Chance für Spezialisten

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Was für ein Glück für Stefan Gamerdinger in Rottenburg-Oberndorf: Als er im vergangenen Jahr sein Dach komplett mit Photovoltaik bebauen wollte, machte ihm die Behörde einen Strich durch die Rechnung. Die Dorfbildsatzung in dem schwäbischen Ort schreibt vor, dass im Dorfkern nur 30 Prozent einer Dachfläche mit Photovoltaik belegt sein dürfen. „Als die Behörden erfuhren, dass die Anlage integriert werden sollte, genehmigten sie sie aber doch“, freut sich Thomas Hartmann. Sein Betrieb Hartmann Energietechnik in Rottenburg-Oberndorf plante und baute die Anlage. Auf fünf Prozent der installierten Leistung schätzt Hartmann den Anteil an gebäudeintegrierten Anlagen, die sein Solarfachbetrieb bisher baute. Auf einige dieser Anlagen ist er besonders stolz: zum Beispiel auf eine dachintegrierte Anlage mit 30 Kilowatt auf einer Kirche und auf die Anlage in einer denkmalgeschützten Mühle. „Das sind Aufträge, an die sich nicht jeder herantraut“, sagt er. Im Verkauf helfe es ihm, solche Projekte vorweisen zu können.

Dach- und fassadenintegrierte Anlagen führen in Deutschland derzeit noch ein Schattendasein. Die Einspeisetarife im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sorgen dafür, dass Investoren Aufdach- oder Freilandanlagen favorisieren. Für Modulhersteller wurde das Segment erst interessant, als Frankreich mit seinem Einspeisegesetz den heimischen Markt in diese Richtung drängte und neue Anbieter anlockte. Bei der überwältigenden Nachfrage nach gewöhnlichen Aufdachanlagen hierzulande gab es für Installateure bisher keinen zwingenden Grund, Indachanlagen anzubieten. Warum sich in eine schwierigere Montage hineinfuchsen und undichte Dächer riskieren, wenn auch mit einfachen Aufdachanlagen genügend Geld zu machen ist? Doch Änderungen im EEG, höhere ästhetische Ansprüche von Seiten der Hausbesitzer und nicht zuletzt die Notwendigkeit oder der Wunsch, sich in einem immer größer werdenden Wettbewerb abzuheben, machen gebäudeintegrierte Photovoltaikanlagen für Handwerker interessant. BIPV ist die Abkürzung für die englische Bezeichnung „Building Integrated Photovoltaics“, zu Deutsch: „gebäudeintegrierte Photovoltaik“. Es ist der in der Branche gängige Begriff für dieses Marktsegment.

„Der Markt reagiert sehr sensibel auf die Förderung“, sagt Daniel Erbert, Ver triebsleiter international bei Roto Solardach in Bad Mergentheim. Die Marktzahlen belegen, dass die Attraktivität der BIPV-Förderung im Vergleich zur Förderung für Aufdach- oder Freilandanlagen der entscheidende Antrieb für den Zubau ist. Das beste Beispiel hierfür ist Frankreich. Vor der jüngsten Überarbeitung der französischen Einspeisetarife betrug die Differenz der Einspeisevergütung zwischen integrierten und additiven Anlagen in dem Land rund 30 Cent je Kilowattstunde. Dies führte dazu, dass in Frankreich knapp 60 Prozent der Photovoltaikanlagen in Gebäude integriert sind. In Kontinentalfrankreich wurden laut der Europäischen Vereinigung der Photovoltaikindustrie (EPIA) im Jahr 2009 rund 185 Megawatt Solarstromleistung neu installiert. Hinzu kamen 100 Megawatt, die bis Jahresende noch nicht am Netz waren. Bis 2012 sollen in Frankreich Anlagen mit einer Leistung von 1.200 Megawatt installiert sein.

Anders in Deutschland. Hier gab es bis zur EEG-Novelle 2008 einen Bonus für fassadenintegrierte Anlagen von fünf Cent. Die höheren Kosten für solche Systeme machte er nicht wett. Entsprechend gering war die Nachfrage, so dass der Bonus 2008 gestrichen wurde. Den Anteil an gebäudeintegrierten Anlagen hierzulande schätzen Branchenkenner auf ein bis zwei Prozent. Legt man die gesamte installierte Leistung, die der Bundesverband Solarwirtschaft auf 9.785 Megawatt beziffert, zugrunde, wären es bei einem Prozent immerhin auch rund 100 Megawatt gebäudeintegrierte Anlagen.

