Lobbying für Gebäudeintegration

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Lobbyarbeit von Seiten der Photovoltaikindustrie ist bundesdeutschen Politikern hinreichend bekannt. Protestaktionen von Herstellern, Handwerkern und Verbänden, offene Briefe und Podiumsdiskussionen: Damit sind sie, seitdem Bundesumweltminister Norbert Röttgen die außerplanmäßige Absenkung der Einspeisevergütung ankündigte, bestens vertraut. Seit kurzem mischt ein neuer Mitstreiter mit, branchenfremd und mit einem anderen Ziel: Der Bundesverband Bausysteme e. V., eine Interessensvertretung von rund 80 Unternehmen, Instituten und Hochschulen, fordert in dem Positionspapier „Photovoltaik in Gebäuden“ von der Regierung, in der nächsten EEG-Novelle dach- und fassadenintegrierte Photovoltaik (BIPV) so zu fördern, dass dieses Segment für Hersteller und Verbraucher wieder attraktiv wird (siehe auch Artikel Seite 98).

Seit zehn Jahren dabei

Im Bundesverband Bausysteme mit Sitz in Koblenz, bis 2009 noch „Studiengemeinschaft für Fertigbau“, ist das Thema Photovoltaik nicht neu. „Unsere Fachgruppe Photovoltaik gibt es schon seit zehn Jahren“, stellt Günter Jösch, Geschäftsführer des Bundesverbandes Bausysteme, klar.

In den ersten Jahren beschäftigten sich die Mitglieder des Arbeitskreises mit der Theorie der Solarstromerzeugung. Sie befassten sich mit der Technik und Themen wie Photovoltaikanlagen auf denkmalgeschützten Gebäuden. Ein Ergebnis ihrer Arbeit waren sechs technische Merkblätter rund um die Photovoltaik. „Im Januar 2009 fassten wir den Beschluss, uns mehr der Praxis zuzuwenden“, berichtet Jösch. Zu der Zeit habe man erkannt, dass Photovoltaik architektonisch höhere Ansprüche erfüllen könne, als bisher bekannt gewesen sei. „Doch dafür bedarf es Sonderregelungen für gebäudeintegrierte Anlagen“, so Jösch. Denn eine niedrigere Energieausbeute und vergleichsweise teurere Systeme würden immer noch dafür sorgen, dass Investoren sich für Aufdachanlagen entscheiden.

Umfassendes Know-how

Die „Fachgruppe für Photovoltaik in Gebäuden“ ist einer von sieben Arbeitskreisen des Bundesverbandes. Ihr Leiter ist Professor Heinz Hullmann. Zusammen mit dem Architekten Wolfgang Willkomm betreibt er in Hamburg das Planungs- unter Beratungsunternehmen HWP Hullmann, Willkomm & Partner. In dem Gremium arbeiten Unternehmen und Verbände aus der Bau- und der Photovoltaikindustrie zusammen, zum Beispiel der Fachverband Baustoffe und Bauteile für vorgehängte hinterlüftete Fassaden und das Institut für Fertigteiltechnik und Fertigbau Weimar, ebenso wie das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) in Kassel und das Zentrum für Sonnenergie- und Wasserstoffforschung (ZSW), Stuttgart. Die Photovoltaikunternehmen Centrosolar, Odersun, Solarwatt, PVFlex, Rheinzink und Sulfurcell bringen ihr Hersteller-Know-how ein. In ihrem Positionspapier hebt die Fachgruppe die vielen möglichen Funktionen der Module neben der Solarstromerzeugung hervor: Wetterschutz, Wärmeschutz, Brandschutz, Schutz vor elektromagnetischer Strahlung und Schallschutz. „Darüber hinaus können sie Funktionen wie elektromagnetische Kommunikation – beispielsweise als Planantennen in Fassaden oder Tageslichtmanagement durch Abschattung oder Lichtlenkung übernehmen“, heißt es weiter. Nicht zuletzt seien photovoltaische Bauelemente ein wichtiger Beitrag für die Gestaltung von Fassaden und Dächern.

