Optimistisch im Wartestand

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Die Neuauflage des Fördergesetzes „Conto Energia“, das Italiens Solarbranche mit Spannung erwartet, war das zentrale Thema der diesjährigen CIS-IT in Rom. Die Branche muss mit Kürzungen der bisher hohen Einspeisevergütungen rechnen. Dennoch herrschte unter den rund 400 Teilnehmern des Branchenkongresses überwiegend Zuversicht. Sie gehen von weiterem Wachstum aus.

Im Vorfeld des Kongresses hatte sich die Hoffnung verbreitet, dass die Regierung noch während der Konferenz Signale zu den Förderungen geben werde. Denn die Einspeisetarife für Solarenergie standen auf der Tagesordnung der Staat-Regionen-Konferenz, die zufällig zeitgleich zur CIS-IT stattfand. Doch die Kongressteilnehmer warteten vergeblich auf gute Nachrichten aus der Politik. Aber auch so war die Stimmung auf dem Branchentreff optimistisch.

Markt mit Wachstumsaussicht

Italiens Photovoltaikmarkt gehört zu den europäischen Hoffnungsmärkten – auch für deutsche Unternehmen wie etwa Solon, deren italienische Tochter zu den großen Modulproduzenten in Italien gehört. Laut Schätzungen der staatlichen Energieverwaltungsbehörde Gestore dei Servizi Energetici (GSE) lag Italiens gesamt installierte Photovoltaik-Kapazität 2009 bei über 900 Megawatt. Der Photovoltaikmarkt ist im vergangenen Jahr mit neuen Anlagen mit einer Gesamtleistung von etwa 400 Megawatt noch einmal deutlich gewachsen. Besonders kleine Aufdachsysteme wurden vermehrt installiert. Freiflächen-Projekte haben noch mit Problemen bei den Genehmigungsverfahren und dem Anschluss ans Stromnetz zu kämpfen. Dennoch hat auch hier ein regelrechter Boom größerer Anlagen zu dem deutlichen Anstieg der installierten Kapazität beigetragen. Die Einspeisetarife für Strom aus Photovoltaikanlagen, die sich je nach Anlagentyp auf 0,35 bis 0,47 Euro pro Kilowattstunde belaufen, liegen noch an der Spitze Europas und lockten im vergangenen Jahr mit Renditen jenseits der zehn Prozent Investoren ins Land.

Einigkeit herrschte unter den Teilnehmern, dass der italienische Markt auch nach der bevorstehenden Kürzung der Fördersätze attraktiv bleiben wird. Insbesondere die Dünnschicht-Technologien könnten Marktanteile dazugewinnen, und besonders die gebäudeintegrierte Photovoltaik könnte sich zu einem bedeutenden Markt entwickeln, prognostizieren Branchenkenner, da der Bausektor langsam die Finanzkrise hinter sich lässt. Die Netzparität des Solarenergiepreises sei bereits innerhalb der nächsten zwei Jahre und damit früher als in anderen europäischen Ländern in Reichweite.

Italien steht ganz oben im Länderattraktivitätsindex der Schweizer Privatbank Sarasin. In der im November 2009 veröffentlichten Sarasin-Studie zur weltweiten Solarwirtschaft belegt Italien bei den Aufdachanlagen den zweiten Platz hinter Griechenland, bei den Freiflächenanlagen sogar den ersten Platz.

Einspeisetarife in der Diskussion

Die bisherigen großzügigen Einspeisetarife bleiben bis Ende 2010 in Kraft, bis eine Gesamtleistung von 1.200 Megawatt mit dem Netz verbunden worden ist. Das wird nach Schätzungen der Energieverwaltungsbehörde Mitte dieses Jahres der Fall sein. Und so arbeitet die Regierung gegenwärtig an einem neuen Förderprogramm. Die Branche rechnet mit deutlichen Kürzungen, da die Regierung Kosten verringern möchte. Die italienischen Photovoltaik-Verbände GIFI (Gruppo Imprese Fotovoltaiche Italiane) und Associazione Nazionale dell’Industria Solare Fotovoltaica (Assosolare) haben bereits im vergangenen November einen Vorschlag zur Neuregelung der Förderung unterbreitet. Ihr Entwurf sieht eine moderate Absenkung der Förderungen zwischen fünf und 18 Prozent vor, eine längere Gültigkeit von fünf Jahren, die Erhöhung des Fördervolumens auf 8.000 Megawatt bis 2015 und ein vereinfachtes System zur Kategorisierung der Solaranlagen. Die Regierung hat darauf bisher nicht reagiert und auch noch keinen endgültigen Gesetzesentwurf vorgelegt. Mittlerweile sind aber Änderungspläne bekannt geworden, die den Vorschlägen der Verbände nur bedingt nachkommen. Sie beinhalten eine gestaffelte Reduzierung der Förderung von zehn bis 25 Prozent, abhängig von Anlagentyp und -größe. Die stärkste Degression betrifft Großanlagen von mehr als einem Megawatt.

