Photovoltaik zum Angriffsziel für diejenigen wurde, die ohnehin nie wirklich Freunde einer überwiegend erneuerbaren und dezentralen Stromversorgung waren. Die Kritiker des Solarstroms kommen dabei vor allem aus der Energiewirtschaft und der Industrie.

Es ist naheliegend das die großen Energieversorger die zunehmende dezentrale Erzeugungskonkurrenz in Bürgerhand nicht begrüßen können. Wer verliert schon gerne Marktanteile und sieht dem Verfall seiner Verkaufspreise zu? Wer legt schon gerne moderne Gaskraftwerke still, weil sich diese mit den wenigen Betriebsstunden und den stark gefallenen Preisen am Energiemarkt nicht mehr lohnen (was übrigens auch an den niedrigen CO2- und Kohlepreisen liegt)? Spätestens hier werden diese Probleme der Energieversorgungsunternehmen aber auch zu Problemen der Energiewende selbst: Wenn Gaskraftwerke herunter- und Kohlekraftwerke hochgefahren werden, ist das mit Sicherheit kein Beitrag zur Energiewende. Die Energieversorger vertreten also zum einen ihre wirtschaftlichen Eigeninteressen, zum anderen werden ihre modernen Gaskraftwerke auch für die Energiewende gebraucht.

Strom aus Sonne und Wind senkt den Börsenstrompreis

Teile der Industrie sehen in der durch das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) geförderten Photovoltaik einen Kostentreiber für die (Industrie-) Strompreise. Von der kostendeckenden Einspeisevergütung und dem hohen Anteil der Photovoltaik an der EEG-Umlage wird dabei auf steigende Industriestrompreise (kurz-)geschlossen. Schaut man sich die Debattenbeiträge von Industrievertretern genauer an, so wird deutlich, dass es letztlich aber gar nicht darum geht, wie sich die Strompreise der deutschen Industrie für sich genommen entwickeln und was dafür verantwortlich ist, denn die Preise sind ja gerade durch die Einspeisung von Sonnen- und Windenergie in den letzten Jahren wieder gesunken. Vielmehr geht es um die Strompreisentwicklung im Vergleich zu anderen Ländern, allen voran den USA. So wird der Energiewende (und stellvertretend der PV) etwas aufgeladen, für das sie nichts kann: sinkende Strompreise in den USA durch die Ausbeutung von Schiefergas – erkauft mit erheblichen Umweltrisiken.

Aber auch Verbraucherschützer kritisieren die hohen Strompreise, die dazu führten, dass einkommensschwache Haushalte von Energiearmut bedroht seien. Schuld auch hier vermeintlich der starke Zubau der Photovoltaik. Immerhin wird aber langsam deutlich, dass die Belastung der Stromkunden zu einem nicht unerheblichen Teil Resultat einer Umverteilung ist: Über 7 Milliarden Euro zur Entlastung der Industrie (durch Befreiungen von der EEG-Umlage und Preissenkungen auf Grund der Einspeisung aus Erneuerbaren Energien) werden so mittlerweile pro Jahr von Haushalten sowie nicht befreiten Gewerbe- und Industriekunden finanziert.

Dass die Strompreise auch bei einer Fortsetzung der konventionellen Erzeugung deutlich steigen müssten(geschätzt um ca. 10 Cent / kWh), wenn die Subventionen aus Steuermitteln und die externen Kosten auf den Strompreis umgelegt würden, die abgeschriebenen Kohle- und Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt, und die vernachlässigten Übertragungsnetze modernisiert würden, wird natürlich gerne ausgeblendet.

Halten wir also fest: das Unbehagen der großen Energieversorger über den Ausbau der Photovoltaik ist „echt“ und quasi unvermeidlich. Das Unbehagen der Industrie kommt nicht wirklich vom PV-Ausbau. Die Kritik dient aber zur Diskreditierung der „Energiewende“ insgesamt, weil diese nicht die (kurzfristige) Anpassung der Industriestrompreise an das Preisniveau von Wettbewerbsregionen zum (Haupt-)Ziel hat. Die Probleme der Verbraucher sind nur zum Teil der Photovoltaik zuzuschreiben. In zunehmendem Maße handelt es sich um die Nebenwirkungen von Entlastungen der Industrie durch Privilegierung bei der EEG-Umlage und gesunkene Börsenstrompreise.

Und was macht die Politik nachdem die schnell erfundene „Strompreisbremse“ im Wahlkampf untergegangen ist? Im Lager der Regierungsparteien, aber auch bei Teilen der Opposition, kristallisiert sich heraus: Nach der Wahl muss eine grundlegende EEG-Reform her. Abschaffung des Einspeisevorrangs der Erneuerbaren, Systemverantwortung und Vermarktungszwang sind dabei die zentralen „Kampfbegriffe“. Die FDP möchte gar einen Ausbaustopp beschließen lassen. Damit schließt sich der Kreis von der vermeintlichen Problemverursachung zur scheinbaren Problemlösung: der Photovoltaikausbau soll gestoppt oder stark verlangsamt werden, um die Energiewende vor dem Kostenkollaps zu retten.