Diese Möglichkeiten würden aber bisher in Deutschland kaum genutzt, beklagen die Autoren. Dabei stehen nach ihren Angaben rund 3.000 Quadratkilometer Gebäudeflächen für die Dach- und Fassadenintegration zur Verfügung. Diese Zahl geht auf Erhebungen von Willi Ernst, Beirat von Centrosolar, zurück. Nach Angaben des Verbandes entspricht dies einer installierbaren Leistung von etwa 300 Gigawatt und einem Umsatzpotenzial von rund 900 Milliarden Euro. Ein Drittel davon entfalle auf die klassische Bauindustrie, so der Bundesverband Bausysteme. In der Realität hingegen seien nur zwei Prozent aller 2009 in Deutschland installierten Photovoltaiksysteme gebäudeintegrierte Anlagen. Um hier Abhilfe zu schaffen, stellt der Bundesverband drei Forderungen auf.

Unter der Überschrift „Normen, Verordnungen und Gesetze“ fordert er, dass diese mit Blick auf die gebäudeintegrierte Photovoltaik angepasst werden. Der Verband bemängelt unter anderem, dass die Applikation von Photovoltaik an oder in Gebäuden im Rahmen der Energieeinsparverordnung 2009 nicht explizit vorgesehen ist. Dies solle korrigiert werden, indem die BIPV beispielsweise als verpflichtende nachhaltige Maßnahme zur Energiegewinnung bei Sanierungen und in Neubauten vorgeschrieben werde.

Anreize schaffen

In der zweiten Forderung mit dem Titel „BIPV als eigenständige Kategorie im EEG“ bemängelt der Bundesverband, dass BIPV-Systeme „in zunehmenden Maße unzureichend gefördert“ werden. Um einen größeren Anreiz zu schaffen, fordert er eine „dauerhaft real um mindestens zehn Prozent höhere Einspeisevergütung“ für integrierte Anlagen im Vergleich zu gebäudeungebundenen Anlagen. „Für fassadenintegrierte Photovoltaik ist aufgrund der spezifisch geringeren Einstrahlungswerte von bis zu 30 Prozent ein entsprechend höherer Einspeisevergütungssatz notwendig.“

Im dritten Punkt regt die Fachgruppe an, dass die gebäudeintegrierte Photovoltaik als „kreditwürdige Baumaßnahme“ in den Programmen „Energieeffizient Sanieren“ und „Energieeffizient Bauen“ der KfW gleichwertig berücksichtigt werde. Darüber hinaus sollen die steuerliche Behandlung und Regelungen von Investitionszulagen und Abschreibungen so erfolgen, dass BIPV gegenüber den herkömmlichen, nicht integrierten Systemen nicht benachteiligt werde.

SPD will Bonus für BIPV

Am 23. März veröffentlichte der Verband das Positionspapier und versandte es an alle Fraktionen der Bundesregierung und an die Länderregierungen. Gerade freuen sich die Mitglieder der Fachgruppe über erste Reaktionen und verweisen auf einen Entschließungsantrag der SPD vom 5. Mai 2010 – Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes – Drucksache 17/1147. Unter Paragraph II.2 fordert die Fraktion, dass der Deutsche Bundestag die Bundesregierung auffordern solle, „im Rahmen der für das Jahr 2012 geplanten Novelle des EEG dem Mehraufwand innovativer Techniken, wie zum Beispiel der Integration von Solarmodulen in Gebäudefassaden und Lärmschutzwänden, Rechnung zu tragen und für solche Anlagen eine eigenständige oder ergänzende Vergütung einzuführen“. „Das sind genau die vorbereitenden Aktionen, wie wir sie uns wünschen“, freut sich Willi Ernst. Allerdings ist dieser Passus nicht auf das Positionspapier zurückzuführen, wie eine Anfrage bei der SPD ergibt.

Andreas Klingemann, wissenschaftlicher Mitarbeiter in dem Berliner Büro des Abgeordneten Dirk Becker, kennt das Positionspapier nicht, wie er sagt. „Wir haben auch kein Gespräch dazu geführt“, ergänzt Klingemann, der mit Becker zusammen den Antrag formulierte.

