Der Berg ruft

Der Schweizer Kanton Graubünden ist Heidiland: schneebemützte Berge, blökende Ziegen, bärtige Almhirten. Sonst gibt es in der Region allerdings nicht viel. Das wollen die 360 Bewohner der bündnerischen Gemeinde St. Antönien – Slogan „hinter dem Mond, links“ – jedoch ändern und außer Bergkäse, Nusstorte und Bündnerfleisch künftig auch Strom produzieren: Die zwölf Kilometer langen Lawinenverbauungen an den Hängen des Chüenihorns oberhalb von St. Antönien sollen daher mit 3,5 Megawatt Photovoltaikmodulen versehen werden. Geschätzte Kosten: 20 Millionen Franken.

In einem ersten Schritt haben die Ingenieure des Züricher Energiebüros jetzt eine 300.000 Franken teure Forschungs- und Pilotanlage gebaut. Denn der technische Anspruch an ein Solarkraftwerk auf Lawinenverbauungen ist hoch. „Schnee, Wind, Feuchtigkeit, steile Winkel – die extremen Bedingungen sind für uns Ingenieure eine knifflige Aufgabe“, sagt Energiebüro-Projektleiterin Barbara Schaffner. Aber sie weist auch auf viele positive Aspekte hin, die andere alpine Testanlagen bereits bewiesen haben. Die Sonneneinstrahlung ist auf dieser Höhe, wo kaum Nebel herrscht und die Luft sauber ist, ähnlich hoch wie etwa in Süditalien; im Winter sorgt der Schnee für zusätzliche Reflexion. Und die Kälte begünstigt den Solarertrag. Voraussetzung ist natürlich eine optimale Montage: Die Module werden dazu an der oberen Kante der Lawinenverbauungen befestigt, die – ein weiterer Vorteil – aus Stahl und fest im Berg verankert sind.

Wegweisendes Projekt

Dieses Solarkraftwerk-Projekt, das finanziell von der Gemeinde St. Antönien und dem Energiebüro sowie den Energieversorgern Repower und Sol-E Suisse getragen wird, gilt für den gesamten Alpenraum als wegweisend. Die Schweizer Ingenieure haben berechnet, dass sich pro Kilometer Lawinenverbauung im Jahr etwa 360 Megawattstunden Solarenergie gewinnen lassen. Wie viele der insgesamt 600 Kilometer Lawinenverbauungen in der Schweiz für die Photovoltaik genutzt werden können, ist zwar bislang nicht bekannt. Schätzungen bewegen sich zwischen 5 und 25 Prozent.Trotzdem könnten die Lawinenverbauungen ein wichtiger Mosaikstein für die Nutzung erneuerbarer Energien werden – schließlich hat die Schweiz den Atomausstieg beschlossen.

Wenn die Pilotanlage in St. Antönien den Praxistest besteht, soll 2012 mit der ersten Bauetappe des 3,5-Megawatt-Projekts begonnen werden. Ab 2013 soll dann der erste Solarstrom von St. Antöniens Lawinenverbauungen ins Netz fließen. Für diese Einspeisung wollen die Gemeindeväter eine bestehende Trafostation St. Antönien-Aschüel nutzen. Die Leitungen sollen überwiegend unterirdisch geführt werden, damit sie nicht durch Lawinen oder Tiere gefährdet werden und außerdem das Landschaftsbild nicht ändern.

Gemeindepräsident Heinz Rieder ist überzeugt, dass St. Antönien den Sprung vom Lawinen- zum Solarenergietal schafft. Dann müssten die Tourismusmanager allerdings den Slogan für St. Antönien ändern – eben passend für eine Gemeinde, die nicht mehr „hinter dem Mond, links“ zu finden ist, sondern eher „direkt an der Sonne“.