Obwohl in Deutschland der prozentuale Anteil des Nischensegments BIPV zahlenmäßig gering erscheint, entspricht dieser Prozentsatz – angesichts des insgesamt großen Marktvolumens – im internationalen Vergleich einer stattlichen Photovoltaikleistung. Das macht Deutschland zu einem der mengenmäßig stärksten Absatzmärkte für gebäudeintegrierte Photovoltaik weltweit. In der zur Intersolar Europe vom Bonner Markt- und Meinungsforscher EuPD Research veröffentlichten Studie „Potential of Building-Integrated PV 2010“ rangiert deshalb auch Deutschland gleich hinter Frankreich als einer der wichtigsten Zukunftsmärkte. Es folgen Italien, USA und Spanien. Erst mit großem Abstand folgen China, Japan und weitere Länder. „Die Gebäudeintegration birgt ein immenses Wachstumspotenzial hier zulande“ zog Markus A. W. Hoehner, Geschäftsführer der Hoehner Research & Consulting Group, auf der Intersolar-Pressekonferenz Bilanz. Für das Jahr 2014 schätzen die befragten Industrievertreter den Anteil der BIPV am deutschen Gesamtmarkt auf sechs Prozent. Insbesondere zur Differenzierung böten sich hier viele Chancen für Hersteller, erklärte Hoehner.

Mittel zur Differenzierung

Diese Einschätzung von Hoehner bestätigt Tobias Tritsch, Produktmanager bei Gehrlicher Solar in Dornach bei München. Die Firma, die sich bisher einen Namen für Großprojekte machte, stellten zur Intersolar ein neues Fassadensystem (Gehrtec Front) und eines für die Dachintegration (Gehrtec Intra) vor. „BIPV ist ganz klar ein Mittel der Differenzierung für uns als Hersteller“, sagt Tritsch. „An solche komplexen Lösungen wagt sich nicht jeder heran.“ Bei Indachprodukten seien „technische Feinheiten“, besondere Anforderungen an die Wasserdichtigkeit und an die Unterkonstruktion zu berücksichtigen. Für die Entwicklung dieser Produkte stellte Gehrlicher eigens zwei neue Mitarbeiter ein, die zuvor bei einem Fassadenbauer beschäftigt waren. „Das ist ein neues Gebiet, das in den nächsten Jahren im Kommen sein wird“, ist Tritsch überzeugt.

Darauf deutet einiges hin. Tobias Tritsch erinnert an die Vorgabe der EU, nach der nach dem 31. Dezember 2020 alle neuen Wohnhäuser und Büroge bäude mindestens „Fast-Nullenergiegebäude“ sein sollen. Für öffentliche Gebäude gilt dies bereits nach 2018. Die Bundesregierung setzt ihrerseits Zeichen für kleinere Anlagen, indem sie die Förderung für Großanlagen auf Ackerflächen streichen will und die Eigennutzung von Solarstrom stärker fördert. Dies werde dazu führen, dass Hausbesitzer sich immer mehr mit dem Thema beschäftigen, ist Achim Zolke, Pressesprecher bei Systaic, überzeugt. Auf die Frage, ob das Systaic-Energiedach dem Unternehmen bei der Differenzierung helfe, antwortet er, ohne eine Sekunde zu zögern: „Unbedingt!“ Zwar habe das BIPV-Segment bei Systaic nur einen kleinen Anteil am Umsatz, doch es helfe bei der Öffentlichkeits- und Imagearbeit. „Mit unseren Industrielösungen kommen wir nicht in die Presse. Für das Energiedach haben wir aber schon viele Auszeichnungen für das Design und die Innovation erhalten. Das bringt uns Veröffentlichungen ein.“ „Der Privathaussektor in Deutschland ist enorm, hier schlummert ein riesiges Potenzial an Dachflächen“, sagt Daniel Erbert von Roto. Er erinnert daran, dass in den kommenden Jahren viele Dächer saniert werden müssen. „Da wird jeder über Solar nachdenken.“ Tritsch von Gehrlicher Solar sieht Potenzial bei Landwirten, die Asbestdächer sanieren müssen, ebenso bei Kommunen. Ein Installateur, sei es aus dem Dach- oder Elektrohandwerk, ein Zimmerer oder Solarteur, der frühzeitig mit der Montage solcher Anlagen beginnt, ist seinen Mitbewerbern dann einen Schritt voraus.