„Es gehört seit langer Zeit zu unserem Repertoire, dass wir uns für die Gebäudeintegration einsetzen.“ Schon nach der Novelle 2008 habe man bedauert, dass der Fassadenbonus gestrichen wurde. Laut Klingemann geschah dies damals, weil das Volumen an gebäudeintegrierten Projekten den Aufwand für eine zusätzliche Förderung nicht rechtfertigte.

Bei der Überprüfung des EEG im kommenden Jahr wolle sich die SPD dafür einsetzen, dass dem „Mehraufwand für integrierte Anlagen Rechnung getragen“ und dieser auch in der Novelle, die 2012 in Kraft treten soll, berücksichtigt werde. An dem Positionspapier der Bauwirtschaft ist er gleichwohl interessiert: „In der Sache stimmen wir ja überein“, sagt Klingemann.

Persönlich aktiv

Willi Ernst betreibt derweil persönlich Lobbyarbeit. Er erläuterte Renate Künast, der Vorsitzenden der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, die Forderung, als diese im Wahlkampf im April Centrosolar besuchte. Künast habe zugestimmt, dass es eine industriepolitisch richtige Maßnahme sei, und wolle es so in die Fraktion tragen, berichtet Ernst.

Der Bundesverband Bausysteme will in den kommenden Monaten verstärkt Ingenieurkammern und Institutionen in den Ländern ansprechen, sagt Günter Jösch vom Bundesverband Bausysteme. Auch mit der KfW führe sein Verband Gespräche. „Der Banker weiß oft nicht, was bei einem Fassadensystem zur Stromerzeugung zählt und was zu den übrigen Bauelementen.“

Die Fachgruppe arbeitet derzeit an einer Lösung, die das Verhältnis in Prozentzahlen darstellen will. Mitstreiter für eine stärkere Berücksichtigung der Gebäudeintegration in der EEG-Novelle sind willkommen, lädt er zur Mitarbeit in der Fachgruppe ein.

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alle etablierten systeme sind wasserdicht

photovoltaik sprach mit Willi Ernst, Beirat von Centrosolar, über die Forderung des Bundesverbandes Bausysteme und über Qualität in der Gebäudeintegration.

Der Bundesverband Bausysteme fordert zehn Prozent zusätzliche Förderung für Indachsysteme. Warum kostet Indach so viel mehr?

Zehn Prozent mehr Aufwand in Material wie Arbeit erfordern auf jeden Fall kleinere Systeme, zum Beispiel in Dächern von Privathäusern. Eine zehn Prozent höhere Einspeisevergütung fordern wir aber auch als Anreiz zur Umorientierung auf die Indachmontage.

Ist zu erwarten, dass Indach billiger wird und warum?

Skaleneffekte werden dafür sorgen, dass die Systeme billiger werden, sobald die Anwendung weiter verbreitet ist. Außerdem werden neue Systeme, besonders für mittelgroße Dachflächen und Industriedächer, zu sinkenden Kosten führen.

Karin Freier vom Bundesumweltministerium hat noch im März in Bad Staffelstein gesagt, dass es noch keine ausreichend gute Definition von Gebäudeintegration gebe, um sie in das EEG aufzunehmen. Wie kann man Gebäudeintegration richtig definieren?

Das Photovoltaik-Element muss mindestens eine Funktion über die Stromerzeugung hinaus haben, zum Beispiel Wetterschutz. Ansonsten haben wir im Positionspapier eine klare Definition hinterlegt.

Wir helfen gern bei der Formulierung entsprechender EEG-Novellen.

Womit sollte ein Handwerker einsteigen, der noch nicht viel oder keine Erfahrung mit gebäudeintegrierter Photovoltaik hat?

Mit Schulungen bei den verschiedenen Anbietern. Gerade bei etablierten Systemen sind Auslegung und Montage schnell gelernt.

Sind Indachsysteme wirklich dicht? Was ist Qualität in diesem Segment?

Alle etablierten Systeme sind wasserdicht, auch langfristig. Das ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal, und damit meine ich Wasserdichtigkeit durch konstruktive Maßnahmen, und nicht durch „Silikon-Pfuscherei“. Ein anderes Qualitätsmerkmal sind Konstruktionen, die auch andere Handwerker als die, die sie installiert haben, verstehen und warten können.

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