Das neue Gesetz soll drei Jahre lang gelten, beziehungsweise bis eine Wachstumsgrenze von 3.000 Megawatt erreicht ist. Immerhin: Damit hätten sich die schlimmsten Befürchtungen der Branche nicht bewahrheitet. „Wenn die angekündigten Tarife so erlassen werden, dann kann die Branche damit gut leben“, erklärt Gert Gremes, Präsident des PV-Verbandes GIFI. Unzufrieden stimmt ihn nur, dass die Laufzeit des Gesetzes nicht – wie gewünscht – auf fünf Jahre ausgedehnt wurde: „Darin hätten wir eine wichtige Maßnahme gesehen, um Planungssicherheit für neue Investitionen zu schaffen.“ Bis 2020 soll Italien laut den Klimazielen der Europäischen Union mindestens 20 Prozent des Energieverbrauchs aus erneuerbaren Quellen abdecken. Auch wenn das Land sich zu diesen Zielen bekennt, das Ergebnis wäre nur mit immensen Investitionen zu stemmen. Laut einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Centro Europa Ricerche ist dafür der Neubau regenerativer Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund 20.000 Megawatt notwendig. „Bisher zeichnete sich die italienische Energiepolitik nicht durch Kontinuität in ihren Fördermaßnahmen aus“, konstatiert Siegfried Breuer, Italien-Spezialist bei Germany Trade and Invest. Zumal die Regierung unter Silvio Berlusconi ganz andere Pläne verfolgt: Um sich aus der Abhängigkeit von Energie-Importen (bisher 85 Prozent) zu lösen, will die Regierung die Atomkraft massiv ausbauen.

Zwischen Atom und Solar

Noch in der aktuellen Legislaturperiode möchte der Minister für wirtschaftliche Entwicklung Claudio Scajola mit dem Bau mehrerer Atomkraftwerke beginnen. Doch die Durchsetzung dieses Beschlusses dürfte schwierig werden, mutmaßt Breuer: „Die ehrgeizigen Ziele, bereits 2013 mit dem Bau des ersten Kernkraftwerkes zu beginnen und ab 2018/19 die Stromproduktion aufzunehmen, können mit einiger Sicherheit nicht eingehalten werden.“ Der geplante Atom-Ausbau könnte auch der Grund sein, warum die Politik derzeit dem Dialog mit der Solarbranche aus dem Weg geht: Minister Scajola war auf der CIS-IT angekündigt, sagte die Teilnahme aber ab. Ein anderes Vorhaben der Politik könnte die Solarindustrie hingegen beflügeln. Denn die Regierung hat eine EU-Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden umgesetzt und die Installation von Photovoltaikanlagen bei Neubauten und Gebäudesanierungen zur Pflicht erklärt. „Das Gesetz wird einen wichtigen Einfluss auf den Markt haben“, ist Federico Brucciani, Communication Officer von GIFI, überzeugt. Es wurde zwar bereits im April 2009 erlassen, hat aber de facto noch keine Verbindlichkeit. So fehlt bislang eine Kontrollinstanz, die die Umsetzung der Vorschrift überwacht.

Hohe bürokratische Hürden

Auch an anderen Stellen mahlen die Mühlen der Politik langsam. So standen die hohen bürokratischen Hürden, mit denen der italienische Photovoltaikmarkt bei der Realisierung von Großanlagen zu kämpfen hat, im Fokus des Kongresses. Projektierer beklagen übereinstimmend die langwierigen Genehmigungsverfahren sowie die undurchsichtigen und nach Standort unterschiedlichen Anforderungen für Großanlagen. Neben dem Genehmigungsverfahren „Autorizzazione Unica“ auf Provinzebene stellen lokale Behörden teilweise erst nach umfangreichen Prüfungsverfahren Baugenehmigungen aus. „Fast jede Gemeinde hat andere Vorschriften und Anforderungen“, moniert Verbandschef Gremes. „Das macht die Lage umso schwieriger.“

Zuletzt hatte es um die Genehmigungsverfahren sogar juristischen Streit zwischen der Regierung und der Region Apulien gegeben. Die Region im Süden des Landes hatte die Genehmigung stark vereinfacht, um eine schnellere Umsetzung zu ermöglichen. Doch nach Auffassung der Zentralregierung verstoßen diese Sonderregelungen gegen die Bundesgesetzgebung. Es gilt als wahrscheinlich, dass das Verfassungsgericht die regionalen Ausnahmeregelungen aufhebt. Das Ministerium für Wirtschaftsentwicklung hat nun einen Entwurf für einheitliche Richtlinien auf den Weg gebracht, welche die Genehmigungsverfahren für Freiflächenanlagen landesweit verbindlich festlegen sollen. Die Gesetzesinitiative nährt die Hoffnung, dass die Verfahren sich in Zukunft vereinfachen. „Es muss mit dieser Richtlinie ja nicht unbedingt schneller gehen“, so Verbandschef Gremes, „aber die Anforderungen wären dann ein für alle mal klar geregelt.“

Junge Industrie auf dem Weg nach oben

Die recht junge Photovoltaikindustrie Italiens befindet sich noch in der Konsolidierungsphase. Noch 2008 waren nahezu 90 Prozent der in Italien installierten Module Importware. Mittlerweile entsteht um die Solarzellen-Hersteller Helios Technology, Omniasolar Italia oder die Xgroup eine heimische Industrie. Dazu kommen landesweit rund 40 Hersteller von Modulen – der Großteil bewegt sich unterhalb der Ein-Megawatt-Kapazitätsgrenze und konzentriert sich auf lokale Absatzmärkte. Ein Schwergewicht ist die italienische Solon-Tochter mit Sitz in Carmignano di Brenta und einer Produktionskapazität von 150 Megawatt.

