Gebäudeintegration kommt

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Liebe Leserin, lieber Leser!

Die blauen Schindeln fallen schon von weitem auf. Bescheiden, matt, sie passen sich in das Bild des Dorfes ein. Das wiederum fügt sich in die Hügellandschaft, am Horizont wachsen Bäume, im Vordergrund sprießt das Gras. Vergessen sind die Zeiten, als über die Photovoltaik als Landschaftsverschandelung verhandelt wurde. Auch in der nahe gelegenen Stadt sieht es anders aus als vor einem halben Jahrhundert. Farbe, die abblättern könnte, gibt es nicht mehr. Stattdessen ist die Außenwand des Industriebetriebes leicht schräg, schwarz und glasig, unterteilt in sechs Quadratmeter große Flächen. Gebäudeintegration von Modulen ist schon lange normal geworden.

Es wäre doch merkwürdig, wenn in 50 Jahren jemand erst ein Dach deckt und dann Photovoltaik daraufmontiert. Das ist doch viel zu umständlich und zu teuer.

Diese Zukunft war auf der diesjährigen Intersolar bereits zu sehen. Konnte man letztes Jahr die Module, die direkt auf Dachlatten aufgebracht werden, noch an einer Hand abzählen, ist die Vielfalt dieses Jahr schon fast unüberschaubar. Eine Studie zeigt, dass es für Solarteure schon heute sinnvoll sein kann, diese Technik mit anzubieten. Differenzierung ist das Stichwort, das die gesamte Branche durchdringt und das vermutlich auch vor dem Handwerk nicht haltmachen wird. Denn mit einem Missverständnis muss man aufräumen: Wer an Gebäudeintegration denkt, denkt vor allem an Frankreich. Das ist falsch. In absoluten Zahlen kommt Deutschland mit einer installierten Leistung von rund 100 Megawatt gebäudeintegrierter Anlagen international gleich danach (Seite 98).

Noch kosten gebäudeintegrierte Anlagen mehr als Aufdachsysteme, und die Skepsis der Verbraucher ist groß. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der Bonus der Einspeisevergütung für solche Anlagen, den es in Frankreich gibt, die Entwicklung angetrieben hat. Jetzt bezieht der Bundesverband Bausysteme Stellung und fordert, einen Bonus für Gebäudeintegration auch in Deutschland einzuführen. Die Chancen stehen nicht so schlecht. Die SPD-Fraktion im Bundestag hat sich der Forderung schon angeschlossen (Seite 19).

Außer der Gebäudeintegration gab es auf der Intersolar natürlich noch viel mehr zu sehen. Montagehilfen, die die Arbeit nicht nur erleichtern, sondern Spaß machen – so sagte es tatsächlich einer der Gesprächspartner (Seite 36). Komplettsysteme, die helfen, Kosten zu senken (Seite 54) und Neuheiten bei Modulen und Wechselrichtern (Seite 30). Herzlich bedanken möchte ich mich bei unseren Leserinnen und Lesern, die als Messereporter ihre Perspektive mit eingebracht haben (Seite 44).

Die Diskussion um die Kürzung der Einspeisevergütung geht dem Ende zu. Dabei geistern nach wie vor die Zahlen von Traumrenditen durch die mediale Öffentlichkeit. Sie werden oft nicht als das interpretiert, was sie sind: finanzmathematische Kennzahlen, die nichts mit dem Zinssatz zu tun haben, der etwa auf Bundesschatzbriefen steht. Das ist jedenfalls die Auffassung, die die Experten eines Pressegesprächs auf der Intersolar hatten (Seite 48). Ändern wird es vermutlich nichts mehr.

Apropos Geld: Die Redaktion hat es überrascht, wie groß der Anteil der Leiharbeiter auch in der Solarbranche ist und wie wenig sie teilweise verdienen. Und noch mehr hat uns überrascht, wie verschlossen Firmen und Verbände mit diesem Thema umgehen (Seite 14).

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Michael Fuhs

Chefredakteur