Willi Ernst, Beirat bei Centrosolar in Paderborn und bekannt als Verfechter von gebäudeintegrierten Anlagen, begrüßt BIPV als „klares Mittel zur Steigerung der Anlagenqualität“. Da könne nicht so viel gepfuscht werden wie bei Standardanlagen, meint er. „Einen Installateur heben integrierte Anlagen ganz klar von dem 08/15-Schrauber ab.“ Auch finanziell sei es attraktiv, lockt Ernst. „Die Handwerker erbringen eine höhere Arbeitsleistung und eine wertigere Leistung. Das heißt, sie können mehr Stunden in Rechnung stellen, die teurer bezahlt werden.“ Die Bedenken der Handwerker kennt Willi Ernst allerdings auch. „Gebäudeintegrierte Anlagen stellen höhere Anforderungen an die Montagequalität, und sie bedeuten eine höhere Reklamationsgefahr.“ Wenn ein Dach undicht ist, merken die Bewohner es schnell. „Die braunen Tapeten kann ich Ihnen zeigen“, sagt er und lacht. „Die gehören zur Lernkurve dazu.“ Anbieter wie Systaic und Roto betonen selbstverständlich, dass es bei der fachgerechten Montage keine Dachundichtigkeit geben könne. Roto verweist auf die lange Kompetenz bei der Integration von Wohnfenstern in Dächer, Zolke auf die erforderlichen Zertifzierungen, die dem Anwender Sicherheit geben.

Überzeugende Argumente

Handwerkern bieten die Hersteller Schulungen an, die die Technik, Montage und Hilfe für den Verkauf von gebäudeintegrierten Anlagen beinhalten. Bei gewöhnlichen Aufdachanlagen braucht ein Installateur nicht mehr zu argumentieren, für eine Indachanlage muss er den Interessenten noch zu überzeugen wissen.

Ein schlagkräftiges Argument für eine Indachanlage ist zweifellos die ansprechendere Optik. Wenn eine Anlage auf der gleichen Höhe wie die Dachziegel installiert ist, wirkt sie weniger wie ein Fremdkörper in der Gebäudehülle. Noch ästhetischer sind komplette Solardächer. Bei wenigen Anbietern wie Roto Solardach erhalten die Besitzer zudem bereits aufeinander abgestimmte Kombinationen von Solarmodulen, Solarkollektoren und Dachfenstern. „Integrierte Anlagen bieten kein Potenzial für Tierbiss, weil alle Kabel verdeckt verlaufen“, nennt Daniel Erbert ein weiteres Argument.

Häufig dreht sich die Diskussion jedoch um die Kosten. Gebäudeintegrierte Anlagen gelten noch als deutlich teurer als zusätzlich angebrachte Anlagen. Dies liegt daran, dass es bisher noch meist prestigeträchtige Großprojekte sind, die den Markt dominieren. Hersteller wie Würth Solar oder Scheuten Solar halten sich deshalb wohlweislich bedeckt, wenn die Frage auf die Kosten ihrer BIPV-Systeme kommt. Da wird dann gern darauf verwiesen, dass es individuelle Bauprojekte seien, die je nach Einzelfall geplant und kalkuliert werden. Die Studie von EuPD-Research bestätigt jedenfalls, dass die Kosten für BIPV derzeit noch höher liegen als die für Aufdachanlagen. Trotzdem: Seit etwa 2007 – seitdem Frankreich den BIPV-Markt ankurbelt – ist Standardisierung angesagt. Außerdem steigen durch diesen Markt die Produktionszahlen. Dadurch sinken die Kosten. Willi Ernst beteuert daher: „Eine integrierte Anlage muss nicht mehr teurer als eine Aufdachanlage sein“, bleibt eine Beispielrechnung allerdings noch schuldig. Tobias Tritsch von Gehrlicher sagt, die Preise ihrer Indachsysteme würden sich denen für Aufdachanlagen „annähern“. Gehrlicher arbeite daran, das Preisniveau anzugleichen.

Wichtig ist es, in der Argumentation zu betonen, dass sich der Gebäudebesitzer die herkömmliche Dacheindeckung spart. Tritsch hat eine Beispielrechnung parat. Für ein Standardziegeldach mit 60 Quadratmetern Fläche zahle ein Hausbesitzer rund 3.000 Euro, rechnet er vor. Wenn er bei einem Neubau eine Photovoltaikanlage in sein Dach integrieren lässt, verkürzt sich die Amortisationszeit der Anlage um zwei Jahre. Der Grund: Der Hausbesitzer spart an der herkömmlichen Dacheindeckung, die bei Indachanlagen nicht mehr nötig ist. Die Sparren und Pfetten hat Tritsch nicht einbezogen, da sie bei beiden Dachtypen benötigt werden. Um eine 100-prozentige Wasserdichtigkeit zu gewährleisten, muss ebenso wie bei Ziegeldächern eine Unterspannbahn verwendet werden, ergänzt der Produktmanager. Außerdem machen die Hersteller Vorgaben, für welche Dachneigungswinkel sich die jeweiligen Systeme eignen.