Nur seltsam, dass der zentrale Kritikpunkte an der Photovoltaik, sie sei zu teuer und führe zu einer nicht mehr tragbaren Erhöhung der Strompreise, heute gar nicht mehr zutrifft. Das erreichte Preisniveau der PV – die Systempreise haben sind gegenüber 2010 in etwa halbiert – bewirkt nur noch geringe zusätzliche Kosten. Selbst eine Verdoppelung der Photovoltaikleistung von heute ca. 35 Gigawatt auf 70 Gigawatt würde eine Erhöhung der Strompreise um gerade einmal ca. 1 Prozent bedeuten (ca. 0,3 Cent/kWh).

Ausbau der Photovoltaik ist unabhängig vom Netzausbau möglich

Auch die Behauptung, der Netzausbau halte nicht mit dem PV-Ausbau Schritt, trifft nicht zu: Der notwendige Ausbau der Verteilnetze (hier speisen mehr als 90% aller PV-Anlagen ein) ist regional unterschiedlich zu bewerten, in der Regel sind aber noch ausreichende Kapazitäten für einen weiteren Zubau vorhanden. Die resultierenden Kosten bewegen sich insgesamt, bei Nutzung intelligenter Lösungen, z. B. regelbarer Ortsnetzstationen, in einem Bereich von ca. 10 Prozent der ohnehin aufgewendeten Mittel für die Ertüchtigung der Netze. Keine Frage, der intelligente Ausbau der Verteilnetze muss vorangebracht werden; der weitere Ausbau der Photovoltaik muss aber hierauf nicht warten.

Bleibt noch das Problem der Speicherung. Aber auch hier Entwarnung: Speicherlösungen sollten heute zwar auf Grundlage von Marktanreizprogrammen technologisch weiterentwickelt werden, damit sie zukünftig wirtschaftlich sind, sie werden aber erst in größerem Umfang gebraucht, wenn die Photovoltaik über 52 GW hinaus ausgebaut ist.

Dass PV-Strom auch weiter vorrangig einzuspeisen ist, ergibt sich aus seiner Kostenstruktur (fast keine variablen Kosten) und seiner emissionsfreien Erzeugung. Bei ca. 900-1.000 Vollbenutzungsstunden pro Jahr macht es aber gerade bei kleineren Anlagen keinen Sinn, dass Betreiber von Photovoltaikanlagen die „Systemverantwortung“ (Garantielieferung von Strom) übernehmen sollen. Auch ein Zwang zur Selbstvermarktung macht wenig Sinn, da die Einspeisung aus PV (mangels variabler Kosten) die Börsenpreise wie beschrieben senkt, und dieser Effekt mit zunehmendem Ausbau der Photovoltaik immer stärker wird. Sinnvoll ist es hingegen, die Märkte für Systemdienstleistungen auch für die PV und andere Erneuerbare Energien zu öffnen, damit diese ihre technischen Möglichkeiten zur Stabilisierung der Versorgung verfügbar machen und damit Systemdienstleistungen aus konventionellen Kraftwerken zunehmend ersetzen können.

Mal abgesehen davon, dass die Wirtschaftlichkeit der Photovoltaik bereits stark gelitten hat (die Vergütungssätze wurden 2012 um bis zu 40% abgesenkt und sinken zur Zeit monatlich um weitere 1,8%), machen die angestrebten Änderungen am EEG in Bezug auf die Photovoltaik somit wenig Sinn, denn: der weitere Ausbau der Photovoltaik ist kostengünstig, der Ausbau der Verteilnetze ist finanziell tragbar und die Speicherung beginnt erst ab ca. 2020 systemnotwendig zu werden.

Das EEG muss an den richtigen Stellen geändert werden

Eine Änderung des EEG in der angedeuteten Weise wird der Situation der Photovoltaik deshalb nicht gerecht und droht deren energiepolitisch sinnvollen weiteren Ausbau zu behindern. Wirtschaftlichkeit durch Eigenverbrauch gewinnt für den weiteren Ausbau der PV zunehmend an Bedeutung, kann eine wirksame EEG-Förderung aber nicht vollständig ersetzen. Wenn die PV als wichtiger Pfeiler wegbricht, ist die Energiewende insgesamt einsturzgefährdet. Wer das nicht will, muss dafür sorgen dass:

  • Eine Verständigung über den energiepolitisch sinnvollen Ausbaukorridor der PV über 2020 hinaus stattfindet
  • Eine Veränderung des widersinnigen Umlagemechanismus des EEG, der Kostenentlastungen der Einen in Mehrbelastungen der Anderen verwandelt, vorgenommen wird
  • Eine Rückführung der Industriestrombefreiungen oder/und eine Finanzierung bzw. Kompensation der Privilegierung aus Steuermitteln umgesetzt wird
  • Eine Industriepolitik vorangebracht wird, die der deutschen und europäischen PV-Branche hilft, ihre technologische Vorreiterrolle auch unter sich verändernden Wettbewerbsbedingungen zu behaupten
  • Ein Energiemarktdesign erarbeitet wird, dass die Erneuerbaren Energien in den Vordergrund stellt und hilft die erforderliche flankierende Flexibilität zur Sicherstellung der Versorgung auf der Ebene des Gesamtsystems kosten- und umweltgerecht zur Verfügung zu stellen

Der weitere Ausbau der Photovoltaik bleibt ein wichtiger Schlüssel zur Energiewende. Dies wird von einer großen Mehrheit der Bevölkerung unterstützt und durch viele Bürger selbst aktiv umgesetzt.

Autor: Günther Häckl, Generalbevollmächtigter von SMA Solar Technology AG und Präsident des Bundesverbandes Solarwirtschaft (BSW-Solar)