Gastkommentar von Eicke R. Weber: Der Wert der eigenen Produktion

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Die Rettung Europas ist das zentrale Thema der augenblicklichen politischen Diskussion: Wie kann aus der Krise eine Stärkung der europäischen Einigung gewonnen werden? Die hitzigen Debatten um dieses Thema übersehen eine weitere, für unsere Zukunft entscheidende Frage: Wie können wir Deutschland und Europa im schwierigen weltweiten Wettbewerb als Produktionsstandort besonders auch für Hochtechnologie erhalten?

Die heutige Situation sieht so aus: Deutschland und Europa sind sehr erfolgreich in der Forschung, selbst in der Umsetzung von Forschung in kleine und mittelständische Unternehmen. Die Arbeit der 60 Fraunhofer-Institute, die sich ihre Forschungsmittel zu einem wesentlichen Anteil von der Industrie verdienen müssen, ist dafür ein ausgezeichnetes Beispiel. Sie ist ein heimlicher Treibsatz der deutschen Wettbewerbsfähigkeit.

Nach erfolgreicher Forschung und Markteinführung kommt aber die Umsetzung in großtechnische Produktion – und hier gibt es einen zunehmend schwieriger werdenden Wettbewerb: Asiatische Länder wie China, aber auch Malaysia, Taiwan und Südkorea haben erkannt, dass der Aufbau von Produktion in Schlüsseltechnologien für die Zukunft ihrer Länder unerlässlich ist. Daher fördern sie ihn durch gezielte Industriepolitik: Hilfe beim Standortkauf, direkte Subventionen, zinsgünstige Kredite oder auch nur Kreditgarantien, die zu zinsgünstigen Krediten von Banken führen. Dazu kommen noch die Vorteile geringer Lohnkosten sowie geringer Preise von Zulieferunternehmen.

In Europa unterstützen wir dagegen in der Regel nur die Forschung und Entwicklung. Die High-Tech-Strategie 2020 der Bundesregierung ist ein gutes Beispiel: Gut gewählte thematische Schwerpunkte für Forschung in Schlüsseltechnologien, aber leider keine Komponente, wie die Ergebnisse dieser Forschung in eine wettbewerbsfähige Produktion umgesetzt werden sollen.

Das zentrale Problem dabei ist, dass diese Umsetzung mit Risiken verbunden ist und selbst im Erfolgsfall nur Profite im einstelligen Prozentbereich zu erwarten sind. Für ein Unternehmen wie Siemens mit großem Barvermögen stellt sich die Frage, ob dieses Geld in eine derartige Produktion in Deutschland investiert werden soll, oder ob nicht eher zweistellige Profite durch Finanztransaktionen angestrebt werden sollten.

Als Europa eine Luftfahrtindustrie aufbauen wollte, sahen wir uns in einer ähnlichen Situation: Nur aufgrund von staatlich garantierten Milliardenkrediten konnten wir einen so wichtigen Industriezweig aufbauen, der sich heute im internationalen Wettbewerb ausgezeichnet bewährt, aber für Neuentwicklungen nach wie vor gern das Instrument der Kreditgarantien einsetzt.

Die Photovoltaik-Industrie ist das Gegenbeispiel: Eine wesentlich in Deutschland entwickelte Technologie ist in akuter Gefahr, aus Deutschland abzuwandern. Selbst deutsche Photovoltaik-Hersteller haben erkannt, dass sie die für eine kostengünstige Fertigung erforderlichen modernen, hochautomatisierten Anlagen im Gigawatt-Bereich nur in asiatischen Ländern aufbauen können, wo es eben staatliche Unterstützung gibt. Auf der anderen Seite besteht Einigkeit in der Branche darüber, dass die drastisch sinkenden Kosten zu einem explodierenden Markt führen werden: von 30 Gigawatt im Jahr 2012 zu 100 Gigawatt 2020 und vermutlich 300 Gigawatt 2025 bis 2030. Falls 2050 auch nur zehn Prozent der globalen Stromversorgung aus der Photovoltaik kommen, benötigen wir einen Zubau auf mehr als 10 000 Gigawatt, eine gigantische Größe.

Europa muss schnellstens aufwachen, um eine De-Industrialisierung zu vermeiden. Wir sollten nicht nur Kreditgarantien für marode Banken und Länder geben, sondern einen Kreditgarantietopf von 50 bis 100 Milliarden Euro für Investitionen in global wettbewerbsfähige Produktionsanlagen in Schlüsseltechnologien wie die Photovoltaik, die Nanotechnologien und die Produktion von modernen Materialien bereitstellen, wie wir es so erfolgreich in der Luftfahrtindustrie machten.

Wir stehen an einem Scheideweg: Wählen wir den langsamen Schwund dieser Industrien, wie es uns England vorgemacht hat, oder wählen wir nicht lieber unseren Weg, der es bisher erfolgreich ermöglichte, auch Produktion im Land zu behalten. Nur durch eigene Produktion können wir auch langfristig die Forschung hier begründen, es geht um eine wahrhaft essentielle Frage für die Zukunft des Kontinents.

– Der Autor ist seit 2006 Direktor des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg und Inhaber des Lehrstuhls für Physik / Solarenergie an der Fakultät für Mathematik und Physik und an der Technischen Fakultät der dortigen Albert-Ludwigs-Universität. –

Die Erstveröffentlichung des Kommentars erfolgte in derBadischen Zeitung am 7. Juli.