Dass eine Indachmontage kein unüberwindbares Hindernis ist, bestätigt Marco Weber, Inhaber von Elektrotechnik Weber in St. Peter im Schwarzwald. Weber plant und baut seit 12 Jahren Photovoltaikanlagen, doch erst in diesem Jahr installierte er die erste Anlage in ein Dach. Da das alte Schuldach in St. Peter kein zusätzliches Gewicht mehr aufnehmen konnte, fiel die Entscheidung auf ein Indachsystem. Weber verwendete das Indach-Montagesystem Intersole von Renusol und kombinierte es mit Solarlaminaten von Solon. „Zu Anfang war ich schon skeptisch“, erzählt er. „Aber jetzt bin ich sehr zufrieden.“ Das System sei einfach und sicher.

Weil es seine erste Indachmontage war, habe ihm ein Techniker von Renusol geholfen, was er sehr hilfreich fand. Ein Zimmermann begutachtete die Arbeit und hatte ebenfalls nichts auszusetzen, erzählt er. Weber zieht das System von Renusol den Komplettangeboten von Modulherstellern vor, weil er in diesem Fall flexibel bei der Wahl der Module ist. „Ich habe Bedenken, ob ich das gleiche Modul noch in zehn oder 15 Jahren bekomme“, erklärt er. Das Kölner Unternehmen erweiterte seine Produktpalette in diesem Jahr um ein System zur Vollintegration, Intrasole genannt. Bei der Vollintegration ist das Modul die wasserführende Schicht in der Dachhaut.

Kombinierte Systeme im Trend

Um auch ein Stückchen vom BIPV-Kuchen abzubekommen, bieten immer mehr Modulhersteller kombinierte Systeme aus Modul und Gestell an (siehe photovoltaik06/2010). Sie werben mit kürzerer Montagezeit und somit niedrigeren Kosten für die Installation. Kunden sind jedoch an ihre Module gebunden.

Neue BIPV-Produkte kommen laufend auf den Markt, wie die Intersolar Europe wieder zeigte. So ist nun auch Sharp Energy Solution in den Markt eingestiegen. Der japanische Hersteller stellte auf der Intersolar das „Hamburger Dach“ vor (siehe Seite 56) und geht noch einen Schritt weiter. Installateure können wählen, ob sie ein Paket mit acht, 16 oder 24 Modulen und einer Leistung von 1,44 bis 2,88 Kilowatt nehmen. Sie haben die Wahl zwischen kristallinen und Dünnschichtmodulen von Sharp und Wechselrichtern von Fronius und Sputnik. Das Montagesystem von SEN gehört ebenfalls zum Paket. Dass eine einfachere Montage ein Ziel ist, zeigt auch Scheuten Solar. Das Unternehmen präsentierte in München ein Glas-Folie-Modul für die Integration. „Der typische Monteur konnte mit dem Glas-Glas-Modul nicht umgehen“, erklärt Produktmanagerin Ariane Bischof diesen Schritt. Neues auch bei 3S Swiss Solar. Nachdem der Schweizer Hersteller im vergangenen Jahr zu seinem Indachmodul passende Wohndachfenster in das Programm aufnahm, bietet er seit diesem Jahr auch Solarkollektoren in gleichen Abmessungen an.

Bei der Optik sollen Kunden die Wahl haben, lautet das Motto des chinesischen Modulherstellers Solarfun. Die Rückseiten seiner Indachmodule „Solariris“ lassen sich mit beliebigen Motiven bedrucken. Blumen, Wolken oder grafische Elemente: Der Bauherr ist in seiner Gestaltung frei.

All diesen Weiterentwicklungen zum Trotz ist es allein ein Faktor, der den Markt nach vorn bringen könnte, und das ist eine höhere Einspeisevergütung. Seit kurzem engagiert sich die Fachgruppe „Photovoltaik in Gebäuden“ des Bundesverbandes Bausysteme dafür, dass der Mehraufwand für integrierte Anlagen in der EEG-Novelle 2012 berücksichtigt wird (siehe Artikel Seite 19). „Die Einspeisevergütung muss den Anreiz bringen. Das ist ihre Lenkungsfunktion“, betont Willi Ernst von Centrosolar. Er gibt sich optimistisch, dass die Fachgruppe, in der er mitarbeitet, ihr Ziel erreichen werde. „Ein BIPV-Bonus macht den Kohl in der EEG-Umlage nicht fett, aber Gebäudeintegration sorgt einfach für mehr Ästhetik.“