Als Sinnbild für die aufstrebende heimische Branche könnte der Solarmodulhersteller NRG Agrivis aus der Lombardei gelten, der sich als einer von wenigen Repräsentanten der italienischen Industrie auf der CIS-IT zeigte. Das Start-up-Unternehmen arbeitet in der Produktion und Vermarktung von Solarmodulen eng mit zwei anderen italienischen Unternehmen zusammen: mit Vipiemme SpA, einem Unternehmen, das ursprünglich im Bereich der Elektrokomponenten aktiv war, und mit dem PV-Anlagenbauunternehmen Agrivis SpA. „Wir haben dadurch einen besseren Marktzugang als einzeln“, sagt Managing Director Daniele Togni. Im vergangenen Jahr produzierte das Unternehmen an seinem Standort in Bergamo Solarmodule mit einer Kapazität von rund acht Megawatt. „Wir erwarten, dass wir diese Zahl im Jahr 2010 verdoppeln und dann die volle Produktionskapazität erreichen“, so die Prognose von Togni.

Neue Initiativen am Start

Die Attraktivität des Marktes lockt auch die international etablierten Player ins Land. Enel Green Power SpA, die für erneuerbare Energien weltweit zustän-dige Tochtergesellschaft des italienischen Strom- und Gasversorgers Enel, die japanische Sharp Corp. und der Chip-Hersteller STMicroelectronics NV (STM) haben Mitte Januar eine Kooperation über eine neue Produktionsanlage für Dünnschicht-Solarzellen in Catania, Sizilien, bekannt gegeben. In der ersten Ausbaustufe werden die drei Unternehmen rund 320 Millionen Euro investieren, insgesamt sind Investitionen von bis zu 770 Millionen Euro vorgesehen. „Catania ist ein ausgezeichneter Standort, weil dort die Halbleiterindustrie mit STM schon seit vielen Jahren aktiv ist und damit qualifiziertes Personal und eine industrielle Infrastruktur bereits vorhanden sind“, betont Ingmar Wilhelm, Executive Vice President bei Enel Green Power SpA. „Und natürlich ist der Siziliumstandort im Zentrum des mediterranen Marktes auch unter logistischen Gesichtspunkten außergewöhnlich gut.“ In der ersten Phase wird das Werk mit einer jährlichen Produktionskapazität von 160 Megawatt laufen und im ersten Halbjahr 2011 seinen Betrieb aufnehmen. Die Produktionsanlage werde dann bis 2014 mit weiteren Investitionen noch deutlich ausgebaut, ist Wilhelm überzeugt.

Zuletzt ging eine ganze Reihe von Solarkraftwerken in Italien ans Netz. Denn viele Projektierer haben es eilig, noch von dem jetzigen Förderprogramm zu profitieren. So hat die italienische Solarfirma TerniEnergia mit dem Bau von insgesamt zehn Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtkapazität von etwa zehn Megawatt begonnen. Die italienische Unternehmensgruppe Kerself hat drei Photovoltaikfelder in San Severo in der Region Apulien mit einer Gesamtleistung von neun Megawatt in Betrieb genommen. Enel Green Power unterzeichnete einen Vertrag mit dem Stahlverarbeitungsunternehmen Marcegaglia. Demnach soll auf den Werkdächern in Taranto eine PV-Anlage mit einer Kapazität von mehr als vier Megawatt installiert werden.

Gerade bei Großanlagen auf Industriedächern sehen Projektierer großes Potenzial, unter anderem weil die Genehmigungsverfahren für Aufdachanlagen unkomplizierter sind. Derzeit wird etwa auf den Dächern des Logistik-Unternehmens Interporto Campano in der Nähe von Neapel eine Anlage installiert, die eine rekordverdächtige Gesamtleistung von 25 Megawatt erreichen soll.

Weiterhin im Wartestand

Jetzt muss aus Sicht der Industrie nur noch die Politik ihre Hausaufgaben erledigen. „Das allerwichtigste ist, dass der endgültige Entwurf sehr schnell auf den Tisch kommt“, sagt Daniele Togni von NRG Agrivis. „Wenn die Regeln klar sind, kann die Industrie reagieren. Aber wenn wir die Regeln nicht kennen, ist es schwer zu planen.“ Und so wartet Italien auf verbindliche Rahmenbedingungen. Die Regionalwahlen im März dürften diese Wartezeit noch weiter verlängert haben, da die Regierung in der Vorwahlzeit traditionell keine neuen Gesetze beschließt. Ob bis zum Erreichen der im „Conto Energia“ festgeschriebenen Leistungsgrenze von 1.200 Megawatt die neuen Fördersätze schon feststehen, darf also abgewartet werden.